Der Einfluss neuer Medien auf das Nervensystem: Eine umfassende Betrachtung

Einleitung

Die rasante Entwicklung und Verbreitung neuer Medien hat unser Leben in vielerlei Hinsicht verändert. Von Smartphones und Tablets bis hin zu sozialen Netzwerken und Online-Spielen sind digitale Technologien allgegenwärtig geworden. Dieser Artikel beleuchtet die Auswirkungen dieser neuen Medien auf unser Nervensystem, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, und untersucht sowohl die potenziellen Vorteile als auch die Risiken.

Die senso-motorische Entwicklung im frühen Kindesalter

In den ersten Lebensjahren eines Kindes spielt die senso-motorische Entwicklung eine entscheidende Rolle. Lernen geschieht ausschließlich durch Bewegung und sensorische Erfahrungen. Diese Phase, die von Piaget als senso-motorische Phase bezeichnet wird, ermöglicht die Verknüpfung von Gehirnzellen und die Entwicklung des Denkens. Wenn jedoch die Bewegungslust durch die Nutzung digitaler Medien eingeschränkt wird, können die biologisch verankerten Antriebe des Erkundens, der Wissbegierde, der Nachahmung, des Spielens und des schöpferischen Erfindens nicht ausreichend zum Einsatz kommen.

Die Bedeutung von Bewegung und Körpererfahrung

Bewegung spielt bis weit ins Grundschulalter eine wesentliche Rolle für die gesamte Entwicklung. Sie ist die Grundlage für das Körperempfinden und damit für das Selbstwirksamkeitsempfinden. Durch die Erfahrung, die ein Kind mit seinem Körper macht, entwickelt es ein Bild von seinen eigenen Fähigkeiten und seiner Leistungsfähigkeit. Auch die Feinmotorik, die durch das Malen und Schreiben mit der Hand gefördert wird, ist wichtig für die Ausbildung von speziellen Strukturen im Stirnhirn. Wird dies durch das ausschließliche Antippen von Tasten oder dauerndes Wischen ersetzt, bleiben diese Strukturen unterentwickelt.

Einschränkungen durch digitale Medien

Digitale Medien passen nicht in den senso-motorischen Entwicklungsrahmen der ersten Jahre. Sie können zu Störungen führen, die die gesamte Entwicklung einschränken. Im Gehirn löst das digitale Feuerwerk schneller Videos und bunter Animationen ein Reizbombardement aus, das auf das Stammhirn (unteres limbisches System) niedergeht und das Belohnungssystem überdreht. Dies kann dazu führen, dass bestimmte Module zu schnell und unzulänglich reifen, während wichtige Teilbereiche des Stirnhirns sich nicht voll entfalten können.

Suchtpotenzial digitaler Medien

Handys haben ein hohes Suchtpotenzial. Die digitale Welt bietet ein breites Spektrum an Möglichkeiten, das dazu führen kann, dass man gedanklich in diese Welt hineingesogen wird. Besonders in den sozialen Medien kann man schnell süchtig nach Aufmerksamkeit, Anerkennung und Zuspruch werden. Bei jedem neuen "Like", "Share" oder "Follower" schüttet unser Gehirn vermehrt das Glückshormon Dopamin aus.

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Der Einfluss auf das Belohnungssystem

Der digitale Sinnesreiz schießt sich auf verkürztem Weg direkt ins Belohnungszentrum des limbischen Systems (Ausschüttung von Dopamin) und trickst den zum Lernen notwendigen Weg über den Hippocampus und den Gedächtnisspeicher im Großhirn aus. Wenn kleine Kinder das Smartphone der Eltern zur Ruhigstellung bekommen, wirkt dieses Feuerwerk besonders stark.

Verlust der Attraktivität anderer Spielzeuge

Ein Tablet oder Smartphone mit bewegten Bildern zieht kleine Kinder so heftig an, dass Ritterburgen und Spielfiguren an Attraktivität verlieren. Denn da muss das Kind jede Figur bewegen, sich im Kopf eine Handlung ausdenken, während auf digitalen Medien alles automatisch abläuft. Es gibt kein Training im Denken wie beim selbst gesteuerten Spiel. Das Kind muss auch keine Willenskraft aufwenden, um etwas zu erreichen. Dann spürt es auch die positiven Gefühle über das Erreichte nicht, so dass seine natürliche Leistungsbereitschaft zurück geht.

Soziale und kognitive Entwicklung

Das soziale Denken und Verstehen ist in der Vorschulzeit erst im Aufbau, so dass Störungen von außen langfristige Folgen haben können. In den ersten zwei Jahren läuft das soziale Handeln nur über die Gefühlsansteckung. Erst zwischen 2 und 3 Jahren kommt die Kognition dazu. Es ist die Zeit, wo sich das ichbezogene Denken aufgliedert und die Kinder mühsam lernen, sich in den anderen hinein zu versetzen.

Die Bedeutung des Spiels für die soziale Entwicklung

Das Spiel mit anderen Kindern ist besonders wichtig, weil das soziale Lernen am Beginn über das bewusste gemeinsame Spiel in Gang kommt: Beim Rollenspiel schlüpfen die Kinder in verschiedene Rollen und üben dabei unbewusst, sich in die andere Rolle hinein zu versetzen. So sind sie immer aktiv, laufen und springen herum, bewegen Spielsachen und reden ununterbrochen. Das ist die natürliche Form des sozialen Lernens, die bei allen Kinder auf der Welt von ganz allein funktioniert. Auch die sprachliche und die kognitive Entwicklung wird durch diese Spiele vorangetrieben.

Störungen des sozialen Lernprozesses

Bildungseinheiten mit digitalen Medien beschleunigen weder den sozialen noch den kognitiven Lernprozess, sondern stören Lernprozesse nachhaltig. Vorschulkinder sind neurobiologisch noch gar nicht in der Lage, Medienkompetenz zu entwickeln. Kinder lernen den Umgang mit digitalen Medien sehr schnell, wenn ihr Gehirn weit genug ausgereift ist. Das ist frühestens zum Ende des Grundschulalters der Fall.

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Auswirkungen auf Aufmerksamkeit und Gedächtnis

Digitale Medien haben eine ablenkende Wirkung auf unsere Aufmerksamkeitszentren im Gehirn. Smartphones können selbst dann die Aufmerksamkeit beeinflussen, wenn man sie nicht nutzt. Schon die Anwesenheit eines Smartphones verringert die Aufmerksamkeitsleistung und hat negativen Einfluss auf die Arbeitsgeschwindigkeit und die kognitive Leistungsfähigkeit.

Multitasking und seine Folgen

Menschen, die sehr häufig im Multitasking-Modus arbeiten, haben ein schlechteres Gedächtnis. Zudem gehen mit übermäßiger Handynutzung Zeiten des Tagträumens und Nichtstuns verloren. Studien zeigen, dass digitale Medien einen auch weniger kreativ machen können, wenn wir sie zu viel nutzen, weil der Leerlauf verloren geht.

Veränderungen im Gehirn

Bei Kindern, die bereits in der Kindergarten- und Grundschulzeit intensiv Zeit vor Tablets und Smartphones verbringen, leidet ein wichtiger Verbindungsstrang zwischen den beiden großen Spracharealen, dem Broca-Areal und dem Wernicke-Areal. Zudem können sich Kinder, die sehr früh viel am Handy seien, oft weniger gut in die Lage anderer Menschen hineinversetzen. Sie sind weniger empathisch.

Social Media und die Entwicklung des jugendlichen Gehirns

Soziale Medien haben die Entwicklung von Jugendlichen deutlich verändert. Sie können rund um die Uhr sozial mit anderen interagieren, was zu unvorhersehbarem und stetigem sozialen Input führt. Likes, Benachrichtigungen und private Nachrichten können jederzeit soziales Feedback bieten. Das kann dazu führen, dass Jugendliche konditioniert werden, ihre sozialen Medien habituell zu überprüfen, in der Hoffnung, dieses zu erhalten.

Habitual Checking Behavior und seine Auswirkungen

Langfristig könnte das dazu führen, dass Jugendliche sich weniger in kognitiver Kontrolle üben und auch ihr Verhalten schlechter regulieren können. Eine Studie hat gezeigt, dass das Gehirn von Jugendlichen, die regelmäßig soziale Medien nutzen, sich etwas anders entwickelt als das von Jugendlichen, du nur wenig in sozialen Medien unterwegs sind. Die Jugendlichen, die zu Beginn der Studie angaben, gewohnheitsmäßig Nutzende zu sein, hatten im Alter von 12 Jahren eine niedrigere neuronale Empfindlichkeit gegenüber sozialer Antizipation als andere Gleichaltrige.

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Veränderungen in der Hirnaktivität

Im Verlauf der Studie stieg die neurale Empfindlichkeit in den gleichen Regionen signifikant an. Bei Jugendlichen, die pro Tag wenig in sozialen Medien unterwegs waren, war der Trend umgekehrt. Bei ihnen sank die Aktivität in den untersuchten Regionen im Laufe der drei Jahre. Das lässt das Forschungsteam vermuten, dass habituelles Nutzungsverhalten von sozialen Medien bei Jugendlichen die Aktivität von Hirnregionen beeinflussen könnte.

Empfehlungen für den Umgang mit digitalen Medien

Es ist wichtig, einen bewussten und ausgewogenen Umgang mit digitalen Medien zu pflegen, um negative Auswirkungen auf das Nervensystem zu vermeiden. Hier sind einige Empfehlungen:

  • Begrenzung der Bildschirmzeit: Eltern sollten die Bildschirmzeit ihrer Kinder begrenzen und darauf achten, dass sie ausreichend Zeit für andere Aktivitäten wie Spielen, Lesen und soziale Interaktion haben.
  • Vorbildfunktion: Eltern sollten sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sein und selbst einen verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien pflegen.
  • Gemeinsame Nutzung: Eltern sollten digitale Medien gemeinsam mit ihren Kindern nutzen, um die Kontrolle zu behalten und die Kinder bei der Mediennutzung zu begleiten.
  • Förderung alternativer Aktivitäten: Eltern sollten alternative Aktivitäten wie Sport, Musik und Kunst fördern, um die kreative und soziale Entwicklung ihrer Kinder zu unterstützen.
  • Smartphone-freie Zeiten: Es ist ratsam, Smartphone-freie Zeiten einzuführen, insbesondere vor dem Schlafengehen, um den Schlaf nicht zu beeinträchtigen.
  • Kritisches Denken fördern: Eltern und Lehrer sollten kritisches Denken fördern, um Kinder und Jugendliche in die Lage zu versetzen, Informationen kritisch zu hinterfragen und Fake News zu erkennen.

Die Rolle der Bildungseinrichtungen

Kitas und Schulen sollten keine digitalen Medien einsetzen, da sie die entwicklungsfördernden Aktivitäten der Kinder abziehen und Lernprozesse nachhaltig stören können. Stattdessen sollten sie sich auf traditionelle Lernmethoden konzentrieren, die die senso-motorische, soziale und kognitive Entwicklung fördern.

Elternabende und Aufklärung

ErzieherInnen können Elternabende nutzen, um die Problematik der digitalen Medien zu vermitteln und Eltern für ihre Vorbildfunktion zu sensibilisieren. Es ist wichtig, dass Eltern sich bewusst sind, dass das Smartphone einen besonderen Wert hat, wenn sie es selbst ständig in der Hand haben.

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