Viele Menschen verbinden eine gute Körperhaltung primär mit starker Rückenmuskulatur. Doch die Körperhaltung ist vielmehr ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren und ein direkter Ausdruck unseres inneren Zustands. Sie spiegelt wider, wie unser Körper Stress wahrnimmt und verarbeitet. Eine zusammengesunkene Haltung, nach vorne geneigte Schultern und ein gesenkter Kopf sind deutliche Signale des vegetativen Nervensystems, die auf eine Alarmbereitschaft hindeuten.
Stress und seine Auswirkungen auf die Körperhaltung
In unserer modernen Gesellschaft ist Stress ein allgegenwärtiges Problem. Studien zeigen, dass ein Großteil der Bevölkerung in Deutschland regelmäßig Stress erlebt. Besonders Auszubildende, Studierende und Berufstätige berichten von einem hohen Stresslevel. Langes Sitzen im Büro und eine monotone Arbeitsweise verstärken diesen Effekt zusätzlich.
Sitzen wir dauerhaft in einer schlechten Haltung, sendet unser Körper kontinuierlich Stresssignale aus. Anstatt Energie zu regenerieren, verweilt er in einem permanenten Alarmmodus. Dies führt zu einer Reihe von negativen Auswirkungen:
- Anspannung: Die Muskeln verspannen sich, was zu Schmerzen und Bewegungseinschränkungen führen kann.
- Flache Atmung: Die Atmung wird oberflächlicher, was die Sauerstoffversorgung des Körpers beeinträchtigt.
- Verringerte Durchblutung: Die Durchblutung wird reduziert, was zu Müdigkeit und Konzentrationsproblemen führen kann.
- Chronische Müdigkeit: Der Körper verbraucht unnötig viel Energie, was zu chronischer Müdigkeit führen kann.
Das Nervensystem als Schlüssel zur Körperhaltung
Das Nervensystem spielt eine zentrale Rolle bei der Steuerung unserer Körperhaltung. Es besteht aus Milliarden von Nerven, die alle Teile unseres Körpers miteinander verbinden und Informationen an das Gehirn weiterleiten. Das Nervensystem reagiert auf Umweltveränderungen, soziale Interaktionen und psychologische Einflüsse.
Man unterscheidet zwischen dem somatischen und dem autonomen Nervensystem. Das somatische Nervensystem steuert unsere willentlichen Bewegungen, während das autonome Nervensystem für unbewusste Prozesse und körperliche Funktionen zuständig ist. Das autonome Nervensystem sichert unser Überleben, indem es zwischen zwei verschiedenen Modi wechselt:
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- Parasympathikus: In Phasen der Ruhe und Entspannung ist der Parasympathikus aktiv. Er verlangsamt Herzschlag und Atmung und ermöglicht es dem Körper, sich zu regenerieren.
- Sympathikus: Der Sympathikus reguliert unseren Körper bei Aktivität oder in Stresssituationen. Bei Gefahr pumpt unser Herz schneller und unsere Atmung wird schneller, um unsere körperliche Leistungsfähigkeit zu steigern.
Ein reguliertes Nervensystem wechselt flexibel zwischen Aktivierung und Ruhe. Bei vielen Menschen ist jedoch der Sympathikus überdurchschnittlich oft aktiviert, was zu chronischem Stress und einer beeinträchtigten Körperhaltung führen kann.
Die Polyvagal-Theorie
Die in den 1990er-Jahren entwickelte Polyvagal-Theorie von Stephen Porges, die zwar als widerlegt gilt, aber dennoch Anwendung findet, bietet einen interessanten Ansatz zur Erklärung des Zusammenhangs zwischen Nervensystem, Stress und Trauma. Die Theorie besagt, dass der Vagusnerv, der vom Gehirn bis in den Brustkorb verläuft, eine entscheidende Rolle bei der Regulation unserer Emotionen und sozialen Interaktionen spielt.
Porges unterteilt den Vagusnerv in zwei Teile:
- Ventraler Vagus: Dieser Teil des Nervensystems ist für das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit zuständig. Ist er aktiviert, befinden wir uns im Sicherheitsmodus.
- Dorsaler Vagus: Dieser Teil des Nervensystems reagiert auf extreme Bedrohungen und kann zu einem kompletten Shutdown führen.
Kritiker der Polyvagal-Theorie argumentieren, dass sie andere wichtige Mechanismen ignoriert und den Vagusnerv überbetont. Dennoch wird die Theorie von vielen Therapeuten und Experten im Bereich der psychosomatischen Medizin als nützlich empfunden, da sie bei der Konzeptualisierung der Beziehung zwischen Körper, Stress und Trauma hilft.
Die Rolle der Chiropraktik
Die Chiropraktik betrachtet die Körperhaltung nicht isoliert, sondern als Teil eines komplexen Systems. Durch gezielte Justierungen der Wirbelsäule wird die Kommunikation zwischen Gehirn und Körper verbessert. Es geht nicht darum, den Körper "gerade zu ziehen", sondern darum, das zentrale Nervensystem neu zu kalibrieren, damit es sich selbst neu ausbalancieren kann.
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Achtsamkeit und Körperwahrnehmung
Viele Menschen haben im Laufe ihres Lebens das Gespür für ihre eigenen körperlichen Bedürfnisse verloren. Dies ist oft auf gesellschaftliche Normen und Erwartungen zurückzuführen, die uns dazu bringen, unsere körperlichen Signale zu ignorieren.
Es gibt jedoch Übungen, die uns wieder aufhorchen lassen. Eine einfache Übung besteht darin, sich einen Moment Zeit zu nehmen, die Augen zu schließen und sich zu fragen, wie aktiviert man sich gerade fühlt. Anschließend kann man bewusst ein- und ausatmen und beobachten, wie sich das Gefühl verändert.
Immer mehr Menschen beziehen ihre Emotionen und Körperwahrnehmungen bei der Arbeit ein, um Bedürfnisse und Spannungen besser wahrnehmen und einordnen zu können.
Praktische Tipps zur Verbesserung der Körperhaltung und Nervensystemregulation
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie wir unser Nervensystem in seiner natürlichen Selbstregulation unterstützen können:
- Achtsamkeit: Nehmen Sie sich regelmäßig Zeit, um Ihre Körperwahrnehmungen bewusst wahrzunehmen.
- Bewegung: Regelmäßige Bewegung hilft, Stress abzubauen und die Muskeln zu stärken.
- Atemübungen: Atemübungen können helfen, das Nervensystem zu beruhigen und die Entspannung zu fördern. Die 4-7-8-Atemtechnik (4 Sekunden einatmen, 7 Sekunden halten, 8 Sekunden ausatmen) ist besonders effektiv.
- Vagusnerv-Stimulation: Singen, Summen und Kältereize können den Vagusnerv stimulieren und die Entspannung fördern.
- Bedürfnisse ernst nehmen: Achten Sie auf Ihre körperlichen Bedürfnisse und nehmen Sie diese ernst. Essen Sie, wenn Sie hungrig sind, trinken Sie, wenn Sie durstig sind, und schlafen Sie, wenn Sie müde sind.
- Soziale Interaktion: Pflegen Sie soziale Kontakte und verbringen Sie Zeit mit Menschen, die Ihnen guttun.
- Professionelle Hilfe: Bei akuten psychischen und körperlichen Problemen sollten Sie sich an ausgebildete Therapeuten und Ärzte wenden.
Die Bedeutung der Organisationskultur
Die Organisationskultur hat einen direkten Einfluss darauf, ob Menschen sich mit ihren eigenen Bedürfnissen und ihrem Nervensystem verbinden können. Unternehmen können eine positive Organisationskultur fördern, indem sie:
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- Pausen ermöglichen: Etablieren Sie in Meetings regelmäßige Pausen, in denen die Teilnehmer das tun können, was sie gerade brauchen.
- Bewegung fördern: Ermutigen Sie die Mitarbeiter, sich während der Arbeitszeit zu bewegen.
- Offenheit schaffen: Schaffen Sie eine Atmosphäre, in der es normal ist, über körperliche Bedürfnisse zu sprechen.
Neuraltherapie
Die Neuraltherapie ist eine gezielte Injektion mit einem Lokalanästhetikum. Für die Injektion ist der Ort des Einstiches entscheidend, damit das injizierte Arzneimittel einen Heilreiz bewirkt.
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