Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die in Deutschland etwa 280.000 Menschen betrifft. Die Diagnose MS ist für viele Betroffene ein einschneidendes Ereignis, das ihr Leben von einer Sekunde auf die andere verändern kann. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die verschiedenen Aspekte der MS, von der Diagnose und den Symptomen bis hin zu den Behandlungsmöglichkeiten und dem Leben mit der Erkrankung.
Was ist Multiple Sklerose?
Die Multiple Sklerose ist eine Autoimmunerkrankung, bei der fehlgeleitete körpereigene Immunzellen die schützende Hülle von Nervenfasern (Myelin) und auch Nervenzellen direkt angreifen. Diese Entzündungsherde können im gesamten zentralen Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) auftreten, was zu einer Vielzahl von Symptomen und Verläufen führt. Die genauen Ursachen der MS sind bis heute nicht vollständig geklärt.
Die "Krankheit mit 1.000 Gesichtern"
„Die Multiple Sklerose ist eine Erkrankung mit 1.000 Gesichtern; den klassischen Fall gibt es nicht“, so Prof. Dr. Frank Weber, Chefarzt der Neurologie an den Sana Kliniken des Landkreises Cham. Die Erkrankung äußert sich bei jedem Menschen anders, was die Diagnose oft erschwert.
Diagnose der Multiplen Sklerose
Die Diagnose MS ist oft ein komplexer Prozess, da es keinen einzelnen "MS-Test" gibt. Stattdessen handelt es sich um eine Ausschlussdiagnose, bei der verschiedene Untersuchungen durchgeführt werden, um andere mögliche Ursachen für die Symptome auszuschließen.
Diagnostische Verfahren
- Magnetresonanztomographie (MRT): Entscheidend ist, dass sich Entzündungsherde an mehreren Stellen im Gehirn oder Rückenmark nachweisen lassen. Dafür wird eine Magnetresonanz-Tomographie (MRT) des Kopfes durchgeführt. Dabei handelt es sich um Arzneimittel, die den Kontrast zwischen Blutgefäßen und Gewebe verstärken. An aktiven Entzündungsstellen werden Blutgefäße aber durchlässig, damit Abwehrzellen die Entzündung bekämpfen können. An diesen Stellen kann Kontrastmittel ins Gewebe gelangen und auf den MRT-Bildern dort gesehen werden.
- Lumbalpunktion: Untersuchung des Nervenwassers, um Entzündungsmarker nachzuweisen.
- Messungen von Sehnerven (VEP) und Nervenbahnen (SEP): Diese Tests können helfen, die Funktion der Nervenbahnen zu beurteilen.
Symptome der Multiplen Sklerose
Die Symptome der MS sind vielfältig und können je nach betroffenem Bereich des zentralen Nervensystems variieren. Sie können plötzlich auftreten (Schübe) oder sich langsam entwickeln. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
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- Sensibilitätsstörungen: Kribbeln, Taubheitsgefühle oder Schmerzen in Armen und Beinen.
- Sehstörungen: Verschwommenes Sehen, Doppeltsehen oder Entzündung des Sehnervs (Optikusneuritis).
- Motorische Störungen: Muskelschwäche, Koordinationsprobleme, Gangunsicherheit oder Spastik.
- Fatigue: Chronische Müdigkeit und Erschöpfung.
- Blasen- und Mastdarmstörungen: Inkontinenz oder Schwierigkeiten beim Entleeren.
- Kognitive Störungen: Gedächtnisprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten oder Schwierigkeiten beim Planen und Organisieren.
- Augenzittern (Nystagmus): Unkontrollierte Augenbewegungen.
MS-Schübe
Charakteristisch für die MS sind die sogenannten Schübe. Ein Schub bezeichnet das Auftreten neuer oder das Wiederaufflammen bereits bekannter Symptome. Ein Schub ist in der Regel ein Zeichen von Krankheitsaktivität. Der Körper signalisiert: Die MS ist klinisch aktiv. Die Symptome eines Schubes können sehr unterschiedlich sein, je nachdem, wo die Schäden im zentralen Nervensystem liegen.
Uhthoff-Phänomen
Eine vorübergehende Verschlechterung der MS-Symptome bedeutet nicht immer, dass ein Schub vorliegt. Es kann auch das sogenannte Uhthoff-Phänomen sein, eine Form des MS-Pseudoschubs. Ihm liegt eine Erhöhung der Körpertemperatur zugrunde, ausgelöst z. B. durch eine Infektion oder Erkältung mit Fieber, ein heißes Bad oder einen Saunabesuch. Man nimmt an, dass durch die erhöhte Temperatur die Leitfähigkeit der Nervenbahnen verringert wird.
Verlaufsformen der Multiplen Sklerose
Bei der MS lassen sich aufgrund klinischer Befunde verschiedene Formen abgrenzen:
- Schubförmig-remittierende MS (RRMS): Dies ist die häufigste Form, bei der es immer wieder zu Schüben kommt, gefolgt von Phasen der Remission, in denen sich die Symptome ganz oder teilweise zurückbilden. Zu Beginn der Krankheit ist das bei 85 Prozent so und die Betroffenen haben durchschnittlich alle zwei bis drei Jahre einen Schub.
- Sekundär progrediente MS (SPMS): Bei etwa 15 Prozent der Betroffenen geht die schubförmige MS später in eine sekundär progrediente Multiple Sklerose über. Die Symptome zwischen den Schüben bilden sich nicht mehr zurück oder verstärken sich über die Zeit.
- Primär progrediente MS (PPMS): Bei etwa 15 Prozent der Betroffenen gibt es von Beginn an keine Schübe, sondern eine langsame Zunahme der Beschwerden.
Zusätzlich wird bei jeder Form bewertet, ob sie entzündlich aktiv oder nicht aktiv ist.
Behandlung der Multiplen Sklerose
Obwohl die MS nicht heilbar ist, gibt es verschiedene Behandlungsmöglichkeiten, die den Verlauf der Erkrankung günstig beeinflussen und die Symptome lindern können.
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Akuttherapie von Schüben
Um die Beschwerden bei einem Schub schneller abklingen zu lassen, wird meist Cortison als Infusion oder Tablette eingesetzt. Seltener und unter bestimmten individuellen Voraussetzungen kann auch eine Blutwäsche (Plasmapherese) zur Anwendung kommen. Dabei entfernt man jene körpereigenen Immunzellen, die die Entzündung verursachen.
Immuntherapie
Einfluss auf den Langzeitverlauf der Multiplen Sklerose nimmt man mit einer sogenannten Immuntherapie. Hier hat es in den vergangenen zehn Jahren große Fortschritte bei der Entwicklung von Medikamenten gegeben. Die Immuntherapie beeinflusst bei MS das fehlgesteuerte Immunsystem, indem sie dieses verändert (immunmodulierend) oder dämpft (immunsuppressiv). Am wirksamsten sind speziell entwickelte Antikörper. Sie verhindern das Eindringen von bestimmten Immunzellen ins Gehirn oder reduzieren ihre Konzentration im Blut. Dadurch können diese Zellen keine Entzündungen mehr auslösen. Mittlerweile gibt es gut 20 Immuntherapie-Mittel (Stand: April 2023), einige davon auch für die sekundär oder primär progrediente MS. Das ermöglicht weitgehend individuell zugeschnittene Behandlungspläne.
Ob man eine Immuntherapie beginnt und mit welchem Medikament, hängt an einer Vielzahl von Faktoren. Dabei geht es um Aspekte wie Krankheitsverlauf, Familienplanung oder das individuelle Risikoprofil. Grundsätzlich wird empfohlen, bei allen Menschen mit MS eine Immuntherapie zu beginnen. Zu der Frage, wann der beste Zeitpunkt dafür ist, gibt es unterschiedliche Meinungen.
Medikamentöse Behandlungen
Einige der Medikamente, die zur Behandlung der MS eingesetzt werden, sind:
- Interferone: 30µg i.m., 22µg s.c., 44µg s.c.
- Glatirameracetat: 20mg s.c., 40mg s.c.
- Teriflunomid: 14mg p.o.
- Fumarate: 120mg p.o., 240mg p.o., 462mg p.o.
- Siponimod: 0,5mg p.o., 1mg p.o., 2mg p.o. (CYP2C9 *1/*3 und *2/*3: 1 mg p.o.)
- Natalizumab: 300mg i.v.
- KI: Überempfindlichkeit, chronische Infektion, Malignom, Z.n. Organtransplantation, Z.n.
- Ocrelizumab: Initialdosis: 2-mal 300mg i.v. Folgedosis: 600mg i.v. ODER 920mg s.c.
- KI: Überempfindlichkeit, aktive Infektionen (v.a.
- Alemtuzumab: Initialdosis: 12mg i.v.
- UAW: sekundäre Autoimmunität (Schilddrüse, ITP, Glomerulonephritis, Good-Pasture-Syndrom), Herpesinfektion, opportunistische Infektionen (insb.
- Cladribin: Initialdosis: 150mg i.v. und 450mg i.v. Folgedosis: 450mg i.v. 1. Jahr: 12mg i.v. 2. Jahr: 12mg i.v.
- Rituximab: Initialdosis: 2-mal 1000mg i.v. Folgedosis: 500-1000mg i.v.
- KI: Überempfindlichkeit, aktive Infektionen (v.a.
Es ist wichtig zu beachten, dass diese Medikamente Nebenwirkungen haben können und die Behandlung individuell auf den Patienten abgestimmt werden muss.
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Nicht-medikamentöse Therapien
Neben der medikamentösen Therapie spielen auch nicht-medikamentöse Therapien eine wichtige Rolle bei der Behandlung der MS. Dazu gehören:
- Physiotherapie: Zur Verbesserung der Beweglichkeit, Kraft und Koordination.
- Ergotherapie: Zur Verbesserung der Alltagskompetenzen und zur Anpassung der Umgebung an die Bedürfnisse des Patienten.
- Logopädie: Zur Behandlung von Sprach- und Schluckstörungen.
- Psychotherapie: Zur Unterstützung bei der Bewältigung der psychischen Belastung durch die Erkrankung.
Lebensstil-Anpassungen
Im täglichen Leben gibt es einiges, dass die Multiple Sklerose günstig beeinflussen kann.
- Regelmäßige körperliche Aktivität: Ein Spaziergang oder eine Wanderung, eine Fahrradtour oder ähnliche Aktivitäten im Freien haben außerdem gleich mehrere positive Effekte: Man bewegt sich und kann schon durch kurzen, aber regelmäßigen Aufenthalt in der Sonne etwas gegen einen Vitamin-D-Mangel tun. Aber auch gezieltes Training ist wichtig. Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) bietet weitergehende Informationen zu MS und Sport sowie ein spezielles MS-Funktionstraining an.
- Gesunde Ernährung: Selbst zubereitete Mischkost mit viel Obst und Gemüse, Fisch und Vollkornprodukten, aber wenig Zucker und Salz, tierischen Fetten und Zusatzstoffen (wie in verarbeiteten Lebensmitteln) hat positive Effekte.
- Nichtrauchen: Rauchen ist ein Risikofaktor und die Betroffenen sollten alles daran setzen, die Nikotinsucht zu überwinden.
Leben mit Multipler Sklerose
Die Diagnose MS kann das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen stark beeinflussen. Es ist wichtig, sich über die Erkrankung zu informieren, Unterstützung zu suchen und Strategien zu entwickeln, um mit den Herausforderungen des Alltags umzugehen.
Unterstützung und Informationen
- Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG): Die DMSG bietet umfassende Informationen, Beratung und Unterstützung für Menschen mit MS und ihre Angehörigen. Sie organisiert Veranstaltungen, Selbsthilfegruppen und bietet eine kostenlose Telefonberatung an.
- MS-Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Betroffenen kann sehr hilfreich sein, um Erfahrungen zu teilen, sich gegenseitig zu unterstützen und neue Perspektiven zu gewinnen.
Bewältigungsstrategien
- Akzeptanz der Erkrankung: Es ist wichtig, die Diagnose MS zu akzeptieren und sich mit der Erkrankung auseinanderzusetzen.
- Realistische Ziele setzen: Es ist wichtig, sich realistische Ziele zu setzen und die eigenen Grenzen zu akzeptieren.
- Stressmanagement: Stress kann die Symptome der MS verschlimmern. Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation oder autogenes Training können helfen, Stress abzubauen.
- Soziale Kontakte pflegen: Soziale Kontakte sind wichtig für das Wohlbefinden und können helfen, Isolation und Depressionen vorzubeugen.
- Professionelle Hilfe suchen: Bei Bedarf kann professionelle Hilfe durch einen Psychologen oder Therapeuten in Anspruch genommen werden.
MS und Familie
Multiple Sklerose steht grundsätzlich weder einer Ausbildung noch der Berufsausübung, Freundschaften, Sport, sozialen Kontakten oder der Gründung einer Familie im Wege. Während der Schwangerschaft nimmt die Wahrscheinlichkeit für einen Schub ab. In den ersten drei Monaten nach der Geburt nimmt sie zu. Stillen scheint vor Schüben zu schützen. MS-Medikamente können sich auf das ungeborene Kind auswirken, weswegen besondere Vorsicht geboten ist. Nicht jedes Medikament darf in der Schwangerschaft gegeben werden. Eine Schwangerschaft sollte daher möglichst in einer stabilen Phase der Erkrankung geplant und Medikamente eher abgesetzt werden - zumal sie, wie oben beschrieben, einen gewissen Schutz vor Schüben bietet. Die Therapie eines schweren Schubes mit Kortison ist in der Schwangerschaft ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel möglich. Wenn Kortison im ersten Schwangerschaftsdrittel gegeben wird, besteht ein erhöhtes Risiko, dass das Kind mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte geboren wird. Die meisten Immuntherapien werden allerdings über die Muttermilch an den Säugling weitergegeben, was die Entscheidung über einen Therapiebeginn verkompliziert.