NMDA-Rezeptor-Agonisten und -Antagonisten: Schlüssel zur neuronalen Funktion und therapeutischen Intervention

Der NMDA-Rezeptor (N-Methyl-D-Aspartat-Rezeptor) spielt eine zentrale Rolle im zentralen Nervensystem (ZNS), insbesondere bei Lern- und Gedächtnisprozessen. Er gehört zur Familie der ionotropen Glutamat-Rezeptoren und ist ein ligandengesteuerter Ionenkanal, der durch Glutamat aktiviert wird. Eine präzise Steuerung der NMDA-Rezeptoraktivität ist entscheidend für die Aufrechterhaltung der neuronalen Homöostase. Sowohl eine Unter- als auch eine Überaktivierung können zu neurologischen Dysfunktionen führen. Agonisten und Antagonisten des NMDA-Rezeptors sind daher von großem Interesse für die Forschung und die Entwicklung von Therapien für verschiedene neurologische und psychiatrische Erkrankungen.

Glutamat und NMDA-Rezeptoren: Eine essenzielle Verbindung

Glutamat ist der wichtigste exzitatorische Neurotransmitter im ZNS und spielt eine entscheidende Rolle bei Lern- und Gedächtnisvorgängen. Er wird in präsynaptischen Zellen gespeichert und bei Stimulation der Nervenzelle durch Exozytose in den synaptischen Spalt freigesetzt. Anschließend bindet Glutamat an postsynaptische Glutamat-Rezeptoren, zu denen neben dem NMDA-Rezeptor auch der AMPA- und der Kainat-Rezeptor gehören. Um neurotoxische Effekte durch Überstimulation dieser Rezeptoren zu verhindern, wird Glutamat schnell durch exzitatorische Aminosäuretransporter (EAAT) wieder aus dem synaptischen Spalt entfernt.

Struktur und Funktion des NMDA-Rezeptors

NMDA-Rezeptoren sind heterotetramere Komplexe, die sich aus verschiedenen Untereinheiten zusammensetzen, darunter GluN1, GluN2 und GluN3, wobei jeder Typ wiederum verschiedene Subtypen aufweist. Für die Pharmakotherapie sind vor allem die GluN2A- und GluN2B-Untereinheiten von Bedeutung. Die Verteilung der GluN2-Untereinheiten variiert innerhalb verschiedener Hirnareale und hängt auch vom Lebensalter ab.

Jede Untereinheit des NMDA-Rezeptors besteht aus vier Domänen, wobei besonders die aminoterminale Domäne (ATD) und die transmembranäre Domäne (TMD) für die Pharmakotherapie wichtig sind. Innerhalb der ATD sind sowohl für die GluN2A- als auch für die GluN2B-Untereinheit Bindungsstellen für allosterische Modulatoren beschrieben. Liganden, die hier angreifen, können die Offenwahrscheinlichkeit des Ionenkanals allosterisch modulieren. Allgemein unterscheidet man zwischen positiven und negativen Modulatoren. Negative Modulatoren haben einen Einfluss darauf, dass der vom Agonisten induzierte Effekt nicht weitergeleitet wird; positive Modulatoren verstärken diesen Effekt. In der TMD können die »offenen Kanalblocker« angreifen. Voraussetzung für die Bindung ist die vorausgegangene Aktivierung und damit Öffnung des Kanals. In der Ligandenbindungsdomäne (LBD) befinden sich die Bindungsstellen für die Agonisten (S)-Glutamat und Glycin.

Aktivierung und Langzeitpotenzierung

NMDA-Rezeptoren werden Liganden- und spannungsabhängig aktiviert. Im Ruhezustand ist die Kanalpore des NMDA-Rezeptors mit Mg2+-Ionen verschlossen. Die Aktivierung des NMDA-Rezeptors führt neben einem Na+-Einstrom vor allem zu einem gesteigerten Ca2+-Einstrom in die Zelle, der weitere Signalwege aktiviert und die Effizienz der Erregungsübertragung erhöht. Diesen Prozess nennt man Langzeitpotenzierung. Daraus resultieren Langzeitveränderungen in der postsynaptischen Membran. Auf struktureller Ebene verläuft dieser Prozess in mehreren Schritten. Das vermehrt in die Zelle einströmende Ca2+ bindet intrazellulär an Calmodulin. Der resultierende Komplex aktiviert verschiedene Kinasen wie die Ca2+/Calmodulin-Kinase, die Proteinkinase C (PKC) und die Tyrosinkinase (TK). Diese bewirken wiederum die Bildung eines retrograden messengers wie NO, der an der Präsynapse die Glutamat-Freisetzung im Sinn einer positiven Rückkopplung steigert. Die Ca2+/Calmodulin-Kinase phosphoryliert AMPA-Rezeptoren, die dadurch empfindlicher gegenüber Glutamat werden und regt außerdem die Neubildung von AMPA-Rezeptoren an. Zusätzlich wird die Adenylylzyklase (AC) aktiviert, die die Umwandlung von ATP in cAMP katalysiert. Auf diese Weise entsteht synaptische Plastizität. Dieser Begriff beschreibt die Fähigkeit von neuronalen Strukturen wie Synapsen, sich in Abhängigkeit von ihrer Verwendung umzubauen. Diese Plastizität stellt die Grundlage aller Lernprozesse dar und bildet die Voraussetzung dafür, dass das Gedächtnis Erfahrungen abspeichern kann. Die Fähigkeit zu Neubildung und Umbau von Synapsen bleibt ein Leben lang erhalten. Donald O. Hebb gilt als Entdecker der synaptischen Plastizität. Von ihm stammt die Hebbsche Lernregel, die besagt, dass Zellen, die gleichzeitig aktiv sind, sich auch miteinander verschalten, wodurch die Effizienz der Erregungsübertragung zunimmt.

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NMDA-Rezeptor-Agonisten: Förderung der neuronalen Aktivität

NMDA-Rezeptor-Agonisten sind Substanzen, die an den NMDA-Rezeptor binden und dessen Aktivierung fördern. Sie ahmen die Wirkung von Glutamat nach und verstärken den Ionenfluss durch den Kanal. Zu den wichtigsten Agonisten gehören:

  • Glutamat: Der natürliche Ligand des NMDA-Rezeptors.
  • Glycin und D-Serin: Co-Agonisten, die an eine separate Bindungsstelle binden und für die Rezeptoraktivierung notwendig sind. Ähnlich wie Glycin bindet sich D-Serin an die Co-Agonisten-Stelle des NMDA-Rezeptors und erleichtert so dessen Aktivierung.
  • NMDA (N-Methyl-D-Aspartat): Ein synthetischer Agonist, der namensgebend für den Rezeptor ist und häufig in der Forschung verwendet wird. Der Name „NMDA-Rezeptor“ rührt daher, dass diese Rezeptoren durch die Bindung des für sie spezifischen Agonisten N-Methyl-D-Aspartat (NMDA) aktiviert werden können. Dieser Stoff kommt im Körper normalerweise nicht vor, führt aber im Experiment zur Öffnung der Ionenkanal-Untereinheit des sog.
  • D-Asparaginsäure: Eine Aminosäure, die eine entscheidende Rolle bei der Neurotransmission spielt, insbesondere als Agonist an NMDA-Rezeptoren. Ihre einzigartige Struktur ermöglicht spezifische Interaktionen mit den Rezeptorstellen, wodurch der Kalziumioneneinstrom verstärkt und die synaptische Plastizität moduliert wird. Die Stereochemie der Verbindung beeinflusst ihre Bindungsaffinität, während ihre Fähigkeit, sich an Stoffwechselwegen zu beteiligen, ihre Bedeutung für die zelluläre Signalübertragung unterstreicht. Dieses dynamische Verhalten trägt zu dem komplizierten Gleichgewicht der exzitatorischen Neurotransmission bei.
  • 1-Aminocyclopropan-1-carbonsäure: Wirkt als einzigartiger Modulator der NMDA-Rezeptoraktivität, der sich durch seine Cyclopropan-Struktur auszeichnet, die eine Belastung und Flexibilität der molekularen Wechselwirkungen bewirkt. Diese Konfiguration ermöglicht spezifische Konformationsänderungen nach der Bindung, die die Aktivierung des Rezeptors beeinflussen. Seine Reaktionskinetik zeigt eine bemerkenswerte Affinität für den Rezeptor, die den verstärkten Kalziumeinstrom und die synaptische Plastizität fördert und damit die neuronalen Signalwege beeinflusst.

Agonisten des NMDA-Rezeptors können in bestimmten Situationen therapeutisch eingesetzt werden, beispielsweise zur Förderung der synaptischen Plastizität und zur Verbesserung der kognitiven Funktion. Allerdings ist Vorsicht geboten, da eine Überstimulation des Rezeptors zu Exzitotoxizität und neuronalen Schäden führen kann.

NMDA-Rezeptor-Antagonisten: Schutz vor Überstimulation

NMDA-Rezeptor-Antagonisten sind Substanzen, die die Aktivität des NMDA-Rezeptors hemmen. Sie können kompetitiv an die Glutamat- oder Glycin-Bindungsstelle binden und so die Aktivierung des Rezeptors verhindern, oder sie können als nicht-kompetitive Antagonisten an andere Stellen des Rezeptors binden und dessen Funktion allosterisch modulieren. Zu den wichtigsten Antagonisten gehören:

  • L(+)-2-Amino-4-phosphonobutansäure: Ist ein selektiver Antagonist des NMDA-Rezeptors, der sich durch seine einzigartige Phosphonatgruppe auszeichnet, die natürliche Substrate nachahmt. Dieses Strukturmerkmal erleichtert spezifische Bindungsinteraktionen, verändert die Rezeptorkonformation und hemmt den Kalziumionenfluss. Sein kinetisches Profil zeigt einen raschen Wirkungseintritt, der die exzitatorische Neurotransmission wirksam moduliert und die synaptische Dynamik beeinflusst und damit eine entscheidende Rolle bei der neuronalen Kommunikation spielt.
  • Memantin: Ein unkompetitiver Antagonist, der in der Therapie der Alzheimer-Krankheit eingesetzt wird.
  • Ketamin: Ein Anästhetikum mit analgetischer Wirkung, das auch als Antidepressivum untersucht wird. Ketamin ist ein nicht-kompetitiver Antagonist am Glutamat-NMDA-Rezeptorkomplex und wirkt möglicherweise, indem es die NMDA-Rezeptoren blockiert. Andererseits könnte Ketamin zu einem verstärkten Freisetzen von Glutamat führen. Neue Daten deuten darauf hin, dass ein Ketamin-Stoffwechelprodukt AMPA-Rezeptoren - die häufigsten Rezeptoren im zentralen Nervensystem - aktiviert.
  • Amantadin: Wird bei Morbus Parkinson eingesetzt.
  • Phencyclidin (PCP): Eine Droge mit halluzinogenen und dissoziativen Eigenschaften.
  • Ifenprodil: Ein selektiver GluN2B-Antagonist mit neuroprotektiver Wirkung. Der wichtigste Vertreter unter den nichtkompetitiven GluN2B-Antagonisten ist Ifenprodil, für den eine neuroprotektive Wirkung gezeigt werden konnte. Der Wirkstoff bindet mit einem Ki-Wert von 13 nM an die ATD der GluN2B-Untereinheit und wirkt dort als partieller Antagonist. Da nur circa 90 Prozent der NMDA-Rezeptoren mit GluN1-GluN2-Untereinheiten blockiert werden, sind physiologische Basisfunktionen des Gehirns wie die Gedächtnisbildung noch möglich. Ifenprodil bindet zwar selektiv an die GluN2B-Untereinheit der NMDA-Rezeptoren, hat aber auch Affinität zu 5HT2, σ1-, σ2- und α1-Rezeptoren.
  • Putrescin-Dihydrochlorid: Ein biogenes Amin, wirkt auf NMDA-Rezeptoren ein, indem es die Dynamik der Ionenkanäle beeinflusst und die Freisetzung von Neurotransmittern moduliert. Seine einzigartige Struktur ermöglicht eine kompetitive Hemmung an den Rezeptorstellen, wodurch der Kalziumeinstrom und die synaptische Übertragung verändert werden. Darüber hinaus spielt es eine Rolle in zellulären Signalwegen, die möglicherweise die neuronale Erregbarkeit und Plastizität beeinflussen.

NMDA-Rezeptor-Antagonisten werden in verschiedenen klinischen Situationen eingesetzt, um eine Überstimulation des Rezeptors zu verhindern und neuronale Schäden zu reduzieren. Sie können beispielsweise bei Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma, Epilepsie und neurodegenerativen Erkrankungen eingesetzt werden.

NMDA-Rezeptoren und neurologische Erkrankungen

Eine Dysregulation der NMDA-Rezeptoraktivität wird mit verschiedenen neurologischen Erkrankungen in Verbindung gebracht:

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  • Schlaganfall und Schädel-Hirn-Trauma: Bei akuten Hirnschäden kommt es zu einer massiven Glutamat-Freisetzung und einer Überstimulation von NMDA-Rezeptoren, was zu Exzitotoxizität und neuronalen Schäden führen kann. Durch die Blockade von NMDA-Rezeptoren versucht man, eine neuroprotektive Wirkung zu erreichen.
  • Morbus Alzheimer: Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Symptome einer Alzheimer-Erkrankung unter anderem durch ein Ungleichgewicht zwischen Produktion und Abbau von β-Amyloid entstehen. In der Folge kommt es zur Bildung von Neurofibrillenbündeln, die aus Tau-Protein bestehen. Das Protein β-Amyloid vermindert über verschiedene Mechanismen die Langzeitpotenzierung und damit die Gedächtnisbildung. Zum einen verhindert β-Amyloid die Aufnahme von Glutamat mittels exzitatorischer Aminosäure-Transporter (EAAT) aus dem synaptischen Spalt in die Astrozyten und sorgt somit für einen Anstieg an Glutamat im synaptischen Spalt. Dadurch werden extrasynaptische GluN2B-Rezeptoren, also Rezeptoren, die sich außerhalb der synaptischen Kontakte befinden, aktiviert, was letztlich in einer Verminderung der Langzeitpotenzierung resultiert. Zudem bindet β-Amyloid direkt an den Tyrosin-Kinase-Rezeptor EphB2. Unter physiologischen Bedingungen interagiert dieser Rezeptor mit der GluN1-Untereinheit und erhöht den Ionenstrom durch den NMDA-Rezeptor. Wie beim Schlaganfall spielt die durch GluN2B-Rezeptoren ausgelöste Exzitotoxizität auch bei Entstehung und Ausprägung der Alzheimer-Erkrankung eine Rolle. Verantwortlich hierfür ist das Tau-Protein, das die Tyrosin-Kinase FYN zu den Nervenendigungen transportiert. Die Kinase phosphoryliert dort GluN2B-Rezeptoren, die dadurch vermehrt mit der Guanylylkinase PSD-95 assoziieren. In der Folge werden exzitotoxische Signalwege aktiviert, die zum Zelluntergang führen.
  • Morbus Parkinson: Auch bei Morbus Parkinson werden NMDA-Rezeptoren mit der Pathogenese in Verbindung gebracht.
  • Chorea Huntington: Ebenso wird Chorea Huntington mit NMDA-Rezeptoren in Zusammenhang gebracht.
  • Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis: Eine Autoimmunerkrankung, bei der Autoantikörper gegen NMDA-Rezeptoren gerichtet sind und zu schweren neurologischen und psychiatrischen Symptomen führen können. Die Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis (limbische Enzephalitis) ist eine erstmals im Jahr 2007 beschriebene Autoimmunerkrankung. Bei einem Drittel der Fälle ist sie mit einem Teratom der Ovarien assoziiert (selten der Testes; die Tumoren enthalten unter anderem neuronale Strukturen). Die Erkrankung beginnt oft mit einem grippeähnlichen Vorstadium, gefolgt von psychischen Symptomen wie Angst, Erregung, bizarrem Verhalten, Wahn und Halluzinationen. Viele Patienten gelangen zunächst in psychiatrische Behandlung (und verbleiben dort, wenn sie nicht durch eine simple Antikörperuntersuchung gerettet werden!). Erste Anzeichen sind oft epileptische Anfälle und Katatonie-ähnliche Bewusstseinsstörungen. Charakteristisch sind Autoantikörper gegen NMDA-Rezeptoren (NR1-Untereinheit) in Serum und Liquor.

Therapeutische Anwendungen und Forschungsperspektiven

Die Modulation der NMDA-Rezeptoraktivität bietet vielfältige therapeutische Möglichkeiten:

  • Neuroprotektion: NMDA-Rezeptor-Antagonisten können bei akuten Hirnschäden wie Schlaganfall und Schädel-Hirn-Trauma eingesetzt werden, um neuronale Schäden zu reduzieren.
  • Behandlung neurodegenerativer Erkrankungen: Memantin wird zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit eingesetzt, um die glutamaterge Neurotransmission zu modulieren und die Symptome zu lindern.
  • Antidepressive Therapie: Ketamin zeigt vielversprechende Ergebnisse bei der Behandlung von Depressionen, insbesondere bei therapieresistenten Formen.
  • Rückfallprophylaxe bei Alkoholabhängigkeit: Acamprosat, ein Glutamat-Modulator, wird zur Rückfallprophylaxe bei alkoholabhängigen Patienten eingesetzt.
  • Diagnostik: In der Forschung werden radiomarkierte NMDA-Rezeptor-Antagonisten für bildgebende Verfahren eingesetzt, um die Rezeptorfunktion im Gehirn zu untersuchen.

Die Forschung konzentriert sich auf die Entwicklung von Subtypen-spezifischen NMDA-Rezeptor-Modulatoren, um die therapeutische Wirksamkeit zu erhöhen und Nebenwirkungen zu minimieren. Ein Beispiel hierfür ist die Entwicklung von selektiven GluN2B-Antagonisten.

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