Neuropathische Schmerzen sind eine komplexe und oft schwer zu behandelnde Schmerzerkrankung. Sie entstehen durch Schädigungen oder Funktionsstörungen des Nervensystems und können sich von anderen Schmerzarten deutlich unterscheiden. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Diagnose und verschiedenen Behandlungsansätze von neuropathischen Schmerzen.
Was sind neuropathische Schmerzen?
Schmerzen sind ein wichtiges Warnsystem des Körpers, das vor potenziellen Gewebeschäden schützt. Die Schmerzwahrnehmung (Nozizeption) ist ein komplexer Prozess, an dem periphere Nozizeptoren, afferente Nervenbahnen, spinale Schaltstellen und zentrale Nervenverarbeitungszentren beteiligt sind. Neuropathische Schmerzen entstehen jedoch nicht durch eine Aktivierung von Schmerzrezeptoren aufgrund einer Verletzung, sondern durch eine Schädigung oder Funktionsstörung des Nervensystems selbst.
Ursachen neuropathischer Schmerzen
Neuropathische Schmerzen können vielfältige Ursachen haben:
- Polyneuropathien (PNP): Dies sind Erkrankungen des peripheren Nervensystems, die akute oder chronische Störungen der peripheren Nerven oder deren Anteile betreffen. Polyneuropathien sind eine häufige Ursache neuropathischer Schmerzen. Die Prävalenz von Polyneuropathien liegt bei etwa 5-8 % in der erwachsenen bzw. älteren Bevölkerung. Etwa 50 % aller Polyneuropathien gehen mit Schmerzen einher.
- Diabetes: Die diabetische Neuropathie ist eine häufige Komplikation von Diabetes und kann zu neuropathischen Schmerzen führen.
- Gürtelrose (Herpes Zoster): Nach einer Gürtelrose kann es zu einer Post-Zoster-Neuralgie kommen, die durch neuropathische Schmerzen gekennzeichnet ist.
- Chemotherapie: Einige Chemotherapeutika können eine Chemotherapie-induzierte periphere Neuropathie (CIPN) verursachen.
- Operationen und Verletzungen: Nerven können bei Operationen oder Verletzungen beschädigt werden, was zu neuropathischen Schmerzen führen kann.
- Alkoholmissbrauch: Chronischer Alkoholkonsum kann neuropathische Schmerzen verursachen.
- Andere Erkrankungen: Seltenere Ursachen sind z. B. Tumoren, Infektionen oder Autoimmunerkrankungen.
- Zervikale Spondylose: Die zervikale Spondylose ist eine degenerative Erkrankung der Halswirbelsäule, die neuropathische Schmerzen verursachen kann, wenn Nervenwurzeln komprimiert werden.
Symptome neuropathischer Schmerzen
Die Symptome neuropathischer Schmerzen können sehr unterschiedlich sein und hängen von der Art und dem Ausmaß der Nervenschädigung ab. Häufige Symptome sind:
- Brennende Schmerzen: Viele Betroffene beschreiben ihre Schmerzen als brennend, stechend oder schneidend.
- Kribbeln und Taubheit: Diese Missempfindungen treten häufig in den betroffenen Bereichen auf.
- Elektrisierende Schmerzen: Einige Patienten berichten von einschießenden, elektrisierenden Schmerzen.
- Allodynie: Dies bedeutet, dass normalerweise nicht schmerzhafte Reize (z. B. leichte Berührung) als schmerzhaft wahrgenommen werden.
- Hyperalgesie: Hierbei ist die Schmerzempfindlichkeit gegenüber schmerzhaften Reizen erhöht.
- Schmerzen ohne erkennbaren Auslöser: Neuropathische Schmerzen können auch ohne äußeren Reiz auftreten.
- Vegetative Störungen: In einigen Fällen können vegetative Störungen wie Schweißausbrüche oder Veränderungen der Hautfarbe auftreten.
Diagnose neuropathischer Schmerzen
Die Diagnose neuropathischer Schmerzen basiert in erster Linie auf der Anamnese und der körperlichen Untersuchung. Dabei ist es wichtig, die Art, Lokalisation und Intensität der Schmerzen genau zu erfassen. Eine standardisierte Schmerzanamnese ist unverzichtbar, um nozizeptive, neuropathische und noziplastische Schmerzen zu differenzieren.
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Folgende Aspekte sind bei der Diagnose wichtig:
- Schmerzanamnese:
- Qualität und Charakter des Schmerzes (z. B. brennend, stechend, elektrisierend)
- Lokalisation und Ausbreitung des Schmerzes
- Intensität des Schmerzes (z. B. mithilfe von Schmerzskalen)
- Zeitliches Muster (akut vs. chronisch)
- Auslösende oder verstärkende Faktoren
- Vorherige Behandlungen und deren Wirksamkeit
- Körperliche Untersuchung:
- Neurologische Untersuchung zur Überprüfung der Sensibilität, Motorik und Reflexe
- Untersuchung auf Allodynie und Hyperalgesie
- Beurteilung vegetativer Funktionen (z. B. Schweißsekretion, Hautfarbe)
- Bildgebende Verfahren:
- MRT (Magnetresonanztomografie) zur Erkennung von strukturellen Ursachen (z. B. Nervenkompressionen, Tumoren)
- Elektrophysiologische Untersuchungen:
- Elektromyographie (EMG) und Nervenleitgeschwindigkeitsmessung zur Beurteilung der Nervenfunktion und zum Nachweis von Nervenschädigungen
- Laboruntersuchungen:
- Blutbild, Entzündungsparameter (CRP, BSG), Leber- und Nierenwerte zur Abklärung von systemischen Erkrankungen oder Medikamentennebenwirkungen
- Vitamin B12-Spiegel, Blutzucker, Elektrolyte zur Identifizierung von Stoffwechselstörungen
- Psychologische Beurteilung:
- Erfassung von psychischen Begleiterkrankungen (z. B. Depressionen, Angststörungen) mithilfe von standardisierten Fragebögen und Skalen zur Lebensqualität
Die Wahl der diagnostischen Verfahren richtet sich nach der klinischen Fragestellung und den vermuteten Ursachen der neuropathischen Schmerzen.
Behandlung neuropathischer Schmerzen
Die Behandlung neuropathischer Schmerzen ist oft komplex und erfordert einen multimodalen Ansatz. Ziel ist es, die Schmerzen zu lindern, die Lebensqualität zu verbessern und dieFunktionsfähigkeit wiederherzustellen. Die Behandlung sollte idealerweise auf die individuellen Bedürfnisse des Patienten zugeschnitten sein.
Folgende Behandlungsansätze stehen zur Verfügung:
Medikamentöse Therapie:
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- Antidepressiva: Trizyklische Antidepressiva (z. B. Amitriptylin) und selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SSNRI, z. B. Duloxetin, Venlafaxin) werden häufig zur Behandlung neuropathischer Schmerzen eingesetzt. Sie wirken schmerzlindernd, indem sie die Schmerzverarbeitung im Gehirn beeinflussen.
- Antikonvulsiva: Einige Antikonvulsiva (z. B. Gabapentin, Pregabalin) haben sich ebenfalls bei neuropathischen Schmerzen als wirksam erwiesen. Sie wirken, indem sie die Nervenaktivität reduzieren.
- Opioide: Opioide (z. B. Tramadol) können bei starken neuropathischen Schmerzen eingesetzt werden, sollten aber aufgrund ihres Suchtpotenzials und möglicher Nebenwirkungen nur kurzfristig und unter strenger ärztlicher Kontrolle angewendet werden.
- Lokalanästhetika: Lidocain-Pflaster oder -Cremes können bei lokalisierten neuropathischen Schmerzen eingesetzt werden.
- Capsaicin-Creme: Capsaicin ist ein Wirkstoff aus Chilischoten, der bei neuropathischen Schmerzen eingesetzt werden kann.
Nicht-medikamentöse Therapie:
- Physiotherapie: Physiotherapie kann helfen, die Muskulatur zu stärken, die Beweglichkeit zu verbessern und Schmerzen zu lindern.
- Ergotherapie: Ergotherapie kann helfen, den Alltag besser zu bewältigen und dieFunktionsfähigkeit zu verbessern.
- Psychotherapie: Psychotherapie kann helfen, mit den Schmerzen umzugehen, Stress abzubauen und die Lebensqualität zu verbessern. Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) ist eine häufig eingesetzte Methode.
- Entspannungstechniken: Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung, autogenes Training oder Yoga können helfen, Stress abzubauen und Schmerzen zu lindern.
- Akupunktur: Einige Studien deuten darauf hin, dass Akupunktur bei neuropathischen Schmerzen wirksam sein kann.
- Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS): TENS ist eine nicht-invasive Methode, bei der elektrische Impulse über die Haut an die Nerven abgegeben werden, um Schmerzen zu lindern.
Interventionelle Schmerztherapie:
- Nervenblockaden: Bei Nervenblockaden werden Lokalanästhetika in die Nähe von Nerven gespritzt, um die Schmerzleitung zu unterbrechen.
- Epidurale Injektionen: Bei epiduralen Injektionen werden Kortikosteroide in den Epiduralraum gespritzt, um Entzündungen zu reduzieren und Schmerzen zu lindern.
- Rückenmarkstimulation (SCS): Bei der Rückenmarkstimulation wird ein kleines Gerät implantiert, das elektrische Impulse an das Rückenmark abgibt, um Schmerzen zu lindern.
- Periphere Nervenstimulation (PNS): Ähnlich wie bei der SCS werden bei der PNS elektrische Impulse an periphere Nerven abgegeben, um Schmerzen zu lindern.
Ernährung und Nahrungsergänzungsmittel:
- B-Vitamine: B-Vitamine (insbesondere B1, B6, B12) sind wichtig für die Nervenfunktion. Ein Mangel an B-Vitaminen kann neuropathische Schmerzen verstärken.
- Alpha-Liponsäure: Alpha-Liponsäure ist ein Antioxidans, das bei diabetischer Neuropathie eingesetzt werden kann. Studien belegen eine Schmerzlinderung und Verbesserung der Nervenfunktion. Empfehlung: 600 mg/Tag über mind. 3 Wochen.
- Omega-3-Fettsäuren: Omega-3-Fettsäuren (EPA/DHA) können als begleitende Maßnahme zur neuroprotektiven Langzeitstabilisierung bei wiederkehrenden Schüben oder inflammatorischer Beteiligung eingesetzt werden.
- Selen: Selen ist Bestandteil antioxidativer Enzyme und kann synergistisch mit Vitamin E wirken. Empfehlung: 50-100 µg/Tag, ggf. in Kombination mit Vitamin E.
Es ist wichtig zu beachten, dass die Wirksamkeit von Nahrungsergänzungsmitteln bei neuropathischen Schmerzen nicht ausreichend belegt ist und sie keine medikamentöse Therapie ersetzen können.
Spezielle Aspekte bei Polyneuropathie
Bei der Therapie der schmerzhaften Polyneuropathie (neuropathische Schmerzen) sollten Positivsymptome wie Kribbeln, Brennen und Schmerzen symptomatisch medikamentös behandelt werden. Die Therapie sollte immer durch nicht-medikamentöse Maßnahmen unterstützt werden.
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Ergänzende Hinweise
- Nackenschmerzen: Ursache für die Schmerzen sind zumeist Erkrankungen des Bewegungsapparats - der Wirbelsäule einschließlich der Wirbelknochen sowie der stützenden Muskeln und Bänder. Einige Erkrankungen lösen nur Schmerzen im Nacken aus. Andere Erkrankungen können Nacken- und Kreuzschmerzen auslösen.
- Augenschmerzen: Diese können plötzlich auftreten und sind oft mit akuten Erkrankungen oder Verletzungen des Auges verbunden, wie Konjunktivitis (Bindehautentzündung), Keratitis (Hornhautentzündung), Glaukomanfall (Grüner Star) oder Fremdkörper im Auge.
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