Was macht das Smartphone mit dem Gehirn? Auswirkungen und Umgang

Smartphones sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Wir nutzen sie zum Lesen, Arbeiten, für soziale Kontakte und zur Navigation. Im Durchschnitt schauen wir 88 Mal pro Tag auf unser Handy-Display, was alle 18 Minuten passiert, wenn wir von einer 16-stündigen Wachphase ausgehen. Wir entsperren unser Smartphone durchschnittlich 53 Mal am Tag und verbringen täglich etwa 2,5 Stunden mit diesem digitalen Begleiter. Doch was macht diese ständige Nutzung mit unserem Gehirn?

Die Smartphone-Sucht: (Noch) keine anerkannte Diagnose

Interessanterweise gibt es zum jetzigen Zeitpunkt offiziell keine anerkannte Smartphone-Sucht. Weder im US-amerikanischen (DSM-5) noch im internationalen Diagnose-Katalog (ICD-11) wird das Handy als Suchtmittel aufgeführt. Prof. Dr. Christian Montag betont in seinem Buch „Homo Digitalis“ die Wichtigkeit der Abgrenzung zwischen Internet- und Smartphone-Sucht. Er argumentiert, dass sich beide Konzepte zwar teilweise überlappen, die Internetsucht aber insgesamt weiter gefasst werden kann.

Montag wirft die Frage auf, wonach Nutzer eigentlich süchtig sind: Ist es das Gerät selbst mit seinen vielfältigen Funktionen oder sind es spezifische Inhalte auf dem Smartphone? Er schlägt vor, dass das psychologische Konzept der operativen Konditionierung zum Verständnis der Entstehung einer Smartphone-Sucht beitragen könnte. Dabei wird ein spontan auftretendes Verhalten durch eine folgende Belohnung verstärkt oder durch eine Bestrafung vermindert.

Ein Beispiel: An einer Bushaltestelle wird die Wartezeit durch die Nutzung von Messengern und sozialen Medien verkürzt. Positive Nachrichten, schöne Fotos und Likes wirken als Belohnung. Das Gehirn speichert diese positiven Impulse und verstärkt das Verhalten, in Langeweile zum Handy zu greifen. Montag nennt diese Gewohnheit den „Smartphone-Reflex“.

Smartphone-Reflex abtrainieren

Eine Gewohnheit lässt sich jedoch auch wieder abtrainieren, was allerdings Willenskraft und Zeit erfordert. Im Durchschnitt dauert es etwa zwei Monate, um eine neue Gewohnheit zu erlernen oder eine alte zu verlernen. Prof. Montag rät, das Smartphone in dieser Zeit an einem schwer zugänglichen Ort aufzubewahren.

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Auswirkungen der Smartphone-Nutzung auf das Gehirn

Wie sich die Smartphone-Nutzung auf unser Gehirn auswirkt, ist bislang wenig erforscht. Prof. Montag konnte jedoch einige Forschungsergebnisse zusammentragen. Das Erlernen des Umgangs mit einem Smartphone kann Spuren in den Gehirnbereichen hinterlassen, die für die Bewegung und Koordination der Hände und Finger zuständig sind. Bei starken Smartphone-Nutzern wurde in einer Studie eine geringere Erregbarkeit des rechtsseitigen präfrontalen Kortex festgestellt.

Die Geschichte des Smartphones: Vom Ziegelstein zum Alleskönner

Motorola brachte 1983 das erste Mobiltelefon auf den Markt, das DynaTAC, besser bekannt als der Ziegelstein. IBM brachte 1994 mit dem Modell "Simon" das erste Mobiltelefon heraus, das man als eine Art Smartphone bezeichnen konnte. Das Blackberry gilt als erstes erfolgreiches Smartphone. Als es 1999 auf den Markt kam, entwickelte es sich schnell zum Statussymbol unter Managern. Im Jahr 2007 stellte Steve Jobs das erste iPhone vor, eine Kombination aus Mobiltelefon, iPod und Internet. Ende 2013 hatte bereits jeder fünfte Mensch auf der Erde ein Smartphone in der Tasche.

Sorgen um die Auswirkungen auf Arbeit, Beziehungen, Gesundheit und Gehirn

Nachdem die zwanghafte Beziehung zu den neuen Alleskönnern in der Hosentasche nicht mehr zu leugnen war, kamen neue Sorgen hinzu: Wie beeinflussen sie unsere Arbeit, unsere Beziehungen, unsere Gesundheit - und nicht zuletzt auch unser Gehirn?

Lange hielt sich in der Forschung die Annahme, erwachsene Gehirne blieben ein Leben lang unverändert. Hirnforscher konnten jedoch zeigen, dass sich das menschliche Hirn kontinuierlich verändert; sie sprechen dabei von neuronaler Plastizität. Das Gehirn bleibt ein Leben lang empfänglich für äußere Einflüsse.

Die "digitale Demenz" und der "Brain-Drain-Effekt"

Immer häufiger ist inzwischen der Begriff "Sucht" im Zusammenhang mit der oftmals obsessiven Nutzung von Smartphones zu hören. Ob die Smartphone-Sucht jedoch der klinischen Definition für die Abhängigkeit von Substanzen wie Alkohol und Opiaten entspricht, bleibt umstritten.

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Dieser Kreislauf hat auch neuropsychologische Folgen: Unsere Aufmerksamkeitsspannen werden kleiner. Viele Menschen sind kaum mehr in der Lage, sich auf eine längere Aufgabe zu konzentrieren oder in ein Buch zu vertiefen. Der Drang, aufs Handy zu schauen, ist einfach zu groß. Fachleute nennen das den "Brain-Drain-Effekt". Er basiert auf der Beobachtung, dass allein die Nähe eines Smartphones unsere kognitive Leistung schmälert. Denn unser Gehirn ist permanent damit beschäftigt, den Drang zum Griff nach dem digitalen Minicomputer zu unterdrücken - und das bindet Kapazitäten, die Konzentration wird stark beeinträchtigt.

Auch unser Gedächtnis leidet unter dem permanenten digitalen Konsum. Manfred Spitzer vertritt den Standpunkt, dass die übermäßige Nutzung von digitaler Technologie unser Kurzzeitgedächtnis beeinträchtigt. Der Neurowissenschaftler prägte dafür den Begriff "digitale Demenz".

Smartphones und die "große Neuverkabelung der Kindheit"

Stand die neue Technologie in ihren Anfangsjahren fast nur Erwachsenen zur Verfügung, haben heute auch Kinder flächendeckend Zugang zu Smartphones und Tablets. Rund 40 % der US-amerikanischen Kinder tragen bereits im Alter von zehn Jahren ihr eigenes Smartphone in der Tasche. Diese frühere Digitalisierung besorgt die Forscher. Denn junge Gehirne sind schneller und stärker formbar. In jungen Jahren bilden sich Synapsen - die Verbindungen zwischen Nervenzellen - schneller und zahlreicher aus, während nicht benötigte Verbindungen leichter abgebaut werden. Wie also wirkt sich die ständige Präsenz von Smartphones auf die neuronale Entwicklung aus?

Jonathan Haidt, Sozialpsychologe und Professor an der NYU Stern School of Business, spricht von der "großen Neuverkabelung der Kindheit". In seinem Bestseller Generation Angst beleuchtet er die Folgen dieser Entwicklung. Haidt argumentiert, dass die frühe intensive Nutzung von Smartphones, gepaart mit weniger Zeit zum Spielen, die Gehirnstruktur von Heranwachsenden grundlegend verändert. Besonders kritisch bewertet Haidt den Einfluss auf den präfrontalen Cortex. Dieser Bereich im Gehirn ist für die Impulskontrolle und rationales Denken zuständig und wird durch Smartphones in seiner Entwicklung gestört. Seit 2012, so bemerkt Haidt, nehmen Depressionen, Angstzustände und Selbstverletzungen bei jungen Menschen drastisch zu. Zwischen 2010 und 2015 stieg die Selbstmordrate bei 10- bis 14-jährigen Mädchen um 167 % und bei Jungen um 92 %. Haidt macht dafür den Siegeszug der Smartphones verantwortlich. Allerdings wurde sein Buch auch scharf kritisiert. Haidt wird vorgeworfen, dass er sich kleine, kaum aussagekräftige Studien herausgepickt hat und bloße Korrelationen mit Kausalität verwechselt. Seine Kritiker monieren außerdem, dass man die angesprochenen Krankheiten nicht so einfach auf eine einzige Ursache zurückführen kann. "Psychische Probleme sind komplex und haben oft mehrere Ursachen", warnt Heather Kirkorian, Entwicklungspsychologin und Professorin an der University of Wisconsin in Madison.

Technologiepanik: Ein wiederkehrendes Phänomen

Die gesellschaftliche Hysterie um moralische Fragen ("moral panic") ist kein neues Phänomen. Schon oft reagierte die Gesellschaft übertrieben und irrational auf vermeintliche Bedrohungen: Mitte des 20. Jahrhunderts warnten Kritiker vor dem Fernsehen, in den 1940er-Jahren vor dem Radio und bereits im 18. Jahrhundert vor Romanen. Im antiken Griechenland äußerte ­Sokrates sogar Bedenken gegen das Schreiben - er befürchtete, Menschen könnten sich durch das Aufschreiben weniger merken. Doch Smartphones und andere digitale Gadgets sind bei näherer Betrachtung eben doch anders als frühere Technologieinnovationen.

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Jenny Radesky, Assistenzprofessorin für Kinderheilkunde an der University of Michigan, hat beobachtet, dass sich die hohe Geschwindigkeit, mit der sich die Technologie weiterentwickelt, grundlegend von vorangegangenen Technologiewellen unterscheidet. "Ein Teil des Geschäftsmodells beruht darauf, sehr schnell groß zu werden und eine größtmögliche Anzahl von Nutzern zu erreichen", sagt sie. "Wir haben heute weniger Zeit, uns an eine neue Technologie anzupassen oder darauf zu warten, bis die Technologie sich an uns angepasst hat."

Amy Orben, Psychologin an der University of Cambridge, nennt das den "Sisyphuszyklus der Technologiepanik": "Da jede neue Technologie unabhängig von der vorherigen untersucht wird, beschäftigen sich Psychologen routinemäßig mit den immer gleichen Fragen. Sie rollen ihren Felsbrocken den Berg hinauf, investieren Mühe, Zeit und Geld, um die Auswirkungen einer neuen Technologie zu verstehen, nur um dann den Felsbrocken wieder den Berg hinunterrollen zu lassen, sobald die neue Technologie eingeführt ist", erklärt Orben.

Was können wir tun? Strategien für einen bewussteren Umgang

In den 2010er-Jahren war Tristan Harris Produktmanager bei Google. Er beobachtete mit Sorge, wie die Produkte, an denen er mitarbeitete, die Aufmerksamkeit der Nutzer kaperten. 2013 verfasste er einen Aufruf an seine Kollegen, in dem er mehr Respekt vor den Kunden einforderte. Im Jahr 2015 verließ Harris den Konzern und gründete die Bewegung "Time Well Spent" mit dem Ziel, Technologieunternehmen daran zu hindern, unseren Verstand zu kapern.

Tech-Konzerne wie Apple und Google haben zumindest schon ein wenig auf ihn gehört. Heute können Nutzer ihre wöchentliche "Bildschirmzeit" überprüfen oder sich vom Smartphone Hinweise zum "digitalen Wohlbefinden" geben lassen.

Wir können lernen, bewusster mit Smartphones umzugehen und unsere Aufmerksamkeit gezielter zu nutzen. Regierungen in Großbritannien und der EU gehen verstärkt gegen Anbieter von Social-Media-Plattformen und Smartphones vor. Die Unternehmen müssen mit hohen Strafen rechnen, wenn sie illegale Inhalte oder Desinformation nicht unterbinden. Auch das gezielte Ausspielen von Werbung an Kinder auf Basis ihrer persönlichen Daten kann Sanktionen nach sich ziehen. Zusätzlich müssen die Anbieter nun Studien zur psychischen Gesundheit von Kindern auf ihren Plattformen offenlegen.

In den Vereinigten Staaten überlassen Gesetzgeber den Schutz der Kinder weitgehend den Eltern. "Eltern tragen heute die Hauptlast im Kampf gegen milliardenschwere Anbieter - das ist problematisch", kritisiert Kirkorian. "Die Politik müsste eigentlich eingreifen, besonders wenn es um Privatsphäre und manipulatives Design geht. Denken Sie nur an die vielen Geschäftsbedingungen und Datenschutzregeln im Internet, denen sehr viele Nutzer oft zustimmen, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein."

Forschungsergebnisse und Expertenmeinungen

Professorin Nicole Wetzel erforscht im Kinderlabor in Magdeburg, wie sich Aufmerksamkeit, Lernen und das Gedächtnis von Kindern und Jugendlichen entwickeln und welche Spuren die Dauerpräsenz von Smartphones in unseren Köpfen hinterlässt. Ihr Team kontrolliert in Versuchen die Augenbewegungen der Testpersonen und misst die elektrischen Ströme im Gehirn mit Hilfe von EEGs. Die Ergebnisse zeigen, dass Kinder durch Störgeräusche, wie beispielsweise einHandyklingeln, in ihrer Leistung beeinträchtigt werden, insbesondere jüngere Kinder.

Wetzel betont, dass das Gehirn ein wandelbares Organ ist und sich durch Einflüsse von außen verändert. Wenn Menschen in jungen Jahren schnell von Handy-Nachrichten und Pieptönen abgelenkt sind, kann dies das tiefe Verstehen behindern.

Ablenkung durch Links

Das Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen (IWM) erforscht, wie Computer, Tablets und Internet Lernen und Lehren verbessern können. Psychologie-Professorin Ulrike Cress stellt klar, dass digitale Medien per se weder gut noch böse sind, sondern bestimmte Eigenschaften haben, die das Denken beeinflussen. Arbeitsgruppenleiter Peter Gerjets hat herausgefunden, dass Links in digitalen Texten Ablenkung bedeuten und die kognitive Belastung erhöhen. Das Gehirn springt an und benötigt Ressourcen, die auch zum Lernen wichtig sind.

Warnungen vor oberflächlichem Denken

Maryanne Wolf, Kognitions- und Literaturwissenschaftlerin, warnt davor, dass sich das Gehirn durch digitale Lesegewohnheiten daran gewöhnen könnte, flach und ungeduldig zu denken. Sie sieht die Gefahr, dass Menschen so einen Teil ihrer Fähigkeit zur Analyse komplexer Fragen verlieren.

Hirnforscher Martin Korte: Übergangszustand statt Revolution

Der Braunschweiger Neurobiologe Martin Korte sieht keinen Grund zur Panik. Er betont, dass das Gehirn eine alte Grundstruktur besitzt und wir uns in einem Übergangszustand befinden, in dem wir lernen müssen, mit einer neuen Technologie umzugehen. Korte warnt jedoch davor, zu viel Wissen auszulagern und das Konzentrationsvermögen zu vernachlässigen.

Manfred Spitzer und die "digitale Demenz"

Der Hirnforscher Prof. Manfred Spitzer warnt vor den negativen Auswirkungen von ausschweifender Handy- und Tabletnutzung auf die kognitive und emotionale Intelligenz sowie die sprachliche Entwicklung. Er verweist auf Studien, die zeigen, dass der Einsatz digitaler Medien im Unterricht nicht zu besseren Lernergebnissen führt.

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