Seit März 2017 haben Patienten mit schwerwiegenden Erkrankungen in Deutschland die Möglichkeit, cannabisbasierte Arzneimittel zur Schmerzlinderung zu nutzen. Diese Gesetzesänderung hat eine intensive Debatte über die Wirksamkeit und Sicherheit von Cannabis in der Schmerztherapie ausgelöst. Dieser Artikel beleuchtet die aktuelle Evidenzlage, insbesondere im Hinblick auf neuropathische Schmerzen, und gibt einen Überblick über relevante Studien und Expertenmeinungen.
Rechtliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen
Die Gesetzesänderung im März ermöglicht es Ärzten, Cannabis-Präparate in Form von getrockneten Blüten oder Cannabis-Extrakten (Medizinalhanf), standardisierten Extrakten oder synthetischen Cannabisanaloga zu verschreiben. Die Deutsche Schmerzgesellschaft e.V. begrüßt diese Änderung, betont jedoch, dass Cannabinoide nicht als isoliertes Therapieverfahren, sondern in Kombination mit physiotherapeutischen und schmerzpsychotherapeutischen Verfahren eingesetzt werden sollten.
Trotz der Gesetzesänderung warnen Experten vor einer unkontrollierten Eigentherapie mit Cannabisblüten, da die Dosierungen ungenau seien und es zu unerwünschten, gesundheitsschädlichen Nebenwirkungen kommen könne. Die intensive Medienberichterstattung hat dazu geführt, dass zum Teil auch Kopfschmerzpatienten eine Verordnung vehement einfordern, obwohl die Studienlage auch in diesem Bereich noch zu dürftig ist.
Aktuelle Evidenzlage zu Cannabis bei verschiedenen Schmerzarten
Professor Dr. med. Winfried Häuser, Kongresspräsident und Ärztlicher Leiter des Schwerpunktes Psychosomatik der Klinik Innere Medizin I des Klinikums Saarbrücken, wertete zusammen mit Kollegen insgesamt 750 identifizierte Studien aus. Die Ergebnisse zeigen, dass die Evidenz für die Wirksamkeit von cannabisbasierten Arzneimitteln bei bestimmten Schmerzarten begrenzt ist.
Eingeschränkte Evidenz
Es besteht keine ausreichende Evidenz dafür, dass cannabisbasierte Arzneimittel in der Therapie bei Tumorschmerzen, rheumatischen und gastrointestinalen Schmerzen oder bei Appetitlosigkeit bei Krebs und AIDS wirksam sind. Auch positive Effekte bei Appetitlosigkeit, unter der Krebspatienten und Menschen mit AIDS häufig leiden, sind nach der wissenschaftlichen Auswertung nicht erwiesen.
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Ausreichende Evidenz bei neuropathischen Schmerzen
Eine ausreichende Quantität der Evidenz besteht nur beim neuropathischen Schmerz. Aktuelle Studien deuten darauf hin, dass medizinisches Cannabis besonders bei neuropathischen Schmerzen (Nervenschmerzen) eine schmerzlindernde Wirkung zeigen kann. Dies betrifft beispielsweise Schmerzen im Rahmen von Multipler Sklerose oder diabetischer Neuropathie.
Neuropathische Schmerzen: Symptome und Besonderheiten
Neuropathische Schmerzen entstehen durch Schädigungen oder Fehlfunktionen des Nervensystems. Diese Art von Nervenschmerzen unterscheidet sich grundlegend von anderen Schmerzformen und zeigt charakteristische Symptome, die das tägliche Leben erheblich beeinträchtigen können. Typische Symptome von Nervenschmerzen umfassen:
- Brennen in den betroffenen Körperregionen
- Stechen und elektrisierende Schmerzattacken
- Taubheitsgefühle in Händen und Füßen
- Kribbeln und Missempfindungen
- Überempfindlichkeit gegenüber Berührungen
- Nächtliche Schmerzverstärkung
Die Intensität der Nervenschmerzen variiert stark zwischen den Betroffenen und kann von milden Missempfindungen bis hin zu unerträglichen Dauerschmerzen reichen. Das Schmerzempfinden bei neuropathischen Schmerzen ist oft schwer zu beschreiben und wird von Patienten als „anders“ als normale Schmerzen empfunden. Diese Besonderheit macht die Behandlung mit herkömmlichen Schmerzmitteln oft ineffektiv, weshalb alternative Therapieansätze wie Cannabis und CBD zunehmend an Bedeutung gewinnen.
Das Endocannabinoid-System und seine Rolle bei Nervenschmerzen
Das Endocannabinoid-System ist ein komplexes Netzwerk von Rezeptoren, Enzymen und körpereigenen Cannabinoiden, das eine zentrale Rolle bei der Regulation verschiedener Körperfunktionen spielt. Dieses System ist entscheidend für das Verständnis, wie Cannabis und CBD bei Nervenschmerzen wirken.
CB1- und CB2-Rezeptoren
Die CB1-Rezeptoren befinden sich hauptsächlich im zentralen Nervensystem, einschließlich Gehirn und Rückenmark. Diese Rezeptoren sind direkt an der Schmerzverarbeitung beteiligt und beeinflussen das Schmerzempfinden erheblich. Wenn THC oder andere Cannabinoide an diese Rezeptoren binden, kann eine deutliche Schmerzreduktion eintreten.
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CB2-Rezeptoren sind vorwiegend im Immunsystem und in peripheren Geweben zu finden. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der entzündungshemmenden Wirkung von Cannabis und CBD. Die Aktivierung dieser Rezeptoren kann Entzündungsprozesse reduzieren, die oft bei neuropathischen Schmerzen eine Rolle spielen.
Wirkung von Cannabinoiden auf das Nervensystem
Neben den klassischen Cannabinoid-Rezeptoren interagieren Cannabis-Wirkstoffe auch mit anderen Rezeptorsystemen. Die TRPV1-Vanilloid-Rezeptoren sind an der Wahrnehmung von Schmerz und Temperatur beteiligt. CBD kann diese Rezeptoren modulieren und dadurch das Schmerzempfinden beeinflussen. Die NMDA-Glutamatrezeptoren spielen eine wichtige Rolle bei der Entstehung chronischer Schmerzen. Cannabis-Wirkstoffe können die Aktivität dieser Rezeptoren beeinflussen und dadurch zur Linderung von Nervenschmerzen beitragen.
Das Endocannabinoid-System bietet multiple Angriffspunkte für die Schmerztherapie und ermöglicht eine ganzheitliche Behandlung.
Medizinische Cannabis-Präparate und Dronabinol bei Nervenschmerzen
Für die Behandlung von Nervenschmerzen stehen verschiedene medizinische Cannabis-Präparate zur Verfügung. Diese verschreibungspflichtige Cannabis-Präparate werden von Ärzten bei therapieresistenten neuropathischen Schmerzen eingesetzt, wenn herkömmliche Behandlungen nicht ausreichend wirken.
Verschreibungspflichtige Präparate
Dronabinol ist ein synthetisch hergestelltes THC, das in Kapselform verfügbar ist. Es wird häufig bei chronischen Schmerzen eingesetzt und zeigt gute Erfolge bei Neuropathie-Patienten. Die Dosierung wird individuell angepasst und schrittweise erhöht, um optimale Ergebnisse bei minimalen Nebenwirkungen zu erzielen.
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Vollspektrum-Cannabis-Extrakte enthalten sowohl THC als auch CBD in verschiedenen Verhältnissen. Diese Präparate nutzen den sogenannten Entourage-Effekt, bei dem die verschiedenen Cannabinoide synergistisch wirken und oft bessere Ergebnisse erzielen als Einzelwirkstoffe.
Die Deutsche Schmerzgesellschaft empfiehlt Cannabis als Drittlinientherapie bei therapieresistenten neuropathischen Schmerzen. Dies bedeutet, dass Cannabis eingesetzt werden sollte, wenn andere Behandlungen nicht ausreichend wirksam waren.
Dronabinol und andere Cannabinoide
Neben Dronabinol werden auch andere Cannabinoid-basierte Medikamente bei Nervenschmerzen eingesetzt. Nabiximols, ein Mundspray mit THC und CBD, hat sich besonders bei multipler Sklerose-bedingten neuropathischen Schmerzen bewährt. Die Auswahl des geeigneten Präparats hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter die Art der Neuropathie, die Schwere der Symptome und die individuelle Verträglichkeit. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Patient und Arzt ist entscheidend für den Behandlungserfolg.
Bei der Verschreibung von verschreibungspflichtigen Cannabis-Präparaten müssen strenge Auflagen erfüllt werden. Die Behandlung erfordert eine sorgfältige Dokumentation und regelmäßige Kontrollen, um die Wirksamkeit zu überwachen und Nebenwirkungen zu minimieren.
Wirksamkeit von Cannabis und CBD bei Nervenschmerzen - Aktuelle Forschung
Die wissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit von Cannabis bei Nervenschmerzen wächst stetig. Aktuelle Studien zeigen beeindruckende Ergebnisse, die die therapeutischen Möglichkeiten von Cannabis und CBD bei neuropathischen Schmerzen unterstreichen.
Studienlage und Forschungsergebnisse
Eine umfassende Analyse zeigt, dass 60-70% der Patienten mit Polyneuropathie eine signifikante Schmerzreduktion durch Cannabis-Behandlung erfahren. Diese beeindruckende Erfolgsrate übertrifft viele herkömmliche Schmerzmedikamente und zeigt das große Potential von Cannabis in der Schmerztherapie.
Bei Patienten mit Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung (CMT) konnte eine durchschnittliche Schmerzreduktion von 50% durch Cannabis-Behandlung erreicht werden. Besonders bemerkenswert ist, dass 80% dieser Patienten ihren Opioid-Konsum reduzieren konnten, was das Risiko von Abhängigkeit und schweren Nebenwirkungen deutlich verringert.
Cannabinoide als Pharmakotherapien bei neuropathischen Schmerzen zeigen in klinischen Studien konsistent positive Ergebnisse. Die entzündungshemmende Wirkung von CBD trägt zusätzlich zur Schmerzlinderung bei und kann langfristig zur Verbesserung der Nervenfunktion beitragen.
Vergleich zu herkömmlichen Schmerzmitteln
Im Vergleich zu traditionellen Schmerzmedikamenten wie Opioiden oder Antikonvulsiva zeigt Cannabis ein günstigeres Nebenwirkungsprofil. Während Opioide ein hohes Abhängigkeitspotential haben und schwere Nebenwirkungen verursachen können, sind die unerwünschten Effekte von Cannabis meist mild und vorübergehend. Antidepressiva, die häufig bei neuropathischen Schmerzen eingesetzt werden, können erhebliche Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme, sexuelle Dysfunktion und Müdigkeit verursachen. Cannabis und CBD bieten oft eine bessere Verträglichkeit bei vergleichbarer oder sogar überlegener Wirksamkeit.
Die Lebensqualität der Patienten verbessert sich durch Cannabis-Behandlung oft deutlich. 90% der CMT-Patienten berichteten über eine allgemeine Verbesserung ihrer Beschwerden, und 69% benötigten weniger Schlafmittel, was auf eine verbesserte Entspannung und Schlafqualität hinweist.
Anwendung und Dosierung von Cannabis und CBD bei Nervenschmerzen
Die richtige Dosierung von Cannabis und CBD bei Nervenschmerzen ist entscheidend für den Behandlungserfolg. Eine individuell angepasste Dosierung minimiert Nebenwirkungen und maximiert die therapeutische Wirkung.
Orale Anwendung von CBD-Öl
Die orale Einnahme von CBD-Öl ist eine der häufigsten Anwendungsformen bei Nervenschmerzen. Hanftropfen gegen Schmerzen bieten eine präzise Dosierung und lang anhaltende Wirkung. Für Einsteiger wird empfohlen, mit einer niedrigen Dosierung zu beginnen und diese schrittweise zu erhöhen. Eine typische Anfangsdosis liegt bei 5-10 mg CBD täglich, die je nach Bedarf und Verträglichkeit auf bis zu 40-80 mg täglich gesteigert werden kann.
| Schweregrad der Nervenschmerzen | Empfohlene CBD-Dosierung | Anwendungsfrequenz |
|---|---|---|
| Leichte Nervenschmerzen | 5-15 mg täglich | 1-2 mal täglich |
| Moderate Nervenschmerzen | 15-30 mg täglich | 2-3 mal täglich |
| Schwere Nervenschmerzen | 30-80 mg täglich | 3-4 mal täglich |
Bei Polyneuropathie kann eine höhere Dosierung erforderlich sein, um eine ausreichende Schmerzlinderung zu erreichen. Die Wirkung tritt meist nach 30-60 Minuten ein und hält 4-6 Stunden an.
Inhalation und andere Darreichungsformen
Die Inhalation von Cannabis bietet eine schnelle Wirkung, die bereits nach wenigen Minuten eintritt. Diese Anwendungsform eignet sich besonders für akute Schmerzschübe bei neuropathischen Schmerzen. Die Dosierung ist jedoch schwieriger zu kontrollieren als bei oraler Anwendung.
CBD-Öl zum Einreiben kann bei lokalisierten Nervenschmerzen eine zusätzliche Option darstellen. Die topische Anwendung wirkt direkt am Ort der Beschwerden und kann die systemische Belastung reduzieren.
Sublingual verabreichte CBD-Tropfen werden unter die Zunge gegeben und dort für 1-2 Minuten gehalten. Diese Anwendungsform kombiniert eine relativ schnelle Wirkung mit guter Dosierbarkeit und ist besonders bei Nervenschmerzen beliebt.
Wichtiger Hinweis: Die Dosierung sollte immer individuell angepasst werden. Bei der Kombination mit anderen Medikamenten ist besondere Vorsicht geboten. Konsultieren Sie vor Beginn einer Cannabis-Behandlung immer einen Arzt.
Nebenwirkungen und Risiken von Cannabis bei Nervenschmerzen
Obwohl Cannabis und CBD bei Nervenschmerzen gut verträglich sind, können Nebenwirkungen auftreten. Ein umfassendes Verständnis möglicher unerwünschter Effekte ist wichtig für eine sichere Anwendung.
Häufige Nebenwirkungen
Die häufigsten Nebenwirkungen von CBD bei der Behandlung von Nervenschmerzen sind meist mild und vorübergehend. Dazu gehören Müdigkeit, Schwindel und gelegentlich Übelkeit. Diese Effekte treten besonders zu Beginn der Behandlung auf und lassen oft nach einigen Tagen nach.
THC-haltige Präparate können zusätzliche Nebenwirkungen verursachen, darunter psychoaktive Effekte wie Euphorie oder Angstgefühle. Bei der Behandlung von neuropathischen Schmerzen werden diese Effekte oft als weniger störend empfunden als die ursprünglichen Schmerzen.
Mundtrockenheit ist eine weitere häufige Nebenwirkung, die durch ausreichende Flüssigkeitszufuhr gemildert werden kann. Gelegentlich können auch Appetitveränderungen oder leichte Verdauungsbeschwerden auftreten.
Wechselwirkungen mit Medikamenten
Cannabis und CBD können mit anderen Medikamenten interagieren, die häufig bei Nervenschmerzen eingesetzt werden. Besonders bei der Kombination mit Antikonvulsiva oder Antidepressiva ist Vorsicht geboten. Die gleichzeitige Anwendung von CBD-Öl und Schmerzmitteln kann die Wirkung beider Substanzen verstärken oder abschwächen. Eine ärztliche Überwachung ist daher besonders wichtig, wenn mehrere Medikamente kombiniert werden.
CBD kann die Aktivität bestimmter Leberenzyme beeinflussen, die für den Abbau anderer Medikamente verantwortlich sind. Dies kann zu veränderten Wirkstoffspiegeln im Blut führen und erfordert möglicherweise eine Anpassung der Dosierung anderer Medikamente. Patienten, die Blutverdünner einnehmen, sollten besonders vorsichtig sein, da Cannabis die Blutgerinnung beeinflussen kann. Regelmäßige Kontrollen der Gerinnungswerte sind in solchen Fällen empfehlenswert.
Alternative und ergänzende Therapiemöglichkeiten bei Nervenschmerzen
Neben Cannabis und CBD gibt es verschiedene alternative und ergänzende Therapieansätze, die bei Nervenschmerzen hilfreich sein können. Eine multimodale Behandlung, die verschiedene Therapieformen kombiniert, zeigt oft die besten Ergebnisse.
Physiotherapie
Physiotherapie spielt eine wichtige Rolle bei der Behandlung von neuropathischen Schmerzen. Gezielte Übungen können die Durchblutung verbessern, Muskelverspannungen lösen und die Nervenfunktion unterstützen. Die Kombination von Physiotherapie mit Cannabis-Behandlung kann synergistische Effekte erzielen. Spezielle Techniken wie die transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) können das Schmerzempfinden reduzieren und die Wirkung von CBD ergänzen. Die Entspannung der Muskulatur durch physiotherapeutische Maßnahmen kann auch die Aufnahme und Wirkung von topisch angewendeten Cannabis-Produkten verbessern.
Akupunktur
Akupunktur hat sich als wirksame Behandlungsmethode bei verschiedenen Formen von Nervenschmerzen etabliert. Die Stimulation spezifischer Akupunkturpunkte kann die körpereigene Schmerzregulation aktivieren und das Endocannabinoid-System beeinflussen. Studien zeigen, dass Akupunktur die Wirksamkeit von Cannabis-basierten Therapien verstärken kann. Die Kombination beider Behandlungsansätze führt oft zu einer stärkeren Schmerzreduktion als die Einzelanwendung.
Entspannungstechniken
Meditation und Entspannungstechniken können das Schmerzempfinden positiv beeinflussen und die Wirkung von Cannabis bei Nervenschmerzen unterstützen. Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR) hat sich als besonders effektiv erwiesen.
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