Dopamin-Ausschüttung: Die Rolle von Opiaten im Belohnungssystem und ihre Auswirkungen

Die menschliche Erfahrung von Freude, Motivation und Sucht ist eng mit der komplexen Neurochemie unseres Gehirns verbunden. Insbesondere die Botenstoffe Dopamin und Endorphine spielen eine entscheidende Rolle im sogenannten Belohnungssystem. Dieser Artikel beleuchtet die Mechanismen der Dopamin-Ausschüttung, die Beteiligung endogener Opiate und die Auswirkungen auf unser Verhalten, von der kindlichen Begeisterung für das Lernen bis hin zu den Mechanismen der Suchtentwicklung.

Die Plastizität des kindlichen Gehirns und die Rolle des Lernens

Neurobiologische Forschungen haben in den letzten Jahren gezeigt, dass das Gehirn von Kindern in hohem Maße plastisch und formbar ist. Im Gehirn eines Kindes gibt es unendlich viele Verschaltungsmöglichkeiten. Diese genetischen Programme führen zu einem Überangebot an potenziellen Verbindungen. Etwa ein Drittel davon wird im Laufe der Entwicklung bis zur Pubertät wieder abgebaut. Um dieses Potenzial optimal zu nutzen, ist es entscheidend, dass Kinder vielfältige Möglichkeiten erhalten, ihr Gehirn zu benutzen.

Kinder lernen ständig und machen sich vom ersten Tag an lernend auf Entdeckungsreise. Sie kommen bereits mit viel Wissen auf die Welt, da vorgeburtliche Erfahrungen Netzwerke stabilisiert haben. Das Kind ist mit dem Duft und der Sprachmelodie seiner Mutter vertraut. Neue Sinneseindrücke sind nicht völlig fremd, sondern können an bereits vorhandenes Wissen angeknüpft werden. Jede neue Erfahrung führt zu einer stärkeren Erregung im Gehirn. Mit Hilfe der Eltern oder später selbstständig gelingt es dem Kind, das neue Wissen in den Erfahrungsschatz zu integrieren. Aus einem Unruhezustand entsteht Synchronisation und Kohärenz, was zur Ausschüttung von Dopamin und endogenen Opiaten führt. Dieser Zustand wird oft als ein Gefühl der Belohnung wahrgenommen, ähnlich wie nach der Einnahme von Kokain und Heroin. Diese Erfahrung ist der Grund, warum Kinder sich so begeistert dem Lernen und der Weltentdeckung widmen.

Das Belohnungssystem: Dopamin und Endorphine im Zusammenspiel

Das Belohnungssystem im Gehirn ist ein komplexes Netzwerk, das durch verschiedene Reize aktiviert wird. Dazu gehören primäre Verstärker wie Nahrung, Körperkontakt und Sexualität, aber auch Substanzen wie Alkohol und andere Drogen. Die Botenstoffe Dopamin und Endorphine spielen dabei eine zentrale Rolle.

Dopamin wird vor allem dann ausgeschüttet, wenn eine Belohnung überraschend kommt oder wenn Reize auftreten, die eine Belohnung ankündigen. Es ist für das "Wanting" verantwortlich, also das aktive Aufsuchen der Belohnung. Endorphine hingegen vermitteln eher die positiven Gefühle während des Konsums der Belohnung, das "Liking". Sie führen zu einem entspannten Wohlgefühl.

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Die Wechselwirkung von Dopamin und Endorphinen treibt uns an und macht uns glücklich. Dopamin steht am Anfang einer molekularen Kaskade, die schließlich zu Zufriedenheit und sogar Euphorie führen kann. Immer wenn wir bestimmte Dinge machen, etwa Essen, Trinken, Lernen oder Sex haben, wird der Neurotransmitter im Gehirn ausgeschüttet. Gewissermaßen belohnt der Körper damit bestimmte Handlungen, die letztlich dafür sorgen, dass wir am Leben bleiben und uns fortpflanzen. Dabei hilft, dass Dopamin quasi nie zufrieden ist - um aus der Sicht des Moleküls zu sprechen. Stattdessen treibt es uns an, immer noch mehr zu erreichen. Die Belohnung durch Dopamin erfolgt dabei nicht nur während der Handlung selbst, sondern zu großen Teilen bereits im Vorfeld - dann, wenn sich die Handlung ankündigt.

Die Auswirkungen von Drogen auf das Belohnungssystem

Substanzen wie Alkohol, Kokain und andere Drogen aktivieren das Belohnungssystem ebenfalls, können aber im Vergleich zu den primären Verstärkern eine besonders starke Freisetzung von Dopamin auslösen. Der starke Anstieg der Dopaminausschüttung wird vom Organismus als eine besonders hohe Belohnung wahrgenommen, die "besser ist als erwartet". Während bei den primären Verstärkern irgendwann ein Sättigungseffekt einsetzt, weil kein weiteres Dopamin mehr ausgeschüttet wird, ist dies bei Drogen zumindest in der Anfangsphase der Abhängigkeitsentwicklung nicht der Fall.

Drogen greifen in das Belohnungssystem ein, indem sie direkt die Dopaminausschüttung ankurbeln. Durch wiederholten Drogenkonsum verändert sich die Aktivität des Belohnungssystems. Es reagiert bevorzugt nur noch auf Drogen und andere Reize, die mit Drogenkonsum in Zusammenhang stehen. Das können bestimmte Orte, Dinge oder auch konsumierende Freunde sein. Während die Aufmerksamkeit der Person sich immer mehr auf die Droge hin ausrichtet, verlieren primäre Verstärker ihren Reiz. Für andere Dinge interessiert sich die Person nicht mehr.

In späteren Phasen der Abhängigkeit entwickelt sich schließlich eine starke Verbindung zwischen Drogenreizen, wie bestimmten Orten, an denen die Droge konsumiert wurde und den dazugehörigen Verhaltensreaktionen, die zum Konsum führen. Im Gehirn erfolgt dabei eine zunehmende Vernetzung des Belohnungssystems mit solchen Arealen, die gewohnheitsmäßiges Verhalten steuern. Diese Verbindung wird auch für das zwanghafte Konsumverhalten von Drogenabhängigen verantwortlich gemacht. Dies geht so weit, dass Abhängige rückfällig werden, ohne dabei eine bewusste Entscheidung für den Konsum gefällt zu haben. Drogenkonsum wird mehr oder weniger automatisch durch bestimmte Reize ausgelöst. Dies erklärt, warum es abhängigen Menschen so schwerfällt, mit dem Konsum aufzuhören, obwohl sie wissen, dass er schädlich für sie ist.

Dopamin-Fasten: Ein Trend zur Reizreduktion

In unserer digitalisierten Welt sind wir einer ständigen Reizüberflutung ausgesetzt. Smartphone und Internet lösen Dopamin-Schübe aus, die uns in ihren Bann ziehen. Als Gegenbewegung hat sich im Silicon Valley der Trend des Dopamin-Fastens entwickelt. Dabei verzichtet man für eine bestimmte Zeit auf alles, was Spaß macht, wie Handy, Social Media und soziale Kontakte. Ziel ist es, die Überstimulation des Gehirns zu reduzieren und das Belohnungssystem auszubremsen.

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Wird die Erwartung dann bedient, schüttet der Körper zusätzlich Endorphine und körpereigene Opiate aus. Dopamin triggert also den Belohnungsmechanismus im menschlichen Körper. Erfinder ist der Psychologe Cameron Sepah von der University of California in San Francisco. Denn die Jagd nach Dopamin-Ausschüttung ist auch eine Jagd nach Glücksgefühlen. "Diese Glücksgefühle werden immer wieder gesucht“, erklärt Wissenschaftler Korte. "Aber je häufiger das passiert, desto geringer ist die Ausschüttung.“ Die Folge: Es werden immer stärkere Reize benötigt, um das gleiche Glücksgefühl zu empfinden. Darum sollte man beim Dopamin-Fasten nach Einschätzung von Sepah in definierten Zeitabschnitten vollständig auf Angewohnheiten mit hohem Suchtpotenzial verzichten.

Psychologen empfehlen Strategien gegen die ständigen Stimulationen. "Das Herstellen einer reizarmen Umgebung halte ich in einer stressreichen Welt für sehr sinnvoll“, erklärt Roman Liepelt, Leiter des Lehrstuhls für Allgemeine Psychologie an der Fernuniversität in Hagen. Normalerweise wechseln wir zwischen diesen Netzwerken häufig und schaffen somit einen Ausgleich. "Wenn wir nichts tun, beschäftigen wir uns mit uns selbst und nutzen unser inneres Netzwerk“, so Liepelt. Doch durch die vielen äußeren Reize in der digitalisierten Welt kämen wir viel seltener dazu. Das mache es schwieriger, Erlebtes zu verarbeiten und richtig einzuordnen. Die Folge: Wir können abstumpfen und reagieren nur noch auf äußere Reize, ohne Dinge tatsächlich zu durchdenken. "Viele Menschen können heutzutage nicht gut mit Langeweile umgehen“, sagt auch Suchttherapeut Christian Groß.

Allerdings warnen Experten davor, dass exzessives Dopamin-Fasten auch negative Folgen haben kann. "Macht man das zu exzessiv, kann man auch in depressive Episoden abrutschen“, so der Therapeut. Generell sei der Umgang damit aber eine sehr individuelle Sache. "Genau wie bei der Ernährung muss jeder für sich überlegen, welche Form der Lebensgestaltung sinnvoll und gesund ist“, sagt Groß.

ADS und Dopamin

Beim Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS) muss man unterscheiden zwischen der medizinisch-psychiatrischen Perspektive und der Verwendung des Begriffs im Alltag durch Laien. Aus medizinischer Sicht handelt es sich beim ADS um eine gravierende Erkrankung. Laien beschreiben die Verhaltensweisen eines „schwierigen“ Kindes, das vor allem unaufmerksam ist und - allgemein gesagt - sein Verhalten nicht adäquat steuern kann. Beide Sichtweisen sind im Alltag bedeutsam, da - ungeachtet der formellen Einstufung als „Krankheit“ - für die Betroffenen selbst und für die Personen ihres sozialen Umfeldes ein erheblicher Leidensdruck in Form einer Einschränkung der Lebensqualität besteht.

Gesichert ist, dass es im Gehirn zu einem Ungleichgewicht verschiedener Neuro-Transmitter kommt. Die wichtigsten dabei sind Dopamin, Adrenalin, Noradrenalin und Serotonin. Bei den Medikamenten, die bei ADS gegeben werden, handelt es sich mehrheitlich um Stimulanzien (Amphetamine), die den Dopamin-Ausstoß direkt aktivieren.

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Schüler in unterfordernder Situation erleben eine Unausgewogenheit ihrer Botenstoffe im Gehirn und aktivieren sich durch Nebenbeschäftigungen, um die Unausgewogenheit auszugleichen. Bei den Medikamenten, die bei ADS gegeben werden, handelt es sich mehrheitlich um Stimulanzien (Amphetamine), die den Dopamin-Ausstoß direkt aktivieren, also den Nebenbeschäftigungen ihren Zweck nehmen und sie so überflüssig machen; aber die Stimulanzien machen nicht zufrieden und sie fördern auch kein eigenmotiviertes Verhalten.

Die Rolle von Dopamin bei Suchterkrankungen und Entzug

Insbesondere während eines Entzugs spüren Suchtkranke die Macht und die vielfältigen Auswirkungen eines veränderten Belohnungsnetzwerkes. In Experimenten mit alkoholabhängigen Ratten konnten Spanagel und sein Kollege Wolfgang Sommer, ebenfalls Suchtexperte am ZI, zum Beispiel zeigen, dass es unterschiedliche Dopaminphasen des Entzugs gibt: „In den ersten ein bis drei Tagen ohne Alkohol weisen die Tiere einen stark verminderten Dopamingehalt im Gehirn auf“, so Sommer. Es fehlte die Belohnung durch den Alkohol. Dopaminmangel geht üblicherweise einher mit Freudlosigkeit und Niedergeschlagenheit und teilweise auch mit körperlichen Entzugserscheinungen wie Schwitzen und Zittern. Das alles sind Risikofaktoren für einen Rückfall. Anschließend schlug die Dopaminsituation in den Gehirnen der Ratten allerdings ins Gegenteil um. Nach rund drei Wochen hatten die Tiere einen erhöhten Dopaminspiegel. Das führt in der Regel zu Impulsivität und vermindert die Fähigkeit zur Verhaltenskontrolle. „Das kennen wir von Menschen, die an ADHS leiden; auch sie weisen erhöhte Dopaminkonzentrationen auf“, sagt Sommer. Tatsächlich gilt ADHS bereits seit Langem als Risikofaktor für eine Suchterkrankung.

Die Anpassungen im Gehirn von Suchtkranken sind dynamische Vorgänge über bestimmte Suchtzyklen hinweg. Diese Tatsache erschwert die Suche nach geeigneten Medikamenten. Aber Sommer ist optimistisch: „Vieles deutet darauf hin, dass sich ein suchtkrankes Belohnungssystem wieder in einen funktionaleren Zustand überführen lässt.“ Für Menschen mit einer Abhängigkeit besteht also Hoffnung auf ein echtes Happy End.

Kokain und Dopamin

Kokain greift, wie man seit längerem weiß, in die chemische Weiterleitung von Nervenimpulsen an Synapsen ein. Es hemmt die Wiederaufnahme der Neurotransmitter Noradrenalin, Dopamin und Serotonin und verlängert so deren Aufenthalt im Spalt. Die Blutdrucksteigerung sowie die erhöhte Wachheit und Wachsamkeit beispielsweise resultieren aus einer länger anhaltenden Einwirkung von Noradrenalin auf die innervierte Gefäßmuskulatur beziehungsweise auf Teile des Stammhirns. Die Verhaltens- und Persönlichkeitsveränderungen lassen sich hingegen größtenteils dem Einfluß der Droge auf Systeme zuschreiben, die Signale durch Dopamin übermittelt bekommen.

Unglück und Sucht

Neueste Ergebnisse aus der Hirnforschung behaupten, dass alle abhängig machenden Drogen und auch Stress auf ein bestimmtes Gebiet im Mittelhirn wirken. Dadurch wird dieser Teil des Gehirns überempfindlich und schüttet vermehrt Dopamin aus. Dopamin signalisiert dem Körper, aktiv zu werden, so dass er Endorphine wie Serotonine und Opiate freisetzt. Dieser Prozess passiert unbewusst und ist nicht oder nur schwer durch unseren Willen beeinflussbar. Normalerweise werden wir genügend mit den glücklichmachenden Stoffen versorgt, wenn wir aktiv sind, erfolgreich und zufrieden. Läuft aber auf die Dauer etwas schief, fehlt der Ausstoß von Dopaminen und Serotoninen, dann kommt es zu einem Mangel an Glücksgefühlen. Je länger dieser Zustand anhält, desto stärker bestimmt er unsere Persönlichkeitsstruktur, weil er in den Gehirnschichten verankert wird und wir ihn als Normalzustand abspeichern. Nach mehreren Jahren Unglücklichseins und Unzufriedenheit wird es dann immer schwieriger, seine Grundeinstellung zum Leben zu verändern.

Die Hirnforschung hat genau dort den Ursprung des Suchtverhaltens gefunden. Man ist auf der Suche nach etwas Bedeutungsvollem im Leben, nach etwas, was einen befriedigt und hat das Gefühl, man könne das auf "normalem" Weg nicht mehr erreichen oder nimmt nicht mehr wahr, was schön und richtig ist. Dann probiert man Drogen aus und merkt, dass sie die fehlenden Glücksgefühle auslösen können, und das auch noch ohne Anstrengung.

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