Die saisonale Grippe, auch Influenza genannt, ist eine Virusinfektion, die durch Influenzaviren ausgelöst wird. Besonders gefährdet sind ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen, wie z. B. chronischen Herzerkrankungen, chronischen Lungenerkrankungen, Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes mellitus, Immundefekten, neurologischen bzw. neuromuskulären Erkrankungen und schwerer Fettleibigkeit (Adipositas). Auch eine Schwangerschaft, v.a. ab dem 4. Schwangerschaftsmonat, erhöht das Risiko.
Dieser Artikel beleuchtet den Zusammenhang zwischen neuromuskulären Erkrankungen und Grippe, die potenziellen Risiken und Komplikationen sowie die wichtigsten Präventionsmaßnahmen.
Was sind neuromuskuläre Erkrankungen?
Neurologische Erkrankungen umfassen ein breites Spektrum von Erkrankungen, die das Gehirn, das Rückenmark und die Nerven betreffen. Zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen gehören:
- Multiple Sklerose (MS)
- Parkinson-Krankheit
- Demenz
- Schlaganfall
- Epilepsie
- Migräne
Neuromuskuläre Erkrankungen sind eine Untergruppe neurologischer Erkrankungen, die spezifisch die Muskeln und/oder die Nerven betreffen, die die Muskeln steuern. Beispiele für neuromuskuläre Erkrankungen sind:
- Duchenne-Muskeldystrophie
- Myasthenia gravis
- Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)
Zusammenhang zwischen Grippe und neuromuskulären Erkrankungen
Personen mit neuromuskulären Erkrankungen können anfälliger für Komplikationen im Zusammenhang mit der Grippe sein. Dies liegt daran, dass diese Erkrankungen oft die Atemmuskulatur schwächen und die Fähigkeit des Körpers beeinträchtigen, Infektionen zu bekämpfen.
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- Erhöhtes Risiko für Atemwegsinfektionen: Eine stärkere Behinderung (Notwendigkeit von Gehhilfen, Beeinträchtigung der Lungenfunktion durch mangelnde Bewegung oder Beteiligung der Atemmuskulatur, Schluck- und Sprechstörungen) erhöht das Risiko generell für Atemwegsinfektionen, da die Belüftung der Lunge weniger gut ist.
- Erhöhtes Risiko für schwere Verläufe: Das Risiko, bei einer Infektion mit dem Grippevirus einen schweren Verlauf zu erleiden, ist höher.
Mögliche Komplikationen der Grippe bei neuromuskulären Erkrankungen
Die Grippe kann bei Menschen mit neuromuskulären Erkrankungen zu einer Reihe von Komplikationen führen, darunter:
- Lungenentzündung: Die Grippe kann zu einer Lungenentzündung führen, einer Entzündung der Lunge, die lebensbedrohlich sein kann.
- Atemversagen: Eine schwere Grippe kann zu Atemversagen führen, insbesondere wenn die Atemmuskulatur bereits geschwächt ist.
- Exazerbation der neuromuskulären Erkrankung: Eine Infektion kann zu einer Verschlechterung der Symptome der zugrunde liegenden neuromuskulären Erkrankung führen.
- Krankenhauseinweisung: Aufgrund der erhöhten Komplikationsrisiken kann eine stationäre Behandlung erforderlich sein.
- Tod: In schweren Fällen kann die Grippe bei Menschen mit neuromuskulären Erkrankungen zum Tod führen.
Prävention der Grippe bei neuromuskulären Erkrankungen
Die wichtigste Maßnahme zur Vorbeugung von Grippe und ihren Komplikationen ist die jährliche Grippeimpfung.
Grippeimpfung
- Empfehlung: Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die jährliche Grippeimpfung für Personen mit chronischen Erkrankungen, einschließlich neuromuskulärer Erkrankungen.
- Zeitpunkt: Die Impfung sollte vorzugsweise in den Monaten Oktober und November durchgeführt werden, vor Beginn der Grippesaison auf der Nordhalbkugel.
- Hochdosis-Impfstoff: Menschen ab 60 Jahren werden mit einem Hochdosisimpfstoff (Efluelda®) geimpft, der eine stärkere Immunantwort auslöst.
- Wirkung: Nach der Impfung dauert es ca. 10-14 Tage, bis der Schutz vollständig aufgebaut ist.
- Nebenwirkungen: Nebenwirkungen treten ähnlich auf wie bei der Standarddosis, können aber etwas häufiger oder intensiver sein (z. B. Schmerzen an der Einstichstelle, Müdigkeit, Muskelschmerzen). Selten treten allergische Reaktionen auf.
Weitere Präventionsmaßnahmen
Neben der Impfung gibt es weitere Maßnahmen, die dazu beitragen können, das Risiko einer Grippeinfektion zu verringern:
- Händehygiene: Regelmäßiges Händewaschen mit Seife und Wasser oder einem alkoholhaltigen Händedesinfektionsmittel.
- Husten- und Niesetikette: Beim Husten oder Niesen Mund und Nase mit einem Einwegtaschentuch oder der Armbeuge bedecken.
- Abstand halten: Vermeiden Sie engen Kontakt mit kranken Menschen.
- Maske tragen: In bestimmten Situationen, z.B. in überfüllten Innenräumen oder bei Kontakt zu Risikopersonen, kann das Tragen einer Maske sinnvoll sein.
- Vermeidung von Menschenansammlungen: Soziale Distanzierung von mindestens 2 Metern Abstand. Vermeiden Sie größere Menschenansammlungen und den öffentlichen Nahverkehr.
- FFP2/3-Masken: Der individuelle Infektionsschutz für MS-Erkrankte unter einer immunsuppressiven Therapie sollte durch eine FFP2/3 Maske erfolgen.
Behandlung der Grippe bei neuromuskulären Erkrankungen
Bei Verdacht auf einen schweren Verlauf einer Influenza-Erkrankung oder wenn ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf besteht, z.B. wenn eine oder insbesondere mehrere der genannten Vorerkrankungen oder eine Schwangerschaft vorliegen, sollte eine antivirale Therapie erwogen werden. Eine labordiagnostische Sicherung der Diagnose ist bei schwerer Symptomatik sinnvoll, sollte aber den Beginn der Therapie nicht verzögern.
Antivirale Medikamente
- Neuraminidasehemmer: Die Neuraminidasehemmer Oseltamivir und Zanamivir blockieren die Aktivität der viralen Neuraminidase und damit die Freisetzung neugebildeter Viren. Sie wirken sowohl gegen Influenza A- als auch Influenza B-Viren.
- Baloxavir Marboxil (Xofluza): Ein Cap-abhängiger Endonukleasehemmer, der an einem anderen Punkt im Replikationszyklus des Influenzavirus ansetzt. Es wurde für die Behandlung und postexpositionelle Prophylaxe der unkomplizierten Influenza bei Patienten ab einem Alter von drei Wochen zugelassen. Die Behandlung sollte idealerweise innerhalb von 48 Stunden nach Symptombeginn (bzw. Exposition) erfolgen. Im Unterschied zu Neuraminidasehemmern ist sowohl die Prophylaxe wie auch für die Therapie nur eine einmalige Anwendung (oral) erforderlich.
Symptomatische Behandlung
- Antipyretika: Antipyretika und Flüssigkeit sind die Basis der symptomatischen Therapie.
- Abschwellende Nasentropfen: Abschwellende Nasentropfen reduzieren Sinusitiskomplikationen und bei Kleinkindern die Häufigkeit der Otitis media.
- Antitussiva: Auch milde Antitussiva, z. B. vom Typ des Kodeins, können erwachsenen Patienten verschrieben werden.
- Antibiotika: Bei Zeichen einer bakteriellen Superinfektion sind Antibiotika indiziert.
Weitere Maßnahmen
- Regelmäßige Kontrolle: Beatmete Patienten sollten vom Neuromuskulären Zentrum ggf. überwacht werden.
- Isolation/Quarantäne: Isolation/Quarantäne kann Einfluss auf eine spezifische Behandlung haben (z.B. Gabe von Spinraza, Myozyme, IVIg und Rituximab Infusionen oder Behandlungen im Rahmen von klinischen Studien). Diese Behandlungen sollten nur nach Rücksprache mit den behandelnden Zentren gestoppt werden. Wenn möglich, sollte ggf. vorübergehend eine ambulante Fortführung diskutiert werden. IVIg kann ggf. ambulant verabreicht werden.
COVID-19 und neuromuskuläre Erkrankungen
Es ist wichtig zu beachten, dass die Informationen zu COVID-19 und neurologischen Erkrankungen sich ständig weiterentwickeln. Nach derzeitigem Erkenntnisstand sind MS-Erkrankte und Parkinson-Erkrankte durch die Erkrankung selbst grundsätzlich nicht stärker gefährdet als vergleichbare gesunde Personen. Allerdings können bestimmte immunsuppressive Therapien das Risiko für einen schweren Verlauf erhöhen.
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Empfehlungen für MS-Erkrankte
- MS-Erkrankte, die keine immunmodulierende Therapie erhalten oder eine immunmodulierende Therapie mit Interferon beta oder Glatirameracetat erhalten, sind grundsätzlich nicht stärker infektionsgefährdet als gleichartige gesunde Personen.
- MS-Erkrankte, die aufgrund einer immunsuppressiven Therapie einen Immundefekt haben, könnten theoretisch ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf einer Covid-19-Erkrankung haben.
- Für MS-Erkrankte mit starker Behinderung ist das Risiko generell für Atemwegsinfektionen erhöht, was das Risiko eines schwereren Verlaufes einer Covid-19 Infektion erhöht.
- Eine Cortison-Pulstherapie erhöht allgemein das Infektionsrisiko. Bei einem Schub ist daher sorgfältig die Notwendigkeit des Cortisonpulses abzuwägen.
- Die Behandlung mit Natalizumab kann - nach bisherigen Einschätzungen - uneingeschränkt weiter fortgeführt werden, da kein erhöhtes Risiko für Atemwegsinfektionen besteht.
- Unter Therapien mit Ocrelizumab und Rituximab kann ein erhöhtes Infektionsrisiko bestehen, insbesondere von Atemwegserkrankungen. MS-Erkrankte, die auf diese Therapien eingestellt sind, sollten sie trotzdem fortführen, da bei Absetzen das Risiko einer Krankheitsaktivierung besteht.
- MS-Erkrankte, bei denen der zweite Therapie-Zyklus mit Cladribin nach einem Jahr ansteht, sollten Vorkehrungen treffen, um die Infektionsgefahr herabzusetzen. Das Infektionsrisiko ist in den ersten vier Wochen nach der letzten Gabe am höchsten.
- Auch bei der Immuntherapie mit Alemtuzumab kommt es bei der jährlichen Gabe (in der Regel Jahr 1 und Jahr 2) zu einer langanhaltenden erwünschten Veränderung der weißen Blutzellen, wodurch ein erhöhtes Infektionsrisiko besteht.
Empfehlungen für Parkinson-Patienten
- Man geht davon aus, dass Parkinson-Patienten wegen ihrer Erkrankung kein erhöhtes Infektionsrisiko haben.
- Wenn Parkinson-Patienten eine Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus erleiden, kann es zu Komplikationen kommen, insbesondere wenn weitere altersbedingte Begleiterkrankungen wie z.B. Bluthochdruck, Diabetes mellitus oder Lungenkrankheiten bestehen.
- Die Infektion mit dem SARS-CoV2-Virus ist potentiell lebensbedrohlich, das Risiko für einen schweren Verlauf der COVID-19-Erkrankung steigt im höheren Lebensalter und mit der Zahl der Vorerkrankungen stark an.
- Die Österreichische Parkinsongesellschaft rät von Parkinson Betroffenen daher klar und ausdrücklich, die Möglichkeit der COVID-19- Schutzimpfung in Anspruch zu nehmen.
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