Der Vagusnerv, ein paarig angelegter Nerv, der vom Gehirn bis in den Bauchraum verläuft, spielt eine entscheidende Rolle bei der Vermittlung verschiedener Körperfunktionen wie Herzfrequenz, Verdauung und Atmung. Studien deuten darauf hin, dass die Stimulation des Vagusnervs (VNS) bei einer Reihe von neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen hilfreich sein kann, darunter Epilepsie, Depressionen und Migräne.
Vagusnervstimulation zur Linderung von Epilepsie
Eine Übersichtsstudie kommt zu dem Schluss, dass VNS in Kombination mit Medikamenten die Häufigkeit und Schwere von Anfällen bei Patienten mit schwer kontrollierbarer Epilepsie reduzieren kann. Bei diesen Anfällen ist das Zusammenspiel der Nervenzellen im Gehirn vorübergehend gestört, was zu einer übermäßigen Aktivität einzelner Hirnbereiche und der Abgabe zu vieler Signale führt. Es gibt Hinweise darauf, dass die Stimulation des Vagusnervs die Erregbarkeit von Gehirnzellen reduzieren kann.
Professorin Susanne Knake, Fachärztin für Neurologie und Expertin für Epilepsien am Universitätsklinikum Marburg, erklärt: "Die genaue Wirkungsweise der VNS bei Epilepsie ist noch nicht vollständig verstanden."
Vagusnervstimulation bei Migräne und anderen Erkrankungen
Die Stimulation des Vagusnervs ist nicht nur bei Epilepsie, sondern auch bei Migräne als Therapie zugelassen. Ebenso wird sie bei Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen eingesetzt, wenn andere Behandlungen nicht erfolgreich waren. Der Vagusnerv ist mit vielen Organen verbunden, und die genauen Auswirkungen seiner Stimulation sind noch nicht vollständig geklärt.
"Auch hier verstehen wir die Wirkweise noch nicht ganz genau", sagt Knake. "Wir nehmen an, dass die VNS die Freisetzung von Neurotransmittern im Gehirn beeinflusst, die für die Stimmung und das Wohlbefinden verantwortlich sind." Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass die Methode keine Heilung bietet, sondern lediglich zur Linderung von Symptomen beitragen kann.
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Methoden der Vagusnervstimulation
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den Vagusnerv zu stimulieren:
- Invasive Vagusnervstimulation (VNS): Bei dieser Methode wird ein Gerät unter der Haut im Brustbereich implantiert, das mit einem Draht verbunden ist, der den Vagusnerv im Halsbereich umwickelt und elektrische Impulse an ihn sendet. Dieser Eingriff kann Nebenwirkungen wie Stimmveränderungen oder Heiserkeit verursachen. In seltenen Fällen wurden auch Herzrhythmusstörungen nach der Implantation und der ersten Anwendung berichtet.
- Nichtinvasive Vagusnervstimulation (nVNS): Diese alternative Methode stimuliert den Vagusnerv über die Haut. Patientinnen und Patienten tragen ein Gerät im Ohr, das einem Kopfhörer ähnelt. Über die Haut wird ein Ast des Vagusnervs, der oberhalb des Gehörgangs sitzt, stimuliert. Die Wirksamkeit bei der Anregung übers Ohr ist vergleichbar mit der invasiven Stimulation. Daher kann es sinnvoll sein, erst einmal diese Methode für sich zu testen, bevor man sich ein Gerät zur VNS implantieren lässt.
Nichtinvasive Vagusnervstimulation (nVNS) bei Migräne
Aktuell sind zwei Stimulatoren für die nichtinvasive Vagusnervstimulation (nVNS) in Deutschland zugelassen:
- GammaCore®: Bei diesem Gerät der Firma electroCore erfolgt die Stimulation am Hals.
- VITOS®: Bei diesem Gerät der Firma Cerbotec erfolgt die Stimulation im Ohr.
Studien zur nVNS bei Migräne
Erste Untersuchungen mit dem GammaCore®-Stimulator wurden von Goadsby im Rahmen einer Pilot-Studie bei 30 Patienten mit episodischer Migräne durchgeführt. Die Stimulation erfolgte für zweimal 90 Sekunden im Abstand von 15 Minuten an der linken Halsseite im Rahmen der Migräneattacken über eine Dauer von sechs Wochen. Die Patienten sollten moderate oder schwere Schmerzen therapieren oder milde Schmerzen nach 20 Minuten. Am Ende hatten 27 Patienten 80 Attacken behandelt. Bei den Patienten mit moderaten oder schweren Attacken lag die Rate der Schmerzfreiheit nach zwei Stunden bei der ersten Anwendung bei 4/19 (21%), für alle Attacken bei 12/54 (22%). Von den Patienten mit milden Attacken berichteten bei der ersten Anwendung 5/8 (63%) über eine Schmerzfreiheit nach zwei Stunden; bezogen auf alle milden Attacken lag die Rate bei 10/26 (38%). Nebenwirkungen waren Kontraktionen der Halsmuskulatur (n=1), eine raue Stimme (n=1) und Rötung an der linken Halsseite (n=1).
Eine weitere Untersuchung mit diesem Stimulator erfolgte bei 30 Patienten mit episodischer Migräne ohne Aura mit etwa fünf bis neun Attacken pro Monat. Die Patienten sollten in drei Wochen drei bis fünf Attacken für 90 Sekunden (Single shot) therapieren. Es wurden insgesamt 96 Attacken behandelt, 43 Attacken sistierten innerhalb von 30 Minuten (44,8%), bei 42 Attacken (43,7%) zeigte sich kein Effekt innerhalb von zwei Stunden, bei elf Attacken (11,4%) wurde eine geringe Schmerzlinderung berichtet. Nebenwirkungen wurden nicht berichtet.
Auch bei chronischer Migräne konnte eine Studie bei 15 Patienten mit chronischer Migräne und Kopfschmerz durch Medikamentenübergebrauch nach Detoxifikation eine suffiziente Attackentherapie zeigen. Es wurden insgesamt 362 Attacken behandelt, wovon bei 121 Attacken Schmerzfreiheit nach zwei Stunden erreicht wurde (33,4%). Eine Rescue-Medikation wurde bei 67 Attacken eingenommen (18,5%).
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Zur prophylaktischen Therapie wurden 59 Patienten mit chronischer Migräne in einer doppelblinden, Sham-kontrollierten Studie untersucht. Nach einer einmonatigen Baseline-Phase folgte eine Randomisierung in eine Gruppe mit nVNS (n=30) und eine Gruppe mit Sham-Stimulation (n=29) für zwei Monate, danach folgte eine Open-Label-Phase (n=47) für sechs Monate. Patienten sollten dreimal täglich für zweimal 90 Sekunden stimulieren. Primäre Endpunkte waren Sicherheit und Verträglichkeit, sekundäre Endpunkte die Anzahl der Migränetage pro Monat, der Therapieerfolg und die Einnahme der Begleitmedikation. Es zeigte sich eine gute Verträglichkeit der nVNS. Seltene Nebenwirkungen der nVNS waren das Auftreten anderer Kopfschmerzen, oropharyngeale Schmerzen sowie Nackenschmerzen. Die Anzahl der Migränetage bei allen Patienten reduzierte sich in der nVNS-Gruppe von 22,2 Tagen auf 19 Tage pro Monat, in der Sham-Gruppe gab es keine Reduktion. Eine 25%ige Reduktion der Kopfschmerztage erfolgte durch nVNS bei vier Patienten (15%), durch Sham-Stimulation bei einem Patienten (4%). Eine 50%-Reduktion wurde unter nVNS von drei Patienten (11,5%), eine 75%-Reduktion von einem Patienten (3,8%) dokumentiert, in der Sham-Gruppe wurden diese nicht berichtet.
In einer doppelblinden, randomisierten und kontrollierten zweiarmigen Studie mit 46 Patienten mit chronischer Migräne wurde auch die Wirksamkeit einer Stimulation am Ohr (VITOS®-Stimulator) für bis zu vier Stunden täglich über eine Zeitraum von drei Monaten untersucht. Patienten mit einer Stimulationsfrequenz von 1 Hz berichteten über eine Attackenreduktion von bis zu sieben Tagen pro Monat, bei einer Frequenz von 25 Hz über eine Reduktion von 3,3 Tagen pro Monat. Zudem wurde über eine deutlich verbesserte Lebensqualität berichtet (MIDAS, HIT-6). Als reversible Nebenwirkungen wurden Juckreiz, Dysästhesien im Bereich der oberen Ohrmuschel oder schwache vorübergehende Schmerzen am Stimulationsort beobachtet.
Nichtinvasive Vagusnervstimulation (nVNS) bei Clusterkopfschmerzen
Eine erste offene Studie über eine mittlere Behandlungszeit von 13 Wochen (2-26 Wochen) dazu erfolgte in Großbritannien und Irland mit 14 Patienten (9 Männer, mittleres Alter 46 Jahre), davon sieben mit therapierefraktären chronischen Clusterkopfschmerzen und sieben mit einer episodischen Form. Eine Reduktion der Attacken um 60% berichteten 13 Patienten, sieben konnten ihre Prophylaxe deutlich reduzieren oder absetzen.
Die PREVA-Studie (The prevention and acute treatment of chronic cluster headache) untersuchte 114 Patienten mit chronischen Clusterkopfschmerzen. Nach eine Baseline-Phase von zwei Wochen, erfolgte die Randomisierung in eine Gruppe mit der Standardtherapie (ST) des chronischen Clusterkopfschmerzes (n=49) und eine Gruppe mit Standardtherapie in Kombination mit der nVNS (n=48) für vier Wochen. Im Anschluss folgte eine offene Phase ST + nVNS (n=90) für vier Wochen. Primärer Endpunkt war die Reduktion der Clusterattacken in den letzten zwei Wochen der Randomisierung im Vergleich zur Baseline. Als Ergebnis zeigte sich in Gruppe 1 (ST) eine Reduktion der Clusterattacken von 16,6 auf 14,6 (-2,0 Attacken), in Gruppe 2 (ST + nVNS) von 15,9 auf 9,0 (-6,9 Attacken). Zudem zeigte sich eine zunehmende Reduktion der Attackenfrequenz mit der Dauer der Anwendung der nVNS (Baseline 16,1 Attacken pro Woche, 1. Monat 10 Attacken pro Woche, 2. Monat 7,4 Attacken pro Woche). Der Therapieerfolg in der Randomisierungsphase, definiert als mehr als 50%ige Reduktion der Attackenfrequenz, betrug bei der ST + nVNS 37,8% gegenüber 8,3% ST ohne nVNS (Intention to treat). Zudem konnte unter der nVNS-Therapie die Einnahme der Akutmedikation mit Sumatriptan deutlich reduziert werden (ST + nVNS -61,4%; ST +16,6%). Nebenwirkungen, die im Zusammenhang mit dem Gebrauch des Device gewertet wurden, waren: Muskelzucken im Gesicht, Schmerzen im Gesicht und Hals und Ausschlag an der Anwendungsstelle.
Wirkungsweise der Vagusnervstimulation (VNS)
Der Nervus vagus (Nr. X) ist der längste Hirnnerv und verfügt über etwa 80% afferente und 20% efferente Fasern. Die motorischen Kerngebiete befinden sich am Boden der Rautengrube, die efferenten parasympathischen Fasern kommen aus dem Nucleus dorsalis nervi vagi in der Medulla oblongata, sensible und sensorische afferente Fasern haben ihre Kerne im Ganglion superius und inferius im Foramen jugulare. Er versorgt sensibel die Dura der hinteren Schädelgrube, die Haut im äußeren Gehörgang und an der hinteren Ohrmuschel, den gesamten Larynx und Teile des Pharynx sowie die Epiglottis, motorisch die mittleren und unteren Schlund- und Kehlkopfmuskeln sowie parasympathisch (und sensibel) im Brust- und Bauchraum die inneren Organe (Darm bis zum sogenannten Cannon-Böhm-Punkt).
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Die Afferenzen des Nervus vagus haben im Gehirn Verbindungen zum Nucleus tractus solitarii (NTS), dem Locus coeruleus (LC), dem periaquäduktalen Grau und den Raphekernen. Im Tierexperiment wurde durch die Stimulation des Nervus vagus eine Aktivierung im EEG mit Synchronisation (f >70 Hz) und Desynchronisation (f <70 Hz) nachgewiesen. Später konnte eine Reduktion der Frequenz und Schwere von Anfällen gezeigt werden.
Die Effekte bei der Epilepsie werden durch drei Mechanismen erklärt:
a) eine erhöhte synaptische Aktivität im Thalamus und thalamo-kortikalen Bahnen mit einer erhöhten Erregung und erniedrigten Synchronizität zwischen und innerhalb kortikaler Regionen
b) eine erhöhte synaptische Aktivität im zentralen autonomen System (Amygdala und Hippocampus)
c) eine erhöhte Freisetzung von Noradrenalin und Serotonin
Die Stimulation des Nervus vagus kann bei Säugetieren auch eine Inhibition oder Fazilitation der Nozizeption je nach Stimulationsparametern ergeben. Die Analgesie wird wahrscheinlich über Capsaicin-sensitive C-Fasern im Vagusnerv vermittelt.
Der exakte Wirkungsmechanismus der Vagusnervstimulation (VNS) bei Kopfschmerzen ist aktuell noch unklar, es wird aber eine direkte Beeinflussung von Steuerungszentren vor allem im Hirnstamm angenommen, die direkt und indirekt an der Genese von Kopfschmerzen beteiligt sind (Nucleus tractus solitarii, trigeminaler Nucleus caudalis). Damit vereinbar wäre auch die Beobachtung, dass eine Stimulation des linken Nervus vagus zu einer Inhibition von trigeminalen Neuronen bei der Ratte in einem Kopfschmerzmodell führte und damit eine Beeinflussung der trigeminovaskulären nozizeptiven Transmission hervorruft. Weitere Untersuchungen an Ratten, bei denen durch eine Prostaglandin-Lösung eine chronische trigeminale Allodynie ausgelöst wurde, zeigten, dass die Stimulation des N. vagus zu einer Verhinderung des Anstiegs der Glutamat-Ausschüttung und damit der trigeminalen Nozizeption führte. Auch fMRT-Untersuchungen im Zusammenhang mit einer Stimulation des N. vagus am Ohr konnten zeigen, dass es zu einer Inhibition im Gyrus parahippocampalis, Pulvinar, posterioren cingulären Kortex, Locus coeruleus und im Tractus solitarii kommt.
Invasive Vagusnervstimulation bei Patienten mit Epilepsie und Migräne
In einem der ersten Fallberichte berichtet Sadler über einen 42-jährigen Patienten mit therapierefraktären Anfällen seit der Kindheit und einer Migräne. Es erfolgte die Implantation einer invasiven VNS. Diese führte zu keiner deutlichen Reduktion der Epilepsieanfallsfrequenz, aber zu einer Verminderung der Attackenfrequenz der Migräne von vorher 2,7 Migräneattacken pro Monat auf drei Attacken in 13 Monaten nach Implantation des Stimulators.
Eine retrospektive telefonische Befragung von 27 Patienten, die eine VNS erhielten, ergab, dass vier Patienten zusätzlich an Migräne litten. Andere chronische Schmerzsyndrome wurden von den Patienten nicht berichtet. Alle Patienten berichteten über eine Reduktion der Attackenfrequenz und Schmerzintensität mit einem Beginn von ein bis maximal drei Monate nach Implantation. Bei einem Patienten kam es zu einem kompletten Sistieren der Migräneattacken, bei zwei Patienten zu einer deutlichen Reduktion der Anfallsfrequenz.
Bei einer ebenfalls retrospektiven Untersuchung mittels Fragebogen sowie telefonischem Interview bei Patienten mit VNS hatten 10 von 25 Patienten eine Migräne (5 Frauen, Alter 18-36 Jahre). Eine 50%ige Reduktion der Kopfschmerzattacken zeigte sich bei acht Patienten (80%, 4 Frauen), die Reduktion trat innerhalb der ersten drei Monate der Behandlung auf und hielt über den Beobachtungszeitraum an. Kein Effekt ergab sich bei den anderen beiden Patienten. Von den zehn Patienten hatten sechs eine Depression und/oder Angsterkrankung. Bei fünf von diesen kam es zu einer Reduktion der Migräneattacken, nur bei drei dieser fünf Patienten veränderte sich die Depression und/oder Angsterkrankung.
Nach diesen Beobachtungen und der Entwicklungen von Stimulatoren, die nichtinvasiv (subkutan am Hals oder im Ohr) angewandt werden konnten, geriet die VNS wieder in den Fokus.
Vagusnervstimulation im Trend: Was Sie selbst tun können
VNS liegt im Trend. Es gibt viele Ratgeber oder Online-Tutorials, die erklären, wie man den Vagusnerv massieren kann. Auch Geräte zur Selbststimulation sind auf dem Markt. Knake rät davon ab, sich nach Anleitung aus dem Netz den Vagusnerv zu massieren. Stattdessen empfiehlt sie autogenes Training oder Meditation, da diese das gesamte Nervensystem regulieren.
Es gibt auch einfachere Methoden, den Vagusnerv selbst zu aktivieren:
- Bewusstes, ruhiges Atmen: Schon nach kurzer Zeit kann sich der Puls beruhigen, und der Körper schaltet in den Erholungsmodus.
- Summen oder leises Singen: Durch die Vibrationen im Hals- und Rachenraum können Äste des Vagusnervs angeregt werden.
- Kälteanwendungen: Das Abspülen des Gesichts mit kaltem Wasser oder kaltes Wasser über den Nacken laufen lassen, kann den Parasympathikus anregen.
- Leichte Bewegung: Spazierengehen, Radfahren oder Yoga wirken sich positiv auf den Vagusnerv aus.
- Positive Emotionen: Lachen, freundliche Gespräche oder Nähe zu vertrauten Menschen fördern die Ausschüttung von Wohlfühlhormonen.
Aurikuläre Vagusnervstimulation (aVNS) bei chronischen und akuten Schmerzen
Umfassende Übersichtsarbeiten zum Einsatz der aVNS bei chronischen und akuten Schmerzpatient*innen liegen bisher nicht vor. Eine systematische Literaturrecherche mit Inhaltsanalyse wurde in den Datenbanken PubMed, Scopus und Semantic Scholar durchgeführt. Die Suche wurde auf den Zeitraum 01.01.2000 bis 01.06.2022 begrenzt und alle Datenbanken mit festgelegten, thematisch relevanten Schlagwörtern wurden durchsucht. Die Ergebnisse wurden nach Duplikaten durchsucht und diese fallweise entfernt. Die verbleibenden Arbeiten wurden auf Basis von Titel, Abstract und folgenden Ausschlusskriterien gescreent: Publikationsjahr < 2000, kein Abstract vorhanden, verwendete Sprache nicht Englisch oder Deutsch, präklinische Studie/Tierstudie, Studienprotokolle, Fallstudie, Review, kein Bezug zu aVNS. Die eingeschlossenen Studien wurden von zwei unabhängigen Reviewern mittels der Jadad-Skala (max. Punktezahl 5) und entsprechend ihrer wissenschaftlichen Validität (max. Punktezahl 4) bewertet und die jeweiligen Mittelwerte der Bewertungen summiert (mögliche Gesamtpunktezahl 9). Studien, die nicht nach der Jadad-Skala beurteilt werden konnten (keine Randomisierung, keine Verblindung), wurden nur anhand der festgelegten wissenschaftlichen Validitätskriterien bewertet (max. 4 Punkte).
Insgesamt wurden bei der primären Literatursuche n = 2485 Ergebnisse gefunden. Von diesen wurden nach dem Screening anhand Titel und Abstract n = 247 Studien qualifiziert. Nach einer weiteren Überprüfung wurden n = 37 Studien entsprechend der Jadad-Skala und der wissenschaftlichen Validität bewertet und in die weitere Analyse aufgenommen.
20 Studien zu chronischen Schmerzen mit einer Gesamtzahl an n = 633 aVNS-behandelten Patient*innen wurden in die Analyse aufgenommen. Diese Studien behandelten die Indikationen chronisch-entzündliche Darmerkrankungen/Unterleibschmerzen (7 Studien, n = 154), Migräne (4 Studien, n = 133), Rückenschmerz (4 Studien, n = 192), rheumatoide Arthritis (RA)/Osteoarthritis (2 Studien, n = 45), Fibromyalgie/systemischer Lupus Erythematodes (SLE) (3 Studien, n = 51), Chemotherapie-induzierte periphere Neuropathie (1 Studie, n = 58), unspezifischer chronischer Schmerz (1 Studie, n = 3). Von diesen waren 9 Studien randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) hoher Qualität mit einer durchschnittlichen Bewertung von 7,5 aus 9 Punkten. Eine Studie war als randomisierte Cross-Over-Studie ausgelegt mit einer Bewertung von 5 Punkten. Schmerz auf einer Visuellen Analogskala (VAS) oder Numerischen Rating-Skala (NRS), psychisches Wohlbefinden und Verträglichkeit/Sicherheit der Stimulation waren die häufigsten primären und sekundären Endpunkte. In einer Mehrzahl der Studien konnte eine Verbesserung auf der VAS- oder NRS-Schmerzskala bzw. bei einem spezifischeren krankheitsbezogenen Endpunkt beobachtet werden, wobei diese Verbesserung in 16 Studien im Vergleich zum Ausgangswert und/oder im Vergleich zur gewählten Kontrollgruppe statistisch signifikant war. In 8 Studien wurde der Bedarf an Schmerzmitteln erhoben. In 6 dieser Studien (davon 3 bei chronischem Rückenschmerz und 1 bei chronischer Migräne) konnte die Schmerzmitteleinnahme in der aVNS-Gruppe reduziert werden. Die aVNS wurde in den vorliegenden Studien typischerweise begleitend zu einer medikamentösen Therapie im Durchschnitt über einen Zeitraum von 5,84 Wochen (1-24 Wochen) eingesetzt. In 3 Studien wurden begleitend zur Therapie fMRI-Untersuchungen durchgeführt, um den Einfluss der aVNS auf die Gehirnaktivität näher zu charakterisieren. Dabei konnte im fMRI („functional magnetic resonance imaging“) insbesondere eine Verstärkung der Gehirnkonnektivität in den Bereichen des exekutiven Kontrollnetzwerks (präfrontale Gehirnregionen), des Thalamus und des Cerebellums unter bzw.
10 Studien zu akuten postoperativen Schmerzen mit insgesamt n = 246 aVNS-behandelten Patient*innen wurden in die Analyse aufgenommen. Die operativen Eingriffe betrafen gynäkologische Eingriffe (4 Studien, n = 115), abdominale Eingriffe (4 Studien, n = 67), Tonsillektomie (1 Studie, n = 16), und Backenzahnextraktion (1 Studie, n = 48). Von diesen waren 7 Studien randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) hoher Qualität mit einer durchschnittlichen Bewertung von 7,1 aus 9 Punkten. 7 Studien beobachteten eine signifikante Verbesserung in Bezug auf Schmerz und/oder Bedarf an Opioiden nach dem Eingriff unter Anwendung der aVNS. In 1 Studie wurden leichte, nichtsignifikante Verbesserungen beobachtet. Die aVNS wurde entweder kurz vor (perioperativ) oder direkt nach dem operativen Eingriff (postoperativ) für eine Dauer von 2-5 Tagen angewendet.
Zu akutem experimentellen Schmerz wurden 7 randomisierte Cross-Over-Studien mit insgesamt n = 226 gesunden Proband*innen identifiziert. 6 der Studien konnten mit der Jadad-Skala bewertet werden und erreichten eine durchschnittliche Bewertung von 5,4 Punkten. Die experimentellen Schmerzreize inkludierten Hitze bzw. Hitze und Druck (4 Studien), Neurometer (1 Studie), Kälte und Druck (2 Studien), und säureinduzierte Hypersensibilität (1 Studie). In 6 der 7 Studien konnten Unterschiede in der Schmerzwahrnehmung bzw. -intensität (geringer) und der Schmerzgrenze (höher) während der aVNS-Anwendung gezeigt werden.
Die elektrische Stimulation des zervikalen Astes des Vagusnervs ist seit den 1990er Jahren zur Behandlung von therapierefraktärer Epilepsie und chronischer, therapieresistenter Depression zugelassen. Neuere Studien beschäftigen sich mit nicht- oder minimal-invasiven Technologien zur Vagusnervstimulation, um Nebenwirkungen (z. B. Heiserkeit, Husten, Schmerzen oder Schluckbeschwerden durch unspezifische afferente und efferente Stimulation), Risiken der Implantation und Kosten zu reduzieren. Weiters soll die Methode in einem breiteren Indikationsspektrum und einer größeren Patient*innengruppe einsetzbar werden. Diese Ansätze basieren entweder auf der transkutanen Stimulation des zervikalen Vagusnervs mittels Oberflächenelektroden oder auf der transkutanen/perkutanen Stimulation des aurikulären Vagus Nervs mittels Oberflächen- oder Nadelelektroden. Solche nicht- oder minimal-invasive Verfahren werden aktuell bereits in der Behandlung von Epilepsie, Depression, chronischen Rückenschmerzen, Migräne oder postoperativen Schmerzen eingesetzt. Potenzielle therapeutische Effekte werden derzeit auch in einer Vielzahl an Studien in weiteren Indikationen untersucht (u. a.
Vagusnervstimulation in der Schmerzklinik Kiel
Die neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel unter der Leitung von Prof. Dr.med. Dipl.Psych. Hartmut Göbel bietet spezielle Therapien für Migräne (mit und ohne Aura), Migräne-Komplikationen, alle Kopfschmerzen (z.B. chronische Spannungskopfschmerzen, Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch, Clusterkopfschmerz), Nervenschmerz (neuropathischer Schmerz), Rückenschmerz und andere Formen chronischer Schmerzerkrankungen an.