Parkinson, oft als "Krankheit der tausend Gesichter" bezeichnet, betrifft weltweit Millionen Menschen. Diese neurodegenerative Erkrankung manifestiert sich durch eine Vielzahl von Symptomen, darunter Zittern, Muskelsteifheit, verlangsamte Bewegungen und im späteren Verlauf Demenz. Die Ursachen sind vielfältig und oft unklar, was die Entwicklung wirksamer Therapien erschwert. Jüngste Forschungsergebnisse deuten jedoch auf einen möglichen Zusammenhang zwischen dem Darm und der Entstehung von Parkinson hin, was neue Wege für die Früherkennung und Prävention eröffnet.
Der Darm als möglicher Ausgangspunkt von Parkinson
Ein wachsender Forschungsbereich untersucht die Verbindung zwischen chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED) wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa und dem erhöhten Risiko, an Parkinson zu erkranken. Studien haben gezeigt, dass Menschen mit CED ein etwa dreifach höheres Risiko haben, an Parkinson zu erkranken. Dies deutet auf eine mögliche Verbindung zwischen den Abläufen im Darm und dem Gehirn hin.
Entzündungen im Darm und ihr Einfluss auf das Nervensystem
Es wird vermutet, dass Entzündungen im Darm eine Rolle bei der Entwicklung von Parkinson spielen könnten. Eine dänische Studie ergab, dass Patienten mit chronischen Darmentzündungen ein um 22 % höheres Risiko hatten, an Parkinson zu erkranken. Diese Ergebnisse decken sich mit einer US-amerikanischen Studie, die ein um 28 % erhöhtes Risiko feststellte.
Die Rolle des Vagusnervs
Die Verbindung zwischen Darm und Gehirn wird durch das vegetative Nervensystem, insbesondere den Vagusnerv, vermittelt. Dieser Nerv dient als Hauptachse und steuert unbewusste Körpervorgänge wie Herzschlag und Atmung. Studien an Mäusen haben gezeigt, dass fehlgefaltetes α-Synuclein, ein Protein, das bei Parkinson eine zentrale Rolle spielt, über den Vagusnerv vom Darm ins zentrale Nervensystem transportiert werden kann. Wenn der Vagusnerv jedoch durchtrennt wurde, entwickelten die Mäuse keine Parkinson-Symptome.
Die Darm-Hirn-Achse: Eine bidirektionale Verbindung
Es ist wichtig zu beachten, dass das Nervensystem keine Einbahnstraße ist. Entzündliches α-Synuclein könnte auch vom Gehirn in den Darm wandern. Die Frage, ob die Erkrankung im Gehirn oder in der Peripherie beginnt, ist Gegenstand aktueller Forschung.
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Die Bedeutung des Darmmikrobioms
Das Darmmikrobiom, die Gemeinschaft der Darmbakterien, spielt eine wichtige Rolle bei der Verdauung, dem Immunsystem und möglicherweise auch bei der Entstehung von Parkinson. Studien haben gezeigt, dass Menschen mit Parkinson ein verändertes Mikrobiom aufweisen im Vergleich zu gesunden Menschen.
Schädliche Stoffwechselprodukte von Darmbakterien
Forschungsergebnisse der Universitäten Wien und Konstanz deuten darauf hin, dass bestimmte Darmbakterien nervenschädigende Stoffwechselprodukte produzieren können. In einem Tierversuch wurde ein solches Stoffwechselprodukt des Bakteriums Streptomyces venezuelae identifiziert, das vor allem Dopamin-produzierende Neuronen angreift. Obwohl dieses Bakterium nicht im menschlichen Darm vorkommt, zeigt es Ähnlichkeiten mit bestimmten Darmbewohnern, die ebenfalls zytotoxische Metaboliten produzieren können.
Die Rolle von Desulfovibrio-Bakterien
Finnische Forscher haben ein bestimmtes Darmbakterium, Desulfovibrio (DSV), als mögliche Ursache für Parkinson ausfindig gemacht. In einer Studie wurden Stuhlproben von Parkinson-Patienten und gesunden Individuen untersucht und DSV-Bakterien isoliert. Die DSV-Isolate wurden anschließend an Fadenwürmer verfüttert. Die Würmer, die mit dem Stuhl der Parkinson-Erkrankten gefüttert wurden, wiesen signifikant mehr und größere Proteinansammlungen (Alpha-Synuclein) auf und starben im Schnitt deutlich früher.
Ernährung und Darmgesundheit
Die Zusammensetzung des Darmmikrobioms wird durch die Gene, frühe Einflüsse in der Kindheit, Erkrankungen und die Ernährung beeinflusst. Eine mediterrane Ernährung, reich an Gemüse, Ballaststoffen, Fisch und gesunden Fetten, scheint das Risiko für Parkinson zu verringern. Im Gegensatz dazu kann eine Ernährung mit viel Zucker, Weißmehl, Fleisch und tierischen Fetten entzündliche Prozesse im Körper begünstigen, was möglicherweise auch bei Parkinson eine Rolle spielt.
Mukosale Schädigungen im Gastrointestinaltrakt
Eine Studie der Tufts University School of Medicine in Boston untersuchte den Zusammenhang zwischen pathologischen Defekten der gastrointestinalen Mukosa und der späteren Entwicklung der Parkinson-Krankheit. Die Ergebnisse bestätigen die Hypothese, dass mukosale Schädigungen des oberen Gastrointestinaltrakts mit der klinischen Entwicklung der Parkinson-Krankheit assoziiert sind.
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Frühe Anzeichen und Diagnose
Viele Parkinson-Erkrankte leiden schon vor der Diagnose an Verdauungsproblemen wie Verstopfung. "Darmprobleme können schon zehn bis zwanzig Jahre bestehen, bevor erste neurologische Probleme auffallen", sagt Prof. Dr. Diese Tatsache hat Forscher auf eine weitere Spur gebracht: Sie gehen davon aus, dass Parkinson zumindest teilweise im Verdauungstrakt beginnt. Tatsächlich zeigen neue Studien, dass für Parkinson typische Proteinablagerungen, so genannte Lewy-Körper, zuerst im Nervensystem des Darms auftauchen und erst später in den unteren Hirnregionen und schließlich im Mittelhirn zu finden sind.
Weitere frühe Symptome
Neben Verdauungsproblemen können auch andere unspezifische Symptome wie ein gestörter Geruchssinn und ein gestörter Traumschlaf frühe Anzeichen von Parkinson sein. Menschen, die im Traum agieren, reden oder um sich schlagen, könnten ein erhöhtes Risiko haben, an Parkinson zu erkranken.
Früherkennung als Schlüssel zur Therapie
Die Früherkennung von Parkinson ist entscheidend für die Entwicklung wirksamer Therapien. Die ersten deutlichen Bewegungsstörungen treten erst auf, wenn das Gehirn bereits zu 50 Prozent befallen ist. Dann aber ist bereits so viel Schaden angerichtet, dass eine Heilung oder auch nur eine deutliche Verbesserung kaum noch möglich ist.
Therapieansätze
Die klassische Behandlung von Parkinson zielt darauf ab, den Dopaminmangel im Gehirn auszugleichen. Dies geschieht in der Regel durch Medikamente wie L-Dopa, Dopaminagonisten und Dopaminabbau-hemmende Wirkstoffe.
Ernährungstherapie
Neben der medikamentösen Behandlung spielt die Ernährung eine wichtige Rolle bei der Parkinson-Therapie. Eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse, Fisch, gesunden Ölen, Vollkornprodukten und Hülsenfrüchten kann dazu beitragen, den Darm ins Gleichgewicht zu bringen und das Fortschreiten der Krankheit zu verlangsamen.
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Zukünftige Therapieansätze
Die Erforschung des Zusammenhangs zwischen Darm und Parkinson eröffnet neue Möglichkeiten für die Entwicklung von Therapien, die auf die Ursachen der Erkrankung abzielen. Dazu gehören:
- Medikamente, die die Ausbreitung von α-Synuclein vom Darm ins Gehirn verhindern.
- Therapien, die das Darmmikrobiom positiv beeinflussen.
- Früherkennungstests, die auf fehlgefaltetes α-Synuclein im Darm oder in der Nasenschleimhaut basieren.