Neuritis Vestibularis: Ursachen, Diagnose und Behandlung von Dauerschwindel

Schwindel ist ein weit verbreitetes Symptom, das sich durch ein Gefühl der Unsicherheit im Raum äußert. Betroffene beschreiben Schwindelgefühle unterschiedlich, oft als Drehschwindel (Karussellgefühl) oder Schwankschwindel (wie auf einem Boot). Schwindel selbst ist keine Krankheit, sondern ein Symptom, das auf verschiedene zugrunde liegende Ursachen hinweisen kann. Eine häufige Ursache für Schwindel ist eine Erkrankung des Gleichgewichtsorgans im Innenohr. Die Neuritis vestibularis ist eine spezifische Form des Schwindels, die durch eine Entzündung des Gleichgewichtsnervs verursacht wird und zu anhaltendem Drehschwindel führen kann.

Was ist Neuritis Vestibularis?

Die Neuritis vestibularis, auch Entzündung des Gleichgewichtsnervs genannt, ist eine Erkrankung, die durch einen plötzlich auftretenden, intensiven Drehschwindel gekennzeichnet ist. Sie macht etwa 7% der Diagnosen in einer Spezialambulanz für Schwindel aus. Bei rund der Hälfte aller Patienten, die als Symptom Schwindel angeben, findet sich als Ursache eine Störung des Vestibularorgans (Gleichgewichtsorgans). Die Beschwerden sind unter der Bezeichnung „Entzündung des Gleichgewichtsnervs“ bekannt und werden aufgrund des plötzlich auftretenden, intensiven Drehschwindels als sehr unangenehm empfunden.

Definition

Neuritis vestibularis ist eine Entzündung des Nervs, der vom Gleichgewichtsorgan im Innenohr zum Gehirn verläuft. Bei einer Entzündung des Nervs werden die Impulse (Signale) gestört, die durch den Nerv geleitet werden. Diese gestörten Signale kann das Gehirn nicht wie üblich verarbeiten. Dadurch hat die betroffene Person das Gefühl eines Drehschwindels, der Gang wird unsicher.

Epidemiologie

Die Erkrankung tritt am häufigsten bei Erwachsenen im Alter zwischen 50 und 60 Jahren auf, wobei Frauen öfter betroffen sind als Männer. International treten etwa 13,6 Fälle pro 100.000 Einwohner auf. Die Neuritis vestibularis ist nach dem gutartigen Lagerungsschwindel und Morbus Menière die dritthäufigste Ursache für einen zuordenbaren Drehschwindel.

Ursachen der Neuritis Vestibularis

Die genaue Ursache der Neuritis vestibularis ist nicht vollständig geklärt. Es wird vermutet, dass die Erkrankung durch die Aktivierung eines Virus ausgelöst wird, den die meisten Menschen im Körper haben (Herpes-simplex-Virus), was zu einer Entzündung des Gleichgewichtsnervs (N. vestibularis) führt. Infolge der Entzündung gelangen die normalen Informationen des Organs nicht mehr zum Gehirn - es fällt quasi aus. Es wird vermutet, dass der Entzündung eine Infektion durch Viren zugrunde liegt (vermutlich Herpes-Viren). Als wahrscheinlich gilt eine Einschränkung der Mikrozirkulation im Rahmen einer Infektion mit neurotropen Viren. Hierfür spricht, dass in 60% der Fälle eine Reaktivierung der Herpes simplex Typ 1 Viren im Bereich des N.

Lesen Sie auch: Vestibularis-Neuritis: Alternative Behandlungsmethoden

Risikofaktoren

Risikofaktoren für Schwindel hängen von der Art des Schwindels ab. Höheres Lebensalter ist ein Risikofaktor für Gutartigen Lagerungsschwindel. Bestimmte anatomische Gegebenheiten im Innenohr begünstigen ebenfalls das Auftreten. Deshalb können auch junge Menschen daran erkranken. Solche Gegebenheiten können besonders weite oder enge Bogengänge sein. Für Vestibuläre Migräne, Morbus Menière und Episodische Ataxie Typ 2 spielt erbliche Veranlagung eine Rolle.

Symptome der Neuritis Vestibularis

Die Neuritis vestibularis manifestiert sich typischerweise durch einen plötzlichen und heftigen Drehschwindel, der über Tage anhalten kann. Zu den Hauptsymptomen gehören:

  • Anhaltender Drehschwindel: Ein schweres Krankheitsgefühl, es kommt zu einem heftigen, über Tage anhaltenden, Dauerdrehschwindel
  • Übelkeit und Erbrechen: fast immer begleitet von Erbrechen.
  • Nystagmus: Unfreiwillige Bewegungen der Augen können sichtbar sein (Nystagmus). Die Augen gleiten dabei zur gesunden Seite hin und springen dann wieder zurück.
  • Fallneigung: Fallneigung zur betroffenen Seite.
  • Verstärkung der Symptome: Die Intensität des Schwindelgefühls wird durch Lageänderungen und durch rasche Bewegungen noch gesteigert, die Beschwerden bleiben auch in Ruhe bestehen.
  • Keine Beeinträchtigung des Gehörs: Das Gehör ist bei der Entzündung des Gleichgewichtsnervs nicht beeinträchtigt.

Diagnose der Neuritis Vestibularis

Die Diagnose der Neuritis vestibularis basiert auf der Anamnese, der klinischen Untersuchung und dem Ausschluss anderer Ursachen für Schwindel.

Anamnese

Die Schilderung der typischen Symptome akuter Schwindel, Übelkeit und Fallneigung zu der betroffenen Seite sind wegweisend für die Diagnose. Jede Schwindeldiagnostik sollte mit einer ausführlichen Anamnese beginnen. Im Rahmen der Anamnese sollten die vier Hauptkategorien: Art des Schwindels, Zeitdauer des Schwindels, modulierende Faktoren und zusätzliche Faktoren erfasst werden. Nach Abfragen der wichtigsten Schwindelsymptome ist eine Einordnung des Schwindels meist schon gut möglich. Der von einer Neuritis vestibularis betroffene Patient berichtet typischerweise vom plötzlichen Auftreten eines Drehschwindels mit starker Übelkeit und Erbrechen. Zum Teil treten Oszillopsien auf. Der Schwindel wird meist durch Bewegung verstärkt, ist aber nicht lageabhängig. Typischerweise halten die Schwindelbeschwerden bei einem einseitigen Vestibularisausfall tagelang an.

Klinische Untersuchung

Eine körperliche Untersuchung inklusive neurologischer Befunderhebung wird durchgeführt, ebenso eine Untersuchung der Gehörgänge und des Trommelfells. Das Hörvermögen muss bei HNO-Ärzt*innen durch einen Hörtest abgeklärt werden, dort erfolgen auch ggf. weitere Tests. Bei einer Neuritis vestibularis ist das Hörvermögen normal. In der klinischen Untersuchung zeigt sich eine Gangabweichung und Fallneigung des Patienten zur betroffenen, kranken Seite. Zudem ist meist schon ein horizontal-rotierender Spontannystagmus ohne Frenzelbrille zu sehen.

Lesen Sie auch: Dosierung von Kortison bei Neuritis vestibularis

Apparative Diagnostik

Die Leitlinie empfiehlt, wenn beim Kopfimpulstest kein sicherer Befund erhoben werden konnte, die Durchführung einer Elektronystagmographie mit kalorischer Prüfung. In dieser zeigt sich bei einer Neuritis vestibularis eine Un- bzw. Untererregbarkeit des ipsilateralen horizontalen Bogenganges. Finden sich Hinweise auf eine zentrale Genese des Schwindels, so ist eine Bildgebung wie beispielsweise eine MRT-Untersuchung des Schädels oder auch eine Liquorpunktion bei Verdacht auf eine Hirnstammenzephalitis indiziert. Vestibulär evozierte myogene Potenziale (VEMPs) des M. sternocleidomastoideus, die die Sakkulusfunktion überprüfen sind in 30-50% der Fälle pathologisch.

Differentialdiagnosen

Es ist wichtig, andere Ursachen für Schwindel auszuschließen, insbesondere einen Schlaganfall. Dafür sind teilweise zusätzliche Untersuchungen notwendig. Mögliche weitere Ursachen sind:

  • gutartiger Lagerungsschwindel
  • Morbus Menière
  • Labyrinthitis
  • Akustikusneurinom
  • Hörsturz
  • Verletzungen
  • Schwindel durch Medikamente
  • multiple Sklerose
  • Migräne

Wichtige Differentialdiagnosen zur Neuritis vestibularis sind zentrale Ursachen wie beispielsweise Kleinhirninfarkte aber auch eine multiple Sklerose, ein Akustikusneurinom oder Läsionen der vestibulären Nervenkerne. Beim Vorliegen dieser Krankheitsbilder können unauffällige Kopfimpulstests oder auffällige Abdecktests den Verdacht auf eine zentrale Genese des Schwindels lenken.

Behandlung der Neuritis Vestibularis

Die Behandlung der Neuritis vestibularis zielt darauf ab, die Symptome zu lindern, den Krankheitsverlauf zu verkürzen und bleibende Folgen zu verhindern.

Akutphase

In den ersten Tagen kann die Gabe von Antiemetika (Medikamente gegen Übelkeit) und Antiverginosa (Medikamente gegen Schwindel) in Kombination mit Kortison sinnvoll sein. Nur innerhalb der ersten Tage und nur bei schwerer Übelkeit und Erbrechen sollten Antivertiginosa gegeben werden, da sie zur Verzögerung der zentralen Kompensation eines Vestibularausfalls führen. Die kausale Therapie der Neuritis vestibularis erfolgt mittels Glukokortikosteroiden. Eine prospektive, randomisierte, placebokontrollierte Studie konnte hierzu zeigen, dass eine Methylprednisolon Monotherapie zu einer signifikanten Verbesserung der Erholung der peripher vestibulären Funktion führt.

Lesen Sie auch: Symptome der Vestibularisneuritis erkennen

Rehabilitation

Anschließend ist es wichtig, frühzeitig ein Rehabilitationsprogramm zu beginnen:

  • Mobilisierung mit Schulung der Gleichgewichtsfunktion im Stehen und Gehen auf ebenen und unebenen Flächen
  • Training der Fähigkeiten zur Blickfixierung

Diese Aktivitäten verursachen zu Beginn erhöhtes Unwohlsein und Müdigkeit, werden aber auf längere Sicht die Symptome reduzieren, die Funktionsfähigkeit verbessern und zu einer schnelleren Heilung beitragen. Siehe auch Trainingsübungen bei Neuritis vestibularis. Manche Patient*innen benötigen eine besondere physiotherapeutische oder gleichgewichtstherapeutische Verlaufskontrolle. Die Experten der Leitlinie betonen, dass die Förderung der zentralen Kompensation durch physikalische Therapie ein wichtiges Therapieprinzip darstellt. Vestibuläre Trainingsprogramme umfassen beispielsweise willkürliche Augenbewegungen und Fixation. Dies trägt zur Verbesserung der gestörten Blickstabilisation bei. Auch aktive Kopfbewegungen zur Neueinrichtung des vestibulookulären Reflexes sind Teile des vestibulären Trainingsprogramms.

Medikamentöse Therapie

Bei akutem Schwindel darf man kein Kraftfahrzeug führen. Die Dauer des Fahrverbots hängt von der Art der Erkrankung ab. Bei einer Neuritis vestibularis können Medikamente akute Beschwerden wie Übelkeit oder Erbrechen lindern. Diese sollten Betroffene aber nur kurzzeitig nehmen. Die Mittel machen schläfrig und das verlangsamt die Heilungs- und Trainingsprozesse im Gehirn.

Prognose der Neuritis Vestibularis

Die Prognose ist im Allgemeinen sehr gut, die meisten Patientinnen erhalten ihren normalen Gleichgewichtssinn zurück. Die Mehrzahl der Patientinnen hat 1-2 Tage starke Beschwerden mit anschließend allmählicher Besserung. Eine Mobilisation der Patienten ohne Erbrechen sowie Gehen ohne Hilfestellung ist meist innerhalb von 3-4 Tagen möglich. Die Beschwerden klingen nach 2-4 Wochen langsam ab. Die Patienten benötigen oft 1-2 Monate Zeit, bis sie wieder voll arbeitsfähig sind und eine Beschwerdefreiheit erreicht wird. In 40-50% der Fälle tritt eine vollständige Restitution der Gleichgewichtsfunktion ein. 20-30% der Betroffenen erreichen nur eine partielle Restitution. In der Regel bilden sich die statischen Symptome wie der Spontannystagmus, Schwindel und die Fallneigung zurück, während die dynamischen Funktionsstörungen bestehen bleiben. Bei raschen Kopfbewegungen können z.B. Oszillopsien auftreten. Das Auftreten von Rezidiven der Erkrankung ist selten. Wenn es zum Auftreten von Rezidiven kommt, dann kommen sie in der Regel auf der vorher nicht betroffenen Seite vor. Dies betrifft etwa 1,9% der Fälle.

Komplikationen

10-15% der Neuritis vestibularis Patienten erleiden innerhalb von Wochen auf dem betroffenen Ohr einen typischen benignen paroxysmalen Lagerungsschwindel. Eine wichtige Komplikation der Erkrankung ist der Übergang der Neuritis vestibularis in einen phobischen Schwankschwindel.

Leben mit Neuritis Vestibularis

Viele Patienten mit Schwindel haben einen hohen Leidensdruck und sind im Alltag deutlich beeinträchtigt. Bei allen Schwindelursachen ist es daher wichtig, möglichst frühzeitig eine klare Diagnose zu stellen und mit der Behandlung zu beginnen. So lernen die Betroffenen, mit der Situation umzugehen. Bei länger anhaltenden Beschwerden ohne klare Diagnose kommt es häufig zu ängstlichem Vermeidungsverhalten. Die Betroffenen verzichten aus Angst vor dem Schwindel auf Sport, Bewegung und soziale Aktivitäten. In vielen Fällen ist systematisches Gleichgewichtstraining ein wichtiger Teil der Therapie.

Zusammenfassung

Die Neuritis vestibularis ist eine Entzündung des Gleichgewichtsnervs, die zu anhaltendem Drehschwindel, Übelkeit und Gleichgewichtsstörungen führt. Die Diagnose basiert auf der Anamnese, der klinischen Untersuchung und dem Ausschluss anderer Ursachen. Die Behandlung umfasst Medikamente zur Linderung der Symptome und ein Rehabilitationsprogramm zur Verbesserung der Gleichgewichtsfunktion. Die Prognose ist in der Regel gut, wobei die meisten Patienten ihren normalen Gleichgewichtssinn wiedererlangen. Es ist wichtig, frühzeitig einen Arzt aufzusuchen, um eine genaue Diagnose und eine angemessene Behandlung zu erhalten.

tags: #neuritis #vestibularis #dauerschwindel