On-Off-Beziehungen: Dopamin, Bindungsangst und der Kreislauf der Wiederholung

On-Off-Beziehungen sind ein Phänomen, das viele Menschen betrifft und oft mit emotionalem Auf und Ab, Unsicherheit und Leid verbunden ist. Der ständige Wechsel zwischen Nähe und Distanz kann zu einem Kreislauf aus Hoffnung, Enttäuschung und Verzweiflung führen, der die Betroffenen emotional auslaugt. Dieser Artikel beleuchtet die psychologischen Hintergründe von On-Off-Beziehungen, die Rolle von Dopamin und Bindungsangst, sowie Strategien, um sich aus diesem destruktiven Muster zu befreien.

Die Dynamik von On-Off-Beziehungen

"Ich will schon wieder am liebsten wegrennen", sagt Lena. Dieser Satz ist ein typisches Beispiel für die Zerrissenheit, die Menschen in On-Off-Beziehungen erleben. Lena, die nach knapp fünf Monaten mit ihrem neuen Freund bereits wieder Fluchtimpulse verspürt, ist sich ihres Handlungsmusters bewusst und möchte es diesmal durchbrechen. Paar- und Sexualtherapeutin Gertrud Wolf bestätigt, dass Flucht keine gute Lösung ist, wenn man das eigene Verhalten verstehen und verändern möchte.

Die Rolle der Verliebtheitsphase

In der Phase der Verliebtheit wird unser Gehirn mit Drogen geflutet. Egal wie euphorisch, leidenschaftlich und verliebt wir zu Beginn sind, der Rausch lässt bald nach. So wie jede Party irgendwann endet. "Wir verlieben uns ja heutzutage in wildfremde Menschen", sagt Wolf. Plattformen wie Tinder und Co. sei Dank. Weil uns die Liebesdrogen das Hirn vernebeln, sehen wir erstmal gar nicht, wen wir da eigentlich vor uns haben. Böse Überraschungen bleiben da nicht aus. Auf manche hat allerdings das Gefühl des Verliebtseins eine unwiderstehliche Anziehungskraft. Der damit einhergehende Drogencocktail kann süchtig machen, sagt Wolf. "Der Drogencocktail wirkt etwa ein halbes Jahr, dann muss man wieder Schokolade essen", sagt Wolf.

Bindungsangst als Ursache für Fluchtverhalten

Die Gründe für das Fluchtverhalten in Beziehungen sind vielschichtig. Ein wichtiger Faktor ist die Bindungsangst. Menschen mit Bindungsängsten haben oft in ihrer Kindheit die Erfahrung gemacht, dass sie in bedrohlichen Situationen mit ihren Ängsten allein sind. Das Kind erlebt das elterliche Verhalten als Ablehnung - eine schmerzhafte Erfahrung, die es möglichst nicht nochmal machen möchte. "Diese unsicher gebundenen Menschen haben im Erwachsenenalter Schwierigkeiten, sich einzulassen und eine langfristige Bindung einzugehen", sagt Wolf. Angst spiele eine große Rolle.

Mama und Papa sind unsere ersten Bindungspartner und legen die Strukturen an, auf dem wir alle weiteren Bindungen aufbauen", sagt Wolf. Es ist also kein Zufall, dass sich Lena im Zusammensein mit ihrem Freund häufig an bestimmte Situationen mit ihrem Vater erinnert fühlt? Nein, es sei kein Zufall, sagt Wolf. "Es ist wie ein Tanz, den man gelernt hat. Die gute Nachricht lautet: Wir können auch als Erwachsene noch neue Tanzschritte lernen. "Man muss sich allerdings seinen Bindungsängsten stellen", sagt Wolf. Das bedeutet zunächst nichts weiter als: Aushalten. Denn: "Die Liebe als Ausnahmezustand kann nicht von Dauer sein", sagt Wolf. Wer dieses Ideal hochhält, bleibt sein Leben lang auf der Flucht. "Die Frage ist doch: Will ich diesem Ideal treu bleiben? Dann muss ich den Menschen verlassen. Oder will ich den Menschen behalten? Dann muss ich mein Ideal überdenken", sagt Wolf. Zuallererst muss Lena sich also entscheiden, ob sie dem Mann auch ohne eine Überdosis Dopamin im Blut eine Chance geben will. Vielleicht wäre es einen Versuch wert.

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Die Anziehungskraft toxischer Beziehungen

Bindungsangst ist ein weit verbreitetes Phänomen, das sich in vielen Formen zeigt. Während manche Menschen mit Bindungsangst Nähe aktiv vermeiden, scheinen andere paradoxerweise immer wieder in toxischen Beziehungen zu landen. Doch warum fühlen sich Bindungsängstler in destruktiven Beziehungen oft wohler als in stabilen und liebevollen Partnerschaften? Die Antwort liegt tief in der psychologischen Struktur dieser Menschen verankert.

Vertrautheit mit Instabilität

Menschen mit Bindungsangst haben oft in ihrer Kindheit Beziehungsdynamiken erlebt, die instabil oder unsicher waren. Wenn emotionale Distanz, Zurückweisung oder ein Wechselspiel aus Nähe und Rückzug die Norm waren, wird dies als "normal" abgespeichert. Später im Leben fühlen sich toxische Beziehungen deshalb vertrauter an als gesunde Bindungen. Die psychologische Grundregel lautet: Das, was wir kennen, fühlt sich sicherer an - selbst wenn es schädlich ist.

Angst vor echter Nähe

Liebevolle und stabile Beziehungen erfordern emotionale Offenheit und Verletzlichkeit. Für einen Bindungsängstler ist dies eine große Herausforderung. In toxischen Beziehungen gibt es oft Distanz, Drama oder Unsicherheiten - all das hält echte Nähe auf Abstand. Auf diese Weise muss sich der Bindungsängstler nie wirklich mit seinen eigenen Ängsten und Verletzlichkeiten auseinandersetzen.

Kontrollmechanismen in toxischen Beziehungen

In toxischen Beziehungen gibt es häufig Manipulation, On-Off-Dynamiken und emotionale Erpressung. Paradoxerweise bietet das dem Bindungsängstler eine Form von Kontrolle: Solange er sich mit der Unsicherheit der Beziehung beschäftigt, muss er sich nicht mit seinen eigenen inneren Konflikten auseinandersetzen. In einer stabilen Beziehung hingegen würde er sich seinen Ängsten und Unsicherheiten direkt stellen müssen.

Das Dopamin-Hoch von toxischen Beziehungen

Toxische Beziehungen sind oft von emotionalem Auf und Ab geprägt. Diese Achterbahnfahrt setzt Dopamin und Adrenalin frei - dieselben Neurotransmitter, die auch bei Suchtverhalten eine Rolle spielen. Für Menschen mit Bindungsangst fühlt sich diese Dynamik intensiver an als eine ruhige, liebevolle Beziehung. Die Abwesenheit von Drama kann sich für sie langweilig oder sogar beängstigend anfühlen. Die übermäßige Zuwendung der dominanten Person führt - ähnlich wie eine Droge - zu einem verhältnismäßig langen und intensiven Dopaminrausch. Der wiederum löst eine Art Sucht aus - man will mehr von der Zuneigung und dem Glücksgefühl, das diese in einem bewirkt. Durch die hohe Dopaminausschüttung wird die Verliebtheitsphase länger aufrechterhalten, während in gesunden Partnerschaften irgendwann andere Neurotransmitter wie Oxytocin das Ruder übernehmen und sich so ein Grundgefühl von Sicherheit und Stabilität einstellt.

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Selbstwert und innere Glaubenssysteme

Viele Bindungsängstler tragen unbewusst den Glaubenssatz in sich: "Ich bin nicht liebenswert" oder "Ich verdiene keine gesunde Liebe". In einer toxischen Beziehung wird dieses innere Skript bestätigt. Die emotionale Zurückweisung oder das wiederkehrende Drama spiegeln ihre inneren Überzeugungen wider, was die Beziehung in gewisser Weise "stimmig" erscheinen lässt. Eine gesunde Beziehung, in der sie respektiert und geliebt werden, kann hingegen ihr Selbstbild infrage stellen und Angst auslösen.

Vermeidung von emotionaler Verantwortung

Toxische Beziehungen erlauben es Bindungsängstlern, sich selbst in einer Opferrolle zu sehen. Sie können dem Partner oder der Beziehung die Schuld für ihr emotionales Unwohlsein geben, anstatt sich mit ihren eigenen Ängsten auseinanderzusetzen. In einer gesunden Beziehung gibt es jedoch keine Ausreden - die eigene emotionale Verantwortung wäre unausweichlich.

Bindungsangst trifft auf Verlustangst: Die toxische Dynamik

Häufig ziehen sich Bindungsängstler und Menschen mit Verlustangst gegenseitig an. Während der Verlustängstliche nach Bestätigung und Nähe sucht, zieht sich der Bindungsängstler zurück - ein endloses Katz-und-Maus-Spiel. Diese Dynamik sorgt für eine toxische, aber dennoch sehr starke Anziehungskraft. Eine stabile, liebevolle Beziehung bietet diesen Nervenkitzel nicht und wird daher oft als "zu einfach" oder "langweilig" empfunden.

Strategien zur Befreiung aus On-Off-Beziehungen

Der erste Schritt, um sich aus diesen destruktiven Mustern zu befreien, ist Bewusstsein. Bindungsängstler müssen verstehen, dass die vermeintliche Sicherheit einer toxischen Beziehung auf alten Mustern basiert und nicht auf echter Liebe. Durch Therapie, Selbstreflexion und bewusste Entscheidung für gesunde Beziehungen kann eine neue Erfahrung von Liebe geschaffen werden - eine, die auf Stabilität, Vertrauen und echter Nähe beruht.

Bewusstwerdung und Akzeptanz

Sobald du verstehst, dass eine Off-Off-Beziehung nicht für eine gleichmäßige, bedingungslose Liebe steht, sondern eher für eine toxische emotionale Verstrickung, wirst du dich nach und nach besser lösen können. Liebe schenkt ein gleichmäßiges Gefühl von Sicherheit und Angenommen sein.

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Kontaktabbruch und Selbstfürsorge

Es ist wichtig, jeden Kontakt zum toxischen Expartner zu vermeiden. Kein Schreiben, kein Nachschauen auf Social Media, kein Treffen. Jedes kleine »Nachgeben« verlängert deine Seelenqualen. Selbst wenn ein Kontakt zumindest kurzfristig Balsam für deine seelischen Verletzungen sein kann, langfristig entwertet dieser dich noch mehr.

Erstelle eine Liste mit allen Gründen, warum diese Beziehung dir nicht guttut. Lies sie dir immer wieder durch, wenn du in Versuchung gerätst, und ergänze sie bei Bedarf. So führst du dir klar vor Augen, was mitunter nur wie ein dunkler Nebel in deinem Kopf ist, den du nicht zu greifen bekommst.

Selbstwert stärken

Wenn du das Gefühl hast, dich immer beweisen oder rechtfertigen zu müssen, frage dich: Wie kann ich meinen Selbstwert unabhängig von außen machen? Der Trick ist, einen stabilen Selbstwert aufzubauen, der weder von negativer Rückmeldung eingerissen wird noch von positiver Rückmeldung abhängig ist.

Menschen, die einen starken Selbstwert haben, die begeben sich nicht in eine toxische Beziehung, weil sie machen, ihren werden nicht von jemand anders abhängig. Menschen, die einen sehr geringen Selbstwert haben, die machen sich extrem abhängig von anderen Menschen, vor allen Dingen von einem Mann, wenn sie jetzt, wenn du jetzt ein Date ist, und weil da natürlich dieser krasser, ja dieser krasser Need ist, dieses krasse Bedürfnis ist so, bitte sag mir, dass ich wertvoll bin. Bitte sag mir, dass ich irgendwie existenzberechtigung habe. Vergleich ist wirklich also wenn du net toxischen Beziehungen bist, du machst nichts anderes, also außer Selbstwertgefühl stärken, das ist so dein absolutes Key also das ist der Schlüssel überhaupt, um da den ersten Schritt raus zu packen rauszugehen.

Professionelle Hilfe in Anspruch nehmen

Manchmal ist es unerlässlich, Hilfe von außen in Anspruch zu nehmen, wenn man eine toxische Beziehung beenden will. Sonst fällt man immer wieder zurück und die Entzugsphase wird quälend lange. Unterstützung durch das soziale Umfeld ist in der Entzugsphase ebenfalls von entscheidender Bedeutung. Selbsthilfegruppen sind auch sehr hilfreich.

Die Bedeutung von Oxytocin und Bindung für die Gesundheit

Neben Dopamin spielt auch Oxytocin, das "Kuschelhormon", eine wichtige Rolle für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden. Oxytocin wird durch romantische Bindungen, zärtliche Berührungen, Sex und soziale Unterstützung ausgeschüttet und hat einen positiven Einfluss auf Schmerz, Stress, Sexualhormone, Blutdruck, Schlaf und Knochendichte.

Oxytocin als Stresskiller

Oxytocin dämpft unsere Stresssysteme, hilft bei der Verarbeitung emotionaler Informationen, reduziert die Aktivität der Amygdala (Angstsystem) und erhöht das Vertrauen. Ein Mangel an diesem Hormon korreliert mit Darmproblemen, Darmentzündungen und schlechterer Schleimhautintegrität. Es wirkt schmerzlindernd und reguliert das autonome Nervensystem, indem es die Vagusaktivität fördert.

Einsamkeit und Mortalität

Einsamkeit sagt tatsächlich Morbidität und Mortalität voraus. Die wahrgenommene soziale Isolation ist beispielsweise ein signifikanter Prädiktor für erhöhte Morbidität und Mortalität. Studien zeigen, dass Singles tendenziell früher sterben und häufiger an gesundheitlichen Problemen leiden.

Gesundheitliche Auswirkungen von Einsamkeit

Einsamkeit führt zu einer Überaktivierung der Stresssysteme und ist mit Immunstörungen verbunden. Sich-Verlieben hingegen ist mit einer Regulation der Immunsystem-Genexpression verbunden. Einsamkeit ist mit einem erhöhten systolischen Blutdruck assoziiert und beschleunigt dessen Anstieg über die Zeit.

Einsamkeit korreliert mit beeinträchtigter kognitiver Leistung und kognitivem Rückgang und stellt ein erhöhtes Risiko für Alzheimer dar. Und einsame Personen zeigen eine höhere Wahrscheinlichkeit, körperliche Schmerzen zu entwickeln. Interessant ist es auch, dass „sich alleine fühlen“, auch wenn man gar nicht alleine ist, zu einer kognitiven Verzerrung führen kann, mit dem Gefühl der Unsicherheit, so, dass die soziale Welt als bedrohlicher wahrgenommen wird.

Warum sind wir Single?

Studien zeigen, dass Faktoren wie Aussehen, Intelligenz, Status oder Bildung tatsächlich keinen direkten Einfluss darauf haben, ob jemand überhaupt in einer Beziehung landet (sie beeinflussen eher, bei wem man landet).

Klar ist Attraktivität wichtig. Aber was entscheidet dann, ob ihr langfristig zusammenbleibt? Ob ihr Spaß miteinander habt, euch unterhalten könnt, euch versteht, die gleichen Werte und eine ähnliche Lebensgestaltung teilt, ob ihr euch wohl miteinander fühlt, ähnliche Interessen habt - und nicht zuletzt natürlich Loyalität, Ehrlichkeit und andere „von der Attraktivität total unabhängige Werte“.

Aussehen ist der „Startschuss“, aber den „Marathon der Liebe“ gewinnst du nicht mit gemachten Titten, schicker Schminke oder deinem Testo-Körper - sondern mit guten Laufschuhen.

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