Schwindel während der Schwangerschaft ist ein häufiges Problem, das viele werdende Mütter betrifft. Es gibt verschiedene Ursachen, Symptome und Behandlungen.
Was ist Schwindel?
Schwindel ist ein Gefühl von Unsicherheit im Raum. Alles dreht sich oder der Boden scheint zu schwanken. Es ist keine Krankheit, sondern ein Symptom für ein anderes körperliches oder psychisches Problem. Nahezu jeder dritte Mensch leidet irgendwann einmal in seinem Leben an Schwindel. Das Risiko steigt mit dem Alter.
Arten von Schwindel
Betroffene beschreiben unterschiedliche Arten von Schwindel:
- Drehschwindel: Die Umgebung oder man selbst scheint sich zu drehen, wie in einem Karussell.
- Schwankschwindel: Der Boden scheint zu schwanken, wie auf einem Schiff.
- Liftschwindel: Man fühlt sich nach unten oder oben gezogen, wie in einem Aufzug.
- Gangunsicherheit: Manche Menschen spüren Schwindel vor allem beim Gehen, haben das Gefühl umzufallen.
- Benommenheit: Schwindel kann sich als diffuse Benommenheit zeigen, etwa mit Schwarzwerden oder Flimmern vor den Augen oder verschwommenem Sehen.
Mögliche Begleiterscheinungen von Schwindel
- Übelkeit, Erbrechen
- Fallneigung, Stürze
- Angstgefühle, Herzklopfen
- Ohrgeräusche, Hörstörungen
Schwindel kann ohne erkennbare Auslöser einsetzen oder in bestimmten Situationen, zum Beispiel nach Kopfbewegungen. Der Schwindel hält - je nach Ursache - Sekunden, Stunden oder Tage an, manchmal auch dauerhaft. Er kann wiederholt auftreten oder über längere Zeit bestehen.
Ursachen von Schwindel in der Schwangerschaft
Schwindel während der Schwangerschaft entsteht durch Veränderungen des mütterlichen Organismus. Die Zusammensetzung der Hormone im Körper verändert sich. Der Bedarf an Sauerstoff und Nährstoffen nimmt zu. Der Körper muss sich auf ein wachsendes Blutvolumen einstellen.
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Einige der häufigsten Ursachen für Schwindel in der Schwangerschaft sind:
- Hormonelle Veränderungen: In der Schwangerschaft verändern sich die Hormone. Die Sexualhormone Östrogen sowie Progesteron geraten oft aus dem Gleichgewicht.
- Kreislaufveränderungen: Während der Schwangerschaft nimmt das Blutvolumen im Körper zu, um das wachsende Baby zu versorgen. Gleichzeitig sinkt der Blutdruck durch eine Entspannung der Blutgefäße. Der niedrige Blutdruck führt zu einer geringeren Durchblutung des Gehirns.
- Niedriger Blutzuckerspiegel: Durch einen erhöhten Bedarf an Nährstoffen kann der Blutzuckerspiegel während der Schwangerschaft schnell absinken (Absinken der Blutzuckerwerte unter 3,5 mmol/l (63 mg/dl)).
- Eisenmangel: Während der Schwangerschaft benötigt der Körper mehr Eisen, um zusätzliche rote Blutkörperchen zu produzieren, sodass das wachsende Baby ausreichend versorgt wird. Wenn nicht genügend Eisen aufgenommen wird, kann dies zu Blutarmut und damit Schwindel führen.
- Vena-cava-Syndrom: Dieses Syndrom tritt auf, wenn die wachsende Gebärmutter auf die untere Hohlvene drückt. Dadurch wird der Rücktransport von Blut zum Herzen gestört. Die Folge ist eine mangelhafte Blutversorgung des Gehirns, die sich durch Schwindel bemerkbar machen kann.
- Vestibuläre Migräne: Vestibuläre Migräne kann in einer Schwangerschaft gehäuft auftreten. Hierbei handelt es sich um eine Art von Migräne, die durch Schwindel und Gleichgewichtsstörungen gekennzeichnet ist. Die genauen Ursachen der vestibulären Migräne sind nicht bekannt, aber es wird angenommen, dass sie durch eine Störung im vestibulären System verursacht wird, das für das Gleichgewicht und die räumliche Orientierung verantwortlich ist. In der Schwangerschaft können hormonelle Veränderungen und der Anstieg von Östrogen und Progesteron die Entstehung von vestibulärer Migräne begünstigen. Darüber hinaus können Stress und Schlafmangel während der Schwangerschaft auch zur Entstehung von Migräne beitragen.
- Gutartiger paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPLS): Wenn sich Kristalle im Innenohr lösen und das Gleichgewichtssystem des Körpers beeinträchtigen, spricht man von einem gutartigen paroxysmalen Lagerungsschwindel.
- Morbus Menière: Eine weitere Erkrankung des Innenohrs ist der Morbus Menière.
- Schlafmangel, Müdigkeit oder Erschöpfung:
- Infekten: Schwindel bei Infekten (etwa grippale Infekte, COVID) kann Folge einer gestörten Kreislaufregulation sein. Dadurch kommt es zu einer verminderten Durchblutung des Gehirns. Insbesondere bei Bettlägerigkeit kann Schwindel nach dem Aufstehen vorkommen.
- Psychische Faktoren: So sollen etwa ein Drittel aller Schwindelanfälle im Alter auf Depressionen, Einsamkeit und Trauer zurückzuführen sein.
Neuritis vestibularis
Zum Schwindel nach der Geburt berichtet Dr. med. Dunja Voos: „Meiner persönlichen Erfahrung nach kommt es nach der Entbindung bei einigen Frauen zur Neuritis vestibularis, einer Entzündung bzw. einem Ausfall des Gleichgewichtsnerves auf einer Ohrseite. Diese Schwindelform wirkt besonders bedrohlich, weil sie mit extremem Drehschwindel, Übelkeit und Schweißausbrüchen verbunden ist. Der Schwindel setzt akut ein und macht die Betroffenen nahezu handlungsunfähig.
Wann tritt Schwindel in der Schwangerschaft auf?
Schwindel kann in jedem Trimester auftreten, ist aber am häufigsten in der frühen Schwangerschaft. In dieser Zeit erfolgen die größten Veränderungen im Körper der Frau. Der Hormonhaushalt stellt sich um, wodurch es zu Kreislaufproblemen oder Störungen des Gleichgewichtsorgans kommt. In der Regel lassen im zweiten Trimester die anfänglichen Beschwerden nach. Trotzdem kann es weiterhin zu Schwindel kommen, da das Blutvolumen weiter zunimmt und die Gefäße sich erweitern. Besonders bei einer Lageänderung. Im dritten Trimester kommt Schwindel wieder etwas häufiger vor.
Begleitsymptome
Schwindel kann während der Schwangerschaft in Verbindung mit einer Reihe anderer Symptome auftreten. Oftmals wird Schwindel begleitet von Übelkeit, Erbrechen und Kopfschmerzen. Typisch sind auch Müdigkeit oder Schlappheit. Symptome wie Gangunsicherheit, Ohrensausen oder Stürze können auf eine Störung des Innenohrs bzw.
Diagnose
Bei neuen Symptomen, so auch ungewohntem/neu aufgetretenem Schwindel, ist rasch ein Arzt oder eine Ärztin aufzusuchen. Erster Ansprechpartnerin kann der Frauenarzt/die Frauenärztin und/oder der Hausarzt*die Hausärztin sein. Diese können je nach Befund weitere fachärztliche Diagnostik veranlassen.
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Was der Arzt oder die Ärztin wissen muss
- Eine genaue Beschreibung des Schwindelgefühls: Wie fühlt es sich an? Kommt es zu Schweißausbrüchen? Gibt es besondere Auslöser? Gibt es Dinge, die den Schwindel lindern?
- Typische Dauer, Auslöser oder Begleitsymptome des Schwindels.
- Tritt der Schwindel anfallsweise auf oder hält er an?
- Bei länger anhaltenden Beschwerden kann ein sorgfältig geführter Schwindelkalender eine große Hilfe bei der Diagnose sein.
Untersuchung
Zunächst prüft man die Gang- und Standsicherheit, erschwert durch Stehen auf einem Bein oder den Seiltänzergang. Der vestibulo-okuläre Reflex lässt sich über den Kopfimpulstests prüfen. Ferner nutzt man eine Brille mit lupenartigen Gläsern. Die Patientin oder der Patient kann durch diese „Frenzelbrille“ keine Objekte fixieren. Auch erscheinen die Augen stark vergrößert.
Bei Kurz- oder Weitsichtigkeit und Augenkrankheiten wie Grauer Star ist manchmal eine sogenannte Video-Okulographie hilfreich. Dabei werden die Augenbewegungen dreidimensional aufgezeichnet.
Wenn die obigen Untersuchungen nichts ergeben haben, ist zur Klärung der Diagnose bildgebende Diagnostik erforderlich. Durch eine genetische Untersuchung weist man Erkrankungen wie die Episodische Ataxie Typ 2 nach oder andere Erkrankungen des Kleinhirns wie zum Beispiel das CANVAS-Syndrom, bei dem zusätzlich eine Polyneuropathie und eine bilaterale Vestibulopathie vorliegen.
Behandlungsmöglichkeiten für Schwindel in der Schwangerschaft
Die Behandlung von Schwindel richtet sich danach, welche Auslöser der Schwindel hat.
Vorbeugende Maßnahmen
Eine wichtige Maßnahme ist es, ausreichend Flüssigkeit zu sich zu nehmen, um eine Dehydration zu vermeiden. Außerdem sollten Sie darauf achten, regelmäßige Mahlzeiten einzunehmen, um den Blutzuckerspiegel stabil zu halten. Es wird auch geraten, sich nicht zu schnell zu bewegen oder aufzustehen. Eine leichte körperliche Betätigung wie Yoga, Pilates oder Schwimmen kann helfen, Schwindel vorzubeugen.
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Schwindel im Liegen und Sitzen
Eine gute Möglichkeit, Schwindel im Liegen oder Sitzen zu reduzieren, ist das Hochlegen der Beine. Legen Sie sich auf den Rücken und positionieren Sie ein oder zwei Kissen unter Ihre Füße, um den Blutfluss zum Herz zu verbessern.
Plötzlicher Schwindel
Wenn Sie unter plötzlich auftretendem Schwindel während der Schwangerschaft leiden, setzen oder legen Sie sich hin, um einen Sturz zu vermeiden. Versuchen Sie, sich zu entspannen und tief durchzuatmen, um Ihren Körper zu beruhigen. Trinken Sie etwas Wasser und, falls Sie seit Längerem nichts mehr gegessen haben, etwas Saft. Vermeiden Sie schnelle Bewegungen.
Starker oder anhaltender Schwindel
Im Fall von starkem oder anhaltendem Schwindel mit oder ohne Begleitsymptomen, wie zum Beispiel Bauchschmerzen, Gleichgewichtsstörungen, Sehstörungen oder Kopfschmerzen, können diesen auch ernste Ursachen zugrunde liegen.
Medikamentöse Behandlung
Bei schwerem, dauerhaften Schwindel kommen anfangs eventuell Medikamente gegen Symptome wie Übelkeit zum Einsatz. Bei einer Neuritis vestibularis können Medikamente akute Beschwerden wie Übelkeit oder Erbrechen lindern. Diese sollten Betroffene aber nur kurzzeitig nehmen. Die Mittel machen schläfrig und das verlangsamt die Heilungs- und Trainingsprozesse im Gehirn.
Gleichgewichtstraining
In einigen Fällen rät die Ärztin oder der Arzt, möglichst bald mit einem Gleichgewichtstraining zu beginnen. Spezielle Übungen trainieren den Gleichgewichtssinn. Sie werden idealerweise unter physiotherapeutischer Anleitung erlernt und dann selbstständig fortgesetzt. Das Training hilft dem Körper, die Störung im Geichgewichtssystem allmählich auszugleichen. Er gewöhnt sich an die veränderte Situation und kann Ausfälle nach und nach kompensieren. Die Schwindelgefühle lassen nach.
Hier sind einige Übungen, die Sie ausprobieren können:
- Arme strecken, Zeigefinger strecken: Arm bewegt sich langsam hin und her. Blick folgt Daumen, Kopf bewegt sich nicht.
- Arm ausstrecken, auf Daumen schauen: 10 x Kopf nach rechts und links drehen, dabei den Daumen anblicken.
- Arm nach rechts strecken, Daumen anschauen.
- Ball zwischen den Füßen platzieren.
- Ball neben dem Fuß, mit Arm diagonal aufheben: Blick dabei auf dem Ball.
- Punkt fixieren, dabei aufstehen und hinsetzen,10x.
- Gerade hinstellen, im Wechsel Zehen heben und Fersen abheben,10 x.
- Sicher stehen, Punkt fixieren: Ein Bein abheben und so lange wie möglich auf einem Bein stehen. 10 x pro Seite.
- Geradeaus gehen, Blick dabei auf Punkt fixieren.
- Auf gedachter Linie balancieren.
- Seitwärtsschritte.
Bitte zuerst im Sitzen üben, später erst im Stehen!
Weitere Tipps
Bei Schwindel durch psychische Auslöser kann Ablenkung durch Sport und Bewegung helfen. Der Körper lernt dadurch, den Schwindel zu kompensieren. Dabei sollten Betroffene mit ungefährlichen Aktivitäten beginnen, die das Gleichgewicht nicht zu sehr fordern. Gut geeignet sind zum Beispiel Nordic Walking und Spinning (Indoor Cycling). Ideal ist ein Gleichgewichtstraining bei Physiotherapeuten, die auf Gleichgewichtsprobleme spezialisiert sind (Vestibulartherapeuten).
Gegen Lagerungsschwindel sind gezielte Übungen oder Behandlungen wirksam: So kann der Arzt oder Physiotherapeut helfen, indem er den Kopf des Betroffenen in eine bestimmte Position dreht, so dass sich kleine Steinchen oder Kristalle aus den Bogengängen des Gleichgewichtsorgans bewegen können.
- Epley-Manöver zur Behandlung des linken hinteren Bogengangs: Aufrechte Sitzhaltung im Bett einnehmen. Den Kopf um 45 Grad nach links drehen. Nun schnell mit dem Rücken auf das Bett legen. Die leichte Überstreckung im Bereich der Halswirbelsäule und die 45-Grad-Haltung beibehalten. 30 Sekunden später (bis der Schwindel nachgelassen hat) den Kopf in überstreckter Haltung 90 Grad nach rechts drehen, ohne ihn dabei anzuheben. Die Position 30 Sekunden halten. Nun um weitere 90 Grad nach rechts drehen und dabei den ganzen Körper mitnehmen, sodass das Gesicht nach unten zeigt. Wieder 30 Sekunden warten, bis der Schwindel abgeklungen ist. Dann aufstehen, ohne sich wieder auf den Rücken zu drehen.
- Epley-Manöver zur Behandlung des rechten hinteren Bogengangs: Auf ein Bett setzen. Den Kopf um 45 Grad nach rechts drehen. Schnell zurücklegen. Den Kopf ein wenig nach hinten rechts überstrecken und 30 Sekunden halten, (bis der Schwindel nachgelassen hat). Dann 90 Grad nach links drehen, ohne den Kopf anzuheben und 30 Sekunden halten. Nun den Kopf unter Zuhilfenahme des ganzen Körpers um weitere 90 Grad nach links drehen, sodass das Gesicht nach unten zeigt 30 Sekunden halten, bis der Schwindel nachgelassen hat. Dann aufstehen, ohne sich auf den Rücken zurückzudrehen.
Gegen Lagerungsschwindel werden auch das sogenannte Semont-Manöver oder die Lagerungsschwindel-Übungen nach Brandt und Daroff empfohlen. Am besten lässt man sich die Bewegungsabfolge von einem Arzt oder Physiotherapeuten zeigen.
Zusammenfassung
Schwindel während der Schwangerschaft ist ein häufiges Symptom, das durch eine Kombination aus Veränderungen des Kreislaufs und des Hormonhaushalts verursacht wird. Schwindel in der Schwangerschaft ist in den meisten Fällen eine normale Erscheinung. Bei lang anhaltendem oder starkem Schwindel mit oder ohne Begleitsymptomen sollte jedoch immer ein Arzt aufgesucht werden. Der Arzt kann dann mögliche Ursachen untersuchen und gegebenenfalls weitere Maßnahmen zur Linderung empfehlen.
Wichtige Hinweise
- Schwindel kann viele Ursachen haben. Plötzlicher, also anfallsartiger, Schwindel, der in 1 bis 2 Minuten abklingt, deutet vor allem auf Gutartigen Lagerungsschwindel hin. Wenn der Schwindel länger als 24 Stunden anhält, liegt am ehesten eine Entzündung und der Ausfall eines Gleichgewichtsnerven vor (Neuritis vestibularis, auch Akute unilaterale Vestibulopathie genannt).
- Bei akutem Schwindel darf man kein Kraftfahrzeug führen. Die Dauer des Fahrverbots hängt von der Art der Erkrankung ab.
- Schwindel kann viele Ursachen haben. Die beschriebenen Beiträge sollen lediglich den Einstieg in das Thema Schwindel erleichtern, eignen sich jedoch keinesfalls zur Eigendiagnose und stellen auch keine medizinische Beratung dar. Wenden Sie sich bei Schwindelbeschwerden an eine fachkundige Stelle, um dann gegebenenfalls weitere Schritte einzuleiten.
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