Neue Migräne-Leitlinie: Fortschritte in Therapie und Prophylaxe

Migräne ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen und eine Hauptursache für krankheitsbedingte Fehltage in Deutschland. Die aktualisierte S1-Leitlinie "Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne" der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) bietet einen Überblick über die neuesten medikamentösen und nicht-medikamentösen Behandlungsoptionen. Die Leitlinie wurde zuletzt im September 2025 aktualisiert und berücksichtigt die neuesten Forschungsergebnisse.

Aktualisierungen und Schwerpunkte der Leitlinie

Die überarbeitete Leitlinie spiegelt die Dynamik der Kopfschmerzforschung wider und umfasst sowohl medikamentöse als auch nichtmedikamentöse Optionen. Die wichtigsten Neuerungen betreffen die Akuttherapie mit den Substanzklassen der Gepante und Ditane sowie die Empfehlungen zur Prophylaxe. Die Leitlinie betont, dass die Möglichkeiten der medikamentösen Prophylaxe oft nicht ausreichend ausgeschöpft werden und rät zu einer vorbeugenden Therapie, die von Schwere und Dauer der Erkrankung sowie den Lebensumständen abhängig ist.

Akuttherapie der Migräneattacke

Triptane als First-Line-Therapie

Triptane (Eletriptan, Rizatriptan und Sumatriptan) gelten weiterhin als die wirksamsten Medikamente zur Behandlung akuter Migräneattacken. Sie wirken, indem sie die durch Migräne geweiteten Blutgefäße im Gehirn verengen.

Fixkombination Sumatriptan und Naproxen

Neu ist die Erkenntnis, dass die Fixkombination von 85 mg Sumatriptan und 500 mg Naproxen eine bessere Wirksamkeit für Schmerzfreiheit nach 2 Stunden und für anhaltende Schmerzfreiheit bis zu 24 Stunden hat als Sumatriptan oder Naproxen allein, und das bei akzeptablen unerwünschten Arzneimittelwirkungen. Seit Anfang April 2025 ist das verschreibungspflichtige Medikament Suvexx, das Sumatriptan mit dem langwirksamen Schmerzmittel Naproxen kombiniert, in Deutschland verfügbar.

Gepante: Rimegepant

Für die Wirkstoffklasse der Gepante gibt es mittlerweile gesicherte Evidenz der Wirksamkeit. Rimegepant, ein oraler CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide)-Rezeptorantagonist, ist in einer Dosis von 75 mg bei der Behandlung akuter Migräneattacken wirksamer als ein Placebo und zeigt nicht nur in der Prophylaxe, sondern auch bei der Behandlung akuter Migräneattacken eine gute Verträglichkeit. Vergleichsstudien zu Triptanen fehlen allerdings noch. Rimegepant ist in Deutschland als erstes Gepant für die Akuttherapie zugelassen.

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Ditane: Lasmiditan

Auch für den Serotonin-1F-Rezeptoragonisten Lasmiditan gibt es Evidenz. Er hat sich in Dosierungen von 50 mg, 100 mg und 200 mg zur Behandlung akuter Migräneattacken als wirksamer erwiesen als Placebo. Ein Vorteil von Lasmiditan ist, dass es keine vasokonstriktiven Eigenschaften besitzt und bei Patienten mit Kontraindikationen gegen Triptane verwendet werden kann. Allerdings hat es ein Spektrum an unerwünschten Wirkungen wie Müdigkeit und Schwindel, sodass bis 8 Stunden nach der Einnahme kein Kraftfahrzeug geführt und keine gefährdenden Maschinen bedient werden dürfen.

Kontraindikationen bei Triptanen und Alternativen

Bei Triptanen stellen Herzinfarkt, koronare Herzkrankheit, Schlaganfall, andere Gefäßerkrankungen sowie eine unkontrollierte leichte Hypertonie Kontraindikationen dar. In diesen Situationen kann alternativ Lasmiditan verschrieben werden, da es keine vasokonstriktiven Eigenschaften hat. Auch Rimegepant zeigt bei der Behandlung akuter Migräneattacken eine gute Verträglichkeit und ist in Deutschland bereits zugelassen.

Nicht-medikamentöse Therapie akuter Attacken

Gesicherte Erkenntnisse zur Wirksamkeit liegen mittlerweile auch für die externe transkutane Stimulation des Nervus trigeminus im supraorbitalen Bereich (Cefaly®) vor als nicht-medikamentöse Akut-Behandlungsoption. Ebenfalls als wirksam bei der Therapie akuter Migräneattacken gilt die Remote Electrical Neuromodulation (REN).

Für Akupunktur gibt es weiterhin lediglich Hinweise auf eine Wirkung bei der Behandlung des akuten Migräneanfalls. Die Qualität der vorliegenden Studien lässt aber keine Aussage zur Evidenz zu.

Migräneprophylaxe

Medikamentöse Prophylaxe

Im Bereich der Prophylaxe von Migräneattacken gibt es nun einige medikamentöse und nicht-medikamentöse Optionen.

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Gepante: Rimegepant und Atogepant

Rimegepant ist in der Prophylaxe der episodischen Migräne jetzt gesichert wirksam und zugelassen. Eine randomisierte, doppelblinde Vergleichsstudie über 3 Monate konnte Rimegepant die gleiche Wirksamkeit wie Galcanezumab (ein monoklonaler Antikörper gegen den CGRP-Rezeptor) in der Prophylaxe der episodischen Migräne bescheinigen. Aus der Klasse der Gepante wird für die Prophylaxe der episodischen und chronischen Migräne auch Atogepant 1 x 60 mg empfohlen, welches auch bei Betroffenen mit Kopfschmerz durch Übergebrauch von Schmerz- und Migränemitteln wirksam ist. Atogepant ist seit März 2025 auf dem deutschen Markt verfügbar.

Monoklonale Antikörper gegen CGRP oder den CGRP-Rezeptor

Die monoklonalen Antikörper gegen CGRP oder den CGRP-Rezeptor sind in der Prophylaxe der episodischen und chronischen Migräne gesichert wirksam und haben ein nachgewiesen sehr gutes Verträglichkeitsprofil. Für den Wirkstoff Erenumab aus dieser Klasse gibt es außerdem eine randomisierte Vergleichsstudie mit dem traditionellen Migräneprophylaktikum Topiramat, bei dem sich der Antikörper als besser wirksam und besser verträglich erwiesen hat.

Traditionelle Migräneprophylaktika

Weiterhin gilt aber, dass Betroffene mit erhöhtem Risiko für vaskuläre Erkrankungen aus pathophysiologischen Überlegungen noch nicht mit den monoklonalen Antikörpern gegen CGRP oder den CGRP-Rezeptor sowie mit Gepanten behandelt werden sollten. Besser abgesichert ist mittlerweile auch die Erkenntnis, dass der Betablocker Propranolol in der Prophylaxe der chronischen Migräne eine vergleichbare Wirksamkeit hat wie Topiramat. Darüber hinaus kann eine effektive prophylaktische Medikation mit den traditionellen Migräneprophylaktika wie Betablockern, Flunarizin, Amitriptylin, Topiramat oder bei chronischer Migräne mit Onabotulinumtoxin A erfolgen.

Nicht-medikamentöse Prophylaxe

Auch nicht medikamentöse Therapieoptionen werden empfohlen: Die Remote Electrical Neuromodulation (REN) und die externe transkutane Stimulation des N. trigeminus im supraorbitalen Bereich sind bei der Therapie akuter Migräneattacken und in der Migräneprophylaxe wirksam.

Lebensstilmodifikation

Regelmäßiger Ausdauersport, ergänzt durch Krafttraining, Entspannungsverfahren, Stressbewältigung sowie Schlaf- und Ernährungshygiene, tragen wesentlich zur Prophylaxe bei. In der Praxis werden diese Basismaßnahmen jedoch häufig unzureichend umgesetzt.

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Nahrungsergänzungsmittel

Die Leitlinie nennt auch Nahrungsergänzungsmittel zur Vorbeugung von Migräne, etwa Magnesium oder Vitamin B2. Bei Magnesium sei die Studienlage nicht eindeutig, es eigne sich in der Dosierung zweimal 300 Milligramm pro Tag aber für Betroffene, die eine Therapie mit einem Medikament nicht wünschen.

Digitale Anwendungen

Die Leitlinie nennt erstmals die externe Stimulation des Trigeminusnervs sowie digitale Anwendungen, etwa Apps. Diese können als Kopfschmerztagebuch konzipiert sein, andere enthalten auch therapeutische Hinweise, etwa zur Entspannung. Laut Leitlinie ist aber die klinische Effektivität dieser digitalen Anwendungen noch nicht abschließend belegt.

Bedeutung einer individualisierten Therapie

Die Expertinnen und Experten betonen, dass eine Migränebehandlung nicht auf die Gabe von Medikamenten beschränkt bleiben darf. Eine interdisziplinäre, multimodale Schmerztherapie (IMST), bei der Fachleute aus Schmerzmedizin, Psychologie, Physiotherapie und Pflege eng zusammenarbeiten, führt nachweislich zu besseren Ergebnissen und verhindert Chronifizierung. Eine erfolgreiche Schmerztherapie berücksichtigt immer körperliche, psychische und soziale Faktoren zugleich.

Digitale Unterstützung für Patienten

Patientinnen und Patienten führen innerhalb dieses Projektes einen digitalen Kopfschmerzkalender via DMKG-App und füllen einen digitalen Kopfschmerzfragebogen aus. Die Daten werden im Arztportal strukturiert dargestellt und erleichtern die leitliniengerechte Anamnese und Verlaufskontrolle. Ergänzend bietet die Lernplattform MIGRA-MD Wissen den Patientinnen und Patienten Videos zu medikamentösen und nichtmedikamentösen Therapien, erstellt von einem interdisziplinären Expertenteam. Durch diese Kombination aus digitaler Begleitung und fachärztlicher Expertise soll die Selbstwirksamkeit der Betroffenen gestärkt und neben der medikamentösen Behandlung die Nutzung nichtmedikamentöser Ansätze gefördert werden.

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