Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die weit mehr als nur "Kopfweh" ist. Sie betrifft Millionen von Menschen und kann deren Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Die Ursachen sind vielfältig und oft schwer zu bestimmen. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte von Migräne, von den potenziellen Auslösern bis hin zu den neuesten Therapieansätzen.
Was ist Migräne?
Migräne ist durch anfallsartige, pulsierend-pochende und häufig einseitige Kopfschmerzen gekennzeichnet, die oft mit Übelkeit und Erbrechen einhergehen. Sie ist eine der häufigsten Formen von Kopfschmerzen, neben Spannungskopfschmerzen. Die Weltgesundheitsorganisation stuft Migräne als eine der am stärksten behindernden Erkrankungen ein.
Verbreitung und Betroffenheit
Bis zu zehn Prozent der Bundesbürger leiden an regelmäßigen Migräneattacken. Frauen sind etwa dreimal so häufig betroffen wie Männer. Migräne kennt keine Altersgrenzen; auch Kinder können betroffen sein. Bei Kindern ist die Migräne oft nicht einseitig, sondern betrifft den ganzen Kopf, meist im Bereich der Stirn, der Schläfen und der Augen.
Ursachen und Auslöser von Migräne
Die genauen Ursachen von Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Es gibt bislang lediglich Hypothesen. Fachleute gehen davon aus, dass genetische Faktoren eine Rolle spielen, da Personen, in deren Familie Migräne vorkommt, ein erhöhtes Risiko haben, daran zu leiden. Eine weitere Ursache könnte eine Störung des Botenstoff-Gleichgewichts von Serotonin sein, welches in der Regel Signale für die Hemmung und Aktivierung an Blutgefäße, Muskeln, Herz oder Magen-Darm-Trakt weiterleitet. Auch eine Übererregbarkeit bestimmter Hirnregionen könnte ursächlich sein.
Mögliche Triggerfaktoren
Neben den genetischen und neurologischen Aspekten gibt es eine Reihe von Faktoren, die Migräneattacken auslösen können:
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- Stress: In vielen Fällen ist Stress ein Auslöser. Neben der Überlastung in Beruf oder Familienalltag können aber auch Wetterumschwünge und andere externe Reize sowie physiologische Prädispositionen eine auslösende Rolle spielen.
- Ernährung: Bestimmte Nahrungsmittel können Migräneattacken triggern.
- Hormonelle Veränderungen: Bei Frauen können hormonelle Schwankungen im Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus, der Schwangerschaft oder den Wechseljahren Migräneattacken auslösen.
- Umweltfaktoren: Lärm, grelles Licht, starke Gerüche oder Wetteränderungen können ebenfalls als Trigger wirken.
- Schlafstörungen: Sowohl Schlafmangel als auch übermäßiger Schlaf können Migräneattacken provozieren.
Ungewöhnliche Auslöser
Es gibt auch ungewöhnliche Auslöser für Migräne. Neurologen des Derriford Hospitals in Plymouth berichteten von einer 46-jährigen Frau, die regelmäßig migräneartige Kopfschmerzen bekam, wenn sie spontan lachen musste. Interessanterweise trat der Kopfschmerz auch nur beim spontanen Lachen auf.
Symptome und Verlauf einer Migräneattacke
Eine Migräneattacke verläuft typischerweise in Phasen:
- Prodromalphase: In dieser Phase, die Stunden oder Tage vor dem eigentlichen Kopfschmerz auftreten kann, können Symptome wie Müdigkeit, Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen, Heißhunger oder Konzentrationsschwierigkeiten auftreten.
- Aura: Bei etwa 10 % der Migränepatienten geht der Kopfschmerz mit neurologischen Symptomen einher, der sogenannten Aura. Diese kann sich in Form von Sehstörungen (z.B. Flimmern, Lichtblitze, Gesichtsfeldausfälle), sensorischen Störungen (z.B. Kribbeln, Taubheitsgefühle) oder Sprachstörungen äußern.
- Kopfschmerzphase: Der Kopfschmerz ist typischerweise pulsierend, pochend und einseitig. Er kann sich bei körperlicher Anstrengung verstärken und wird oft von Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Lärmempfindlichkeit begleitet. Eine Attacke kann Stunden bis Tage dauern.
- Rückbildungsphase: In der letzten Phase nehmen die Symptome ab. Die Betroffenen fühlen sich abgespannt und müde und benötigen für die vollständige Erholung weitere 12 bis 24 Stunden.
Diagnose von Migräne
Die Diagnose von Migräne basiert in erster Linie auf der Anamnese und der Beschreibung der Symptome durch den Patienten. Eine körperliche und neurologische Untersuchung kann durchgeführt werden, um andere Ursachen für die Kopfschmerzen auszuschließen. In einigen Fällen können bildgebende Verfahren wie eine Magnetresonanztomographie (MRT) des Gehirns erforderlich sein, um andere Erkrankungen auszuschließen.
Warnzeichen, die einen Arztbesuch erforderlich machen
Die amerikanische Kopfschmerzgesellschaft hat die Warnhinweise auf eine ernste Erkrankung unter der Abkürzung SNOOP zusammengestellt. Wer eines der folgenden Anzeichen wahrnimmt, sollte einen Arzt aufsuchen:
- S für systemische Symptome: Die Kopfschmerzen treten zusammen mit Krankheitszeichen auf, die den ganzen Körper betreffen, zum Beispiel hohes Fieber.
- N für neurologische Symptome: Gleichzeitig mit den Schmerzen erleben Betroffene Störungen wie Schwindel, Verwirrtheit, Bewusstseinstrübungen, Sehstörungen, Schwäche oder Taubheit der Extremitäten oder die Unfähigkeit, zu sprechen. Kein Warnzeichen ist dagegen die Aura, die manchen Migräne-Attacken vorangeht.
- O für Onset (auf deutsch: Einsetzen): Der Kopfschmerz setzt explosionsartig ein, als hätte der Betroffene einen Schlag auf den Kopf bekommen. Diese Form wird auch "Donnerschlagkopfschmerz" genannt.
- O für Older Age of Onset (höheres Alter beim Beginn): Wenn Menschen jenseits der 50 erstmalig sehr starke Kopfschmerzen entwickeln, sollte ein Arzt die Beschwerden abklären.
- P für Pattern Change (Änderung des Kopfschmerz-Musters): Auch Menschen mit Migräne oder häufigem Spannungskopfschmerz können einen sekundären Kopfschmerz erleiden, der auf einer ernsten Krankheit beruht.
Therapie von Migräne
Die Therapie von Migräne zielt darauf ab, die Häufigkeit und Intensität der Attacken zu reduzieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Es gibt verschiedene Therapieansätze, die individuell auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt werden:
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Akuttherapie
Die Akuttherapie zielt darauf ab, die Symptome einer akuten Migräneattacke zu lindern. Hierzu werden verschiedene Schmerzmittel eingesetzt:
- Nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR): Ibuprofen, Diclofenac oder Acetylsalicylsäure (ASS) können bei leichten bis mittelschweren Attacken helfen.
- Triptane: Diese Medikamente sind speziell für die Behandlung von Migräne entwickelt worden. Sie wirken, indem sie an Serotonin-Rezeptoren im Gehirn binden und die Blutgefäße verengen. Triptane sind in verschiedenen Darreichungsformen erhältlich (Tabletten, Zäpfchen, Nasenspray, Injektion).
- Ergotamine: Diese Medikamente werden seltener eingesetzt, da sie mit stärkeren Nebenwirkungen einhergehen.
- Antiemetika: Bei Übelkeit und Erbrechen können Antiemetika eingesetzt werden.
Prophylaxe
Die Prophylaxe zielt darauf ab, die Häufigkeit und Intensität der Migräneattacken zu reduzieren. Sie kommt vor allem bei Patienten mit häufigen oder sehr schweren Attacken in Betracht. Folgende Medikamente werden häufig zur Prophylaxe eingesetzt:
- Betablocker: Diese Medikamente werden eigentlich zur Behandlung von Bluthochdruck eingesetzt, können aber auch die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren.
- Antidepressiva: Bestimmte Antidepressiva (z.B. Amitriptylin) können ebenfalls zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden.
- Antiepileptika: Einige Antiepileptika (z.B. Topiramat, Valproinsäure) haben sich ebenfalls bei der Migräneprophylaxe bewährt.
- CGRP-Antikörper: Diese relativ neuen Medikamente blockieren das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP), einen Botenstoff, der bei der Entstehung von Migräne eine Rolle spielt.
- Botulinumtoxin (Botox): Botox kann bei chronischer Migräne eingesetzt werden, um die Häufigkeit der Attacken zu reduzieren.
Nicht-medikamentöse Maßnahmen
Neben Medikamenten gibt es eine Reihe von nicht-medikamentösen Maßnahmen, die bei der Behandlung von Migräne hilfreich sein können:
- Entspannungstechniken: Autogenes Training, progressive Muskelentspannung, Yoga oder Meditation können helfen, Stress abzubauen und die Häufigkeit von Migräneattacken zu reduzieren.
- Biofeedback: Bei dieser Methode lernt der Patient, bestimmte Körperfunktionen (z.B. Muskelspannung, Herzfrequenz) bewusst zu beeinflussen.
- Akupunktur: Einige Studien deuten darauf hin, dass Akupunktur bei der Migräneprophylaxe wirksam sein kann.
- Regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus: Achten Sie auf ausreichend Schlaf und einen regelmäßigen Schlafrhythmus.
- Ausdauersport: Gemäßigter Ausdauersport kann prophylaktisch wirken.
- Ernährungsumstellung: Eine ausgewogene Ernährung und das Vermeiden von Triggerfaktoren können helfen, Migräneattacken vorzubeugen.
- Verhaltenstherapie: Eine Verhaltenstherapie kann helfen, Stressoren zu identifizieren und Strategien zu entwickeln, um besser mit Stress umzugehen.
- Kopfschmerzkalender: Führen Sie einen Kopfschmerzkalender, um Triggerfaktoren zu identifizieren und die Wirksamkeit der Therapie zu überwachen.
Spezielle Therapieansätze
- Nervus vagus Stimulation: Laut Studien wirkt die Stimulation des Hirnnervs Vagus Wunder bei Migräne, Depressionen, Konzentration und Entspannung. Und es ist angeblich ganz einfach, ihn zu reizen: unter anderem mit Gurgeln, Wasser im Gesicht oder Bier im Magen.
- Okzipitale Nervenstimulation: Neue Verfahren - wie auch die okzipitale Nervenstimulation - könnten bald eine sinnvolle Alternative darstellen.
Migräne bei Kindern
Migräne kommt bei 3 bis 4 % aller Kinder vor. Kinder, deren Eltern Migräne haben, sind öfter betroffen. Der Anteil der Mädchen und Jungen ist gleichmäßig. Nach der Pubertät bleibt bei der Hälfte der Kinder, die Migräne bestehen. Typische Medikamente gegen Migräne wie Acetylsalicylsäure dürfen Sie bei Kindern nicht anwenden. Nicht-medikamentöse Maßnahmen schlagen jedoch bei Kindern oft besser an als bei Erwachsenen. Entspannungsverfahren wie autogenes Training, Biofeedback oder Wärmeanwendungen sind hilfreich. Einem akuten Migräne-Anfall bei Kindern können Sie mit Ruhe begegnen. Dunkeln Sie die Räumlichkeiten ab, minimieren Sie Geräuschquellen und lassen Sie Ihr Kind schlafen. Ein kühler Waschlappen auf der Stirn und eine Nacken-Massage mit Pfefferminzöl sind hilfreich.
Falsche Vorstellungen und Mythen über Migräne
Es gibt viele falsche Vorstellungen und Mythen über Migräne. Hier sind einige Beispiele:
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- Migräne ist nur einbildung: Migräne ist eine neurologische Erkrankung und keine Einbildung.
- Migräne wird durch Stress verursacht: Stress kann ein Auslöser sein, aber nicht die Ursache von Migräne.
- Migräne kann durch eine Diät geheilt werden: Diäten sind in der Regel wirkungslos bei Migräne.
- Migräne ist nur eine "Frauenkrankheit": Obwohl Frauen häufiger betroffen sind, leiden auch Männer an Migräne.
- Migräne ist das Symptom einer anderen Erkrankung: Migräne ist eine eigenständige primäre Erkrankung und nie das Symptom einer anderen Erkrankung.
Leben mit Migräne
Migräne kann das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Es ist wichtig, sich umfassend über die Erkrankung zu informieren und eine individuelle Therapie zu entwickeln. Der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen oder Online-Foren kann ebenfalls hilfreich sein.