Hämangiome, umgangssprachlich auch Blutschwämmchen oder Erdbeerflecken genannt, sind gutartige Blutgefäßtumoren, die besonders bei Säuglingen und Kleinkindern auftreten. Obwohl sie in vielen Fällen keine Behandlung erfordern, da sie sich im Laufe der Zeit von selbst zurückbilden, ist bei bestimmten Lokalisationen oder schnellem Wachstum ein frühzeitiges ärztliches Eingreifen notwendig. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über Hämangiome, ihre Diagnose, verschiedene Behandlungsstrategien und die Bedeutung einer interdisziplinären Betreuung.
Was sind Hämangiome?
Hämangiome sind gutartige Gefäßneubildungen der Haut, die häufig in den ersten Lebenswochen und Monaten auftreten. Sie sind die häufigsten Tumoren im Säuglingsalter und treten bei bis zu 10 % der reifgeborenen Kinder und bis zu 30 % der Frühgeborenen auf. Mädchen sind etwa dreimal häufiger betroffen als Jungen, und es gibt Hinweise auf eine familiäre Häufung.
Man unterscheidet zwischen kongenitalen und infantilen Hämangiomen. Infantile Hämangiome entwickeln sich in den ersten Lebenswochen als kleiner, rötlicher Punkt oder Fleck und wachsen in den folgenden Wochen rasch. Dieses Wachstum verlangsamt sich in der Regel um den sechsten Lebensmonat, bevor es zu einem Wachstumsstopp kommt. Anschließend beginnt die natürliche Rückbildung, die mehrere Jahre dauern kann. Kongenitale Hämangiome hingegen sind bereits bei der Geburt ausgereift.
Ursachen und Entstehung
Die genauen Ursachen für die Entstehung von Hämangiomen sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird vermutet, dass eine Kombination aus genetischen und umweltbedingten Faktoren eine Rolle spielt. Hämangiome entstehen durch eine übermäßige Proliferation von Endothelzellen, die die innerste Schicht der Blutgefäße auskleiden. Diese Zellen bilden ein dichtes Netzwerk von Blutgefäßen, das als Hämangiom sichtbar wird.
Diagnosestellung
Die Diagnose eines Hämangioms wird in der Regel anhand des klinischen Erscheinungsbildes gestellt. Klassische infantile Hämangiome sind oft schon bei der Geburt nicht oder nur schwer zu erkennen. Sie wachsen in den ersten Lebenstagen oder -wochen in Schüben, wobei sich auf der Haut eine unregelmäßige Schwellung mit himbeerroter Oberfläche bildet. Es gibt aber auch Hämangiome unter der Hautoberfläche, die nur eine Schwellung verursachen, oder gemischte Formen.
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Zur Diagnosestellung und zur Abgrenzung von anderen Gefäßfehlbildungen können folgende Untersuchungen durchgeführt werden:
- Klinische Untersuchung: Beurteilung des Aussehens, der Größe und der Lokalisation des Hämangioms.
- Sonographie (Ultraschall): Darstellung der Blutgefäße und der Gewebestruktur des Hämangioms.
- Magnetresonanztomographie (MRT): Detaillierte Darstellung des Hämangioms und seiner Umgebung, insbesondere bei tieferliegenden oder komplexen Hämangiomen.
- Echokardiographie (Herzultraschall): Vor einer Propranololtherapie, um angeborene Herzerkrankungen auszuschließen.
- EKG (Elektrokardiogramm): Vor einer Propranololtherapie, um Herzrhythmusstörungen auszuschließen.
- Laborwerte: Vor einer Propranololtherapie, um den allgemeinen Gesundheitszustand des Kindes zu beurteilen.
Es ist wichtig, Hämangiome von anderen Gefäßfehlbildungen (vaskulären Malformationen) abzugrenzen, da diese unterschiedliche Behandlungsansätze erfordern. Vaskuläre Malformationen bestehen bereits bei der Geburt und bilden sich im Laufe der Zeit nicht zurück. Man unterscheidet kapilläre, venöse, arteriovenöse und lymphatische Malformationen.
Behandlung von Hämangiomen
Die Behandlung von Hämangiomen ist abhängig von verschiedenen Faktoren, wie z.B. dem Alter des Kindes, der Lokalisation, der Größe und der Wachstumsgeschwindigkeit des Hämangioms. Viele Hämangiome bilden sich ohne Behandlung von selbst zurück, so dass ein beobachtendes Vorgehen (''wait and see'') oft ausreichend ist.
Es gibt jedoch auch Fälle, in denen eine aktive Behandlung erforderlich ist, insbesondere wenn das Hämangiom:
- sich in einer problematischen Lokalisation befindet (z.B. im Gesichtsbereich, an den Lippen, an den Händen, Füßen oder Genitalien)
- zu funktionellen Einschränkungen führt (z.B. Beeinträchtigung des Sehens, der Atmung oder der Nahrungsaufnahme)
- kosmetisch störend ist
- schnell wächst
- blutet oder sich infiziert
Folgende Behandlungsoptionen stehen zur Verfügung:
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- Beobachtendes Vorgehen (''Wait and See''): Kleine Hämangiome mit unproblematischer Lokalisation und Verlauf werden beobachtet, um die natürliche Rückbildung abzuwarten.
- Kryotherapie (Vereisungstherapie): Bei oberflächlichen Hämangiomen kann eine Kältebehandlung mit einem Kältestift durchgeführt werden. Dabei wird die Kryosonde für einige Sekunden auf das Hämangiom gehalten, wodurch eine Wirkung bis zu einer Eindringtiefe von ca. 2-4 mm erreicht wird. Die Kontaktkryotherapie kann einen vorzeitigen Wachstumsstopp erzielen. Mehrfache Behandlungen sind möglich.
- Lasertherapie: Insbesondere die Farbstofflasertherapie kann bei oberflächlichen Hämangiomen eingesetzt werden, um die Blutgefäße zu veröden. Die Eindringtiefe ist jedoch begrenzt.
- Medikamentöse Therapie mit Propranolol: Propranolol ist ein nicht-selektiver Betablocker, der ursprünglich zur Behandlung von Herzkreislauferkrankungen eingesetzt wurde. Seit 2008 wird Propranolol auch zur Behandlung von Hämangiomen eingesetzt, insbesondere bei Hämangiomen mit kritischer Lokalisation oder schnellem Wachstum. Propranolol führt zu einem vorzeitigen Wachstumsstopp und einer beschleunigten Rückbildung des Hämangioms. Die Behandlung erfolgt in der Regel über einen Zeitraum von sechs bis acht Monaten. Kinder, die mit Propranolol behandelt werden, werden zur Therapieeinleitung zunächst stationär aufgenommen, um mögliche Nebenwirkungen wie Hypoglykämie, Hypotonie oder bronchiale Obstruktion zu überwachen.
- Topische Propranololtherapie: Bei oberflächlichen kutanen Hämangiomen kann auch eine topische Behandlung mit Propranolol-Salbe in Betracht gezogen werden. Die Salbe wird zweimal täglich als Okklusionsverband aufgetragen.
- Operative Entfernung: In seltenen Fällen kann eine operative Entfernung des Hämangioms erforderlich sein, insbesondere bei größeren oder tieferliegenden Hämangiomen, die nicht auf andere Behandlungen ansprechen.
- Granuloma pyogenicum Behandlung: Das Granuloma pyogenicum, ein erworbener gutartiger vaskulärer Hauttumor, der zu den Hämangiomen zählt, kann mittels Kontaktkryotherapie, Enukleation oder Exzision behandelt werden.
Die Wahl der geeigneten Therapie ist immer eine Einzelfallentscheidung und wird auf jedes Kind individuell zugeschnitten.
Kavernöse Hämangiome (Kavernome)
Kavernöse Hämangiome (Kavernome) sind Gefäßmissbildungen, die aus erweiterten kapillarähnlichen Gefäßen (Kavernen) bestehen und abgegrenzt im Gehirngewebe liegen. Meist werden Kavernome durch Krampfanfälle auffällig, oder sie werden als Zufallsbefund bei einer Kernspintomographie diagnostiziert. Sie neigen weiterhin zu Einblutungen, wobei größere Blutungen wie bei Aneurysmen und Angiomen eher selten sind. Je nach Lage des Kavernoms, denn diese können auch in tiefgelegenen Hirngebieten oder dem Hirnstamm liegen, können jedoch auch kleinere Einblutungen symptomatisch sein.
Kavernome können im gesamten Körper auftreten, sind aber besonders problematisch, wenn sie sich im Gehirn oder Rückenmark befinden. Sie können zu neurologischen Symptomen wie Kopfschmerzen, Lähmungen oder Krampfanfällen führen. Die Diagnose erfolgt in der Regel durch eine MRT.
Die Behandlung von Kavernomen ist abhängig von der Lokalisation, der Größe und den Symptomen. In einigen Fällen ist eine operative Entfernung des Kavernoms erforderlich, um neurologische Schäden zu verhindern. Alternativ kann eine Intervention durch Neuroradiologen mit sogenannten Coils erfolgen.
Interdisziplinäre Hämangiomsprechstunde
Aufgrund der Komplexität von Diagnose und Therapie von Hämangiomen ist eine interdisziplinäre Betreuung von großer Bedeutung. In einer interdisziplinären Hämangiomsprechstunde arbeiten Experten verschiedener Fachrichtungen zusammen, um eine optimale Versorgung der Patienten zu gewährleisten.
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An der interdisziplinären Hämangiomsprechstunde können beteiligt sein:
- Dermatologen: Spezialisten für Hauterkrankungen, einschließlich Hämangiome.
- Pädiater: Kinderärzte, die auf die Behandlung von Kindern mit Hämangiomen spezialisiert sind.
- Kinderchirurgen: Chirurgen, die auf die operative Behandlung von Kindern spezialisiert sind.
- Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen: Chirurgen, die auf die Behandlung von Erkrankungen im Kopf- und Gesichtsbereich spezialisiert sind.
- Radiologen: Spezialisten für bildgebende Verfahren, wie z.B. Ultraschall und MRT.
- Neurologen: Spezialisten für Erkrankungen des Nervensystems, insbesondere bei Kavernomen.
- Neuroradiologen: Spezialisten für interventionelle neuroradiologische Verfahren.
In der interdisziplinären Hämangiomsprechstunde werden die Patienten gemeinsam von den verschiedenen Experten untersucht und behandelt. Dies ermöglicht eine umfassende Beurteilung des Hämangioms und die Entwicklung eines individuellen Behandlungsplans.
Leistungsspektrum der Hämangiomsprechstunde
Das Leistungsspektrum einer Hämangiomsprechstunde umfasst in der Regel:
- Prompte Hilfe bei akuten Problemen wie Blutungen oder Infektionen
- Diagnosestellung von Gefäßmissbildungen
- Beratung über den natürlichen Verlauf im jeweiligen Einzelfall
- Beobachtende ambulante Begleitung ohne Therapiewunsch
- Beratung über die mögliche medikamentöse Therapie mit Propranolol
- Ambulante medikamentöse Einstellung und Therapie-Betreuung
- Stationäre Schnelleinsteigerung der Medikation und weitere ambulante Therapiebetreuung, falls medizinisch notwendig
- Bei Bedarf: Zusammenarbeit mit der Abteilung für Kinderchirurgie
Was sollten Patienten mitbringen?
Für eine Vorstellung in der Hämangiomsprechstunde sollten Patienten folgende Unterlagen mitbringen:
- Das gelbe Untersuchungsheft des Kindes
- Ggf. vorliegende Arztbriefe aus früheren stationären oder ambulanten Behandlungen
- Ihre Gesundheitskarte