Nervenschmerzen, Zähne und Corona: Ein umfassender Überblick über Zusammenhänge und Auswirkungen

Die COVID-19-Pandemie hat nicht nur die Weltgesundheit, sondern auch die zahnmedizinische Versorgung und das Wohlbefinden der Menschen in vielerlei Hinsicht beeinflusst. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Zusammenhänge zwischen Nervenschmerzen, Zahngesundheit und Corona-Infektionen, wobei sowohl die direkten Auswirkungen des Virus als auch die indirekten Folgen der Pandemie berücksichtigt werden.

Einführung

Das Coronavirus SarsCoV-2 hat sich als ein Virus mit weitreichenden Auswirkungen erwiesen, das nicht nur die Atemwege, sondern auch das Nervensystem und die Mundgesundheit beeinträchtigen kann. Neuropathologische Untersuchungen haben gezeigt, dass das Virus in der Lage ist, ins Gehirn einzudringen und dort verschiedene neurologische Symptome auszulösen. Gleichzeitig haben Zahnärzte eine Zunahme von Zahn- und Kieferproblemen, insbesondere Bruxismus (Zähneknirschen), bei Patienten festgestellt, die unter dem Stress und den Belastungen der Pandemie leiden.

Wie Corona ins Gehirn gelangt: Neuropathologische Erkenntnisse

Eintrittspforten und Routen des Virus

Professor Frank Heppner vom Institut für Neuropathologie der Berliner Charité hat untersucht, wie das Coronavirus ins Gehirn eindringen kann. Seine Forschung deutet darauf hin, dass das Virus zwei mögliche Eintrittspforten nutzt:

  • Über die Hirnnerven: Insbesondere der Riechnerv dient als Eintrittspforte, da das Virus in der Riechschleimhaut in großer Menge nachgewiesen werden konnte. Je weiter das Virus entlang des Riechnervs ins Gehirn vordringt, desto geringer wird die Viruslast, aber es bleibt nachweisbar. Auch im Trigeminus-Nerv, einem weiteren wichtigen Hirnnerv, wurde das Virus gefunden.
  • Über das Blutgefäßsystem: Das Virus kann auch über das Blut ins Gehirn gelangen und dort Entzündungen der Gefäßzellen (Endothelitis) verursachen. Diese Entzündungen können zu kleinen Hirninfarkten führen, die bei vielen COVID-19-Patienten beobachtet wurden.

Auswirkungen des Virus auf Nervenzellen und Gehirn

Obwohl das Gehirn von außen betrachtet relativ normal aussieht, verursacht das Virus Veränderungen im Nervensystem:

  • Schädigung der Riechschleimhaut: In der Riechschleimhaut können Virusnachweise, Entzündungszellen und geschädigte Nervenzellen gefunden werden. Dies kann zu Geschmacks- und Geruchsverlust führen.
  • Entzündungsreaktionen: Im Gehirnwasser (Liquor) wurden erhöhte Konzentrationen von Zytokinen und löslichen Immunfaktoren festgestellt, was auf eine Entzündungsreaktion des Immunsystems hinweist.
  • Gefäßentzündungen und Hirninfarkte: Das Virus kann Entzündungen in den Gefäßzellen des Gehirns verursachen, was den Blutfluss stören und zu Hirninfarkten führen kann.

Nervenschmerzen und Trigeminus-Nerv

Der Trigeminus-Nerv, der auch als Zahnschmerz-Nerv bekannt ist, kann durch das Virus oder die damit einhergehende Entzündung ebenfalls betroffen sein. Obwohl die Forschung in diesem Bereich noch läuft, deuten erste Ergebnisse darauf hin, dass der Trigeminus-Nerv im Augenbereich (Cornea) befallen sein kann. Es wird untersucht, ob dies auch im zahnmedizinischen Kontext eine Rolle spielt und Schmerzen verursacht.

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Zahngesundheit und Corona: Wechselwirkungen und Risikofaktoren

Parodontitis als Risikofaktor für schwere Corona-Verläufe

Eine Studie aus Doha hat gezeigt, dass Parodontitis, eine schwere Form der Zahnfleischentzündung, das Risiko für einen schweren Corona-Verlauf erhöhen kann. Patienten mit Parodontitis hatten ein höheres Risiko, auf der Intensivstation behandelt und beatmet zu werden, und starben häufiger an den Folgen der Infektion.

Mögliche Mechanismen

Es gibt verschiedene Hypothesen, wie Parodontitis den Verlauf einer Corona-Infektion beeinflussen kann:

  • Überreaktion des Immunsystems: Die durch die Entzündung im Mund freigesetzten Botenstoffe können zu einer Überreaktion des Immunsystems führen (Zytokinsturm), was zu Schäden an Gewebe und Blutgefäßen führen kann.
  • Beeinflussung des Coronavirus und der ACE2-Rezeptoren: Parodontitis-Bakterien könnten das Coronavirus oder die ACE2-Rezeptoren, die das Virus als Eintrittspforte in die Zellen nutzt, beeinflussen.
  • Entzündungen in der Lunge: Parodontitis-Bakterien, die aus dem Mund in die Lunge gelangen, könnten dort zusätzliche Entzündungen auslösen und so zur Verschlechterung von Corona-Patienten beitragen.

Mundgesundheit und Prävention

Eine gute Mundhygiene und regelmäßige zahnärztliche Kontrollen sind wichtig, um Parodontitis vorzubeugen und das Risiko für schwere Corona-Verläufe zu verringern. Auch während der Pandemie sollten Patienten die zahnärztliche Versorgung nicht vernachlässigen, da in den Praxen strenge Hygienevorschriften eingehalten werden.

CMD und Stress: Die Auswirkungen der Pandemie auf das Kausystem

Zunahme von CMD-Symptomen

Die COVID-19-Pandemie hat zu einer Zunahme von Stress und psychischen Belastungen geführt, was sich negativ auf das Kausystem auswirken kann. Zahnärzte haben eine deutliche Zunahme von Symptomen und Folgen von Bruxismus (Zähneknirschen und -pressen) bei ihren Patienten festgestellt.

Ursachen und Folgen von Bruxismus

Stress kann dazu führen, dass Menschen tagsüber und nachts vermehrt die Zähne zusammenpressen oder mit den Zähnen knirschen. Dieser dauerhafte Druck kann zu Rissbildungen im Zahnschmelz, Zahnfleischentzündungen und einer Craniomandibulären Dysfunktion (CMD) führen.

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Symptome und Behandlung von CMD

Typische Symptome einer CMD sind Kopf- und Zahnschmerzen, Nackenverspannungen und Ohrgeräusche (Tinnitus). Die durch das Zähneknirschen verursachte Fehlbelastung der Kiefergelenke kann zu Schmerzen der Kaumuskulatur, Verlagerungen der Knorpelscheibe im Kiefer sowie zu degenerativen Veränderungen des Kiefergelenks führen.

Stressbewältigung und zahnärztliche Versorgung

Um CMD-Symptomen vorzubeugen oder zu lindern, ist es wichtig, Stress abzubauen und Entspannungstechniken zu erlernen. Eine professionelle Zahnreinigung und die Anpassung einer Aufbissschiene können ebenfalls helfen, die Zähne und Kiefergelenke zu entlasten.

Weitere Auswirkungen von Corona auf die Zahngesundheit

Zahnschmerzen bei Erkältung, Grippe oder Corona

Viele Menschen erleben während einer Erkältung, Grippe oder Corona-Infektion plötzlich Zahnschmerzen, auch ohne vorherige Zahnprobleme. Diese Schmerzen können durch geschwollene Nasennebenhöhlen, Druck in den Kieferhöhlen oder eine allgemeine Empfindlichkeit der Zähne verursacht werden.

Ursachen von Zahnschmerzen bei Infekten

  • Nasennebenhöhlenentzündung: Entzündungen der Nasennebenhöhlen oder Kieferhöhlen können zu Druck auf die Wurzeln der Oberkieferzähne und somit zu Zahnschmerzen führen.
  • Empfindliche Zähne: Kalte Luft, trockene Schleimhäute und Temperaturwechsel können dazu führen, dass freiliegende Zahnhälse stärker reagieren und Schmerzen verursachen.
  • Verstärkung bestehender Beschwerden: Schwerere Infekte wie Grippe oder Bronchitis können bestehende Zahnschmerzen verstärken.

Linderung von Zahnschmerzen bei Infekten

  • Sanfte Maßnahmen: Viel trinken, befeuchtete Raumluft, Inhalationen und ein leicht erhöhtes Kopfkissen können Druckgefühle lindern.
  • Medikamente: Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Paracetamol und abschwellende Nasensprays können Beschwerden vorübergehend lindern.
  • Zahnpflege: Eine weiche Zahnbürste, fluoridhaltige Zahnpasta und sanftes Putzen sind wichtig, um das Zahnfleisch nicht zusätzlich zu reizen.

Wann zum Zahnarzt oder HNO-Arzt?

Ein leichter, beidseitiger Druckschmerz verschwindet meist mit der Erkältung. Eine Untersuchung ist notwendig, wenn:

  • Schmerzen stark, einseitig oder pochend sind
  • Schwellungen oder Eiterungen auftreten
  • Zahnschmerzen mit Fieber oder Schüttelfrost verbunden sind
  • Beschwerden nach einer ZahnOP zunehmen
  • eine Erkältung mit Zahnfleischentzündung entsteht
  • Beschwerden Tage nach Abklingen der Erkältung anhalten

Mukormykose: Eine seltene, aber gefährliche Komplikation

Was ist Mukormykose?

Mukormykose ist eine seltene, aber potenziell lebensbedrohliche Pilzinfektion, die in den letzten Jahren vermehrt bei COVID-19-Patienten aufgetreten ist. Die Infektion betrifft häufig die Nasennebenhöhlen, die Augenhöhle und das Gehirn und kann zu schweren Gewebeschäden führen.

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Risikofaktoren und Ursachen

Das Risiko, an Mukormykose zu erkranken, ist bei Immunsuppression oder Diabetes mellitus deutlich erhöht. Bei COVID-19-Patienten könnten eine Hypoxie (verminderte Sauerstoffversorgung) sowie ein Diabetes-ähnliches Syndrom das Immunsystem beeinflussen und eine Infektion begünstigen. Auch die bei der Behandlung von COVID-19 eingesetzten Medikamente, insbesondere Dexamethason und Hydroxychloroquin, könnten das Infektionsrisiko erhöhen.

Prävention und Überwachung

Es ist wichtig, den Blutzuckerspiegel bei COVID-19-Patienten konsequent zu überwachen und die Mundhöhle und Schleimhäute regelmäßig zu inspizieren. Bei Diabetikern oder immunsupprimierten Personen könnte eine präventive antimykotische Therapie in Betracht gezogen werden.

Psychosomatische Aspekte der Mundgesundheit

Zusammenhang zwischen Psyche und Mundgesundheit

Psychische und psychosomatische Beschwerden können das körperliche Wohlbefinden und die Mundgesundheit beeinflussen. Depressionen, Alltagsstress, Ärger im Beruf sowie Schicksalsschläge können zu Angst vor der Behandlung, einer unbefriedigenden Zahnarzt-Patienten-Beziehung oder sogar zum Scheitern der Therapie führen.

Manifestation psychischer Belastungen im Mundbereich

Kummer kann sich auch direkt im Mundbereich manifestieren, etwa durch Prothesenunverträglichkeit, Zungenbrennen, Pressen und Knirschen, Zahnfehlbelastungen oder ein Überstrapazieren der Kaumuskeln und angrenzender Muskelgruppen.

Bedeutung für die zahnärztliche Praxis

Zahnärzte sollten ein bio-psycho-soziales Krankheitsverständnis entwickeln und psychosomatische Aspekte bei der Behandlung ihrer Patienten berücksichtigen. Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Ärzten und Psychotherapeuten kann helfen, psychische Störungen zu erkennen und einer adäquaten Therapie zuzuführen.

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