Neurotizismus Bewältigen: Tipps für ein Ausgeglicheneres Leben

Viele Menschen kennen das Gefühl von innerer Unruhe, Nervosität oder Ängstlichkeit. Diese Empfindungen können Anzeichen für einen hohen Neurotizismus sein, einer Persönlichkeitsdimension, die emotionale Labilität beschreibt. Dieser Artikel beleuchtet, was Neurotizismus bedeutet, wie er sich äußert und welche Strategien helfen können, ihn zu bewältigen und ein ausgeglicheneres Leben zu führen.

Was ist Neurotizismus?

Neurotizismus ist eine der fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeit, die im sogenannten Big-Five-Modell (auch OCEAN-Modell) beschrieben werden. Es gibt Auskunft darüber, wie emotional stabil eine Person ist. Menschen mit hohem Neurotizismus neigen dazu, häufiger negative Emotionen wie Angst, Nervosität, Anspannung, Trauer, Unsicherheit und Verlegenheit zu erleben. Sie sind anfälliger für Stress, können mit ihren Emotionen nur schlecht umgehen und neigen dazu, negative Emotionen stärker zu erleben und länger daran festzuhalten. Dies kann sich auch physisch äußern, beispielsweise durch Zittern, Schwitzen oder Bauchschmerzen.

Im Gegensatz dazu sind Menschen mit niedrigem Neurotizismus emotional stabiler, ruhiger und gelassener. Sie können besser mit Stress umgehen und neigen dazu, positive Emotionen zu erleben. Sie sind psychisch widerstandsfähiger und haben ein geringeres Risiko für psychische Erkrankungen.

Es ist wichtig zu betonen, dass Neurotizismus ein kontinuierliches Merkmal ist. Es gibt keine eindeutige Grenze zwischen "normal" und "neurotisch". Die Ausprägung variiert von Person zu Person.

Neurotizismus vs. Neurose

Oft werden die Begriffe Neurotizismus und Neurose verwechselt. Neurose ist ein veralteter Begriff aus der Psychologie, der von Sigmund Freud geprägt wurde. Er bezeichnete eine psychosoziale Störung und Erkrankungsgruppe mit unterschiedlichen Ursachen und Ausprägungen. Neurotizismus hingegen ist ein Persönlichkeitsmerkmal, das die Neigung zu negativen Emotionen beschreibt, aber nicht zwangsläufig eine psychische Störung darstellt.

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Wie äußert sich Neurotizismus?

Neurotizismus kann sich auf vielfältige Weise äußern. Einige typische Anzeichen sind:

  • Emotionale Labilität: Schnelle Stimmungsschwankungen, leichte Reizbarkeit, Schwierigkeiten, sich nach belastenden Ereignissen wieder zu beruhigen.
  • Ängstlichkeit und Sorgen: Ständige Besorgnis, Angst vor Misserfolgen (Versagensangst), pessimistische Zukunftserwartungen.
  • Selbstunsicherheit: Geringes Selbstwertgefühl, Zweifel an den eigenen Fähigkeiten, Angst vor Ablehnung.
  • Perfektionismus: Hohe Ansprüche an sich selbst und andere, Angst vor Fehlern, Tendenz zur Selbstüberforderung.
  • Körperliche Beschwerden: Häufige körperliche Symptome wie Kopfschmerzen, Magenbeschwerden oder Schlafstörungen, die durch Stress und Anspannung ausgelöst werden.
  • Sozialer Rückzug: Vermeidung sozialer Kontakte, Angst vor negativer Bewertung durch andere, Gefühl der Einsamkeit.

Versagensangst als Ausdruck von Neurotizismus

Ein häufiges Begleitsymptom von hohem Neurotizismus ist die Versagensangst. Betroffene haben Angst davor, in bestimmten Situationen nicht die erwartete Leistung zu erbringen. Sie fürchten das Scheitern und verbinden damit einen großen seelischen Schmerz, den sie unbedingt vermeiden wollen. In extremen Fällen kann Versagensangst das Leben massiv einschränken und zu Stillstand und Lähmung führen.

Auswirkungen auf Beziehungen

Ein hoher Neurotizismus kann sich negativ auf Beziehungen und Partnerschaften auswirken. Das neurotische Verhalten kann andere auf Dauer nerven, verärgern oder sogar verstören. Dies kann zu zahlreichen Konflikten führen, die die Beziehung belasten und schließlich zur Trennung führen können.

Eine Studie über 50 Jahre hinweg mit 300 Paaren zeigte, dass bei Paaren, bei denen entweder Mann oder Frau hohe Werte beim Neurotizismus hatten, eine Scheidung viel wahrscheinlicher war. Selbst wenn sie zusammenblieben, war die Ehe weniger glücklich als im Durchschnitt.

Positive Aspekte von Neurotizismus

Es ist wichtig zu betonen, dass Neurotizismus nicht nur negative Seiten hat. Neurotische Menschen nehmen oft alles um sich herum stärker und aufmerksamer wahr. Sie erkennen frühzeitig, wenn es anderen schlechter geht, und sind sich ihrer eigenen Stärken und Schwächen bewusst, was zu größerer Selbsterkenntnis und Menschenkenntnis führt.

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Studien deuten auch darauf hin, dass Neurotiker oft einen höheren IQ haben. Sie kümmern sich um ihre Mitmenschen, bieten Hilfe an und überdenken Entscheidungen gründlich, was zu besseren Ergebnissen führen kann. Zudem leben Neurotiker möglicherweise länger, da sie aufmerksamer und vorsichtiger sind, wenn es um ihre Gesundheit geht.

Tipps zur Bewältigung von Neurotizismus

Auch wenn Neurotizismus eine stabile Persönlichkeitseigenschaft ist, gibt es viele Möglichkeiten, den Umgang damit zu lernen und ein ausgeglicheneres Leben zu führen:

  1. Selbsterkenntnis:
    • Sich selbst kennenlernen: Wer bist du wirklich? Was macht dich aus?
    • Eigenheiten kennenlernen: Was stresst dich? Was frustriert dich? Wie gehst du mit unangenehmen Situationen um?
    • Psychologische Selbsttests: Big Five Test, MBTI Test, usw. (diese Tests können eine Bewusstwerdung und ein Nachdenken über uns selbst anregen)
  2. Achtsamkeit:
    • Achtsamkeit im Alltag: Kleine Veränderungen im Alltag können Großes bewirken.
    • Bewusstes Atmen: Achte auf deine Atmung, besonders in Stresssituationen.
    • Sinne bewusst wahrnehmen: Nimm bewusst Gerüche, Geräusche und Körperempfindungen wahr.
    • Achtsames Essen: Sitze bewusst beim Essen und nimm wahr, was du isst.
    • Natur: Verbringe Zeit in der Natur, um neue Sinneseindrücke zu sammeln.
  3. Stressmanagement:
    • Stressoren identifizieren: Was löst bei dir Stress aus?
    • Stress reduzieren: Vermeide unnötigen Stress und plane regelmäßige Pausen ein.
    • Entspannungstechniken: Meditation, Yoga, progressive Muskelentspannung.
  4. Selbstwertgefühl stärken:
    • Eigene Stärken erkennen: Was kannst du gut? Was macht dich besonders?
    • Erfolge feiern: Sei stolz auf deine Leistungen, egal wie klein sie sind.
    • Selbstmitgefühl: Sei freundlich und nachsichtig mit dir selbst, besonders in schwierigen Zeiten.
    • Sich selbst akzeptieren: Akzeptiere dich so, wie du bist, mit all deinen Stärken und Schwächen.
  5. Versagensangst überwinden:
    • Realistische Ziele setzen: Mach dein Ziel kleiner. Senke deinen Anspruch.
    • Fehler akzeptieren: Scheitern ist unvermeidlich. Scheitern ist doof. Lass deinen Frust raus.
    • Fehler bewusst machen: Indem du bewusst kleine Fehler machst und bewusst scheiterst, zeigst du dir selbst, dass es keine negativen Konsequenzen für dich hat.
    • Scheitern als Lernerfahrung sehen: Was hat mir gefehlt? Was kann ich sonst noch daraus lernen? Wie kann ich an dieser Situation wachsen?
  6. Soziale Kompetenzen verbessern:
    • Offene Kommunikation: Sprich offen über deine Gefühle und Bedürfnisse.
    • Grenzen setzen: Sage Nein, wenn du etwas nicht möchtest.
    • Soziale Kontakte pflegen: Verbringe Zeit mit Menschen, die dir guttun.
    • Empathie zeigen: Versetze dich in die Lage anderer Menschen.
  7. Professionelle Hilfe suchen:
    • Psychotherapie: Eine Psychotherapie kann helfen, mit negativen Emotionen besser umzugehen, Stress zu bewältigen und die mentale Widerstandsfähigkeit zu stärken.
    • Kognitive Verhaltenstherapie (KVT): Die KVT konzentriert sich auf die Identifizierung und Veränderung negativer Gedankenmuster und Verhaltensweisen.
    • Medikamente: In einigen Fällen können Antidepressiva oder andere Medikamente eingesetzt werden, um die Symptome von Neurotizismus zu lindern. Dies sollte jedoch immer in Absprache mit einem Arzt erfolgen.

Umgang mit hochsensiblen Menschen

Hochsensible Menschen reagieren stark auf äußere Reize und zeigen oft stärkere Gefühlsreaktionen. Es ist wichtig, sie als Mensch ernst zu nehmen und ihre Ängste nicht zu verniedlichen oder zu belächeln. Statt Ratschläge zu geben, kann man anbieten, zuzuhören, zu umarmen und Trost zu spenden.

Einsamkeit als Folge von Neurotizismus

Neurotizismus kann zu sozialem Rückzug und Einsamkeit führen. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass Gemeinschaft lebensnotwendig ist und dass jedem ein soziales Leben zusteht. Zärtlichkeiten, Umarmungen und intensive Gespräche setzen Oxytocin frei, ein Hormon, das emotionale Bindungen stärkt und Stress reduziert.

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