Viele Menschen fürchten sich vor der Diagnose "Alzheimer" im Alter. Die Vorstellung, sich an vertrauten Orten nicht mehr zurechtzufinden, Angehörige nicht mehr zu erkennen und Erinnerungen zu verlieren, ist ein Horrorszenario. Die Ursachen der Alzheimer-Krankheit sind noch nicht vollständig geklärt, aber Entzündungsprozesse im Gehirn und das Eiweiß Beta-Amyloid spielen eine entscheidende Rolle. Dieser Artikel beleuchtet den Zusammenhang zwischen Unterzuckerung (Hypoglykämie), Blutzuckerschwankungen und dem Risiko, an Alzheimer oder anderen Formen von Demenz zu erkranken, und gibt Hinweise, wie man vorbeugen kann.
Blutzuckerschwankungen und ihre Auswirkungen auf das Gehirn
Starke Schwankungen des Blutzuckerspiegels, sowohl Überzuckerung (Hyperglykämie) als auch Unterzuckerung (Hypoglykämie), können gefährliche Komplikationen verursachen. Eine gute Blutzuckerkontrolle ist daher ein wichtiges Ziel der Diabetesbehandlung.
Hyperglykämie
Chronisch erhöhter Blutzucker kann Entzündungsfaktoren im Gehirn steigern und möglicherweise das Alzheimer-Risiko erhöhen. Bei hohen Blutzuckerwerten kommt es zu einer erhöhten Osmolarität des Blutes, wodurch den Hirnzellen Flüssigkeit entzogen wird, was im schlimmsten Fall zu einem diabetischen Koma führen kann.
Hypoglykämie
Eine Unterzuckerung tritt vor allem akut auf und kann besonders gefährlich sein, da die Energieversorgung des Körpers gefährdet ist. Bei Blutzuckerschwankungen können verschiedene neurologische Symptome wie Schwindel, Zittern oder Krampfanfälle auftreten. Im Ernstfall drohen sogar Bewusstseinstrübungen bis hin zur Bewusstlosigkeit.
Diabetes und Demenz: Ein komplexer Zusammenhang
Menschen mit Diabetes haben ein erhöhtes Risiko, an Demenz zu erkranken. Dies liegt an verschiedenen Faktoren:
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- Blutzuckerwerte: Sowohl dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte als auch schwere Unterzuckerungen können das Gehirn schädigen.
- Gefäßschäden: Diabetes begünstigt Arterienverkalkung und Durchblutungsstörungen - auch im Gehirn. Dadurch steigt das Risiko für eine vaskuläre Demenz.
- Entzündungen und Stoffwechselveränderungen: Erhöhte Blutzuckerwerte können Entzündungsprozesse fördern, die langfristig auch das Gehirn belasten.
- Insulinresistenz: Auch die Insulinresistenz der Körperzellen scheint ein Bindeglied zwischen Diabetes und Alzheimer-Demenz darzustellen.
Studienergebnisse zum Zusammenhang von Diabetes und Demenz
Eine Kohortenstudie der Davis School of Medicine in Sacramento hat gezeigt, dass Menschen mit Typ-1-Diabetes, die im Laufe ihrer Erkrankung aufgrund von Hyper- oder Hypoglykämien hospitalisiert wurden, im Alter ein deutlich höheres Risiko für eine Demenzerkrankung besitzen.
Die Studie analysierte die Daten von knapp 3000 Typ-1-Diabetiker:innen mit einem mittleren Alter von 56 Jahren. 14 Prozent waren in den vorausgegangenen zwei Jahrzehnten wenigstens einmal aufgrund einer schweren Unterzuckerung hospitalisiert worden, zwölf Prozent aufgrund einer Hyperglykämie. Drei Prozent der Teilnehmer:innen erlitten beide Formen der Blutzuckerentgleisung verbunden mit einer notwendigen Krankenhausbehandlung. Während der Nachbeobachtungszeit von durchschnittlich 6,9 Jahren entwickelten 5,4 Prozent der Patienten eine Demenz.
Die Ergebnisse zeigten, dass Patient:innen mit einer Hypoglykämie in der Vorgeschichte ein um 66 Prozent erhöhtes Risiko für eine Demenz aufwiesen im Vergleich zu Typ-1-Diabetiker:innen ohne schwerwiegende Blutzuckerschwankungen. Bei den Hyperglykämien war das ermittelte Demenz-Risiko sogar mehr als doppelt so hoch. Am meisten gefährdet waren Patient:innen, die beide Notfälle in der Vorgeschichte hatten: Sie erkrankten später mehr als 6-fach häufiger an einer Demenz.
Hypoglykämien und kognitive Leistungsfähigkeit
Mehrere Studien belegen die Korrelation von Hypoglykämien und einer Verminderung der kognitiven Leistungsfähigkeit. Eine gute Blutzuckereinstellung ist somit ein wichtiger Faktor für den Erhalt der Gehirnfunktion.
Unterzuckerung im Alter: Besondere Risiken
Immer mehr ältere Menschen leiden an einem Diabetes mellitus - und Diabetiker werden immer älter. Mit höherem Lebensalter steigt aber auch die Inzidenz einer Demenz. Es mehren sich die Hinweise, dass Hypoglykämien gerade bei älteren Diabetespatienten das Risiko für eine Verschlechterung der kognitiven Funktionen erhöhen und der Entwicklung einer Demenz Vorschub leisten.
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Einfluss schwerer Hypoglykämien
Eine longitudinale Kohortenstudie an über 16.000 Typ-2-Diabetikern zeigte, dass das Risiko, nach dem 65. Lebensjahr eine Demenz zu entwickeln, mit der Anzahl vorausgegangener Hypoglykämien anstieg und bei denjenigen mit drei oder mehr schweren Unterzuckerungen in der Vorgeschichte nahezu doppelt so hoch war, wie bei Patienten, die nie eine schwere Hypoglykämie erlitten hatten.
Eine prospektive Untersuchung an älteren insulinbehandelten Menschen mit Typ-2-Diabetes, bei der nur Patienten eingeschlossen wurden, die zu Beginn der Studie noch keine Beeinträchtigung der Gehirnfunktion aufwiesen, zeigte ebenfalls ein etwa doppelt so hohes Risiko für die Entstehung einer Demenz, wenn zuvor schwere Hypoglykämien aufgetreten waren.
Schwere Hypoglykämien in der Vorgeschichte reduzieren aber auch bereits die kognitive Leistungsfähigkeit bei älteren Patienten mit Typ-2-Diabetes.
Einfluss leichter Hypoglykämien
Kontinuierliche Glukosemessungen erbrachten, dass Episoden niedriger Blutzuckerspiegel < 70 mg/dl im Alltag bei insulinbehandelten Patienten wesentlich häufiger sind, als bislang vermutet. Die meisten hypoglykämischen Episoden treten dabei im Nachtschlaf auf und werden häufig vom Patienten nicht bemerkt.
Tierexperimentelle Daten deuten darauf hin, dass aber auch rezidivierende leichte Unterzuckerungen über eine vermehrte Bildung freier Sauerstoffradikale und inflammatorischer Faktoren die Gehirnfunktion dauerhaft schädigen können. Dies betrifft besonders Individuen mit dauerhaft hohen Blutzuckerwerten, wenn sie eine leichte Hypoglykämie erleiden.
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Therapie und Medikation im Blick
Eine gute Blutzuckereinstellung unter Vermeidung von Hypoglykämien ist somit ein wichtiger Faktor für den Erhalt der Gehirnfunktion. Bevorzugt sollten Substanzen eingesetzt werden, die per se kein oder nur ein sehr geringes Hypoglykämiepotenzial haben. Dies betrifft:
- Metformin
- Acarbose
- DPP-4-Inhibitoren
- Glucagon-like-Peptide-1-(GLP-1-)Analoga
- SGLT-2-Inhibitoren
Grundsätzlich zu berücksichtigen sind dabei stets der aktuelle Zulassungsstatus, die Kontraindikationen und mögliche Wechselwirkungen mit anderen Pharmaka.
Medikamente mit doppeltem Nutzen?
Aktuelle Studienergebnisse deuten darauf hin, dass moderne Diabetes-Medikamente wie GLP-1-Rezeptoragonisten nicht nur den Blutzucker senken, sondern auch das Gehirn schützen könnten. Das heißt: Neben der Wirkung auf den Zuckerstoffwechsel könnten die Medikamente möglicherweise auch dazu beitragen, Einschränkungen der Gedächtnisleistung zu verlangsamen. Allerdings ist die Forschung hierzu noch nicht abgeschlossen und es sind weitere Studien erforderlich, um die genauen Effekte bewerten zu können.
Umgang mit Demenz und Diabetes im Alltag
Tritt eine Demenz bei einer bestehenden Diabetes-Erkrankung auf, erschwert dies das Diabetes-Management. Es ist wichtig, die Therapie auf die Patientin oder den Patienten zuzuschneiden.
Herausforderungen im Alltag
- Ernährung: Das Essverhalten ändert sich häufig bei Menschen mit einer fortgeschrittenen Demenz. So geht oft der Appetit zurück.
- Trinkmenge: Flüssigkeitsmangel kann zu Verwirrungszuständen führen.
- Therapietreue: Menschen mit Demenz vergessen manchmal, dass sie Diabetes haben und weigern sich, ihre Medikamente zu nehmen.
Tipps für den Alltag
- Regelmäßige Blutzuckertests: Sprechen Sie mit der Ärztin oder dem Arzt des Betroffenen, ob und in welchem Abstand Blutzuckertests sinnvoll sind.
- Sturzrisiko minimieren: Auch das Sturzrisiko ist bei Unterzucker erhöht. Um das Risiko eines Knochenbruchs zu senken, kann eine Hüftschutzhose sinnvoll sein.
- Flüssigkeitszufuhr sicherstellen: Stellen Sie Ihren Patientinnen und Patienten immer eine feste Flüssigkeitsmenge hin. Süß schmeckende und stark farbige Getränke werden oft eher getrunken.
- Aufgaben abgeben: Die Kontrolle der Diabetes-Erkrankung kann an ambulante Pflegekräfte abgegeben werden.
Unterstützung für Angehörige
Der Umgang mit einem demenzkranken Menschen mit Diabetes kann sehr belastend sein. Der Austausch mit anderen Betroffenen in einer Angehörigengruppe kann helfen.
Prävention von Demenz: Was kann ich selbst tun?
Es gibt verschiedene Maßnahmen, die helfen können, das Demenzrisiko zu senken und die Gesundheit des Gehirns zu fördern:
- Gut eingestellter Blutzucker
- Schwere Unterzuckerungen vermeiden
- Ausgewogene Ernährung
- Alltag aktiv gestalten mit regelmäßiger Bewegung
- Blutdruck- und Blutfettwerte regelmäßig kontrollieren und gegebenenfalls ärztlich behandeln lassen
- Eigene Psyche stärken und Hilfe bei Stress, Sorgen oder depressiven Stimmungen in Anspruch nehmen
- Geistig aktiv bleiben, zum Beispiel durch Lesen, Spielen oder Neues lernen
- Soziale Kontakte pflegen
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