Akupunktur zur Behandlung des Nervensystems: Eine umfassende Betrachtung

Die Akupunktur, ein traditionelles Therapieverfahren der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), erfreut sich auch in der westlichen Medizin wachsender Beliebtheit. Seit über 2000 Jahren wird sie erfolgreich angewendet, und zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen ihre Wirksamkeit. Dieser Artikel beleuchtet die Anwendung der Akupunktur bei der Behandlung von Erkrankungen des Nervensystems, ihre Wirkungsweise, Anwendungsgebiete, Kosten und wie man einen qualifizierten Akupunktur-Arzt findet.

Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) und die Akupunktur

Die TCM betrachtet den Menschen in seiner Ganzheit und unterscheidet sich damit von der westlichen Medizin, die oft in einzelne Fachbereiche unterteilt ist. Akute und chronische Krankheiten werden in einem ganzheitlichen Ansatz behandelt, wobei die Akupunktur eine zentrale Rolle spielt. Die TCM geht davon aus, dass die Lebensenergie (Qi) in Meridianen oder Energiebahnen durch den Körper fließt. Ist dieser Fluss gestört, können Krankheiten entstehen. Durch das Setzen von feinen Nadeln an spezifischen Akupunkturpunkten entlang dieser Meridiane soll der Energiefluss reguliert und Blockaden gelöst werden, um die Selbstheilungskräfte des Körpers zu aktivieren.

Wirkungsweise der Akupunktur

Obwohl die Erklärungsmodelle der Akupunktur zunächst fremd erscheinen mögen, lassen sich moderne wissenschaftliche Erkenntnisse in diesem alten Wissen wiederfinden. Die Akupunktur wirkt auf verschiedenen Ebenen:

  • Anregung des Energieflusses (Qi): Durch das Nadeln der Akupunkturpunkte wird der Energiefluss in den Meridianen angeregt und reguliert. Blockaden und Störungen lösen sich auf.
  • Ausschüttung von Neurotransmittern: Der stimulierende Reiz der Nadeln löst im Gehirn die vermehrte Ausschüttung schmerzlindernder und stimmungsaufhellender Substanzen wie Serotonin und Endorphine aus.
  • Aktivierung des vegetativen Nervensystems: Die Akupunktur kann das vegetative Nervensystem beeinflussen, insbesondere den Parasympathikus, was zu Entspannung und Ruhe führt.
  • Beeinflussung des somatosensorischen Cortex: Studien haben gezeigt, dass Akupunktur die Verarbeitung von Nervenimpulsen im somatosensorischen Cortex des Gehirns verändern kann, was insbesondere bei neuropathischen Schmerzen wie dem Karpaltunnelsyndrom von Bedeutung ist.
  • Anregung der Feindurchblutung: Akupunktur kann die Feindurchblutung stark anregen, was das Nervensystem stimuliert und die Regeneration feiner Nervenenden fördert.

Anwendungsgebiete der Akupunktur in der Neurologie

Die Einsatzmöglichkeiten der Akupunktur sind vielfältig. In der Neurologie wird sie bei verschiedenen Störungen und Erkrankungen eingesetzt, entweder ausschließlich oder ergänzend zu anderen Therapieverfahren. Zu den häufigsten Anwendungsgebieten gehören:

  • Migräne: Akupunktur kann helfen, die Häufigkeit und Intensität von Migräneattacken zu reduzieren.
  • Gesichtslähmung (Fazialisparese): Akupunktur kann die Regeneration der Gesichtsnerven unterstützen und die Symptome der Lähmung lindern.
  • Nervenerkrankungen wie Polyneuropathien: Akupunktur kann Schmerzen, Taubheitsgefühle und andere Beschwerden bei Polyneuropathien reduzieren und sogar die Nervenleitgeschwindigkeit verbessern.
  • Nervenschmerzen (Neuralgien): Akupunktur kann bei verschiedenen Neuralgien, wie z.B. Trigeminusneuralgie oder Post-Zoster-Neuralgie, Schmerzlinderung bringen.
  • Schlaganfall und Lähmung: Akupunktur kann als unterstützendes Verfahren nach einem Schlaganfall eingesetzt werden, um die Rehabilitation zu fördern und Lähmungen zu verbessern.
  • Karpaltunnelsyndrom: Akupunktur kann die Schmerzen und Missempfindungen im Handbereich lindern und die Nervenleitfähigkeit verbessern.
  • Chemotherapie-induzierte Polyneuropathie: Akupunktur kann helfen, die durch Chemotherapie verursachten Nervenschäden zu reduzieren und die Lebensqualität der Patienten zu verbessern.

Die jahrelangen Bemühungen des HanseMerkur Zentrums zur Erforschung der Akupunktur der Polyneuropathie, finden jetzt auch bei einer der größten deutschen gesetzlichen Krankenkassen, der Techniker-Krankenkasse (TK) Beachtung. Die TK nimmt in der Veröffentlichung auf ihrer Webseite Bezug auf unsere letzte Multicenter-Studie, die gemeinsam mit der Charité Berlin noch einmal belegen konnte, dass Akupunktur bei diabetischer Polyneuropathie wirkt (1). Die Schäden an den peripheren Nerven, insbesondere der Füße treten bei fast allen Diabetikern auf - egal ob Typ 1 oder Typ 2 - und führen zu Schmerzen, Taubheitsgefühlen, Krämpfen, Missempfindungen und Gangunsicherheit. Diese Studie war eine Bestätigungsstudie unserer ACUDIN-Studie, in der sogar nachgewiesen werden konnte, dass Akupunktur die Nervenleitgeschwindigkeiten der Nerven verbessert (2). Hervorgehoben wurde in dem Artikel auch, dass Akupunktur auch bei Polyneuropathie durch Chemotherapie zur Krebstherapie wirkt. Dies ist ein Problem, welches bei fast allen Chemotherapeutika auftritt, insbesondere durch platinhaltige Chemotherapie für Tumoren des Magen-Darm-Traktes und bei Therapie mit „Taxanen“, die vor Allem für Brust- und Eierstockkrebs angewandt werden. Fazit der TK: Auch wenn die Patienten die Kosten für Akupunktur noch selbst tragen müssen, werden die aktuellen Studien dies möglicherweise in Zukunft ändern.

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  1. Dietzel, J.; Habermann, I.V.; Hörder, S.; Hahn, K.; Meyer-Hamme, G.; Ortiz, M.; Hua, K.; Stöckigt, B.; Bolster, M.; Grabowska, W.; Stephanie Roll, Sylvia Binting, Stefan Willich, Sven Schröder* and Benno Brinkhaus* (*=equal contribution). Acupuncture in Patients with Diabetic Peripheral Neuropathy-Related Complaints: a Randomized Controlled Clinical Trial. J. Clin. Med. 2023, 12, 2103 doi.org/10.3390/jcm12062103 (IF 4.964)2) Meyer-Hamme G., Friedemann T., Greten J., Gerloff C., Schroeder S. Electrophysiologically verified effects of acupuncture on diabetic peripheral neuropathy in type 2 diabetes: The randomized, partially double-blinded, controlled ACUDIN trial. J Diabetes. 2021 Jun;13(6):469-481. doi:10.1111/1753-0407.13130. Epub 2020 Dec 2. PMID: 33150711. (IF 4.545)3) Friedemann T., Kark E., Cao N., Klaßen M., Meyer-Hamme G., Greten J., Rostock M., Buhlmann E., Zhao A., Schröder S. Acupuncture improves chemotherapy-induced neuropathy explored by neurophysiological and clinical outcomes - The randomized, controlled, cross-over ACUCIN trial. Phytomedicine. 2022 Sep;104:154294. doi: 10.1016/j.phymed.2022.154294. Epub 2022 Jun 26.

Ablauf einer Akupunkturbehandlung

Vor Beginn einer Akupunkturbehandlung steht ein ausführliches Erstgespräch, in dem der Behandler alle relevanten Informationen sammelt. Dazu gehören neben den üblichen schulmedizinischen Daten auch Angaben über Schlaf, Appetit und Verdauung, Belastungsfaktoren, Stimmung sowie Hitze- oder Kälteabneigung. Eine körperliche Untersuchung, die oft Zungen- und Pulsdiagnose nach chinesischen Kriterien einschließt, rundet das Erstgespräch ab.

Eine Akupunktursitzung dauert in der Regel 20-30 Minuten, wobei mehrere Akupunkturnadeln an bestimmten Punkten der Körperoberfläche eingestochen werden und dann für eine Weile bei Entspannung des Patienten am Körper belassen werden. Viele Akupunkturpunkte befinden sich auf unsichtbaren Energiebahnen, den sogenannten Meridianen/Leitbahnen. Häufig liegen sie aber auch in Haut- und Muskelzonen in der Nähe des Schmerzes oder der erkrankten Organe. Nach dem Verständnis der chinesischen Medizin wird durch den Nadelreiz der Energie(Qi)-Fluss angeregt und reguliert. Blockaden und Störungen lösen sich auf. Die meisten Patienten empfinden die Akupunktur - nicht selten schon bei der ersten Behandlung - als wohltuend, entspannend und oft verblüffend schnell wirksam.

Die Akupunkturbehandlung wird je nach Beschwerdebild 1- 2 mal in der Woche durchgeführt und umfasst in der Regel 10 Sitzungen. Bei sehr akuten Beschwerden kann die Akupunktur sogar bis zu 5 mal in der Woche notwendig sein. Bei Erkrankungen, die seit längerer Zeit bestehen (Monate oder Jahre), kann die Behandlungsdauer auch Monate betragen.

Sonderformen der Akupunktur

Neben der traditionellen Körperakupunktur gibt es verschiedene Sonderformen, die je nach Beschwerdebild und individuellen Bedürfnissen eingesetzt werden können:

  • Laserakupunktur: Die Akupunkturpunkte werden mit einem Softlaserstrahl behandelt. Diese Methode ist schmerzfrei und eignet sich besonders für empfindliche Körperregionen, bei ausgeprägten Schwächezuständen, bei Nadelangst und bei Kindern.
  • Triggerpunkt-Akupunktur: Bestimmte für Schmerzen verantwortliche Muskelpartien werden mit der Nadel gereizt, um für eine Muskelentspannung in diesem Bereich zu sorgen.
  • Ohrakupunktur: Mit besonders feinen Nadeln werden spezielle Punkte am Ohr stimuliert, die in Beziehung zu den Organen stehen. Auch das seelische Befinden kann über sie beeinflusst werden.
  • Schädelakupunktur nach Yamamoto (YNSA): Eine bewährte Methode, bei der ausschließlich Punkte am Kopf, z.B. an Stirn und Schläfen, genadelt werden.

Wann spürt man eine Besserung und wie lange hält der Therapieerfolg an?

Grundsätzlich gilt: Je länger eine Erkrankung besteht, desto länger muss sie behandelt werden. Bei chronischen Erkrankungen (Krankheiten und Beschwerden, die länger als drei bis sechs Monate andauern), spürt man in der Regel zwischen der dritten und sechsten Sitzung eine positive Veränderung. Die Schmerzen lassen nach, der Schlaf wird tiefer und ruhiger, das Allgemeinbefinden und die seelische Stimmungslage verbessern sich. Erst nach etwa fünf bis sechs Sitzungen lässt sich genauer abschätzen, wie viele Behandlungen noch notwendig sind. Je nach individueller körperlicher und seelischer Belastung, Fehlernährung oder ungesunder Lebensführung kann es aber auch nach einer gewissen Zeit zu erneuten Beschwerden kommen, sodass weitere Behandlungen oder eine Auffrisch-Akupunktur notwendig werden.

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Wer kann eine Akupunkturbehandlung erhalten?

Für eine Akupunkturtherapie gibt es keine Altersgrenze, auch hochbetagte Menschen können von ihr profitieren. Babys und Kleinkinder reagieren oft sogar besonders sensibel, hier genügt manchmal schon sanfte Massage entlang der Akupunkturpunkte (Akupunktmassage) oder eine schmerzlose Laserakupunktur. Für Schulkinder gibt es neben der Laserakupunktur auch noch die Möglichkeit, mit extrem dünnen, schmerzarmen Nadeln zu behandeln. Bei Erwachsenen entscheidet die körperliche Verfassung darüber, wie viele Nadeln gesetzt werden und wie fein sie sein sollen. Schwangere, Patienten mit Herzschrittmachern oder Prothesen sowie Menschen, die Blutverdünner nehmen, sollten Nutzen und Risiken einer Akupunkturbehandlung zusammen mit ihrem Arzt abwägen.

Mögliche Nebenwirkungen und Risiken

Akupunktur ist ein schonendes und nebenwirkungsarmes Verfahren. Wie aus der Naturheilkunde bekannt, können sich zu Beginn der Therapie einzelne Symptome vorübergehend verstärken, man spricht hier von der „Erstreaktion“. Gelegentlich kommt es zu leichten Blutergüssen oder blauen Flecken, auch kurze Kreislaufreaktionen können während einer Akupunkturbehandlung auftreten, normalisieren sich aber schnell. Um Infektionen zu vermeiden, werden sterile Einmalnadeln aus Edelstahl verwendet. Schwerwiegende Nebenwirkungen sind äußerst selten.

Kosten und Kostenübernahme

Eine Akupunkturbehandlung kostet je nach Behandlungsdauer und -aufwand etwa 30 bis 70€ pro Sitzung. Bei chronischen Knie- und Lendenwirbelsäulenerkrankungen übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten. Private Krankenversicherungen erstatten je nach Vertrag Akupunktur im Rahmen einer Schmerzbehandlung. Bei anderen Beschwerden ist es empfehlenswert, sich vorher mit der Krankenkasse in Verbindung zu setzen.

Wie finde ich einen guten Akupunktur-Arzt?

Um sich „Akupunktur-Arzt“ nennen zu dürfen, ist eine spezielle Ausbildung erforderlich. Die Deutsche Ärztegesellschaft für Akupunktur empfiehlt, sich nur bei einem gut ausgebildeten und erfahrenen Arzt behandeln zu lassen. So können Sie sicher sein, dass die notwendigen schulmedizinischen Abklärungen und Untersuchungen vor der Behandlung erfolgen und bei Bedarf schulmedizinische Begleittherapien eingeleitet werden. Dann besteht keine Gefahr, dass Krankheiten durch „Nichterkennen“ verschleppt werden. Auf den Homepages der großen Akupunktur-Gesellschaften finden sich ausgebildete Akupunkteure, sortiert nach Postleitzahlen.

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