Neue Medikamente und Forschungsansätze in der Behandlung von Nervenzellen-Erkrankungen

Die neurologische Forschung hat in den letzten Jahren bemerkenswerte Fortschritte erzielt und eröffnet laufend neue Wege zur Behandlung von Erkrankungen des Nervensystems. Dieser Artikel beleuchtet wichtige Erfolge der letzten Jahre, neue Medikamente und innovative Therapieansätze, die das Potenzial haben, die Lebensqualität von Patienten mit neurologischen Erkrankungen erheblich zu verbessern.

Alzheimer-Krankheit: Ein Meilenstein in der Therapie?

Mit mehr als 1,8 Millionen Betroffenen allein in Deutschland stellt die Demenz, insbesondere die Alzheimer-Krankheit, eine große Herausforderung dar. Lange Zeit beschränkten sich die Behandlungsmöglichkeiten auf die Linderung von Symptomen. Doch nun gibt es erstmals in Europa ein Medikament, das verspricht, den Verlauf der Erkrankung im Frühstadium zu verlangsamen.

Lecanemab: Ein Hoffnungsschimmer für Alzheimer-Patienten

Für Neurologen wie Thorsten Bartsch ist das neue Medikament Lecanemab ein "Meilenstein". Es ermöglicht erstmals, direkt in den Krankheitsprozess einzugreifen. Die Alzheimer-Krankheit ist unter anderem durch eine fehlerhafte Zerlegung bestimmter Proteine gekennzeichnet, wodurch instabile Eiweißstücke, Beta-Amyloid, entstehen. Diese lagern sich zu sogenannten Protofibrillen zusammen, die als besonders schädlich für die Nervenzellen gelten.

Lecanemab, ein Antikörper, bindet an diese entscheidenden Formen von Beta-Amyloid. Die entstehenden Komplexe können von Immunzellen aufgenommen und abgebaut werden. Allerdings kommt das Medikament nur für etwa zehn Prozent der Betroffenen infrage, und zwar in einem sehr frühen Stadium der Erkrankung, da Lecanemab den Krankheitsprozess lediglich verlangsamen, aber nicht aufhalten kann. "Je früher die Therapie anfängt, desto besser ist der Erfolg", betont der Göttinger Neurowissenschaftler André Fischer vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE).

Risiken und Herausforderungen der Lecanemab-Therapie

Die europäische Zulassungsbehörde stand der Therapie zunächst zögerlich gegenüber, da sie Nebenwirkungen wie Hirnschwellungen und Mikroblutungen verursachen kann. Patienten mit einer bestimmten genetischen Anlage (zwei Kopien des ApoE4-Gens) sind aufgrund des erhöhten Risikos für diese Komplikationen von der Behandlung ausgeschlossen. Zudem ist die Therapie aufwändig, da alle zwei Wochen eine Infusion erforderlich ist.

Lesen Sie auch: Neue Erkenntnisse über neuronale Verknüpfungen

Früherkennung und Prävention als Schlüssel zur Behandlung

Da die Früherkennung entscheidend ist, um den Untergang von Nervenzellen zu bremsen, suchen Forschende weltweit nach Biomarkern im Blut, die schnell und einfach Hinweise auf eine beginnende Alzheimer-Erkrankung geben können. Auch am DZNE in Göttingen wird intensiv daran geforscht. Neurowissenschaftler André Fischer hofft, dass solche Tests künftig zum Screening eingesetzt werden können, idealerweise alle zwei Jahre für Menschen ab 60.

Unabhängig von neuen Medikamenten setzt Thorsten Bartsch auf Prävention durch eine Veränderung des Lebensstils. Auch andere Risikofaktoren für Demenz, wie Diabetes, Übergewicht, Bluthochdruck und ein erhöhter Cholesterinspiegel, sind beeinflussbar. Hörgeräte können die soziale Teilhabe fördern, was ebenfalls wichtig ist, um die grauen Zellen fit zu halten.

Zusätzlicher Nutzen: Impfung gegen Gürtelrose

Eine Studie aus Wales belegt, dass die Impfung gegen Gürtelrose-Viren das Demenzrisiko reduzieren kann. Seniorinnen und Senioren, die eine kostenlose Gürtelrose-Impfung erhielten, erkrankten in den folgenden sieben Jahren seltener an Gürtelrose als nicht geimpfte Personen. Ähnliche Effekte sind auch bei anderen Viren denkbar, so Konstantin Sparrer vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in Ulm. Unklar ist aber noch, wie genau Virusinfektionen Demenzerkrankungen befördern.

Weitere Fortschritte in der Neurologischen Forschung

Neben den Fortschritten in der Alzheimer-Forschung gibt es auch in anderen Bereichen der Neurologie vielversprechende Entwicklungen.

Schmerztherapie: Neue Wege zur Linderung

Die moderne Schmerztherapie kennt viele Mittel zur Linderung, wobei Medikamente nur einen Teil eines größeren Repertoires darstellen. Dringend benötigt werden jedoch Medikamente gegen schwere Schmerzen, die kein Suchtrisiko bergen. Pharmaunternehmen verfolgen dieses Ziel verstärkt und berichten von positiven Ergebnissen.

Lesen Sie auch: Wirksame Therapien gegen Epilepsie

Neue Schmerzmittel in der Entwicklung

Aktuell (Juni 2025) gibt es 45 Projekte für neue Schmerzmedikamente, die bereits die klinische Phase III erreicht haben oder sogar schon eine US-Zulassung erhalten haben. Viele dieser Projekte zielen darauf ab, Mittel gegen schwere und schwerste Schmerzen zu entwickeln, bei denen kein Abhängigkeitsrisiko besteht.

Opioide mit "abgezüchteter" Suchtgefahr

Einige Forschungsgruppen und Unternehmen sehen Chancen, Opioide so zu verändern, dass kein Suchtrisiko mehr besteht. Derzeit werden Opioide erprobt, die sich nur an bestimmte Opioidrezeptoren binden, möglicherweise auch nur außerhalb des Gehirns.

NaV1.8-Inhibitoren

Auf der Suche nach Möglichkeiten, direkt die Nociceptoren-Nervenzellen zu blockieren, wurden Forschungsgruppen bei den Natriumkanälen fündig. Nociceptoren-Nervenzellen verfügen über die Version NaV1.8, die kaum bei anderen Nervenzellen vorkommt. Eine Reihe von Pharmaunternehmen haben NaV1.8-Inhibitoren entwickelt und erproben sie derzeit in klinischen Studien. Ein solches Medikament hat bereits die Zulassung in den USA für die Linderung von mittelschweren und schweren Schmerzen erhalten.

Resiniferatoxin

Ein dritter Weg ist die Orientierung an einem Naturstoff: dem Resinifera-Toxin aus dem Milchsaft der maghrepinischen Säulenwolfsmilch Euphorbia resinifera. Resinifera-Toxin wirkt auf Nervenzellen, die an ihrer Oberfläche den TRPV1-Rezeptor tragen. Bei niedriger Dosierung werden die betreffenden Nervenzellen in ihrer Aktivität gedämpft und ihre Zellausläufer teilweise zurückgebildet. In Studien wird die lokale Injektion einer sehr geringen Dosis ins Kniegelenk bei Patientinnen und Patienten mit schweren Arthrose-bedingten Kniegelenksschmerzen erprobt.

Multiple Sklerose: Neue Therapieansätze

Auch bei der Multiplen Sklerose (MS) gibt es neue Entwicklungen. 2021 wurden allein innerhalb eines Jahres sechs neue Medikamente gegen MS in Deutschland zugelassen. Zudem zeigen neue Studien, dass bestimmte Werte im Blut gut anzeigen können, wie es um die Krankheitsaktivität im Gehirn, das Potenzial zur Verschlechterung und das Ansprechen auf Medikamente bestellt ist.

Lesen Sie auch: Hoffnung im Kampf gegen Alzheimer

Schlaganfall: Fortschritte in der Akuttherapie

Ein wichtiges Beispiel für die Dynamik in der Neurologie ist der akute Notfall, der Schlaganfall. Dank moderner bildgebender Verfahren und der Einführung der systemischen Thrombolyse und der mechanischen Thrombektomie in den 1990er bzw. 2008 hat sich die Akuttherapie deutlich verbessert. Die Einführung von Schlaganfall-Spezialstationen, den "Stroke Units", im Jahr 1990 in Deutschland war ein weiterer wichtiger Meilenstein.

Parkinson-Krankheit: Neue Möglichkeiten zur Verbesserung der Beweglichkeit

Bei der Parkinson-Krankheit sind Betroffene deutlich weniger beweglich, ihre Muskeln versteifen sich, und viele zeigen ein Zittern. In den 1960er Jahren wurde die Therapie durch die Einführung von hochdosiertem L-Dopa revolutioniert. Eine weitere Revolution war die Entdeckung der Tiefen Hirnstimulation (THS) im Jahr 1987. Bei der THS werden zwei Elektroden in das Gehirn eingesetzt, die über Kabel mit einem Hirnschrittmacher verbunden sind.

Amyotrophe Lateralsklerose (ALS): Hoffnung auf ursächliche Therapien

Noch ist die Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) nicht an den Ursachen behandelbar. In den letzten Monaten ist es jedoch gelungen, Einzelheiten der Krankheitsmechanismen aufzuklären, die sich als Basis für eine ursächliche Therapie anbieten.

Tofersen: Ein neues Medikament für eine spezielle Form der ALS

Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hat sich für eine Zulassung des ALS-Medikamentes "Tofersen" ausgesprochen. Der neuartige Wirkstoff ist zur Behandlung einer speziellen, genetisch bedingten Form der ALS vorgesehen und richtet sich gegen einen Fehler (Mutation) im sogenannten SOD1-Gen.

MIF: Ein Protein mit Potenzial zur Verlangsamung des Krankheitsverlaufs

Ein Forschungsteam hat herausgefunden, dass das Protein Makrophagen-Migrationsinhibitions-Faktor (MIF) den Krankheitsverlauf der ALS beeinflussen kann. Es wirkt als Signalmolekül gegen Entzündungsprozesse und verhindert, dass sich SOD1 in den Motoneuronen anhäuft.

Dimethylfumarat (DMF): Potenzial zur Regeneration geschädigter Nerven

Fabian Szepanowski aus der Arbeitsgruppe für klinische und experimentelle Neuroimmunologie wollte wissen, ob Dimethylfumarat (DMF) nicht auch bereits geschädigte Nerven wieder regenerieren könnte. Und tatsächlich hatte das Team Erfolg: Sie fanden heraus, dass sich Mäuse mit einer Verletzung des peripheren Nervensystems schneller wieder bewegen konnten, wenn sie DMF bekamen.

Die Bedeutung von Forschung und Prävention

Die Fortschritte in der neurologischen Forschung sind ermutigend, aber eine Heilung vieler neurologischer Erkrankungen ist weiterhin nicht in Sicht. Umso wichtiger sind die Früherkennung, die Prävention und ein gesunder Lebensstil. Studien zeigen, dass sich bis zu 45 Prozent aller Demenzerkrankungen durch die Reduktion bekannter Risikofaktoren verzögern oder verhindern lassen.

tags: #neue #medikamente #fur #nervenzellen