Neuropathische Schmerzen nach Knieprothese (TEP): Ursachen und Behandlungsansätze

Chronische Schmerzen nach dem Einsetzen einer Knieprothese (Totalendoprothese, TEP) sind ein komplexes und oft unterschätztes Problem. Etwa 20 bis 30 Prozent der Patienten leiden nach einer solchen Operation unter chronischen Schmerzen. Diese Schmerzen können neuropathischer Natur sein und die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Eine genaue Diagnose und ein multimodales Therapiekonzept sind entscheidend, um die Schmerzen zu lindern und die Funktionsfähigkeit des Knies wiederherzustellen.

Ursachen für Schmerzen nach Knie-TEP

Die Ursachen für Schmerzen nach einer Knie-TEP sind vielfältig und können in verschiedene Kategorien eingeteilt werden:

Mechanische Ursachen

  • Prothesenlockerung: Mit der Zeit kann sich die Prothese lockern, was zu Schmerzen und Instabilität führen kann. Eine Lockerung muss durch Röntgenbilder, CT oder Szintigrafie ausgeschlossen werden.
  • Fehlstellung oder Fehlpositionierung des Implantats: Eine inkorrekte Positionierung der Prothese kann zu unnatürlichen Belastungen und Schmerzen führen.
  • Gelenkinstabilität: Gelockerte Seitenbänder oder andere Ursachen können zu einer Instabilität des Kniegelenks führen.
  • Abrieb: Moderne Prothesen sind sehr abriebfest, aber in seltenen Fällen kann Abrieb zu Beschwerden führen.

Weichteilprobleme

  • Muskelschwäche: Insbesondere die Schwäche der Kniestrecker-Muskulatur (Quadrizeps) kann zu Schmerzen und Instabilität führen. Muskelkräftigung ist ein wichtiger Bestandteil der konservativen Therapie.
  • Sehnenansatzentzündung (Tendinopathie): Reizungen oder Entzündungen der Sehnenansätze rund um das Kniegelenk können Schmerzen verursachen.
  • Schleimbeutelentzündung (Bursitis): Entzündungen der Schleimbeutel im Kniebereich können ebenfalls Schmerzen verursachen.
  • Narbenbildung (Arthrofibrose): In seltenen Fällen kann es zu einer übermäßigen Narbenbildung im Gelenk kommen, was die Beweglichkeit einschränkt und Schmerzen verursacht.

Neurologische Ursachen

  • Nervenschäden: Während der Operation können Nerven geschädigt werden, was zu neuropathischen Schmerzen führen kann. Besonders gefährdet sind der Nervus peroneus (Wadenbeinnerv) und der Nervus tibialis (Schienbeinnerv).
  • Nervenirritation: Durchtrennte oder irritierte Nerven können chronische Schmerzen auslösen.
  • Komplexes regionales Schmerzsyndrom (CRPS): In seltenen Fällen kann es zu einem CRPS kommen, das durch Schwellung, Verfärbung und übermäßige Schmerzempfindlichkeit gekennzeichnet ist.

Infektionen

  • Infektionen: Infektionen im Bereich der Knieprothese sind eine gefürchtete Komplikation und können zu starken Schmerzen und Funktionsverlust führen.

Projizierte Schmerzen

  • Projizierte Schmerzen: Schmerzen können auch von anderen Bereichen des Körpers, wie Hüfte oder Lendenwirbelsäule, in das Knie ausstrahlen.

  • Lumboischialgie: Beinschmerzen, die vom Rücken ausstrahlen, können sich als Knieschmerzen äußern.

  • Coxarthrose: Arthrose im Hüftgelenk kann ebenfalls Knieschmerzen verursachen.

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Psychosomatische Ursachen

  • Psychosomatische Ursachen: Chronische Schmerzen können durch Stress, Depressionen oder Ängste verstärkt werden.

Symptome neuropathischer Schmerzen nach Knie-TEP

Neuropathische Schmerzen zeichnen sich durch eine veränderte Hautsensibilität aus. Betroffene reagieren oft überempfindlich auf Berührungen, Kälte oder Wärme. Typische Symptome sind:

  • Taubheitsgefühle
  • Kribbeln
  • Brennende oder stechende Schmerzen
  • Einschießende oder elektrisierende Schmerzen
  • Schmerzattacken

Diagnostik

Eine umfassende Diagnostik ist entscheidend, um die Ursache der Schmerzen zu identifizieren und eine geeignete Therapie einzuleiten. Die Diagnostik umfasst in der Regel:

  • Anamnese und körperliche Untersuchung: Der Arzt erfragt die Krankengeschichte und untersucht das Kniegelenk auf Schwellungen, Rötungen, Bewegungseinschränkungen und Instabilität.
  • Bildgebende Verfahren:
    • Röntgenaufnahmen: Dienen zum Ausschluss von Prothesenlockerung, Fehlstellung oder Frakturen.
    • Magnetresonanztomographie (MRT): Ermöglicht eine detaillierte Beurteilung der Weichteile, wie Muskeln, Sehnen, Bänder und Nerven.
    • Szintigraphie: Kann bei Verdacht auf Infektionen oder Entzündungen eingesetzt werden.
    • Computertomographie (CT): Kann in bestimmten Fällen zusätzliche Informationen liefern, insbesondere bei komplexen Fragestellungen.
  • Laboruntersuchungen:
    • Blutuntersuchungen: Können Entzündungszeichen oder Infektionen nachweisen.
    • Gelenkpunktion: Bei Verdacht auf eine Infektion kann eine Gelenkpunktion durchgeführt werden, um Gelenkflüssigkeit zu gewinnen und auf Bakterien zu untersuchen.
  • Neurologische Untersuchung: Bei Verdacht auf einen Nervenschaden kann eine neurologische Untersuchung durchgeführt werden, um die Funktion der Nerven zu überprüfen.
  • Hochauflösende Ultraschall-Bildgebung: Kann kleinste sensible Hautnerven am vorderen und inneren Oberschenkel und im Kniebereich darstellen.

Behandlung

Die Behandlung neuropathischer Schmerzen nach Knie-TEP ist komplex und erfordert in der Regel einen multimodalen Ansatz. Ziel der Behandlung ist es, die Schmerzen zu lindern, die Funktionsfähigkeit des Knies zu verbessern und die Lebensqualität der Betroffenen zu erhöhen.

Konservative Therapie

  • Medikamentöse Therapie:
    • Schmerzmittel: Nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR), Paracetamol oder Opioide können zur Schmerzlinderung eingesetzt werden.
    • Antidepressiva: Trizyklische Antidepressiva oder selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SSNRI) können bei neuropathischen Schmerzen helfen.
    • Antikonvulsiva: Medikamente wie Gabapentin oder Pregabalin können ebenfalls bei neuropathischen Schmerzen eingesetzt werden.
    • Lokale Therapie: Lidocain-Pflaster können zur lokalen Schmerzlinderung eingesetzt werden.
  • Physiotherapie:
    • Kräftigung der Muskulatur: Gezielte Übungen zur Kräftigung der Muskulatur rund um das Kniegelenk können die Stabilität verbessern und Schmerzen reduzieren.
    • Verbesserung der Beweglichkeit: Dehnübungen und manuelle Therapie können helfen, die Beweglichkeit des Kniegelenks zu verbessern.
    • Lymphdrainage: Kann zur Reduktion von Schwellungen und zur Verbesserung der Heilung beitragen.
  • Weitere konservative Maßnahmen:
    • Wärme- oder Kälteanwendungen: Können zur Schmerzlinderung eingesetzt werden.
    • Akupunktur: Kann bei einigen Patienten zur Schmerzlinderung beitragen.
    • Psychologische Betreuung: Kann helfen, mit den chronischen Schmerzen umzugehen und die Lebensqualität zu verbessern.

Invasive Therapie

  • Injektionen:
    • Kortikosteroidinjektionen: Können zur Entzündungshemmung und Schmerzlinderung eingesetzt werden.
    • Hyaluronsäureinjektionen: Können die Gleitfähigkeit des Gelenks verbessern und Schmerzen reduzieren.
    • Nervenblockaden: Können zur gezielten Betäubung von Nerven eingesetzt werden, die für die Schmerzen verantwortlich sind.
  • Neuromodulation:
    • Spinalganglien-Stimulation (DRG-Stimulation): Ein minimalinvasives Verfahren, bei dem Elektroden in der Nähe der Spinalganglien platziert werden, um Schmerzsignale zu blockieren.
    • Spinal-Cord-Stimulation (SCS): Ein ähnliches Verfahren, bei dem Elektroden im Rückenmark platziert werden.
  • Operative Therapie:
    • Revision der Prothese: Bei Prothesenlockerung, Fehlstellung oder Infektionen kann eine Revisionsoperation erforderlich sein.
    • Arthroskopische Eingriffe: In seltenen Fällen können arthroskopische Eingriffe zur Entfernung von Narbengewebe oder zur Lösung von Verklebungen durchgeführt werden.
    • Denervation: In seltenen Fällen kann eine Denervation erwogen werden, bei der die das Knie versorgenden Nerven durchtrennt werden, um die Schmerzweiterleitung zu unterdrücken.

Prävention

Einige Maßnahmen können dazu beitragen, das Risiko von chronischen Schmerzen nach einer Knie-TEP zu reduzieren:

  • Gute Operationsplanung: Auswahl der passenden Prothese und Berücksichtigung von Begleiterkrankungen.
  • Optimierung des Heilungsverlaufs: Frühzeitige Mobilisierung und individuell abgestimmte Rehabilitationspläne.
  • Aufklärung und Patientenschulung: Wissensvermittlung über die normale Heilungszeit und realistische Erwartungshaltung fördern.

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