Der Ausstieg aus der Nikotinsucht ist eine Herausforderung, die sowohl körperliche als auch psychische Aspekte umfasst. Um diesen Prozess zu unterstützen, gibt es verschiedene Methoden und Therapieansätze, die darauf abzielen, das Nervensystem zu stabilisieren und Entzugserscheinungen zu lindern. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über bewährte Strategien und komplementäre Therapien, die den Weg zum erfolgreichen Rauchstopp erleichtern können.
Einleitung
Rauchen beeinflusst das zentrale Nervensystem und führt zu einer kurzfristigen Ausschüttung von Dopamin, dem sogenannten Glückshormon. Nach diesem Hochgefühl folgen jedoch Unruhe, Gereiztheit und ein starkes Verlangen nach der nächsten Zigarette. Die Stabilisierung des Nervensystems ist daher ein zentraler Aspekt bei der Rauchentwöhnung.
Die Bedeutung der Nervensystem-Stabilisierung beim Rauchentzug
Nikotin wirkt stimulierend auf Acetylcholinrezeptoren, die sich unter anderem im Gehirn befinden. Dies führt zu einer Steigerung der Aufmerksamkeits- und Gedächtnisleistungen sowie zu einer Erhöhung des Blutdrucks. Beim Entzug des Nikotins treten körperliche und psychische Symptome auf, die das Nervensystem stark belasten können.
Körperliche Entzugserscheinungen
Zu den körperlichen Entzugserscheinungen gehören unter anderem:
- Reizbarkeit
- Nervosität
- Schlafstörungen
- Heftige Rauchlust
- Unvermögen, auf das Rauchen in bestimmten Situationen zu verzichten
Psychische Entzugserscheinungen
Die psychische Abhängigkeit äußert sich in:
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- Nervosität
- Heftiger Rauchlust
- Unvermögen, auf das Rauchen in bestimmten Situationen zu verzichten
Methoden zur Nervensystem-Stabilisierung
Es gibt verschiedene Methoden, die darauf abzielen, das Nervensystem während des Rauchentzugs zu stabilisieren und die Entzugserscheinungen zu mildern.
Ohrakupunktur nach dem NADA-Protokoll
Die Ohrakupunktur nach dem NADA-Protokoll ist ein standardisiertes Behandlungsprotokoll, das ursprünglich zur Behandlung von Suchtmittelabhängigkeit entwickelt wurde.
Ursprung und Entwicklung
In den 1970er Jahren wurde die Ohrakupunktur von Mitarbeitern der Drogenambulanz im Lincoln Hospital in der Bronx, New York, entwickelt. Die zunächst als 5-Punkte-Programm bezeichnete Behandlung wurde allgemein zum Drogenentzug eingesetzt, um die Entgiftung zu unterstützen und Entzugssymptome sowie den Suchtdruck zu lindern.
Verbreitung und Etablierung
1984 wurde die National Acupuncture Detoxification Association (NADA) gegründet, um das Konzept des akupunkturgestützten Suchtmittelentzugs zu verbreiten und eine Ausbildung in der Methode zu ermöglichen. Seit den 1990er Jahren hat sich die NADA-Behandlung als komplementäre Therapie auch im deutschen Drogenhilfesystem etabliert.
Anwendung und Ablauf
Die Behandlung findet üblicherweise in der Gruppe statt, wobei allen die gleichen 5 Punkte beidseitig im Ohr gestochen werden. Die Nadeln verbleiben ca. 30 - 45 Minuten und werden am Ende von den Patienten selbst gezogen. Die Regelmäßigkeit und Gleichförmigkeit des Behandlungsablaufs geben den Patienten Struktur und Sicherheit.
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Wirkung
Die NADA-Ohrakupunktur wirkt unmittelbar regulierend auf das vegetative Nervensystem und damit auf lebenswichtige Körperfunktionen wie Herzschlag, Atmung, Verdauung und Stoffwechsel. Dies lindert Entzugssymptome und trägt zur Minderung des Suchtdrucks bei.
Indikationen
Neben der Suchtbehandlung wird die NADA-Akupunktur auch bei einer Vielzahl von anderen Beschwerden und psychischen Störungen eingesetzt, wie z. B.:
- Innere Unruhe und Schlafproblemen
- Stress und Burnout
- Psychischen Erkrankungen (z.B. Depression, Ängste, Trauma und Posttraumatische Belastungsstörung)
- Chronischen Schmerzen
Die fünf Punkte des NADA-Protokolls
Die Auswahl der Punkte wurde nach den Kriterien der Chinesischen Medizin getroffen. Jeder Punkt wurde einer der fünf Wandlungsphasen zugeordnet. Mit Niere, Leber und Lunge wurden bewusst Yin-Organ-Punkte gewählt, die dazu beitragen sollen, ein gestörtes Yin-Yang-Gleichgewicht wieder in Balance zu bringen. Diese Punkte liegen im Innervationsgebiet des Nervus vagus und wirken körperlich und seelisch ausgleichend und stabilisierend.
Erfahrungen und Vorteile
Patienten profitieren von NADA, indem sie sich entspannter und ruhiger, aber gleichzeitig auch wacher und klarer fühlen. Viele können besser schlafen und haben weniger Beschwerden. Darüber hinaus fühlen sie sich meist körperlich und seelisch stabiler und können mit Stress und Ängsten besser umgehen.
Akupunktur
Akupunktur gegen Rauchen ist bei Rauchstopp-Willigen weit verbreitet. In der Regel stechen Akupunkteure drei Nadeln in die Suchtpunkte des Ohrs, wo sie über mehrere Tage verbleiben. Das soll das Suchtverlangen bändigen. Im Durchschnitt braucht es fünf Akupunktur-Sitzungen, bis sich eine Wirkung zeigt.
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Verhaltenstherapie
Verhaltenstherapien sind umfassende und wirksame Methoden zur Raucherentwöhnung. Sie gliedern sich in vier Phasen:
- Motivation: Stärkung der persönlichen Motivation für den Rauchstopp.
- Selbstbeobachtung: Analyse des eigenen Rauchverhaltens im Alltag.
- Akute Entwöhnung: Sofortiger Rauchstopp oder schrittweise Reduktion des Zigarettenkonsums.
- Gegenstrategien entwickeln: Alternative Verhaltensweisen für kritische Situationen.
Nikotinersatztherapie
Die Nikotinersatztherapie (NET) mildert die Entzugserscheinungen und die Rauchlust. Nikotinpflaster & Co. verdoppeln die Chancen auf eine erfolgreiche Tabakentwöhnung. Besonders erfolgversprechend ist die Nikotinersatztherapie in Kombination mit einer Verhaltenstherapie.
Anti-Rauchermedikamente
Wirkstoffe wie Amfebutamon (Bupropion), Nortriptylin und Vareniclin helfen Rauchern bei der Entwöhnung. Vareniclin verdreifacht die Entwöhnungsraten im Vergleich zu Placebos und verdoppelt die Erfolgsraten im Vergleich zu Bupropion.
Rauchfrei-Spritze (Mesotherapie)
Die Rauchfrei-Spritze ist eine medizinische Behandlung, bei der ausgewählte homöopathische Wirkstoffe an bestimmten Regulationspunkten des Körpers injiziert werden. Ziel ist es, die erste Phase des Nikotinentzugs besser zu bewältigen und Rückfällen vorzubeugen.
Wirkstoffe und Anwendung
Die Wirkstoffmischung beinhaltet niedrigdosierte Substanzen wie natürliche, homöopathische Mittel, Vitamine und Neuraltherapeutika, die an sechs genau definierten Akupunktur- und Reaktionspunkten in die Haut eingebracht werden. Oftmals reicht eine Behandlung mit der Rauchfrei-Spritze aus.
Vorteile
- Reduziert das Verlangen nach Nikotin
- Mildert Entzugssymptome
- Erleichtert die körperliche und psychische Entwöhnung
- Stabilisiert die Motivation zur Rauchfreiheit
Hypnose
Der Therapeut versetzt den künftigen Nichtraucher in Hypnose und wirkt dann auf sein Unterbewusstsein ein. Rauchen wird als unangenehmes Erlebnis erlebt, während positive Botschaften für das neue Nichtraucherleben stehen.
Entspannungsmethoden
Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung nach Jacobson und Atemübungen sind als Bausteine einer kombinierten Raucherentwöhnung sinnvoll.
Weitere Unterstützungsmaßnahmen
Neben den genannten Methoden gibt es weitere Maßnahmen, die den Rauchentzug unterstützen können:
- Bewegung: Körperliche Bewegung, wie z.B. Spaziergänge oder Sport, hilft, den Körper besser zu durchbluten und leistungsfähiger zu machen.
- Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit vielen Ballaststoffen hilft, das Gewicht zu kontrollieren und den Darm zu unterstützen.
- Viel trinken: Ausreichend Wasser oder Tee trinken hilft dem Körper, Giftstoffe auszuscheiden.
- Vermeidung von Auslösern: Typische Situationen, die mit dem Rauchen verknüpft sind, sollten vermieden werden.
- Unterstützung suchen: Der Freundeskreis und das Arbeitsumfeld sollten eingeweiht werden, um Unterstützung zu erhalten.
Die Rolle der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM)
Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) bietet einen ganzheitlichen Ansatz zur Unterstützung der Rauchentwöhnung.
Akupunktur und Yin-Mangel
Aus chinesischer Sicht steckt hinter dem Suchtverhalten oft ein Mangel an Yin, dem weiblichen Anteil der Lebensenergie Qi. Die Akupunktur kann helfen, diesen Mangel auszugleichen und das Nervensystem zu stabilisieren.
Wirkung der Akupunktur
Die Akupunktur kann ein pelziges Gefühl auf der Zunge erzeugen, das den Geschmack an der Zigarette verdirbt und das Rauchverlangen mindert.
Medikamentöse Unterstützung
Bei einer schweren Nikotinabhängigkeit kann ein Arzt Medikamente wie Vareniclin, Bupropion oder Cytisin verschreiben. Diese Medikamente greifen in das Botenstoffsystem des Gehirns ein und vermindern das Verlangen nach Nikotin.
Vareniclin
Vareniclin dockt an Rezeptoren im Gehirn an, die normalerweise von Nikotin besetzt werden. Auf diese Weise vermindert Vareniclin das Verlangen nach Nikotin und lindert gleichzeitig Entzugserscheinungen.
Bupropion
Bupropion ist ein Arzneistoff, der zur Behandlung von Depressionen eingesetzt wird. Unter dem Handelsnamen Zyban ist er auch zur Raucherentwöhnung zugelassen. Die Tabletten greifen in das Botenstoffsystem des Gehirns ein und vermindern so das Verlangen nach Nikotin und lindern Entzugserscheinungen.
Cytisin
Cytisin ist eine chemische Verbindung, die in mehreren Pflanzenarten vorkommt. Die Wirkung ist ähnlich wie bei Vareniclin: Es bindet an die Nikotinrezeptoren im Gehirn und dämpft so das Verlangen nach Nikotin und vermindert Entzugserscheinungen.
Risikogruppen und besondere Bedürfnisse
Bestimmte Risikogruppen, wie z.B. Schwangere oder Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, benötigen eine spezielle Betreuung bei der Raucherentwöhnung.
Schwangere Frauen
Schwangere Frauen sollten das Rauchen unbedingt aufgeben, um die Entwicklung des ungeborenen Kindes nicht zu gefährden. Spezielle Behandlungsprogramme für schwangere Raucherinnen können die Erfolgsquote wesentlich ansteigen.
Stark abhängige Raucher
Stark abhängige Raucher profitieren weniger von ausschließlich psychotherapeutischen Ansätzen in der Raucherentwöhnung. Sie benötigen größere Mengen an Nikotinersatzprodukten und eine langdauernde, anhaltende oder kombinierte Nikotinersatztherapie.
Raucher mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Auch Herzinfarktpatienten sollten nach dem lebensbedrohlichen Ereignis mit dem Rauchen aufhören, um das Risiko für weitere Komplikationen zu reduzieren.
Regeneration des Gehirns nach dem Rauchstopp
Rauchen schädigt das Gehirn auf vielfältige Weise - durch Durchblutungsstörungen, chronische Entzündungen, oxidativen Stress und strukturelle Veränderungen. Doch selbst nach Jahren des Konsums ist Regeneration möglich.
Kurzfristige Veränderungen
Nach dem letzten Zug sinkt der Nikotinspiegel rasch ab. Das Gehirn beginnt, überaktivierte Rezeptoren zurückzufahren.
Mittelfristige Veränderungen
Die neuronalen Verbindungen stabilisieren sich. Konzentration, Schlaf und Stimmung verbessern sich meist deutlich.
Langfristige Veränderungen
Durch die sogenannte Neuroplastizität kann das Gehirn geschädigte Strukturen teilweise neu organisieren. Selbst Funktionen, die vorübergehend beeinträchtigt waren, lassen sich oft wiederherstellen.
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