Neue Studien zu Migräne und potenziellen Behandlungsansätzen

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, von der Millionen Menschen weltweit betroffen sind. Sie äußert sich durch starke Kopfschmerzen, oft begleitet von Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit. Die Lebensqualität der Betroffenen kann erheblich beeinträchtigt sein. Glücklicherweise gibt es in der Migräneforschung und -behandlung stetig Fortschritte, die neue Hoffnung geben. In den vergangenen Jahren hat sich das Spektrum an Behandlungs­möglich­keiten stark erweitert. Die Deutsche Gesell­schaft für Neurologie sowie die Deutsche Migräne- und Kopf­schmerzgesell­schaft haben die wissenschaftlichen Studien dazu ausgewertet. Die Ergeb­nisse sind in die frisch aktualisierte S1-Leit­linie „Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne“ einge­flossen.

Fremanezumab und seine Wirkung auf Depressionen bei Migränepatienten

Eine aktuelle Studie untersuchte, ob der Migräne-Antikörper Fremanezumab auch bei depressiven Episoden wirksam ist, da Migränepatienten häufig auch an Depressionen leiden. Fremanezumab wird zur Migräneprophylaxe bei Erwachsenen eingesetzt, die monatlich an mindestens vier Tagen unter Migräne leiden. Der Calcitonin-Gene-Related-Peptide(CGRP)-Antikörper wird über eine Fertigspritze entweder monatlich (225 mg) oder alle drei Monate (675 mg) unter die Haut injiziert. Die Injektion erfolgt vorzugsweise in den Bauch, den Oberschenkel oder die Außenseite des Oberarms, wobei die Einstichstellen regelmäßig zu wechseln sind.

Die Ergebnisse einer neuen doppelblinden, placebokontrollierten, randomisierten Studie mit 353 Patienten, die an episodischer oder chronischer Migräne und einer Major Depression erkrankt sind, deuten darauf hin, dass der Antikörper neben der lindernden Wirkung auf Migräneattacken auch depressive Symptome positiv beeinflussen könnte. Als Major Depression werden schwere depressive Episoden bezeichnet, die mit starken depressiven Symptomen wie gedrückter Stimmung, Interessenverlust und vermindertem Antrieb einhergehen und häufig von Suizidgedanken und -handlungen begleitet werden.

In der Doppelblindphase erhielten je 50 % der Teilnehmenden entweder monatlich Fremanezumab (225 mg) oder Placebo. Um die depressiven Symptome zu beurteilen, wurde von den Wissenschaftlern die Hamilton-Depression-Rating-Skala (HDRS) verwendet. Die Hamilton-Depression-Rating-Skala (HDRS) ist eine Fremdbeurteilungsskala zur Einschätzung des Schweregrades einer Depression. Sie wurde 1960 von Max Hamilton eingeführt und bestand ursprünglich aus 17 Fragen (HDRS17). Andere Versionen enthalten 21 (HDRS21) oder 24 Fragen (HDRS24). Den Patienten werden unter anderem Fragen gestellt zu depressiver Stimmung, Schuldgefühlen, Suizidalität, Einschlafstörungen, gastrointestinalen Symptomen (z. B. Appetitverlust) oder allgemeinen körperlichen Symptomen (z. B. Kopfschmerzen).

In der Antikörper-Gruppe reduzierten sich im Vergleich zu Placebo die monatlichen Migränetage um −5,1 im Vergleich zu −2,9 in der Placebo-Gruppe. Außerdem kam es zu einem Rückgang um −6,0 Punkte im Vergleich zu −4,6 Punkten auf der HDRS in Woche acht. Die Wirkung hielt bis zum Ende der Studie nach zwölf Wochen an, mit einer Abnahme der HDRS um 6,7 Punkte gegenüber 5,4 Punkten in der Vergleichsgruppe.

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Wie genau der Antikörper die depressiven Symptomwerte verringert, ist noch nicht vollständig verstanden. Die Autoren vermuten einen indirekten Effekt, indem er die Migränehäufigkeit reduziert. Gleichzeitig könnte CGRP eine Rolle bei der Pathophysiologie von Depressionen spielen, da eine erhöhte CGRP-Aktivität im Gehirn bei depressiven Patienten nachgewiesen werden konnte - nicht jedoch bei Menschen mit Schizophrenie oder gesunden Kontrollpersonen.Die Studienergebnisse deuten laut den Autoren darauf hin, dass Fremanezumab nicht nur gegen die migränebedingten Kopfschmerzen hilft, sondern vielleicht auch gegen die psychische Belastung, die viele Migränepatienten zusätzlich haben. Insgesamt könnte sich also die Gesamtbelastung der Betroffenen deutlich verringern.

Computer Vision Syndrom (CVS) als potenzieller Auslöser von Kopfschmerzen

Durch die Digitalisierung ist die Bildschirmzeit stark angestiegen. Egal ob PC, Smartphone, TV oder Tablet, wir verbringen zunehmend mehr Zeit vor digitalen Bildschirmgeräten. Für unsere Augen bleibt das nicht ohne Folgen. Lange Zeiten vor dem PC können das Computer Vision Syndrom (CVS) auslösen, zu dessen Leitsymptomen Kopfschmerzen und Augenbrennen zählen. Laut Professor Dr. med. Wolf Lagrèze, Experte der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG), weisen Studien darauf hin, dass jeder Zweite, der Computer und Smartphones intensiv nutzt, unter CVS leidet.

Das Computer Vision Syndrom entsteht durch eine Überanstrengung der Augen, die vor allem durch lange Bildschirmzeiten verursacht wird. Sitzen wir längere Zeit vor einem Bildschirm und fixieren den Blick, verlangsamt sich unbewusst die Lidschlagfrequenz. Die Augen werden weniger gut mit Tränenflüssigkeit befeuchtet und der Tränenfilm wird instabil. In der Folge kommt es zu Augenbrennen und teils auch zu Kopfschmerzen.

Folgende Maßnahmen helfen, einem CVS vorzubeugen:

  • Regelmäßige PC-Pausen
  • In die Ferne schauen
  • Bewusstes Blinzeln oder Schließen der Augen für einige Sekunden
  • Weniger heizen und regelmäßig lüften, um die Luft feuchter zu halten

Neben dem CVS kann auch eine über die Jahre einsetzende Alterssichtigkeit Kopfschmerzen vor dem Bildschirm begünstigen. Das Sehen im Nahbereich wird mit dem Alter schwieriger, wodurch es zu Ermüdung und einem Druckgefühl im Kopf kommen kann. Neben den Nahbrillen gibt es auch Gleitsichtbrillen mit Nahteil. Der Nachteil einer Gleitsichtbrille: Der Träger sitzt sehr statisch, um die beste Schärfe auf dem Bildschirm beizubehalten. Durch die mangelnde Bewegung von Kopf und Wirbelsäule werden Fehlhaltungen begünstigt, die Kopfschmerzen triggern können. Lagrèze empfiehlt, sich eine extra Computerbrille anfertigen zu lassen, etwa als monofokale Brille für ungefähr 80 Zentimeter Sehentfernung.

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Wie das zuvor angeführte Beispiel der Alterssichtigkeit zeigt, sind nicht oder falsch korrigierte Fehlsichtigkeiten ein Grund für augenbedingte Kopfschmerzen. Die Augen werden überanstrengt und es kommt vor allem am Abend zu Kopfschmerzen. Auch ein nicht erkanntes Schielen kann, durch die verstärkte Anstrengung der Augenmuskeln zur Kompensation, ein Kopfschmerz-Auslöser sein. In der Regel verschwinden die Kopfschmerzen mit der passenden Sehhilfe.

Kopfschmerzen können begleitend zu verschiedenen Augenerkrankungen auftreten. Starke Kopfschmerzen können bei einem akuten Glaukom-Anfall - einem augenärztlichen Notfall - vorkommen. Auch eine Riesenzellarteriitis kann mit Kopfschmerzen und Sehstörungen einhergehen. Viel häufiger stecken Spannungskopfschmerzen oder Migräne hinter chronischen Kopfschmerzen.

Neue Wirkstoffkombination zur Akutbehandlung: Sumatriptan und Naproxen

Als wirk­samste Medikamente zur Akutbe­hand­lung gelten weiterhin Triptane. Eine neue Wirk­stoff­kombination mit einem Triptan und einem lang­wirk­samen Schmerz­mittel hat sich nach der aktualisierten Einschät­zung der Fachgesell­schaften als wirk­sam gezeigt. Die Deutsche Hirn­stiftung hat erst­mals eine patientenverständliche Version der Leitlinie erstellt. Je früher Sie ein Triptan bei einer Attacke einsetzen, desto besser die Wirkung - bei Migräne mit Aura aber erst, wenn die Kopf­schmerzen losgehen. Hilft ein Triptan-Wirk­stoff nicht ausreichend, kann es sinn­voll sein ein anderes Triptan auszupro­bieren.

Zahlreiche große Studien haben gezeigt: Bei einer akuten Migräne-Attacke sind Wirk­stoffe aus der Gruppe der Triptane am wirk­samsten, allen voran Eletriptan, Rizatriptan und Sumatriptan. Sie verengen die durch Migräne geweiteten Blutgefäße im Gehirn und sollten bei schweren Atta­cken zum Einsatz kommen, wenn Schmerz­mittel nicht ausreichend wirken. Einige der Triptane sind als Nasen­sprays oder Schmelz­tabletten erhältlich und daher bei Übel­keit eine gute Alternative zu Tabletten.

Seit Anfang April ist das verschreibungs­pflichtige Medikament Suvexx in Deutsch­land verfügbar, das das Triptan Sumatriptan mit dem lang­wirk­samen Schmerz­mittel Naproxen kombiniert. In Studien wirkte es besser als die einzelnen Substanzen. Einige Menschen sollten keine Triptane einnehmen: zum Beispiel jene mit Herz- und Gefäß-Erkrankung, einem bereits erlittenem Herz­infarkt oder Schlag­anfall sowie mit schweren Leber- oder Nierenerkrankungen. Beide Substanzen zeigten sich in Studien bei akuten Migräneatta­cken wirk­samer als ein Placebo. Sie können daher zum Einsatz kommen, wenn medizi­nische Einwände gegen den Einsatz von Triptanen bestehen oder diese nicht wirk­sam sind. Rimegepant ist gut verträglich.

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Alternative Strategien zur Reduzierung des Medikamenteneinsatzes

Wer den Einsatz von Medikamenten gegen Migräne verringern möchte, hat laut der aktualisierten Leit­linie mit verschiedenen Strategien gute Chancen - vor allem vorbeugend, aber auch während einer Attacke. Einzelne Studien wiesen etwa die Wirk­samkeit von Verfahren zur Nervens­timulation bei akuten Atta­cken nach: Die dafür nötigen kleinen Stimulations­geräte, die an der Stirn oder am Ober­arm selbst angewendet werden, müssen Migräne-Geplagte bislang allerdings selbst zahlen.

Biofeedback kann der Leit­linie zufolge auch der Vorbeugung von Migräne dienen. Alternativ empfiehlt sie Entspannungs­verfahren und kognitive Verhaltens­therapie und auch regel­mäßigen Ausdauer­sport. Die Leit­linie nennt auch Nahrungsergänzungsmittel zur Vorbeugung von Migräne − etwa Magnesium oder Vitamin B2. Der Wissens­stand dazu sei aber gering: Bei Magnesium sei die Studien­lage nicht eindeutig, es eigne sich in der Dosierung zweimal 300 Milligramm pro Tag aber für Betroffene, die eine Therapie mit einem Medikament nicht wünschen. Wer oft unter Migräne leidet, kann von Apps profitieren, die etwa Kopf­schmerz­tage­buch, Infos und Übungen bieten.

Vorbeugende Behandlung mit Medikamenten und neuen Wirkstoffen (Gepante)

Leiden Betroffene häufig und stark an Migräne, sodass die Lebens­qualität einge­schränkt ist und das Risiko eines Medikamenten­überge­brauchs besteht, kann laut der Leit­linie die Entscheidung für eine vorbeugende Behand­lung mit Medikamenten getroffen werden. Infrage kommen mehrere, gut erprobte Mittel aus der Behand­lung von Bluthochdruck, Epilepsie und Depressionen.

Die Leit­linie nennt auch zwei neuartige Wirk­stoffe aus der Gruppe der Gepante - eine Klasse von Medikamenten mit neuartigem Wirk­ansatz -, die zur Prophylaxe zugelassen und wirk­sam sind: Rimegepant zur Vorbeugung episo­discher Migräne sowie das seit März verfügbare Atogepant zur Vorbeugung episo­discher und chro­nischer Migräne. Gepante wirken nicht nur prophylaktisch, sondern lindern auch akute Migräne-Attacken. Gepante erweitern also die Therapieoptionen und ermöglichen maßgeschneiderte Behandlungen, vor allem für Migräne-Patienten mit bestimmten Vorerkrankungen. Zwar sei das neue Medikament vergleichsweise teuer, doch die Nebenwirkungen der Gepante - wie Übelkeit und Verstopfung - gelten in der Regel als gut verkraftbar.

Ubrogepant zur Linderung von Beschwerden in der Prodromalphase

Ein neuer Wirkstoff namens Ubrogepant lindert schon diese Beschwerden und sorgt dafür, dass die Kopfschmerzen ausbleiben. Die Erkenntnisse könnten vielen Migränepatienten tagelanges Leiden ersparen. Ubrogepant ist bisher nur in den USA zur Akutbehandlung von Migräne zugelassen.

Ein Forschungsteam hat sich die Zulassungsstudie für Ubrogepant in den USA noch einmal genauer angesehen und dabei entdeckt, dass der neue Wirkstoff auch die ganz frühen Symptome einer Migräne lindern kann. Diese Prodromalphase setzt schon Stunden bis Tage vor der eigentlichen Migräneattacke ein und verursacht mitunter starke Beschwerden. Spezielle Behandlungsmöglichkeiten fehlen bisher.

In der Zulassungsstudie nahmen die Teilnehmenden bei Verdacht auf eine Migräneattacke 100 Milligramm Ubrogepant oder Placebo ein. Bei rund 500 Probanden konzentrierten sich die Forschenden darauf, ob der Wirkstoff auch Vorboten der Migräne lindern konnte. Nach zwei Stundenließ in der Verumgruppe die Lichtempfindlichkeit um 19,5 Prozent nach, in der Placebogruppe um 12,5 Prozent. Auch die starke Müdigkeit linderte Ubrogepant signifikant besser als Placebo (27 Prozent versus 17 Prozent), ebenso wie Nackenschmerzen (29 Prozent versus 19 Prozent) und Geräuschempfindlichkeit (51 Prozent versus knapp 36 Prozent).

Christian Maihöfner, Chefarzt der Neurologischen Klinik am Klinikum Fürth, nennt das „klinisch bedeutsame Effekte“: Die Studie sei gut durchdacht und sehr gründlich. Es handele sich um eine der ersten guten Studien, die eine Besserung der Prodromalphase zeige. Der Wirkstoff Ubrogepant (Ubrelvy®) gehört zu den Migränetherapeutika aus der Klasse der Gepante und ist in den USA seit 2019 zur Akutbehandlung zugelassen. In Deutschland kommt seit Kurzem der verwandte Wirkstoff Atogepant (Aquipta®) sowohl für die Akutbehandlung als auch zur Prophylaxe zum Einsatz. Rimogepant (Vydura®) ist seit 2022 zugelassen.

Alle Substanzen sind Antagonisten am Rezeptor des Calcitonin gene related peptide (CGRP). Dieses entzündungsfördernde Neuropeptid wird aus den Nervenfasern des Trigeminusnervs freigesetzt und spielt eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Migräne.

Die Prodromalphase, also die Vorphase einer Migräne, setzt bei vielen Betroffenen bereits sehr früh ein. Sie kann von leichten Beschwerden wie Heißhunger, Unruhe oder Gereiztheit bis zu schwerer Fatigue, depressiven Verstimmungen, Übelkeit und Nackenschmerzen reichen und die Patienten stark einschränken. Bei 10 bis 15 Prozent der Migränepatienten folgt dann eine maximal einstündige Auraphase, die mit Sehstörungen, Schwäche und Missempfindungen in den Extremitäten, Sprachstörungen, Schwindel und Gangunsicherheit einhergehen kann und langsam einsetzt und abklingt. Erst dann macht sich der meist einseitige, oft pulsierende Migränekopfschmerz bemerkbar, der bis zu 72 Stunden anhalten und mit Übelkeit, Licht- und Geräuschempfindlichkeit gemeinsam auftreten kann.

Gelingt es, zum Beispiel mit Ubrogepant, die Migräneattacke in der Prodromalphase zu stoppen, kann das Betroffenen also mehrere Tage dauernde Beschwerden ersparen. Um eine Migräne zu behandeln, macht eine frühzeitige Einnahme der Medikamente immer Sinn. Als nächstes werden weitere Studien gebraucht, um sicher zu sein, dass Ubrogepant Migräne bereits in der Prodromalphase stoppen kann. Dann könnte man zukünftig Migräne nicht erst in der Akutphase behandeln, wie es weitgehend üblich ist.

Neu identifizierter Kommunikationsweg im Gehirn als möglicher Auslöser

Forscher haben nun einen neuen möglichen Auslöser für Migräne-Anfälle identifiziert. Etwa jeder zehnte Mensch, also Millionen Deutsche, leidet gelegentlich an Migräne, einer der häufigsten Formen von Kopfschmerzen. In etwa 25 Prozent der Fälle tritt eine Aura auf, die mit zusätzlichen Wahrnehmungsstörungen beim Hören und Sehen einhergeht. Frühere Forschungen haben darauf hingewiesen, dass diese Auren möglicherweise durch spontane Freisetzung von Glutamat und Kalium ausgelöst werden, die sich schnell über die Großhirnrinde oder das Kleinhirn ausbreiten. Dies führt zu vorübergehender Verringerung von Sauerstoffgehalt und Blutfluss im Gehirn und verursacht Wahrnehmungsstörungen.

Darüber hinaus werden während dieser Schübe kleine Proteine über das Nervenwasser im Gehirn freigesetzt, die wiederum Schmerzrezeptoren in sensorischen Nervenzellen außerhalb des Gehirns im Kopfbereich aktivieren. Allerdings war der genaue Mechanismus dieser Vorgänge bisher unklar.

Um den genauen Mechanismus dieser Vorgänge zu untersuchen, führte ein Forschungsteam unter der Leitung von Martin Rasmussen von der Universität Kopenhagen Experimente an Mäusen durch, die an Migräneschüben leiden. Die Neurologen verwendeten bildgebende Verfahren und führten Protein-Analysen mit einem Massenspektrometer durch, um die molekularen Prozesse im Gehirn der Tiere genauer zu untersuchen.

Laut einem Artikel im Fachmagazin Science haben Mediziner einen bislang unbekannten Kommunikationsweg entdeckt, über den das zentrale Nervensystem im Gehirn mit den Nervenzellen im restlichen Körper interagiert. Dieser Weg verläuft nicht über Synapsen, sondern über einen spezifischen Nervenknotenpunkt namens Ganglion trigeminale, der sich außerhalb des Gehirns an der Schädelbasis befindet und das Gehirn mit den Nervenzellen im Gesicht und Kopf verbindet.

Im Gegensatz zu anderen Bereichen des Gehirns ist an diesem speziellen Knotenpunkt, dem Ganglion trigeminale, die Blut-Hirn-Schranke durchlässig. Dies ermöglicht den Kontakt zwischen den peripheren Nervenzellen und den Proteinen im Hirnwasser, da der Protein-Mix ungehindert durch diese Lücke fließen kann. Die Mediziner haben festgestellt, dass bei einem Migräne-Anfall zwölf verschiedene Proteine ins Hirnwasser freigesetzt werden. Diese Proteine können an Schmerzrezeptoren auf den sensorischen Nervenzellen im Ganglion trigeminale binden. Ein bekanntes Protein in diesem Zusammenhang ist CGRP, das bereits mit Migräne in Verbindung gebracht wurde. Zudem wurden auch Proteine identifiziert, die mit anderen Schmerz-Erkrankungen assoziiert sind. Interessanterweise erfolgt dieser Mechanismus getrennt nach den Hirnhälften. Die Ergebnisse der Gehirnscans bei Migräne-Patienten bestätigen die Existenz dieses Mechanismus sowohl bei Mäusen als auch bei Menschen, wie Rasmussen und sein Team berichten.

Diese Erkenntnisse lassen darauf schließen, dass die freigesetzten Proteine für die Aura-Symptome und Schmerzen bei Migräne-Patienten verantwortlich sind. Dies könnte neue Möglichkeiten für die Entwicklung von Migräne-Medikamenten eröffnen, die an diesem Signalweg ansetzen. Forscher suchen bereits nach neuen Wirkstoffen, die das CGRP-Protein hemmen könnten. "Die Erforschung der Rolle dieser neu identifizierten Protein-Rezeptor-Paare könnte die Identifizierung neuer pharmakologischer Ziele ermöglichen, von denen die Mehrheit der Patienten profitieren könnte, die nicht auf die bisher verfügbaren Therapien ansprechen", erklärt Rasmussen.

Die neuen Erkenntnisse zum Signalweg könnten nicht nur für Migräne von Bedeutung sein, sondern auch für andere Krankheiten. Die Forscher vermuten, dass sie den primären Kommunikationskanal zwischen dem Gehirn und dem sensorischen Nervensystem identifiziert haben, der für die Entstehung von Migräne und möglicherweise auch für andere Kopfschmerzerkrankungen wichtig ist. In weiteren Studien soll nun untersucht werden, warum die Kopfschmerzen oft noch lange anhalten, obwohl die auslösende Proteinwelle im Gehirn abgeflacht ist.

Andrew Russo von der University of Iowa und Jeffery Iliff von der University of Washington betonen in einem begleitenden Kommentar zur Studie, dass noch viel über die grundlegende Rolle des Hirnwassers und des Transports von Flüssigkeiten und gelösten Stoffen bei neurobiologischen Prozessen zu entdecken ist.

Aquipta (Atogepant): Ein neues Medikament zur Migräneprävention

Das neue Schmerzmittel Aquipta ist seit März erhältlich und soll die Migränetage pro Monat in Rekordzeit senken. Eine neue Hoffnung für Patienten, die mit traditionellen Mitteln nur begrenzt Erleichterung finden.

Ein neues Medikament namens Aquipta (Atogepant) soll helfen, Migräne zu verhindern. Der US-Hersteller Abbvie hat das Präparat am 1. März auf den deutschen Markt gebracht. Wie das "Ärzteblatt" berichtet, wird Aquipta bei Patienten mit vier oder mehr Migränetagen pro Monat eingesetzt.

Aquipta blockiert einen wichtigen Botenstoff im Körper, der Migräne auslöst. Im Gegensatz zu gängigen Schmerzmitteln wie Ibuprofen, die vor allem akute Schmerzen lindern, greift Aquipta direkt in den Entstehungsprozess der Migräne ein. Das "Ärzteblatt" erklärt, dass diese neue Wirkstoffklasse eine vielversprechende Alternative zu herkömmlichen Mitteln darstellt.

In einer Studie mit 882 Patienten sank die durchschnittliche Anzahl der Migränetage pro Monat von acht auf drei bis vier Tage - während in der Placebogruppe fünf Tage verzeichnet wurden. Wie das "Ärzteblatt" berichtet, war die Wirkung von Aquipta bereits nach vier Wochen spürbar. Dies zeigt, dass das neue Medikament im Vergleich zu Ibuprofen, das oft nur kurzfristig wirkt, langfristig für eine deutliche Migränereduktion sorgen kann.

Im Vergleich zu älteren, unspezifischen Migräneprophylaxen, etwa mit Amitriptylin, Betablockern oder Flunarizin, wirkt Aquipta schneller und mit weniger Nebenwirkungen. Experten, unter anderem Christian Geber, der im "Ärzteblatt" zitiert wird, betonen, dass die tägliche Einnahme der Tablette nach vier Wochen zu einer spürbaren und langfristigen Verbesserung führt - ein Vorteil, den herkömmliche Schmerzmittel wie Ibuprofen nicht bieten. Auch die gängigen Mittel zur Migräneprophylaxe erreichen ihre volle Wirksamkeit erst nach drei Monaten, damit wirkt Aquipta wesentlich schneller.

Die Behandlung mit Aquipta reduzierte die durchschnittlichen Migränetage auf drei bis vier pro Monat, während es in der Placebogruppe fünf Tage pro Monat blieben. Aquipta wird einmal täglich als Tablette eingenommen und zeigt schon nach vier Wochen Wirkung.

Die positiven Rückmeldungen, wie sie im "Ärzteblatt" betont werden, lassen auf einen Fortschritt in der Migränebehandlung hoffen - vor allem für Patienten, die mit traditionellen Mitteln wie Ibuprofen oft nur begrenzt Erleichterung finden.

Risiken von Schmerzmitteln

Schmerzmittel sind weit verbreitet, bergen jedoch Risiken. Nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen, Naproxen und Diclofenac hemmen die Cyclooxygenasen COX-1 und COX-2, was Entzündungen, Schmerzen und Fieber reduziert. Allerdings können sie ernste Nebenwirkungen verursachen, darunter Magen-Darm-Beschwerden, erhöhtes Herzinfarktrisiko und Leberschäden.

Der Bremer Arzt Hans-Michael Mühlenfeld empfiehlt, Schmerzmittel nicht länger als drei bis vier Tage in Eigenregie einzunehmen und bei Unsicherheiten den Hausarzt zu konsultieren. Ibuprofen ist das meistgenutzte Schmerzmittel in Deutschland und gut verträglich, jedoch für Patienten mit Herzproblemen risikoreich. Naproxen eignet sich besser für diese Patienten, während Acetylsalicylsäure (Aspirin) gut untersucht, aber magenreizend ist. Paracetamol ist für leichte Schmerzen und Fieber geeignet, kann aber bei Überdosierung die Leber schädigen.

CGRP und seine Rolle bei Migräne

Schon vor 75 Jahren konnte nachgewiesen werden, dass die großen arteriellen und venösen Blutgefässe in den Hirnhäuten schmerzempfindlich sind - anders als das Hirngewebe selbst. Vor 25 Jahren wurden dann Neuropeptide, d.h. aus Nervenfasern freigesetzte Eiweißstoffe, identifiziert, die die Weite dieser Blutgefäße regulieren. Eine dieser Sustanzen war CGRP (das calcitonin gene-related peptide). CGRP gehört zu den am stärksten gefäßerweiternden Stoffen im Körper.

Die entscheidende Bedeutung von CGRP in der Entstehung der Migräne zeigte sich, als man im venösen Blut von Patienten in Migräneattacken erhöhte CGRP-Spiegel fand, die sich nach Beendigung der Migräne durch Sumatriptangabe wieder normalisierten. Diese Beobachtungen wurden bestätigt, als man durch Infusion von CGRP bei Patienten Migräneattacken auslösen konnte. CGRP wird u.a. in Nervenfasern des N. trigeminus gebildet und freigesetzt, wenn diese in der Migräneattacke aktiviert werden. Das freigesetzte CGRP bindet an CGRP-Rezeptoren in der Wand von Blutgefässen der Hirnhaut. Es kommt zur Blutgefäßerweiterung und gleichzeitig zur Sensibilisierung von Schmerzrezeptoren in der Blutgefäßwand.

Triptane binden an bestimmte Serotoninrezeptoren, die sich auf den Endigungen der Trigeminusfasern befinden und hemmen in der Migräneattacke die Freisetzung von CGRP. Es dauert noch einige Zeit, bis das bereits vorher ausgeschüttete CGRP abgebaut ist, die Blutgefässe sich wieder verengen und die Schmerzrezeptoren ihre normale (Un-)empfindlichkeit wiedererlangt haben. Dann ist für den Patienten zunächst die Migräne unterbrochen. Damit wird klar, dass auch Triptane umso schneller und stärker helfen, je früher man sie in der Attacke einnimmt und je weniger CGRP bereits ausgeschüttet wurde. Es wird jedoch auch verständlich, dass Triptane keineswegs Migräneattacken beenden. CGRP wird weiter gebildet, nur vorübergehend nicht freigesetzt. Das CGRP sammelt sich in den Trigeminusfasern an und wartet quasi nur darauf, dass die Triptane abgebaut sind. Die dann wieder mögliche und zum Teil massenhafte Freisetzung des CGRP führt bei den Patienten zum Wiederauftreten des Migräneschmerzes, dem sogenannten Wiederkehrkopfschmerz. Die erneute Einnahme eines Triptans ist dann meist wieder wirksam. Das ganze Spiel wiederholt sich solange, bis die Migräneattacke schließlich nach meist 4 bis 72 Stunden tatsächlich abklingt.

Als Alternative zu den Triptanen waren vor einigen Jahren Medikamente getestet worden, die nicht die Freisetzung von CGRP blockierten, sondern den CGRP-Rezeptor. Das freigesetzte CGRP fand damit in Migräneattacken keinen Angriffspunkt. Problem der Triptane ist, dass - auch wenn die Migräne beendet scheint - CGRP weiter gebildet wird und nach Abklingen der Triptanwirkung dann freigesetzt wird.

Monoklonale Antikörper zur Migräneprophylaxe

Bislang ist es nicht gelungen, auch in der Vorbeugung der Migräne ähnlich erfolgreich zu sein. Keines der heute eingesetzten vorbeugenden Medikamente wurde gezielt zur Migränevorbeugung entwickelt. Alle Medikamente waren zunächst für andere Krankheitsbilder eingesetzt worden, z.B. die Betablocker zur Blutdruckbehandlung und haben ein mehr oder weniger ungünstiges Nutzen-Nebenwirkungs-Verhältnis.

Aktuell werden klinische Studien durchgeführt, in denen monoklonale Antikörper zur Migränevorbeugung eingesetzt werden, die entweder das in Migräneattacken freigesetzte CGRP zerstören oder mit dem CGRP-Rezeptor dessen Angriffspunkt. Die Patienten werden gleichsam gegen Migräne passiv geimpft. Die Antikörper werden einmal im Monat unter die Haut injiziert. Die ersten Studienergebnisse sind vielsprechend -die Substanzen sind bei bislang guter Verträglichkeit deutlich wirksamer als Placebo. Was aber insbsondere für die Zukunft hoffen läßt, ist, dass in den veröffentlichten Phase-II-Studien eine kleine Gruppe von Patienten komplett migräneattackenfrei wurde.

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