Nervenbahnen sind keine Einbahnstraßen: Wie Pflanzen und das Gehirn Informationen verarbeiten

Einführung

Die Vorstellung, dass Nervenbahnen starre Einbahnstraßen für Informationen sind, ist eine verbreitete, aber unvollständige Vorstellung. Sowohl im Pflanzenreich als auch im menschlichen Gehirn zeigt sich, dass Informationsübertragung komplexer und dynamischer ist, als man zunächst annehmen könnte. Dieser Artikel beleuchtet, wie Pflanzen elektrische Signale zur Kommunikation nutzen und wie das Gehirn die Schmerzwahrnehmung reguliert, um zu zeigen, dass Informationswege flexibel und bidirektional sein können.

Pflanzliche Kommunikationsnetze: Mehr als nur Nährstofftransport

Elektrische Signale in Pflanzen: Ein Überblick

Pflanzen besitzen zwar keine Nerven im herkömmlichen Sinne, nutzen aber elektrische Signale zur Informationsvermittlung. Diese Funktion übernehmen die Leitgefäße, die Wasser und Nährstoffe transportieren und umverteilen. Studien haben gezeigt, dass Blätter bei Beschädigung elektrische Impulse aussenden, die zu systemischen Reaktionen in der Pflanze führen. Die genaue Bedeutung und Funktion dieser Signalübertragungen sind jedoch noch immer wenig erforscht.

Früchte als Teil des Kommunikationsnetzes

Eine Besonderheit ist, dass Früchte im Gegensatz zu den fotosynthetisch aktiven Blättern nur Nährstoffe zugeführt bekommen - sie schienen bisher Einbahnstraßen des Leitungssystems zu sein. Neue Forschungsergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass auch Früchte aktiv an der Kommunikation innerhalb der Pflanze beteiligt sind.

Experimente mit Tomatenpflanzen

Um zu untersuchen, inwieweit Früchte mit der Mutterpflanze über elektrische Signale kommunizieren, wurden Untersuchungen an Tomatenpflanzen durchgeführt. Tomaten gelten botanisch gesehen als Früchte (Beeren). Die Forscher brachten Elektroden an den Enden der Äste an, die die Früchte mit der Pflanze verbinden, um Veränderungen der elektrischen Potenziale zu erfassen.

Raupenbefall und die Reaktion der Pflanze

In einem Experiment wurden Schädlinge gezielt auf die Tomaten gesetzt, die 24 Stunden lang an ihnen fressen durften. Um die elektrischen Reaktionen vor, während und nach dem Befall zu vergleichen, setzten die Forscher Verfahren des maschinellen Lernens ein. Diese Form der künstlichen Intelligenz kann Muster in Signalen aufzeigen.

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Ergebnisse: Früchte warnen die Pflanze vor Bedrohungen

Die Analysen zeigten einen deutlichen Unterschied zwischen den Signalen vor und nach dem Angriff. „Wir konnten dokumentieren, dass Früchte Bedrohungen wie einen Raupenangriff dem Rest der Pflanze mitteilen können, was wahrscheinlich andere Teile auf den gleichen Angriff vorbereiten kann“, sagt Niemeyer Reissig. Dies ging aus weiteren Untersuchungsergebnissen hervor: Die Wissenschaftler erfassten typische biochemische Alarmreaktionen in den Versuchspflanzen wie Ausschüttungen von Wasserstoffperoxid.

Zukünftige Forschung und Anwendungen in der Landwirtschaft

Die Wissenschaftler betonen, dass es sich bei den Ergebnissen um einen grundlegenden Einblick in das System handelt: Ihre Messungen liefern bisher nur einen Gesamteindruck der elektrischen Signaltransduktion. Zukünftig wollen sie nun aber durch die Anwendung des maschinellen Lernens das pflanzliche Informationssystem noch genauer entschlüsseln. Möglicherweise eignet sich die Untersuchung von elektrischen Signalübertragungen bei Pflanzen sogar für die Diagnostik in der Landwirtschaft: „Wenn Studien wie unsere weiter voranschreiten und die Techniken zur Messung elektrischer Signale in offenen Umgebungen weiter verbessert werden können, wird es vielleicht möglich sein, den Befall mit Schädlingen früh zu erkennen, was weniger aggressive Bekämpfungsmaßnahmen und ein genaueres Insektenmanagement ermöglicht“, sagt Niemeyer Reissig.

Das menschliche Gehirn: Schmerzempfindung und ihre Regulierung

Die traditionelle Sichtweise: Die Schmerzbahn als Einbahnstraße

Akuter Schmerz wird über spezialisierte Sinneszellen, den Nozizeptoren, wahrgenommen, die ihre Informationen über das Rückenmark an das Gehirn leiten, wo die Weiterverarbeitung erfolgt. Diese Schmerzbahn wurde traditionell als reine Einbahnstraße beschrieben.

Chronischer Schmerz: Eine komplexere Realität

Chronische Schmerzen, bei denen die äußere Sinneswahrnehmung fehlt, lassen sich durch dieses einfache Modell jedoch nicht erklären. Wissenschaftler vermuten daher, dass die Ursachen chronischer Schmerzen in der zentralen Schaltstelle, also im Großhirn, zu suchen sind.

Der rostral agranular insular cortex (RAIC)

Luc Jasmin und seine Kollegen von der University of California in San Francisco konzentrierten sich auf einen kleinen Bereich der Großhirnrinde, der unter dem Namen RAIC (rostral agranular insular cortex) bekannt ist. Er zählt zu den Arealen des Gehirns, die unmittelbar an der Verarbeitung von Schmerzreizen beteiligt sind. Da hier ein bestimmter Neurotransmitter in hoher Konzentration auftaucht, nämlich die gamma-Aminobuttersäure, kurz GABA, vermuteten die Forscher in dieser Substanz den Schlüssel der Schmerzempfindung.

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GABA: Der Schlüssel zur Schmerzregulierung

Um diese Vermutung nachzuweisen, erhöhten die Wissenschaftler die GABA-Konzentration im RAIC von Ratten, indem sie den enzymatischen Abbau des Neurotransmitters durch Chemikalien verzögerten. Die Folgen waren dramatisch: Die Ratten konnten heiße Oberflächen mit ihren Pfoten nicht mehr wahrnehmen, ihr Schmerzempfinden war drastisch reduziert. Eine bis zu zehn Tagen anhaltende Schmerzunempfindlichkeit konnten die Forscher erreichen, als sie in die Hirnregion das Gen GAD 67 einbauten, das die Produktion von GABA fördert. Offensichtlich hemmt der Neurotransmitter, der auch in anderen Hirnarealen Nervenzellen stilllegt, tatsächlich die Schmerzverarbeitung.

Die Schmerzbahn: Keine Einbahnstraße

Anatomische Untersuchungen des RAICs zeigten, dass die Nervenzellen dieser Hirnregion ihre Fortsätze zu einem bestimmten Bereich im tiefer liegenden Stammhirn senden. Das wegen seiner bläulichen Färbung Locus coeruleus genannte Areal führt weitere Nervenbahnen zurück zum Rückenmark. Damit wäre die Schmerzbahn keine Einbahnstraße: Die absteigenden Nerven können vielmehr die Schmerzempfindung ausschalten.

Zwei Nervenzelltypen und ihre Rolle bei der Schmerzempfindung

Im RAIC kommen zwei Nervenzelltypen mit unterschiedlichen Rezeptoren für GABA vor: Erstere, mit dem Rezeptor GABAA, senden ihre Axone zum Locus coeruleus, während letztere den Rezeptor GABAB besitzen und mit der Amygdala verknüpft sind, der zentralen Schaltstelle für Gefühle. Als die Neurobiologen den Rezeptor GABAB gezielt blockierten, reagierten ihre Versuchstiere wieder auf Schmerzreize. GABA konnte nicht mehr an den Rezeptor binden und seine hemmende Wirkung auf die Amygdala entfalten.

Das Gleichgewicht der Schmerzempfindlichkeit

"Dies zeigt, dass die Veränderung der Schmerzschwelle über zwei Systeme läuft, mit gegenseitigem Effekt", erklärt Arbeitsgruppenleiter Peter Ohara. "Wenn die Aktivität des Locus coeruleus zunimmt, dann steigt die Schmerzunempfindlichkeit. Wenn dagegen die Aktivität der Amygdala zunimmt, treten Schmerzen auf." Damit vermag das Gehirn über ein ausgeklügeltes Gleichgewicht die Schmerzempfindlichkeit des Körpers zu regulieren. Ist dieses Gleichgewicht gestört, dann wird die Schmerzbahn wieder zur Einbahnstraße, quälende chronische Schmerzen können die Folge sein.

Spinalkanalstenose: Eine Verengung mit vielfältigen Auswirkungen

Was ist eine Spinalkanalstenose?

Die Spinalkanalstenose beschreibt eine Verengung des Wirbelkanals, die vor allem bei Menschen über 60 Jahren auftritt. Typischerweise verspürt man Rücken- und Beinschmerzen und kann keine weiten Strecken mehr gehen. Oftmals ist es der natürliche Alterungsprozess, der zu Verschleißerscheinungen an der Wirbelsäule führt.

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Aufbau der Wirbelsäule und des Wirbelkanals

Die Wirbelsäule besteht aus einzelnen Wirbelkörpern, zwischen denen sich Bandscheiben befinden. Diese Bandscheiben bestehen aus einem äußeren Ring aus Faserknorpel und einem weichen Kern und dienen dazu, Stöße abzufangen und die Wirbelsäule zu schonen. Die Wirbelbögen formen an jedem Wirbel ein Loch - das Wirbelloch. Alle diese Wirbellöcher ergeben zusammen den Wirbelkanal.

Das Rückenmark und seine Bedeutung

Über das Rückenmark läuft die gesamte Kommunikation zwischen Körper und Gehirn - in beide Richtungen. Am Rückenmark befinden sich vordere und hintere Nervenwurzeln, die sich zu Spinalnerven vereinen, die paarweise zwischen den Wirbeln verlaufen. Das Rückenmark selbst besteht aus weißer und grauer Substanz und wird von zwei Häuten geschützt.

Ursachen und Folgen der Spinalkanalstenose

Eine Spinalkanalstenose kann durch verschiedene Faktoren entstehen, wie z.B. Bandscheibenprotrusion, knöcherne Anbauten (Osteophyten), Gleitwirbel oder Wirbelgelenkarthrose. Der verengte Raum führt dazu, dass Rückenmark und Spinalnerven eingeengt werden. Eine solche Verengung kann in allen Abschnitten der Wirbelsäule auftreten, am häufigsten ist jedoch die Lendenwirbelsäule betroffen.

Diagnose und Behandlung

Ärzte entdecken eine Spinalkanalstenose bei älteren Menschen oft zufällig in bildgebenden Untersuchungen. Zur Diagnostik fertigt der Arzt in der Regel ein MRT- sowie ein Röntgenbild an. Nicht jede im MRT sichtbare Verengung muss jedoch Beschwerden verursachen. Die erste Behandlungsoption sind in der Regel konservative Maßnahmen wie gezielte Bewegungsübungen, Physiotherapie und bei Bedarf schmerzlindernde Medikamente. Moderne Behandlungsansätze setzen verstärkt auf eine Kombination aus gezieltem Bewegungstraining und individuell angepassten Therapiemaßnahmen.

Muskeln, Faszien und ihre Rolle bei der Spinalkanalstenose

Lange Zeit dachten Ärzte, dass die Schmerzen bei einer Spinalkanalstenose entstehen, weil Rückenmark und Nerven im verengten Wirbelkanal zusammengedrückt und schlechter durchblutet werden. Es wird jedoch zunehmend erkannt, dass muskulär-fasziale Spannungen und Verhärtungen im Gewebe ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Durch Bewegungsmangel können Faszien steif und unnachgiebig werden, was zu einer ungleichmäßigen Belastung der Wirbelsäule führen kann.

Übungen und alternative Behandlungsmethoden

Es gibt verschiedene Übungen und alternative Behandlungsmethoden, die bei einer Spinalkanalstenose helfen können. Dazu gehören spezielle Liebscher & Bracht Übungen, Faszien-Rollmassage und Osteopressur. Es ist jedoch wichtig, vor Beginn der Übungen mit einem Arzt zu besprechen, ob sie im individuellen Fall geeignet sind.

Nervenzellen: Die Bausteine der Informationsübertragung

Aufbau und Funktion von Nervenzellen

Nervenzellen (Neuronen) unterscheiden sich von anderen Zellen durch ihren Aufbau und ihre Funktion. Sie sind darauf spezialisiert, Informationen in Form von elektrischen und chemischen Signalen zu empfangen, zu verarbeiten und weiterzuleiten. Eine typische Nervenzelle besteht aus einem Zellkörper (Soma), Dendriten, einem Axon und Synapsen.

Die Reizweiterleitung

Die Reizweiterleitung erfolgt durch elektrische Signale, die als Aktionspotentiale bezeichnet werden. Diese Aktionspotentiale werden entlang des Axons weitergeleitet und erreichen schließlich die Synapsen. An den Synapsen werden Neurotransmitter freigesetzt, die an die Dendriten der nächsten Nervenzelle binden und dort eine vorübergehende Öffnung von Ionenkanälen bewirken. So wird das Signal von einer Nervenzelle zur nächsten übertragen.

Vielfalt der Nervenzellen

Es gibt verschiedene Arten von Nervenzellen, die sich in ihrer Struktur und Funktion unterscheiden. Unipolare Nervenzellen haben nur einen kurzen Fortsatz (Axon) und keine Dendriten, während multipolare Nervenzellen sehr häufig vorkommen. Interneuronen haben eine Vermittlerfunktion.

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