Neuron feuert oder nicht: Einblick in die Mechanismen neuronaler Aktivität

Das Gehirn, ein hochkomplexes Organ, verarbeitet Informationen durch unterschiedliche Netzwerke und Systeme. Die Signalverarbeitung im Gehirn umfasst die Kodierung, Übertragung und Interpretation neuronaler Signale, um kognitive und motorische Funktionen zu realisieren. Eine zentrale Frage der Neurowissenschaft ist, wie das Gehirn die Abfolge von Ereignissen im Gedächtnis behält und wie Nervenzellen auf eingehende Signale reagieren. Dieser Artikel beleuchtet die Mechanismen, die bestimmen, ob ein Neuron "feuert" oder nicht, und gibt Einblicke in die neuesten Forschungsergebnisse und Erkenntnisse.

Signalverarbeitung im Gehirn: Grundlagen

Signalverarbeitung im Gehirn ist der Prozess, bei dem das Gehirn elektrische und chemische Signale interpretiert, die aus Umweltreizen resultieren, die von unserem Nervensystem erfasst werden. Die Hauptfunktion ist es, Informationen effizient zu verarbeiten und Reaktionen zu koordinieren. Ein Beispiel hierfür ist die Berührung eines heißen Gegenstandes, wobei Thermorezeptoren in der Haut elektrische Signale über das Rückenmark an das Gehirn senden, das die Information verarbeitet und eine Reaktion wie das Zurückziehen der Hand initiiert.

Mathematische Beschreibung der Signalverarbeitung

Mathematisch kann dieser Prozess durch die Gleichung der Aktionspotentiale beschrieben werden:

[Vm(t) = V{max} \times \frac{1}{1 + e^{-k(t-t_{0})}}]

Hierbei ist (Vm(t)) das Membranpotential als Funktion der Zeit (t), (V{max}) das maximale Potential und (k) eine Konstante, die die Geschwindigkeit des Potentials beschreibt.

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Neuronale Signalverarbeitung: Mechanismen

Die neuronale Signalverarbeitung besteht aus mehreren Schritten, die sicherstellen, dass Signale korrekt übertragen und interpretiert werden. Ein zentraler Mechanismus ist die elektrische Leitung, bei der Signale entlang der Neuronen durch Aktionspotentiale weitergeleitet werden. Diese Potentiale entstehen durch den Fluss von Ionen über die Zellmembran der Neuronen.

Ein weiteres wichtiges Element ist die Synapse, der Ort, an dem zwei Neuronen interagieren. Synaptische Übertragung erfolgt durch die Freisetzung von Neurotransmittern, die chemische Signale an benachbarte Neuronen senden. Dieser Prozess hilft, Informationen zwischen verschiedenen Gehirnregionen zu synchronisieren und das Lernen zu unterstützen. Bei der Kodierung von Informationen im Gehirn spielt die Feuerrate des Neurons eine wichtige Rolle. Diese kann mit der Gleichung beschrieben werden:

[r = \frac{\text{Impulse}}{\text{Zeit}}]

Die Feuerrate (r) ist die Anzahl der Impulse pro Zeiteinheit und bestimmt die Intensität und Art des übertragenen Signals.

Signaltransduktion im Gehirn: Bedeutung

Die Signaltransduktion ist grundlegend, um Signale vom Äußeren zum Inneren der Zelle zu übertragen. Sie erfolgt, wenn ein äußerer Reiz einen Rezeptor auf der Zelloberfläche aktiviert, was eine Kaskade von intrazellulären Ereignissen in Gang setzt. Diese Prozesse sind entscheidend für Anpassungen des Organismus an Umweltbedingungen.

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  • Effiziente Kommunikation: Sie ermöglicht eine schnelle Anpassung an Veränderungen, indem sie unmittelbare Reaktionen auf Umweltfaktoren unterstützt.
  • Regulation: Sie trägt dazu bei, dass Funktionen auf zellulärer und systemischer Ebene reguliert werden, einschließlich Stoffwechselprozessen und Hormonfreisetzungen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Signaltransduktion ist das Gleichgewicht zwischen Erregung und Hemmung in neuronalen Netzwerken. Ein solches Gleichgewicht sorgt dafür, dass Informationen präzise und stabil verarbeitet werden. Um dies zu verdeutlichen, betrachten wir die Rolle von Second Messengern wie cAMP, die Signale innerhalb einer Zelle weiterleiten. Wenn ein Rezeptor aktiviert wird, stimuliert dies die Produktion von cAMP, welches widerum Enzyme aktiviert, die verschiedene Zellantworten hervorbringen.

Biochemische Signalwege im Gehirn

Im Gehirn wirken diverse biochemische Signalwege, die essenziell für die Kommunikation zwischen Nervenzellen sind. Diese Signalketten ermöglichen es, äußere Reize in spezifische Zellantworten umzuwandeln und tragen zur Komplexität der Gehirnfunktion bei.

Biochemische Signalwege: Übersicht

Biochemische Signalwege beinhalten eine Abfolge von molekularen Ereignissen, die in verschiedenen zellulären Reaktionen resultieren. Diese Wegstrecken sind entscheidend für die Modulation neuronaler Aktivität und beeinflussen alles von der Zellmigration bis hin zur synaptischen Plastizität, die für das Lernen und Gedächtnis zentral ist.

  1. Rezeptorbindung: Der Startpunkt vieler Signalwege ist die Bindung eines Liganden an einen spezifischen Rezeptor auf der Zellmembran.
  2. Intrazelluläre Weiterleitung: Aktivierte Rezeptoren initiieren Kaskaden von chemischen Reaktionen, die häufig durch Second Messenger vermittelt werden.
  3. Reagierende Enzyme: Diese Kaskaden führen zur Aktivierung oder Hemmung von Enzymen, die schließlich spezifische Zellantworten hervorrufen.

Second Messenger sind kleine Moleküle, die Signale innerhalb der Zelle weitertragen und die meisten biochemischen Reaktionen im Gehirn kontrollieren. Ein Beispiel für einen biochemischen Signalweg ist der cAMP-Weg. Wenn Adrenalin einen Rezeptor auf einer Neuronenoberfläche bindet, wird ATP in cAMP umgewandelt. Dieses aktiviert eine Kettenreaktion, die schließlich zu einer verstärkten Herzreaktion führt. Ein tieferes Verständnis biochemischer Signalwege zeigt, wie bestimmte Erkrankungen entstehen können. Zum Beispiel ist das Ungleichgewicht von Neurotransmittern und deren Signalwegen häufig mit neurologischen Störungen wie Depressionen oder Schizophrenie verbunden.

Neuronale Netzwerkmodelle und ihre Anwendung

Neuronale Netzwerke sind Modelle, die auf der Struktur und Funktionsweise des menschlichen Gehirns basieren, um komplexe Datenverarbeitungsaufgaben zu lösen. Diese Modelle sind ein zentraler Bestandteil der künstlichen Intelligenz und werden in vielen Bereichen eingesetzt, von Bild- und Spracherkennung bis zu autonomen Fahrzeugen.

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Einführung in neuronale Netzwerkmodelle

Neuronale Netzwerke bestehen aus mehreren Schichten von Neuronen, die miteinander verbunden sind. Sie simulieren die Signalverarbeitung des Gehirns, indem sie Eingabedaten durch diese Schichten weiterleiten und dabei lernen, Muster zu erkennen. Diese Verfahren reflektieren die Weise, wie Neuronen im Gehirn durch synaptische Verbindungen Informationen übertragen. Mathematisch wird die Funktionsweise eines neuronalen Netzes oft mit Gewichtungen dargestellt, die angepasst werden, um die Ausgabe zu optimieren:

[y = f\left(\sum{i=1}^{n} wi x_i + b\right)]

Hierbei ist (y) die Ausgabe, (wi) die Gewichtungen, (xi) die Eingaben und (b) der Bias. Die Funktion (f) steht für eine Aktivierungsfunktion wie Sigmoid oder ReLU. Eine Aktivierungsfunktion ist eine mathematische Gleichung, die einen Neuronenoutput normalisiert und entscheidet, ob das Neuron feuert. Beispielsweise hilft die Sigmoid-Aktivierungsfunktion dabei, kontinuierliche Werte in Wahrscheinlichkeiten umzuwandeln und wird definiert durch:

[\sigma(x) = \frac{1}{1 + e^{-x}}]

Komplexere neuronale Netzwerke wie tiefe neuronale Netzwerke werden durch Hinzufügen weiterer Schichten gebildet, was eine tiefere Merkmalsextraktion erlaubt.

Praktische Anwendungen und Beispiele

Neuronale Netzwerkmodelle werden in vielen Bereichen der Technologie eingesetzt. Einige der bemerkenswertesten Anwendungen sind:

  • Bildverarbeitung: Convolutional Neural Networks (CNNs) werden verwendet, um Objekte in Bildern zu identifizieren und zu klassifizieren.
  • Spracherkennung: Recurrent Neural Networks (RNNs) helfen, gesprochene Sprache in Text zu übersetzen.
  • Medizinische Diagnosen: Netzwerke unterstützen die Erkennung von Anomalien in medizinischen Bildgebungen wie MRTs oder Röntgenbildern.

Ein besonders faszinierender Einsatzbereich ist die Generierung von Kunst durch neuronale Netze, bekannt als neurale Netzkünstler. Algorithmen wie Generative Adversarial Networks (GANs) können realistisch aussehende Bilder oder völlig neuartige Kunstwerke schaffen.

Neurophysiologische Prozesse im Gehirn

Die neurophysiologischen Prozesse im Gehirn spielen eine entscheidende Rolle für die Informationsverarbeitung und Funktion unseres Nervensystems. Verstehen, wie das Gehirn Signale verarbeitet, hilft, komplexe Verhaltensmuster und kognitive Funktionen zu entschlüsseln.

Verbindung zur Signalverarbeitung im Gehirn

Das Verständnis der Signalverarbeitung im Gehirn ist zentral, um zu begreifen, wie Neuronen Informationen verarbeiten und weitergeben. Dabei werden Signale durch elektrische Impulse oder Aktionspotentiale zwischen Neuronen übertragen. Diese Impulse werden durch synaptische Übertragung vervielfältigt, was die Grundlage für neuronale Netzwerke bildet. Neuronen weisen eine Refraktärperiode auf, während der ein Neuron nicht auf einen neuen Reiz reagieren kann. Diese kann mathematisch beschrieben werden als:

[t{ref} = \frac{1}{r{max}} ]

wobei (t{ref}) die Refraktärperiode und (r{max}) die maximale Feuerrate ist. Die differentielle Signalverarbeitung in verschiedenen Hirnregionen ermöglicht die Vielfalt der Hirnfunktion, wie Gedächtnis, Wahrnehmung und Entscheidungsfindung. Ein Aktionspotential ist ein kurzer elektrischer Impuls, der durch die Veränderung des Membranpotentials eines Neurons ausgelöst wird. Eine interessante Facette der Signalverarbeitung ist die Rolle der spikenden Neuronenmodelle. Diese Modelle versuchen, das komplexe zeitliche Feuermuster eines Neurons zu simulieren und damit realistische neuronale Netzwerkaktivitäten zu replizieren.

Messmethoden und Techniken

Um die Signalverarbeitung im Gehirn zu verstehen, werden verschiedene Messmethoden eingesetzt. Dazu gehören die Elektroenzephalographie (EEG), funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT), Positronen-Emissions-Tomographie (PET) und Magnetoenzephalographie (MEG).

Neuronale Erregbarkeit und Gedächtnisprozesse

Wie behält das Gehirn die Abfolge von Ereignissen im Gedächtnis? Das wollten Forschende vom Universitätsklinikum Bonn (UKB), der Universität Bonn, dem Universitätsklinikum Tübingen und der Universität Tübingen herausfinden, darunter Dr. Stefanie Liebe, Matthijs Pals und Prof. Jakob Macke. Das Team konnte durch eine besondere Messmethode mit implantierten Elektroden im menschlichen Gehirn zum ersten Mal eine gängige Theorie zu Gedächtnisprozessen prüfen. Das Antwortmuster der Nervenzellen erfolgt dabei nicht so, wie in der Theorie vermutet. Wenn man kurz hintereinander vier Bilder gezeigt bekommt und sich die Reihenfolge dieser merken müsste, um sie anschließend wiederzuerkennen - Wie behält das Gehirn dann die Reihenfolge im Gedächtnis? Naheliegend wäre, dass die Neuronen im Gehirn nacheinander feuern, so wie die Bilder auch gesehen wurden.

Die Studie am Universitätsklinikum Bonn

Ein Forschungsteam um Prof. Florian Mormann von der Klinik für Epileptologie am UKB hat diese Theorie untersucht, indem es eine Besonderheit der Therapie von Epilepsie am UKB genutzt hat. Menschen mit besonders schwer behandelbarer Epilepsie werden dort zur Behandlung Elektroden im Gehirn implantiert. Damit soll der Ursprung der epileptischen Anfälle genau bestimmt werden, um bessere chirurgische Ergebnisse zu erzielen. Durch diese implantierten Elektroden kann aber auch die menschliche Gehirnaktivität von einzelnen Zellen aufgezeichnet werden. „Wir haben das Glück, einen so außergewöhnlich seltenen Datensatz von Einzelzellaufzeichnungen verwenden zu können. So eine genaue Messung ist in anderen Versuchen nicht der Fall. Deshalb war zuvor eine Überprüfung der Theorie nicht möglich“, sagt Prof.

In der Studie lösten die Teilnehmenden mit Epilepsie eine Merkaufgabe, während ihre Neuronenaktivität gemessen wurde. Anders als zuvor gedacht ist es so, dass die genaue Abfolge der Zellantworten im Gehirn nicht mit der Abfolge der Ereignisse übereinstimmt. „Zunächst war das Ergebnis auch für uns überraschend, denn schließlich widersprachen unsere Daten einer sehr klassischen und bekannten Theorie darüber wie das Gehirn sich eine Reihenfolge von Ereignissen merkt“, berichtet Dr. Stefanie Liebe, Erstautorin der Studie und ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Prof. Mormann. Um den Ergebnissen auf den Grund zu gehen, kooperierten sie mit Matthijs Pals und Jakob Macke vom Exzellenzcluster „Maschinelles Lernen: Neue Perspektiven für die Wissenschaft“ der Universität Tübingen. Mit Methoden der künstlichen Intelligenz (KI) trainierten sie ein im Computer nachgebautes neuronales Netzwerk in den gleichen Gedächtnisaufgaben, die auch die Menschen durchführen sollten. „Um die Aufgabe erfolgreich zu meistern, zeigte das Computer-Modell interessanterweise hierbei ähnliche Aktivitätsmuster wie die von uns aufgezeichnete Gehirnaktivität“, erklärt Dr. Durch die Modellsimulation entdeckten die Forschenden zusätzlich einen alternativen Mechanismus der Erinnerung von Reihenfolgen, der aus einem zeitlich-dynamischen Zusammenspiel der Bildpräsentationen, ablaufenden Hirnschwingungen und Signalen von einzelnen Zellen entsteht. „Mit dem Computer-Modell konnten wir weitere Hypothesen generieren und überprüfen. Jetzt haben wir ein neuartiges Verständnis darüber, wie Erinnerungen im Gehirn organisiert werden“, sagt Prof. Macke.

Die Rolle der Dendriten und nichtlineare Signalverarbeitung

Nervenzellen sind extrem kommunikativ: Jedes einzelne Neuron steht mit bis zu hunderttausend Geschwisterzellen in Kontakt. Über astartig verzweigte Ausläufer, die Dendriten, empfängt es von ihnen Informationen. Aus diesem Input generiert es dann gegebenenfalls ein einziges Ausgangssignal, das Aktionspotenzial. Neurowissenschaftler sagen auch: Die Nervenzelle "feuert". Dieser Feuerpuls wird über eine Art Kabel, das Axon, an andere Neurone verteilt. Nervenzellen feuern aber nur dann, wenn der Input stimmt. Dazu können sie beispielsweise die Eingangssignale aufsummieren. Wenn das Ergebnis eine bestimmte Schwelle überschreitet, erzeugt die Zelle ein Aktionspotenzial. Man bezeichnet diese Art der Verarbeitung auch als linear: Jedes einzelne Eingangssignal trägt sein kleines Scherflein dazu bei, dass ein Feuerpuls entsteht.

Seit gut 30 Jahren weiß man aber, dass sich dieser mühselige Weg auch abkürzen lässt. Unter bestimmten Umständen reagieren Dendriten nämlich nichtlinear: Sie generieren dann aus wenigen kleinen Eingangssignalen einen großen Gesamtpuls, einen Spike. Ein einziger Spike reicht in der Regel aus, um die Nervenzelle zum Feuern zu bringen. Bislang kannte man zwei Bedingungen, unter denen Dendriten den nichtlinearen Weg einschlagen: "Zum Einen müssen die Eingangssignale nahezu gleichzeitig erfolgen", erklärt der Bonner Neurowissenschaftler Dr. Stefan Remy. "Außerdem müssen die Kontaktstellen, über die diese Signale an das Neuron übermittelt werden, nahe beieinander liegen.

"The Winner Takes It All": Ein neuer Mechanismus der neuronalen Erregbarkeit

Remy und seine Kollegen von der Klinik für Epileptologie haben nun eine dritte Voraussetzung für den nichtlinearen Weg gefunden: Dendriten können demnach nur dann einen Spike erzeugen, wenn die Zelle zuvor eine Weile nicht gefeuert hat. „Wir nennen dieses Prinzip ‚The Winner Takes It All‘“, sagt der Bonner Forscher. „Wenn ein Dendritenast durch einen Spike ein Aktionspotenzial ausgelöst hat, können andere Äste für ein bis zwei Sekunden keine Spikes mehr erzeugen - auch wenn die sonstigen Voraussetzungen stimmen.“ Mit dieser Methode scheint das Gehirn eine Übererregung zu verhindern. Funktioniert sie nicht, sind wahrscheinlich gravierende Fehlfunktionen die Folge. „So ist es denkbar, dass bei manchen Formen der Epilepsie dieser Mechanismus nicht greift“, spekuliert Professor Dr. Heinz Beck vom Labor für experimentelle Epileptologie.

Zusammenhang mit Epilepsie und Alzheimer?

Die Forscher wollen diese Hypothese nun überprüfen. Dabei profitieren sie von der Tatsache, dass das Universitätsklinikum Bonn zu den größten epilepsiechirurgischen Zentren weltweit zählt. Dort entfernt man bei Menschen mit schwersten Epilepsien den Anfallsherd operativ. Und auch bei der Alzheimer-Erkrankung könnte die eingebaute „Feuer-Bremse“ in den Nervenzellen gestört sein. „Im Gehirn von Patienten finden sich Ablagerungen von Proteinen“, erläutert Dr. Stefan Remy. „Man weiß, dass die Nervenzellen in der Umgebung dieser Ablagerungen zu stark erregbar sind. Das daraus resultierende Dauerfeuer kann dann eventuell das fein abgestimmte Zusammenspiel der Neuronen mit ihren Netzwerken aus dem Gleichgewicht bringen.

Entscheidungsfindung und neuronale Aktivität

Soll ich oder soll ich nicht? Aus der Aktivität einzelner Nervenzellen im Gehirn lässt sich ablesen, wie sicher wir bei einer Entscheidung sind. Das zeigt eine aktuelle Studie von Wissenschaftlern der Universität Bonn. Das Ergebnis ist unerwartet - eigentlich waren die Forscher einem ganz anderen Bewertungs-Mechanismus auf der Spur. Die Forscher am Universitätsklinikum Bonn haben nun Nervenzellen im Gehirn identifiziert, an deren Aktivität sich die Entscheidungs-Sicherheit ablesen lässt. An ihrem Experiment nahmen insgesamt zwölf Frauen und Männer Teil. „Wir zeigten ihnen Fotos zweier verschiedener Snacks, zum Beispiel von einem Schokoriegel und einer Tüte Chips“, erklärt Prof. Dr. Dr. Florian Mormann von der Klinik für Epileptologie. Insgesamt 190 verschiedene Snack-Paare mussten die Teilnehmer so beurteilen. Gleichzeitig zeichneten die Wissenschaftler die Aktivität von jeweils 830 Nervenzellen im so genannten Schläfenlappen auf, einer Region unterhalb der Schläfe in der Hirnrinde. „Dabei stellten wir fest, dass sich die Frequenz der elektrischen Pulse bei manchen Neuronen - also ihre ‚Feuerrate‘ - mit steigender Entscheidungs-Sicherheit änderte“, erklärt Mormanns Mitarbeiter Alexander Unruh-Pinheiro. Es ist das erste Mal, dass ein solcher Zusammenhang zwischen Aktivität und Entscheidungssicherheit gefunden wurde. Die betroffenen Neurone befinden sich in einer Hirnregion, die unter anderem bei Gedächtnis-Vorgängen eine Rolle spielt. „Möglicherweise ist es so, dass wir nicht nur abspeichern, welche Entscheidung wir getroffen haben, sondern auch, wie sicher wir dabei waren“, spekuliert Mormann.

Neuronale Kommunikation: Ein komplexes Zusammenspiel

Damit kleinste Handlungen oder Emotionen möglich werden, müssen die rund 86 Milliarden Nervenzellen im Gehirn zusammenarbeiten, miteinander kommunizieren. Innerhalb eines Neurons wird ein einkommendes Signal elektrisch weitergeleitet. Zwischen zwei Neuronen werden Signale in der Regel chemisch über Neurotransmitter übertragen. Die elektrische Weiterleitung funktioniert nach dem Alles-oder-Nichts-Prinzip: Erst wenn die Stärke des Signals einen Schwellenwert übersteigt, wird im Axon das Aktionspotenzial generiert. Dabei helfen die Synapsen, die das elektrische Signal des Aktionspotenzials in ein chemisches “übersetzen”: Sie setzen Botenstoffe, Neurotransmitter, in den Spalt zwischen Sender- und Empfängerzelle frei. Die Empfängerzelle kann die Neurotransmitter über Rezeptoren aufnehmen und in ein elektrisches Signal, das postsynaptische Signal, übersetzen. Die Botschaft und Dringlichkeit eines Signals zeigt sich an der Anzahl und der Frequenz der Aktionspotenziale. Solange ein Neuron nicht „feuert“, befindet es sich im Ruhezustand.

Der Wechsel vom Ruhe- zum Aktionspotenzial erfolgt, indem bestimmte Ionen über die Zellmembran des Axons ein- und ausströmen. Im Ruhezustand sind mehr Kalium-Ionen im Inneren des Axons, während sich außerhalb mehr Natrium-Ionen befinden. Kommt ein geeigneter Reiz, öffnen sich in der Membran kurzzeitig Ionen-Kanäle, über die sehr schnell positiv geladene Natrium-Ionen einströmen. Nun wird das Potenzial im Inneren positiver, mehr Kanäle öffnen sich, man spricht von einer Depolarisation. Nur wenn diese stark genug ist, sie also einen bestimmten Schwellenwert überschreitet, tritt das Aktionspotenzial als eine Art explosionsartige Umpolarisierung der Membran auf („Alles-oder-Nichts-Prinzip“).

Synapsen: Schaltstellen der Informationsübertragung

Das Aktionspotenzial erreicht schließlich das Ende des Axons, das synaptische Endknöpfchen. Dies ist die Kontaktstelle zu einer anderen Nervenzelle. Die Synapsen sind die zentralen Schaltstellen der Informationsübertragung im Gehirn. Jede Nervenzelle hat bis zu 10.000 davon, im Extremfall sogar mehr als 100.000. Um die Barriere zwischen Sender- und Empfängerzelle zu überwinden, nutzen die meisten Synapsen chemische Botenstoffe - wenngleich es auch einige gibt, die rein elektrisch arbeiten. Bei chemischen Synapsen fusionieren nach der Ankunft eines Aktionspotenzials die synaptischen Vesikel mit der Zellmembran und schütten Neurotransmitter in den Spalt aus. Am postsynaptischen Neuron gibt es Rezeptormoleküle, die auf einen bestimmten Neurotransmitter spezialisiert sind. Die Neurotransmitter erzeugen in der Empfängerzelle das postsynaptische Potenzial, eine Veränderung im Membranpotenzial des Neurons: Das chemische Signal wird also wieder in ein elektrisches zurückübersetzt.

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