Neuralgie des Nervus iliohypogastricus: Ursachen, Symptome und Therapie

Die Neuralgie des Nervus iliohypogastricus ist ein Schmerzsyndrom, das durch eine Schädigung oder Reizung dieses Nervs verursacht wird. Der Nervus iliohypogastricus entspringt dem Plexus lumbalis und innerviert sensible Fasern der Haut im Bereich des Unterbauchs und der Leiste. Motorische Fasern versorgen Teile der Bauchmuskulatur. In diesem Artikel werden die Ursachen, Symptome und Therapiemöglichkeiten dieser Neuralgie detailliert erläutert.

Anatomie und Funktion des Nervus iliohypogastricus

Der Nervus iliohypogastricus ist ein Nerv, der aus dem Plexus lumbalis entspringt, welcher sich aus den ventralen Ästen der Spinalnerven L1-L4 sowie dem N. subcostalis (Th12) zusammensetzt. Der Plexus lumbalis verläuft zwischen dem Musculus psoas major und dem Musculus psoas minor und versorgt diese Muskeln sowie den Musculus quadratus lumborum mit kurzen Nervenästen. Aus dem Plexus lumbalis entspringen die Nerven iliohypogastricus, ilioinguinalis, cutaneus femoris lateralis und femoralis an der Lateralseite des Musculus psoas.

Der Nervus iliohypogastricus tritt an der Lateralseite des Musculus psoas hervor und verläuft schräg über den Musculus quadratus lumborum und den Musculus iliacus. Anschließend durchbohrt er den Musculus transversus abdominis und verläuft zwischen diesem und dem Musculus obliquus internus abdominis weiter. Seine Endäste versorgen die Haut des Unterbauchs, der Leiste und des oberen Teils des Oberschenkels sowie Teile der Bauchmuskulatur.

Ursachen der Neuralgie des Nervus iliohypogastricus

Die Neuralgie des Nervus iliohypogastricus kann verschiedene Ursachen haben:

Iatrogene Schäden

Eine häufige Ursache ist die iatrogene Schädigung des Nervs, d.h. eine Verletzung im Rahmen medizinischer Eingriffe. Dazu gehören:

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  • Operationen im Leistenbereich: Insbesondere Leistenhernienoperationen können den Nervus iliohypogastricus verletzen oder einklemmen. Die offene Leistenhernien-OP führt signifikant häufiger zu chronischen Schmerzen als die laparoskopische Versorgung. Bei der Lichtenstein-Operation ist der chronische Schmerz die häufigste Komplikation, wobei Nervenschäden durch Verletzungen oder Kontakt mit alloplastischem Material mögliche Auslöser sind.

  • Narbenbildung: Narben nach Operationen im Unterbauch können den Nerv einklemmen oder reizen.

  • Intraoperative Dehnungsverletzung: Forciertes Ziehen am Bein bei Hüftprothesen kann den Nerv schädigen.

Traumatische Ursachen

Traumatische Ereignisse können ebenfalls zu einer Neuralgie führen:

  • Stumpfes Unterbauchtrauma: Direkte Kontusionen oder Psoashämatome können den Plexus lumbalis und somit auch den Nervus iliohypogastricus schädigen.

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  • Beckenringfrakturen und Azetabulumfrakturen: Diese können den Nerv durch Einklemmung oder Traktion schädigen.

Kompressionssyndrome

Eine Kompression des Nervs kann verschiedene Ursachen haben:

  • Retroperitoneale Hämatome: Hämatome im Retroperitonealraum, z.B. nach Flankentraumata, Ruptur eines Aortenaneurysmas oder als Komplikation von Antikoagulanzien, können den Plexus lumbalis komprimieren.

  • Raumforderungen im Bereich des Musculus psoas: Hämatome oder Abszesse im Musculus psoas können den Nerv komprimieren.

  • Aortenaneurysma und Iliakalarterienaneurysma: Diese können sowohl zu einer Druckschädigung als auch zu einer ischämischen Schädigung des Nervs führen.

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Tumoren

Tumoren im Bereich des kleinen Beckens können den Nervus iliohypogastricus durch Kompression oder Infiltration schädigen. Dazu gehören Tumoren des weiblichen Genitale, osteogene Tumoren des Beckens, retroperitoneale Tumoren (Lymphome), kolorektales Karzinom, Sarkome, Mammakarzinome, Nierentumoren, Tumoren der Nebennierenrinde und Neurofibrome des Plexus.

Ischämie

Eine ischämische Schädigung des Nervs kann durch Aortendissektionen, arteriosklerotisch bedingte Stenosen der Arteria iliaca interna oder ihrer Äste oder nach Ligatur der Arteria iliaca entstehen. Auch die intraarterielle Injektion vasotoxischer Substanzen in eine Glutealarterie kann zu einer toxischen Angiopathie mit Gefäßspasmen führen.

Entzündungen und Infektionen

Entzündliche und infektiöse Prozesse können ebenfalls eine Neuralgie verursachen:

  • Psoasabszess: Ein Abszess im Bereich des Musculus psoas kann den Nerv reizen oder komprimieren.

  • Neuroborreliose: Eine Infektion mit Borrelien kann zu einer Entzündung der Nervenwurzeln und somit auch des Nervus iliohypogastricus führen.

Sonstige Ursachen

Weitere seltene Ursachen sind:

  • Endometriose: Endometrioseherde im Bereich des kleinen Beckens können den Nerv reizen.

Symptome der Neuralgie des Nervus iliohypogastricus

Die Neuralgie des Nervus iliohypogastricus äußert sich typischerweise durch folgende Symptome:

  • Schmerzen: Die Schmerzen sind meist stechend, brennend oder ziehend und локализуются im Versorgungsgebiet des Nervs, d.h. im Unterbauch, in der Leiste und im oberen Teil des Oberschenkels. Die Schmerzen können chronisch oder anfallsartig auftreten und sich bei bestimmten Bewegungen oder Körperpositionen verstärken.

  • Sensibilitätsstörungen: Neben Schmerzen können auch Kribbeln, Taubheitsgefühle oder Missempfindungen im Versorgungsgebiet des Nervs auftreten.

  • Motorische Ausfälle: In seltenen Fällen kann es zu einer Schwäche der Bauchmuskulatur kommen, was sich z.B. durch Schwierigkeiten beim Aufrichten aus dem Liegen äußern kann.

Diagnose der Neuralgie des Nervus iliohypogastricus

Die Diagnose der Neuralgie des Nervus iliohypogastricus basiert auf folgenden Säulen:

  • Anamnese: Eine ausführliche Anamnese ist entscheidend, um die Art der Schmerzen, die Lokalisation, die Auslöser und eventuelle Vorerkrankungen oder Operationen zu erfragen.

  • Klinische Untersuchung: Bei der körperlichen Untersuchung wird das Versorgungsgebiet des Nervs auf Sensibilitätsstörungen und Druckschmerzhaftigkeit untersucht. Die Palpation des Leistenkanals kann Hinweise auf eine Nervenirritation geben.

  • Nervenleitgeschwindigkeitsmessung (NLG): Die NLG kann helfen, die Funktion des Nervs zu überprüfen und eine Schädigung nachzuweisen.

  • Bildgebende Verfahren:

    • Sonographie: Mit der dynamischen Ultraschalluntersuchung, insbesondere der Farbduplexsonographie, können Sportlerhernien sehr zuverlässig diagnostiziert werden.
    • MRT (Magnetresonanztomographie): Die MRT kann Raumforderungen, Hämatome oder andere Ursachen für eine Nervenkompression darstellen.
  • Diagnostische Infiltration: Eine Infiltration des Nervs mit einem Lokalanästhetikum kann zur Diagnosestellung beitragen, indem sie die Schmerzen vorübergehend lindert und somit die Diagnose bestätigt.

Differentialdiagnose

Es ist wichtig, die Neuralgie des Nervus iliohypogastricus von anderen Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen abzugrenzen:

  • Leistenhernie: Eine Leistenhernie kann ähnliche Schmerzen in der Leiste verursachen. Die klinische Untersuchung und die Sonographie können helfen, die Diagnose zu stellen.

  • Sportlerleiste (athletische Pubalgie): Die Sportlerleiste ist ein Schmerzsyndrom im Leistenbereich, das häufig bei Sportlern auftritt. Die Anamnese und die klinische Untersuchung sind wichtig, um die Diagnose zu stellen.

  • Iliopsoassyndrom: Eine Einklemmung oder Reizung des Musculus iliopsoas kann zu Leistenschmerzen und Taubheitsgefühlen im Oberschenkel führen.

  • Hüftgelenkserkrankungen: Hüftarthrose oder andere Hüftgelenkserkrankungen können in die Leiste ausstrahlen und ähnliche Symptome verursachen.

  • Radikulopathie: Eine Nervenwurzelreizung im Bereich der Lendenwirbelsäule kann ebenfalls zu Schmerzen in der Leiste und im Bein führen.

Therapie der Neuralgie des Nervus iliohypogastricus

Die Therapie der Neuralgie des Nervus iliohypogastricus richtet sich nach der Ursache und dem Schweregrad der Symptome.

Konservative Therapie

  • Schmerzmittel: Nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen oder Diclofenac können zur Schmerzlinderung eingesetzt werden.

  • Physiotherapie: Physiotherapeutische Maßnahmen können helfen, die Muskulatur zu entspannen, die Beweglichkeit zu verbessern und die Nerven zu entlasten.

  • Lokale Injektionen: Die Injektion von Lokalanästhetika und Kortikosteroiden in die Nähe des Nervs kann die Schmerzen lindern und die Entzündung reduzieren.

  • Nervenblockaden: Eine selektive Nervenblockade des Nervus iliohypogastricus kann zur Schmerzlinderung und zur Diagnosestellung eingesetzt werden.

Operative Therapie

  • Nervenfreilegung (Neurolyse): Bei einer Nervenkompression kann eine operative Freilegung des Nervs die Beschwerden lindern.

  • Neurektomie: In schweren Fällen, in denen konservative Maßnahmen nicht helfen, kann eine Neurektomie (operative Entfernung eines Teils des Nervs) in Betracht gezogen werden.

Spezifische Therapien bei bestimmten Ursachen

  • Psoasabszess: Ein Psoasabszess muss operativ ausgeräumt und drainiert werden. Zusätzlich ist eine gezielte Antibiose erforderlich.

  • Tumoren: Tumoren, die den Nerv komprimieren, müssen operativ entfernt oder bestrahlt werden.

  • Leistenhernie: Eine Leistenhernie sollte operativ versorgt werden, um die Kompression des Nervs zu beseitigen.

Rehabilitation

Nach der Akutbehandlung ist eine Rehabilitation wichtig, um die Muskulatur zu stärken, die Beweglichkeit zu verbessern und die Funktion des betroffenen Bereichs wiederherzustellen. Manuell therapeutisch gesehen, ist es empfehlungswert, eine Therapie zuerst anzufangen, nachdem die Narbe vollständig geheilt ist und die Faden entfernt worden sind (ca. 2 - 3 Wochen Postoperativ). Hier liegt der Schwerpunkt bei der Mobilisierung der oft durch Schonhaltung entstehenden Kontrakturen bzw. Verkürzung der folgenden Muskeln: Musculus Iliopsoas, Sartorius, Obliquus externes und Adduktoren, sowohl die Piriformis und Rectus femoris. Sanfte Triggerpoint-Behandlungen an den Ansätzen dieser Muskeln und Dehnungen helfen, die Vernarbungen und Verwachsungen zu lösen und die Mobilität zu verbessern.

Prävention

Einige Maßnahmen können helfen, einer Neuralgie des Nervus iliohypogastricus vorzubeugen:

  • Sorgfältige Operationstechnik: Bei Operationen im Leistenbereich sollte auf eine sorgfältige Operationstechnik geachtet werden, um den Nerv nicht zu verletzen.

  • Vermeidung von Traumata: Verletzungen des Unterbauchs sollten vermieden werden.

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