Die Diagnose Krebs ist oft mit der Befürchtung von unerträglichen Schmerzen verbunden. Glücklicherweise erreichen moderne Schmerztherapien bei Krebserkrankungen bei fast allen Betroffenen eine Linderung und bei einem Großteil sogar weitgehende Schmerzfreiheit. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen von Nervenschmerzen nach Bestrahlung und stellt Behandlungsansätze vor.
Schmerz: Eine komplexe Empfindung
Schmerz ist mehr als nur eine Sinneswahrnehmung. Es ist eine komplexe Empfindung, die sowohl körperliche als auch seelische Aspekte umfasst. Jeder Mensch erlebt Schmerz anders, abhängig von individuellen Umständen und der eigenen Schmerzempfindlichkeit.
Die Entstehung von Schmerz
Ab einer gewissen Intensität wird jede Art von Reiz von den Sinnesorganen als Schmerz wahrgenommen. Der Körper verfügt über Millionen von Schmerzrezeptoren (Nozizeptoren), die mechanische, entzündliche oder chemische Verletzungen registrieren. Diese Rezeptoren bestehen aus feinen Nervenendigungen und finden sich besonders in der Haut, der Muskulatur, der Knochenhaut, den Gelenken und den Oberflächen innerer Organe.
Bei einer Verletzung werden die Schmerzrezeptoren in dem entsprechenden Gewebe gereizt, woraufhin sie elektrische Impulse aussenden. Diese Signale laufen über Nervenfasern zu Nervenumschaltstellen im Rückenmark und von dort weiter ins Gehirn. Im Gehirn angekommen, führen sie zu einer Schmerzwahrnehmung.
Die Rolle der Psyche
Die Weiterleitung der Schmerzimpulse wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Angst kann eine Schmerzempfindung verstärken, während Ablenkung die Schmerzen weniger stark oder gar nicht mehr verspüren lässt. An den Nervenschaltstellen werden durch chemische Botenstoffe (Neurotransmitter) auch andere Nervenfasern aktiviert, was zu Muskelverspannungen, veränderten Pulsschlägen und Angst führen kann. Es können aber auch körpereigene Substanzen (Endorphine) freigesetzt werden, die schmerzlindernd wirken.
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Schmerzarten
Es gibt verschiedene Arten von Schmerzen, die eng mit dem Ort ihrer Entstehung zusammenhängen:
- Nozizeptive Schmerzen: Diese entstehen an Schmerzrezeptoren von Haut, Muskeln, Knochenhaut oder Gelenken. Sie lassen sich in somatische Schmerzen (Knochen- und Weichteilschmerzen) und viszerale Schmerzen (Schmerzen aus dem Bauch-, Brust- oder Beckenbereich) einteilen.
- Neuropathische Schmerzen: Diese entstehen durch eine direkte Reizung oder Zerstörung von Nervenbahnen. Sie sind häufig mit Missempfindungen und Gefühlsstörungen verbunden.
Nervenschmerzen nach Bestrahlung
Eine Strahlentherapie kann Nervenbahnen schädigen, die im Bestrahlungsfeld liegen. Dies geschieht entweder durch eine direkte Schädigung der Nerven oder durch eine Verhärtung des bestrahlten Gewebes, das auf die Nerven drückt. Diese Nervenschädigungen können zu neuropathischen Schmerzen führen.
Ursachen
- Direkte Nervenschädigung: Die Strahlung kann die Nerven selbst schädigen.
- Indirekte Nervenschädigung: Das bestrahlte Gewebe kann sich verhärten und auf die Nerven drücken.
Risikofaktoren
- Hohe Strahlendosis: Je höher die tägliche und die Gesamtstrahlendosis, desto höher das Risiko einer Nervenschädigung.
- Gleichzeitige Chemotherapie: Die Kombination von Strahlentherapie und Chemotherapie kann das Risiko erhöhen.
- Vorerkrankungen: Vorerkrankungen, die Nervenschädigungen begünstigen, können das Risiko ebenfalls erhöhen.
Symptome
Neuropathische Schmerzen werden oft als brennend, stechend oder elektrisierend beschrieben. Sie können von Missempfindungen wie Kribbeln, Taubheit oder Überempfindlichkeit begleitet sein. Die Symptome können vorübergehend oder dauerhaft sein.
Diagnose
- Anamnese: Der Arzt befragt den Patienten nach seinen Beschwerden.
- Körperliche Untersuchung: Der Arzt untersucht die Reflexe, das Schmerz-, Temperatur-, Berührungs- und Druckempfinden sowie die Motorik.
- Elektroneurografie (ENG): Diese Untersuchung misst die Nervenleitgeschwindigkeit.
- Elektromyografie (EMG): Diese Untersuchung misst die elektrische Aktivität der Muskeln.
- Hörtest: Bei Verdacht auf Schädigung der Hirnnerven kann ein Hörtest durchgeführt werden.
Behandlung
Die Behandlung von Nervenschmerzen nach Bestrahlung ist oft schwierig und erfordert einen multimodalen Ansatz.
Medikamentöse Therapie
- Antidepressiva: Bestimmte Antidepressiva wie Duloxetin, Venlafaxin und Amitriptylin können neuropathische Schmerzen lindern.
- Antikonvulsiva: Antikonvulsiva wie Gabapentin und Pregabalin können ebenfalls bei neuropathischen Schmerzen eingesetzt werden.
- Opioide: Schwache und starke Opioide können bei der Behandlung neuropathischer Schmerzen wirksam sein, haben aber starke Nebenwirkungen.
- Pflaster und Cremes: Pflaster mit Capsaicin oder Lidocain können örtlich schmerzlindernd wirken.
Nicht-medikamentöse Therapie
- Physiotherapie: Physiotherapeutische Maßnahmen können helfen, die Beweglichkeit zu verbessern, das Gleichgewicht wiederzuerlangen und das Sturzrisiko zu senken.
- Ergotherapie: Ergotherapie kann helfen, die manuelle Geschicklichkeit und die Beweglichkeit zu fördern und zu erhalten.
- Elektrotherapie: Bei der Elektrotherapie werden die Nerven elektrisch stimuliert.
- Bewegungsübungen: Sensomotorisches Training, Vibrationstraining, Gleichgewichts- und Koordinationsübungen können helfen, die Nervenbeschwerden zu lindern.
- Akupunktur: Akupunktur gilt als experimentelles Behandlungsverfahren für neuropathische Schmerzen.
Was Patienten selbst tun können
- Kälte vermeiden: Patienten, die mit Kältereizen Probleme haben, sollten sich nicht zu lange in kalten Räumen oder bei kaltem Wetter draußen aufhalten.
- Für einen guten Stand sorgen: Um sich sicher fortzubewegen, sollten Vorkehrungen wie festes Schuhwerk oder eine Gehhilfe getroffen werden.
- Verletzungen und Infektionen vorbeugen: Verletzungen an Händen und Füßen werden später oder gar nicht wahrgenommen, wenn das Empfinden an diesen Stellen stark eingeschränkt ist.
- Ohrgeräusche minimieren: Wer bei lauten Geräuschen an Tinnitus leidet, sollte laute Umgebungen meiden.
- In Bewegung bleiben: Ein gezieltes Training hilft, Einschränkungen im Alltag und die Lebensqualität zu verbessern.
- Auf Hitze aufpassen: Wenn Temperaturen nicht mehr gut gespürt werden können, kann es leicht zu Verbrennungen kommen.
- Auf Verletzungen achten: Bei Schmerzunempfindlichkeit können kleine Wunden an Händen oder Füßen nicht bemerkt werden.
Vorbeugung
Bislang ist es nicht möglich, nervenschädigenden Nebenwirkungen einer Chemotherapie oder Strahlentherapie mit Medikamenten vorzubeugen. Wissenschaftler suchen jedoch nach Medikamenten, die Nervenschädigungen verhindern oder wenigstens lindern können.
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Was wird beforscht?
Mittel wie Acetylcystein, Alpha-Liponsäure, Glutathion, Amifostin, Calcium, Magnesium, Carbamazepin, Vitamin E und weitere Substanzen wurden und werden in Studien untersucht. Ein überzeugender Beleg für ihre Wirksamkeit und Unbedenklichkeit steht jedoch noch aus.
Kältehandschuhe und -socken
Geprüft wird in Studien außerdem, ob sich periphere Nervenschäden vermeiden lassen, wenn man während der Infusion von Zytostatika die Blutzufuhr in den besonders empfindlichen Händen drosselt. Dies lässt sich zum Beispiel durch Unterkühlung mittels besonderer "Eis"- oder Kühlhandschuhe und -socken erreichen.
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