Die Neurologie ist ein medizinisches Fachgebiet, das sich mit der Diagnose und Behandlung von Erkrankungen des Nervensystems befasst. Dazu gehören das Gehirn, das Rückenmark, die peripheren Nerven und die Muskeln. Die medikamentöse Therapie spielt in der Neurologie eine zentrale Rolle, wobei eine Vielzahl von Medikamenten zur Behandlung verschiedenster neurologischer Erkrankungen zur Verfügung steht. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über wichtige Medikamentengruppen und ihre Anwendung in der Neurologie.
Polyneuropathie: Medikamentöse Therapie und unterstützende Maßnahmen
Die Polyneuropathie ist eine Erkrankung, die durch Schädigung mehrerer peripherer Nerven gekennzeichnet ist. Die Therapie zielt primär auf die Behandlung der Grunderkrankung ab, wie beispielsweise Diabetes mellitus.
Behandlung der Grunderkrankung
Eine konsequente Behandlung der Grunderkrankung, wie z.B. Diabetes, ist von größter Bedeutung. Ein langfristig gut eingestellter Blutzucker kann die Entstehung oder das Fortschreiten von Nervenschäden verhindern. Eine effektive Einstellung des Blutzuckers wird durch die Kombination diätetischer Maßnahmen, körperlicher Aktivität und optimierter Medikamenten- bzw. Insulingabe erreicht.
Fußpflege und Prävention
Die richtige Fußhygiene ist wichtig, um Entzündungen kleiner, unbemerkter Verletzungen zu vermeiden. Patienten sollten täglich ihre Füße auf Blasen, Rötungen, Schwielen etc. untersuchen. Bei nicht einsehbaren Bereichen kann ein Spiegel zur Hilfe genommen werden. Die Füße sollten täglich mit warmem, aber nicht heißem Wasser und einer milden Seife gereinigt werden, wobei die Haut nicht einweichen sollte. Regelmäßiges Schneiden der Fußnägel ist wichtig, um Einwachsen oder Druckstellen zu vermeiden. Vielfach ist eine regelmäßige professionelle medizinische Fußpflege sinnvoll. Gut passende Schuhe mit genügend Bewegungsfreiheit für die Zehen und ohne Druckstellen sollten getragen und neue Schuhe langsam eingelaufen werden.
Schmerztherapie bei Polyneuropathie
Polyneuropathisch bedingte Schmerzen sind oft schwer mit Schmerzmitteln (Analgetika) zu behandeln. Gelegentlich auftretende Beschwerden können auf eine Therapie mit Acetylsalicylsäure (ASS) oder verwandten Medikamenten ansprechen, jedoch sollte vor Einnahme eine ärztliche Beratung erfolgen. Wenn die Schmerzen trotz ASS nicht nachlassen oder die Einnahme von ASS nicht möglich ist, stehen andere Schmerzmittel zur Verfügung:
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- Thioctsäure bzw. Alphaliponsäure: Durch die anfänglich hochdosierte Gabe von Thioctsäure können sich Schmerzen und Wahrnehmungsvermögen bessern, die Wirkung ist aber unsicher und die Behandlung wird von den Krankenkassen nicht bezahlt.
- Antidepressiva (z.B. Amitriptylin): Diese Medikamente wurden ursprünglich zur Therapie von Depressionen entwickelt, haben aber auch Bedeutung in der Schmerzbehandlung. Antidepressiva beseitigen den Schmerz nicht, machen ihn aber für die Betroffenen erträglicher. Sie unterdrücken u.a. die Weiterleitung von Schmerzsignalen im Rückenmark. Um die Nebenwirkungen möglichst gering zu halten, werden die Medikamente einschleichend dosiert. Falls doch Nebenwirkungen auftreten wie z.B. Blutdruckabfall, Herzrhythmusstörungen und Probleme beim Wasserlassen, muss die Dosis gesenkt oder das Medikament abgesetzt werden. Um die Rate der Nebenwirkungen so gering wie möglich zu halten, kann die Blutkonzentration des verordneten Antidepressivums überprüft werden.
- Antikonvulsiva (z.B. Gabapentin, Pregabalin, Carbamazepin): Antikonvulsiva werden auch zur Schmerzbekämpfung eingesetzt. Es handelt sich um Medikamente gegen Krampfanfälle, die vorrangig zur Behandlung der Epilepsie zum Einsatz kommen. Sie dämpfen die Erregbarkeit von Nervenzellen. Auch hier müssen die Mittel häufig einschleichend dosiert werden, damit keine Nebenwirkungen wie Schwindel und Müdigkeit auftreten. Bei der Behandlung mit diesen Medikamenten muss der Arzt besonders sorgfältig auf Veränderungen von speziellen im Blut bestimmbaren Werten achten, weshalb regelmäßige Blutuntersuchungen notwendig sind. Die Wirkung kann mit der Zeit nachlassen (Toleranz-Entwicklung). Aufgrund einer möglichen psychischen Gewöhnung muss die Einnahme vom Arzt streng überwacht werden.
Weitere Therapieansätze bei Polyneuropathie
- Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS): Bei Bedarf werden elektrische Impulse abgegeben, welche die Hautnerven reizen.
- Physikalische Therapie: Die physikalische Therapie hilft bei der Schmerzbekämpfung, vor allem gegen die sensiblen und motorischen Störungen einer Polyneuropathie. Mit Hilfe verschiedener Anwendungen soll die Durchblutung verbessert, die geschwächten Muskeln gestärkt und die Mobilität längstmöglich aufrechterhalten werden.
Behandlung von Begleiterscheinungen
Völlegefühl, Übelkeit und Erbrechen lassen sich durch häufige kleinere Mahlzeiten vermeiden. Die zusätzliche Einnahme von Metoclopramid oder Domperidon wirkt gegen Übelkeit, da sie die Magen-Darm-Bewegung anregen. Gegen Verstopfungen helfen reichlich Flüssigkeit und eine ballaststoffreiche Ernährung, die mit körperlicher Bewegung ergänzt werden sollte. Bei akuten Durchfallproblemen kann der Arzt z.B. Das Schlafen mit erhobenem Oberkörper und das Tragen von Stützstrümpfen helfen in einigen Fällen, das Schwindelgefühl beim Aufstehen zu vermindern. Ebenso hilfreich ist, das langsame Aufstehen sowie ein regelmäßiges Muskeltraining. Patienten mit bekannter Blasenschwäche sollten in regelmäßigen Abständen (z.B. alle drei Stunden) zur Toilette gehen. Hiermit sollte der Betroffene den unkontrollierten Harndrang eindämmen. Die in der Harnblase verbleibende Restharnmenge wird hierdurch gering gehalten, so dass die Gefahr für eine Blaseninfektion reduziert wird. Eine Potenzschwäche (erektile Dysfunktion) kann neben dem Diabetes mellitus auch die Folge von Medikamenten - zum Beispiel von Antidepressiva - sein. Wenn diese Medikamente nicht abgesetzt werden können oder die Beschwerden trotz Absetzens weiter bestehen, helfen unter Umständen Erektionshilfesysteme (Vakuumpumpe) oder Wirkstoffe wie Sildenafil. Gegen eine Trockenheit der Scheide gibt es spezielle Gleitmittel und Gele.
Die Therapie der verschiedenen Polyneuropathie-Formen richtet sich nach der jeweiligen Ursache. So lassen sich bakterielle Polyneuropathien durch eine entsprechende Antibiotika-Gabe gut therapieren. Eine medikamentöse Schmerztherapie ist bei allen Polyneuropathie-Formen unterstützend. Antidepressiva und Antikonvulsiva sind ebenso wirksam wie die ganze Bandbreite der physikalischen Therapie.
Alzheimer-Krankheit: Medikamente zur Behandlung
Die Alzheimer-Krankheit ist eine neurodegenerative Erkrankung, die durch einen fortschreitenden Verlust kognitiver Fähigkeiten gekennzeichnet ist. Obwohl die Alzheimer-Krankheit bislang nicht heilbar ist, gibt es Medikamente, die den Krankheitsverlauf verlangsamen und bestimmte Symptome lindern können.
Antikörper-Medikamente
Ein neuer Ansatz sind Antikörper-Medikamente, die direkt an einer der möglichen Krankheitsursache ansetzen: schädliche Proteinablagerungen im Gehirn, sogenannte Amyloid-Plaques. Leqembi (Wirkstoff: Lecanemab) war das erste in der EU zugelassene Antikörper-Medikament zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit, kurz darauf wurde auch Kisunla (Wirkstoff: Donanemab) zugelassen.
Leqembi und Kisunla richten sich ausschließlich an Menschen im frühen Alzheimer-Stadium, also bei leichter kognitiver Beeinträchtigung (MCI) oder beginnender Demenz. Vor Beginn der Behandlung sind ein Gentest sowie der Nachweis von Amyloid-Ablagerungen (Liquoruntersuchung oder PET-Scan) erforderlich.
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Die Behandlung erfolgt in spezialisierten Zentren. Leqembi wird alle zwei Wochen als Infusion verabreicht, Kisunla alle vier Wochen.
Antidementiva
Antidementiva können helfen, den geistigen Abbau zu verlangsamen und die Selbstständigkeit länger zu erhalten. Es gibt zwei Wirkstoffgruppen, die je nach Stadium der Erkrankung zur Anwendung kommen: Acetylcholinesterase-Hemmer und Glutamat-Antagonisten.
- Acetylcholinesterase-Hemmer: Diese Medikamente verbessern die Signalübertragung im Gehirn, indem sie den Abbau des Botenstoffs Acetylcholin hemmen. Sie kommen bei leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Demenz zum Einsatz. Beispiele sind:
- Donepezil (z. B. Aricept®)
- Rivastigmin (z. B. Exelon®) - auch als Pflaster
- Galantamin (z. B. Reminyl®)
- Glutamat-Antagonisten: Memantin wird bei mittelschwerer bis schwerer Alzheimer-Demenz verordnet. Es schützt Nervenzellen vor einer Überstimulation durch Glutamat, einen wichtigen Botenstoff im Gehirn.
Mögliche Nebenwirkungen von Antidementiva sind unter anderem Übelkeit, Durchfall, Schwindel oder Unruhe.
Ginkgo biloba
Neben Antidementiva kann auch der pflanzliche Wirkstoff Ginkgo biloba zur Unterstützung der kognitiven Funktionen eingesetzt werden. Der Extrakt aus den Blättern des Ginkgo-Baums gilt als gut verträglich, kann aber Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten haben. Deshalb sollte die Einnahme immer ärztlich abgeklärt werden.
Laut der aktuellen S3-Leitlinie Demenzen gibt es Hinweise auf eine Wirksamkeit bei leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Demenz.
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Neuroleptika
Neuroleptika werden bei bestimmten Begleiterscheinungen der Alzheimer-Krankheit eingesetzt. Dazu gehören herausfordernde Verhaltensweisen wie plötzliche Wutausbrüche sowie Halluzinationen und Wahnvorstellungen.
Wegen möglicher Nebenwirkungen ist der Einsatz von Neuroleptika mit Vorsicht zu bewerten.
Antidepressiva
Depressionen treten bei Menschen mit Demenz häufig auf und sollten behandelt werden, da sie sich negativ auf die Lebensqualität und die geistige Leistungsfähigkeit auswirken können. Die S3-Leitlinie Demenzen empfiehlt zur Behandlung von Depressionen bei Alzheimer-Demenz den Einsatz von Mirtazapin oder Sertralin.
Die Auswahl des Medikaments sollte individuell erfolgen, da manche Antidepressiva unerwünschte Nebenwirkungen haben können - zum Beispiel ein erhöhtes Sturzrisiko oder eine verstärkte Blutungsneigung. Neben Medikamenten können kognitive Verhaltenstherapie, Bewegungstherapie oder Musiktherapie helfen, depressive Symptome zu lindern.
Palliative Versorgung
Palliative Versorgung kann Menschen mit Alzheimer in allen Krankheitsphasen entlasten - nicht nur am Lebensende. Palliativversorgung bedeutet mehr als die Behandlung körperlicher Beschwerden wie Schmerzen, Atemnot oder Unruhe. Sie berücksichtigt auch seelische und soziale Aspekte sowie persönliche Werte und Wünsche. Ziel ist es, Symptome zu lindern und eine möglichst gute Lebensqualität zu ermöglichen - unabhängig vom Krankheitsstadium.
Gerade in fortgeschrittenen Phasen fällt es vielen Menschen mit Alzheimer schwer, ihre Beschwerden mitzuteilen.
Die medikamentöse Behandlung von Demenzerkrankungen wie Alzheimer entwickelt sich stetig weiter.
Ausblick
Neben den bereits erhältlichen Antikörpern werden weitere Wirkstoffe erforscht, zum Beispiel Blarcamesin, der die natürlichen Reinigungsmechanismen der Nervenzellen aktivieren soll. Noch gibt es keine Heilung, doch die Forschung macht Fortschritte.
Weitere neurologische Medikamente und ihre Anwendungsgebiete
Neben den oben genannten Medikamenten gibt es eine Vielzahl weiterer Medikamente, die in der Neurologie eingesetzt werden. Einige Beispiele sind:
- Antiepileptika: Zur Behandlung von Epilepsie, z.B. Valproinsäure, Lamotrigin, Levetiracetam.
- Migränemittel: Zur Behandlung von Migräne, z.B. Triptane, CGRP-Antagonisten.
- Parkinson-Medikamente: Zur Behandlung der Parkinson-Krankheit, z.B. L-Dopa, Dopaminagonisten, MAO-B-Hemmer.
- Multiple Sklerose-Medikamente: Zur Behandlung der Multiplen Sklerose, z.B. Interferone, Glatirameracetat, monoklonale Antikörper.
- Schlafmittel: Zur Behandlung von Schlafstörungen, z.B. Benzodiazepine, Z-Substanzen, Melatonin.
- Muskelrelaxantien: Zur Behandlung von Muskelverspannungen, z.B. Baclofen, Tizanidin.
- Schmerzmittel: Zur Behandlung von verschiedenen Schmerzzuständen, z.B. Opioide, nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR).
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