Polyneuropathien sind eine heterogene Gruppe von Erkrankungen, die das periphere Nervensystem betreffen. In Deutschland sind schätzungsweise vier bis fünf Millionen Menschen betroffen. Diese Erkrankungen können sich durch vielfältige Symptome äußern und die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Die Abklärung der Ursachen ist entscheidend für das Management dieser Erkrankungen.
Was ist eine Polyneuropathie?
Der Begriff "Polyneuropathie" (PNP) beschreibt eine Schädigung oder Erkrankung der peripheren Nerven, also der Nerven, die außerhalb des Gehirns und des Rückenmarks liegen. Das periphere Nervensystem ist für die Wahrnehmung von Temperatur und Schmerzen, die Beweglichkeit der Muskulatur und die automatische Steuerung von Organen verantwortlich. Bei einer Polyneuropathie sind mehrere Nerven oder ganze Nervenstrukturen geschädigt, was zu einer Störung der Reizweiterleitung zwischen Nerven, Rückenmark und Gehirn führt.
Formen der Polyneuropathie
Fachleute unterscheiden vier Hauptformen der Polyneuropathie:
- Symmetrische Polyneuropathie: Schäden an den Nervenbahnen betreffen beide Körperhälften.
- Asymmetrische Polyneuropathie: Die Erkrankung beeinträchtigt eine Seite des Körpers.
- Distale Polyneuropathie: Die Nervenschädigung zeigt sich in Körperteilen, die von der Körpermitte entfernt sind (Hände, Beine, Füße). Ärzte sprechen hierbei von einer distal-symmetrischen Polyneuropathie.
- Proximale Polyneuropathie: Die Nervenschäden konzentrieren sich auf rumpfnahe Körperbereiche (seltene Form).
Eine weitere Einteilung kann nach Nervenfasertyp oder Innervationsgebiet erfolgen. Wenn keine Klassifizierung möglich ist, spricht man von einer idiopathischen Polyneuropathie.
Ursachen und Risikofaktoren
Mittlerweile sind mehrere hundert Ursachen für Polyneuropathien bekannt. In den meisten Fällen ist die Polyneuropathie keine eigenständige Krankheit, sondern die Folge oder Begleiterscheinung einer Grunderkrankung. Die häufigsten Ursachen sind:
Lesen Sie auch: Massagegeräte zur Neuropathie-Behandlung
- Diabetes mellitus: Bei etwa jedem zweiten Diabetiker treten im Laufe des Lebens Nervenschäden auf (diabetische Polyneuropathie). Ein sehr gutes Blutzuckermanagement kann das Fortschreiten verzögern oder aufhalten.
- Alkoholmissbrauch: Chronischer Alkoholismus kann zu einer alkoholtoxischen Polyneuropathie führen. Übermäßiger Alkoholkonsum ist oft mit einem Mangel an Vitamin B12, Folsäure sowie Vitamin B2 und Vitamin B6 verbunden.
- Vitamin-B12-Mangel: Ein Mangel an diesem Vitamin kann schwerwiegende Folgen haben, wenn er nicht rechtzeitig behandelt wird.
- Weitere Ursachen: Giftstoffe, Medikamente (z.B. Chemotherapeutika), Infektionen (z.B. Borreliose), Autoimmunerkrankungen (z.B. Guillain-Barré-Syndrom), Nierenerkrankungen, Lebererkrankungen, Krebserkrankungen, Schilddrüsenerkrankungen, genetische Faktoren.
Trotz ausführlicher Diagnostik lässt sich bei etwa einem Viertel der Betroffenen keine Ursache für die Polyneuropathie feststellen.
Symptome
Die Symptome einer Polyneuropathie sind vielfältig und hängen von den betroffenen Nerven ab. Typische Symptome sind:
- Sensible Symptome: Stechende, brennende Schmerzen, Missempfindungen (z.B. Kribbeln, Ameisenlaufen), Taubheitsgefühle, vermindertes Temperatur- oder Schmerzempfinden. Nicht selten ähneln die Schmerzen und Missempfindungen der Small Fibre Neuropathie, aber auch die begleitenden Beschwerden wie Verdauungsbeschwerden, Schlafstörungen und Erschöpfungsgefühle der Beschreibung einer Fibromyalgie.
- Motorische Symptome: Muskelschwäche, Muskelzucken, Muskelkrämpfe, Muskelschwund, Gangstörungen, Stolpern und Stürze.
- Autonome Symptome: Herzrhythmusstörungen, Verdauungsbeschwerden, Blasenentleerungsstörungen, Impotenz, gestörtes Schwitzen, Kreislaufprobleme.
Die Symptome beginnen meist an den Füßen oder Händen und breiten sich dann langsam aus. Oft verstärken sich die Beschwerden in der Nacht. Bei Menschen mit einem eingeschränkten Berührungs- und Schmerzempfinden in den Füßen ist es wichtig, diese regelmäßig auf Druck- und Scheuerstellen zu kontrollieren.
Small Fiber Neuropathie
Die Small Fiber Neuropathie (SFN) betrifft die kleinen peripheren Nervenbahnen. Häufige Auslöser sind Diabetes mellitus und eine gestörte Glukosetoleranz. Die SFN wird oft erst spät erkannt, da die Messung der Nervenleitgeschwindigkeit nur die großen Nervenbahnen erfasst.
Diagnose
Bei Verdacht auf eine Polyneuropathie ist der Hausarzt die erste Anlaufstelle. Dieser überweist den Patienten an einen Neurologen. Die Diagnose umfasst:
Lesen Sie auch: Small Fiber Neuropathie verstehen: Ursachen, Symptome, Therapie
- Anamnese: Erfassung der Krankengeschichte, aktuelle Symptome, Grunderkrankungen, Medikation.
- Klinische Untersuchung: Überprüfung von Reflexen, Temperatur-, Schmerz- und Vibrationsempfinden, Gleichgewicht, Stand, Gang und Muskelkraft.
- Nervenleitgeschwindigkeit (NLG): Messung, wie schnell elektrische Signale durch die Nerven geleitet werden.
- Elektromyographie (EMG): Aufzeichnung der Muskelaktivität in Ruhe und bei Anspannung.
- Spezielle Laboruntersuchungen: Bluttests auf spezifische Antikörper, Vitaminmangel, etc.
- Bildgebung: Hochauflösende Sonographie zur Detektion von Veränderungen in der Dicke eines Nervs.
- Nervenbiopsie: In besonders schweren Fällen kann eine Probenentnahme aus dem Nervengewebe erforderlich sein.
Therapie
Die Therapie der Polyneuropathie richtet sich nach der Ursache.
- Behandlung der Grunderkrankung: Bei Diabetes mellitus ist eine optimale Blutzuckereinstellung unerlässlich. Bei Alkoholismus ist eine sofortige, lebenslange Abstinenz angezeigt.
- Symptomatische Behandlung:
- Medikamentöse Therapie: Gegen Schmerzen und Missempfindungen können Medikamente wie Pregabalin oder Duloxetin helfen. In schweren Fällen ist auch der Einsatz von Morphinen gerechtfertigt. Alpha-Liponsäure und Benfotiamin können ebenfalls einen günstigen Einfluss auf die Nervenfunktion haben. Seit 2017 können Ärzte in Deutschland medizinisches Cannabis auf Rezept verschreiben, wobei der Einsatz bei chronischen neuropathischen Schmerzen kontrovers diskutiert wird.
- Weitere Behandlungsansätze: Psychotherapie, elektrische Stimulation (TENS), Capsaicin-Pflaster, Krankengymnastik/Physiotherapie, regelmäßige Fußpflege.
Autoimmune Polyneuropathien
Autoimmune Polyneuropathien werden zwischen akuten und chronisch-entzündlichen Neuropathien unterschieden. Den beiden Erkrankungen liegt eine entzündliche Autoimmunreaktion gegen spezifische Bestandteile des peripheren Myelins zugrunde.
- Guillain-Barré-Syndrom (GBS): Akute Verlaufsform mit einer Inzidenz von 1,3-2/100.000.
- Chronisch-inflammatorisch-demyelinisierende Polyneuropathie (CIDP): Häufigste chronische Form mit einer Prävalenz von ca. 7,7 pro 100.000 Einwohnern.
Die Labordiagnostik kann durch den Nachweis von Autoantikörpern (AAk) gegen Ganglioside oder das Myelin-assoziierte Glykoprotein (MAG) wichtige differentialdiagnostische Hinweise geben.
Was kann man selbst tun?
- Regelmäßige Bewegung: Kann neuropathische Beschwerden lindern und die Regeneration der Nerven anregen. Ideal ist die Kombination aus Ausdauer- und Krafttraining.
- Ausgewogene Ernährung: Versorgung des Körpers mit allen essenziellen Vitaminen und Nährstoffen. Eine Nahrungsergänzung mit Folsäure, B12 oder anderen B-Vitaminen ist nur bei einem nachgewiesenen Mangel angeraten.
- Fußpflege: Bei Sensibilitätsstörungen ist eine tägliche Fußpflege unverzichtbar. Regelmäßige medizinische Fußpflege beim Podologen wird empfohlen.
- Geeignetes Schuhwerk: Tragen Sie bequeme Schuhe, um Druckstellen und Verletzungen zu vermeiden.
- Selbsthilfegruppen: Austausch mit anderen Betroffenen über Erfahrungen und praktische Tipps für den Alltag.
Lesen Sie auch: Ursachen und Behandlung von Polyneuropathie in den Füßen
tags: #neuropathie #polyneuropathie #unterscheidung