Nervenschmerzen, auch neuropathische Schmerzen oder Neuralgien genannt, sind ein weit verbreitetes Problem, von dem weltweit etwa 7-10 % der Bevölkerung betroffen sind. In Deutschland leiden schätzungsweise fünf Millionen Menschen an Nervenschmerzen. Diese Schmerzen entstehen durch Reizung oder Schädigung von Nervenzellen oder Nervenfasern und können anfallsartig auftreten und sehr stark sein. Betroffen sind häufig Arme, Beine, Rücken, Gesicht und Haut.
Die Behandlung von Nervenschmerzen ist oft komplex und erfordert einen ganzheitlichen Ansatz. Neben der Schulmedizin spielen auch komplementärmedizinische Verfahren eine wichtige Rolle. Heilpraktiker bieten eine Vielzahl von Behandlungen an, die darauf abzielen, die Schmerzen zu lindern, die Ursachen zu behandeln und die Selbstheilungskräfte des Körpers zu aktivieren.
Ursachen und Symptome von Nervenschmerzen
Nervenschmerzen können verschiedene Ursachen haben. Dazu gehören:
- Erkrankungen des Bewegungsapparates: Eingeklemmte, gereizte oder entzündete Nerven, Spinalkanalstenose, Bandscheibenvorfälle, Verspannungen
- Infektionen: Gürtelrose (Post-Zoster-Neuralgie)
- Stoffwechselerkrankungen: Diabetes mellitus (diabetische Polyneuropathie), Alkoholmissbrauch
- Verletzungen, Unfälle, Operationen: Komplexes regionales Schmerzsyndrom (Morbus Sudeck)
- Tumorerkrankungen
- Zentrale Neuropathie: Schlaganfall, Multiple Sklerose
- Medikamente: Chemotherapie
- Weitere Ursachen: Kompression des Trigeminusnervs durch ein Blutgefäß, Umweltgifte
Die Symptome von Nervenschmerzen sind vielfältig und werden oft als brennend, kribbelnd, stechend oder elektrisierend beschrieben. Sie können mehr oder weniger intensiv sein, plötzlich einschießen oder den betroffenen Bereich übersensibel machen. Nervenschmerzen im Bein können auch zu neurologischen Ausfällen führen. Häufig treten die Symptome bei Ruhe oder in der Nacht auf, was zu Schlafstörungen führen kann.
Komplementärmedizinische Behandlungsansätze durch Heilpraktiker
Heilpraktiker bieten eine breite Palette von komplementärmedizinischen Behandlungen für Nervenschmerzen an. Diese Behandlungen zielen darauf ab, die Schmerzen zu lindern, die Ursachen zu behandeln und die Selbstheilungskräfte des Körpers zu aktivieren. Zu den häufigsten komplementärmedizinischen Verfahren gehören:
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Allgemeinmaßnahmen
Eine vollwertige Ernährung sowie Bewegungs- und Entspannungstherapien sollten immer berücksichtigt werden.
Physiotherapie
Die klassische Physiotherapie spielt eine wichtige Rolle bei der Behandlung von Neuralgien. Durch Mobilisierung und Muskelaufbau werden Schwächen in der Muskulatur und Instabilitäten kompensiert. Sensomotorische-funktionelle Einzelbehandlungen können die Oberflächen- und Tiefensensibilität günstig modulieren und somit Schmerzverarbeitung sowie Schmerztrigger positiv beeinflussen.
Hydro- und Thermotherapie
Kalte oder wechselwarme Güsse können zur Linderung der Symptomatik verordnet werden und lassen sich leicht im häuslichen Umfeld fortführen. Bei gestörter Thermosensibilität ist Vorsicht geboten. CO2-Bäder können ebenfalls wohltuend sein, da sie zu einer peripheren Stimulation des Gewebes mit Gefäßerweiterung und verbesserter Hautdurchblutung führen.
Elektrotherapie
Neben 2- und 4-Zellenbädern kommt bei Neuralgien auch die transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS-Behandlung) in Betracht. Die Applikation des Stromreizes mittels Stimulationshandschuhen und/oder -socken hat sich v. a. bei der Polyneuropathie der Hände und Füße bewährt.
Ätherische Öle
Ätherische Öle wie Fichtennadel-, Kiefernadel-, Minz-, Pfefferminz- oder Rosmarinöl können zur äußeren Anwendung kommen. Sie wirken über eine Anregung der Kälterezeptoren der Haut kühlend und vermindern somit die Schmerzweiterleitung. Bei PNP der Füße können auch abendliche warme Lavendel-Fußbäder (beruhigend, entspannend) oder morgendliche Rosmarin-Fußbäder (anregend, vitalisierend) versucht werden, ebenso Lehmpackungen und Heilerde-Auflagen.
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Johanniskrautöl
Johanniskrautöl (Rotöl, Hypericum) hat einen traditionell starken Bezug zu Nervenerkrankungen. Warme Johanniskrautölauflagen können z.B. bei Trigeminusneuralgie oder atypischem Gesichtsschmerz aufgelegt werden.
Capsaicin
Der Wirkstoff Capsaicin aus Cayennepfefferfrüchten wirkt lokal hyperämisierend, analgetisch, antiphlogistisch, cortisonähnlich und juckreizlindernd. Er führt zu einer fast vollständigen Ausschüttung von Substanz P, dann zu einer Hemmung des Transports und der Neusynthese von Substanz P, sodass die Schmerzleitung der Nerven quasi unterbrochen wird i. S. einer Desensibilisierung der Nozizeptoren. Der Wirkstoff kann in Form von Salben oder Wärmepflastern aufgetragen werden.
Weiße Senfsamen
Ähnlich wie Capsaicin wirken auch weiße Senfsamen, die als Breiumschlag appliziert werden können. Die Anwendungsdauer sollte aber nicht länger als zwei Wochen betragen, da Benzylsenföle zu Reizungen des Nierenepithels führen können.
Orthomolekulare Medizin
Hochdosierte neurotrope B Vitamine (B1, B2, B6, B12 und Nicotinamid) können über einen Zeitraum von ca. drei Monaten verordnet werden. Als neurotropes Antioxidans spielt auch Vitamin E eine wichtige Rolle. Vitamin C kann therapeutisch in einer Dosierung von ein bis zwei Gramm pro Tag eingenommen werden. Ein weiteres bewährtes Antioxidans bei Neuropathien stellt die Alpha-Liponsäure dar. Wegen ihrer neuroregenerativen Wirkung ist auch auf eine erhöhte Zufuhr von Omega-3-Fettsäuren zu achten. Ferner sollte der Selenspiegel in den hochnormalen Bereich angehoben werden.
Moderate Ganzkörperhyperthermie
Die moderate Ganzkörperhyperthermie (mGKHT) ist ein starker naturheilkundlicher Reiz, der zu einer starken Stoffwechselsteigerung führt, sodass regenerative und regulative Prozesse angestoßen werden. Die mGKHT wirkt erwiesenermaßen u.a. schmerzlindernd, tiefgreifend entspannend auf die Muskulatur, vegetativ ausgleichend und mild antidepressiv.
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Schröpfen und Blutegeltherapie
Bei Polyneuropathien der unteren Extremitäten kann eine segmentale Therapie mit Schröpfen oder Blutegeln im Bereich der unteren Lendenwirbelsäule erwogen werden. Bei Post-Zoster-Neuralgie im thorakalen Bereich hat sich die frühe Blutegeltherapie als gut wirksam erwiesen.
Neuraltherapie
Die Neuraltherapie kann als Segmenttherapie v. a. bei Gelenkschmerzen und Wirbelsäulenbeschwerden mit muskulären Verspannungen, Verdauungsstörungen sowie "Krampfzuständen" der Blutgefäße eingesetzt werden. Mit gezielten Injektionen eines Betäubungsmittels kann man den Teufelskreis der chronischen Entzündung unterbrechen.
Formen der Neuraltherapie
- Segmenttherapie: Das Betäubungsmittel wird in die Haut und an die Gelenkkapsel in der dazugehörigen Zone des betroffenen Spinalnervs gespritzt, um den Nervenreiz und damit die Schmerzen in seinem Einflussbereich zu dämpfen.
- Erweiterte Segmenttherapie: Das Betäubungsmittel wird in die Nähe von Nervenknoten des vegetativen Nervensystems (Ganglien) gespritzt.
- Störfeldtherapie: Das Betäubungsmittel wird in ein Störfeld (z.B. Narben, chronische Entzündungsherde) gespritzt, das für eine Funktionsstörung in einem anderen Bereich des Körpers verantwortlich ist.
Sympathikus Therapie
Die Sympathikus Therapie behandelt Erkrankungen, die durch eine Störung des vegetativen Nervensystems ausgelöst werden. Dabei führen Blockaden an der Wirbelsäule zu lokal begrenzten Störungen an den Extremitäten. Ein durch Blockaden an bestimmten Stellen der Wirbelsäule mechanisch gereizter Sympathikus-Nerv führt zu unterschiedlichen peripheren, chronischen Erkrankungen.
Myoreflextherapie
Die Myoreflextherapie lokalisiert die Ursache der Beschwerden bei einer ausführlichen Untersuchung. Durch Druck-Stimulation auf den betroffenen Muskelstrang wird eine neurophysiologische Reaktion ausgelöst, wodurch sich Verspannungen lösen und das Kräftegleichgewicht in einer Muskelkette wiederhergestellt wird.
Homöopathie
Die Homöopathie kann bei Neuralgien den Verlauf positiv beeinflussen und unerwünschte Nebenwirkungen von schulmedizinischen Medikamenten reduzieren. Zusammensetzungen aus der Homöopathie mit Arnika, Zaunrübe, Kieselsäure und Teufelskralle können zur Umstimmung beitragen. Die Königskerze, homöopathisch aufbereitetes Chinin, Yamswurzel und Magnesiumhydrogenphosphat können als intracutane Injektionen in den Schmerzbereich injiziert werden.
Weitere Therapieansätze
- Akupunktur
- Ordnungstherapie (individuelle Diskussion über Lebensstilfaktoren wie Rauchen, Bewegungsmangel, Alkoholkonsum etc.)
- Bewegungstherapie und Krankengymnastik (Besserung der Ausdauer und einer möglichen Muskelschwäche, Verbesserung der diabetischen Stoffwechsellage sowie der Durchblutung)
- Vibrationstraining (Verbesserung der Leistungsfähigkeit der Muskulatur und die Koordination)
- Posturomed-Training (Gleichgewichtsschulung, Senkung des Sturzrisikos)
Wichtige Hinweise
- Die Wahl der geeigneten Behandlungsmethode sollte immer individuell in Absprache mit dem Heilpraktiker erfolgen.
- Nicht jede Behandlung ist für jeden Patienten geeignet.
- Bei einigen Behandlungen, wie z.B. der Hydrotherapie, ist Vorsicht geboten, insbesondere bei gestörter Thermosensibilität.
- Einige komplementärmedizinische Verfahren, wie z.B. die Neuraltherapie, werden der Alternativmedizin zugerechnet und sind kein schulmedizinisches evidenzbasiertes Verfahren.
- Es ist wichtig, die Patienten auf mögliche Nebenwirkungen der Behandlungen aufmerksam zu machen.
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