Die Behandlung von Glioblastomen, einer aggressiven Form von Hirntumoren, stellt eine große Herausforderung in der Onkologie dar. Eine innovative Therapieoption, die in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen hat, ist die Behandlung mit Tumortherapiefeldern (TTFields), die unter dem Handelsnamen Optune® vertrieben wird. Dieser Artikel beleuchtet die Wirkungsweise, Anwendung, Vor- und Nachteile sowie die aktuelle Studienlage zur Optune Therapie bei Glioblastomen.
Grundlagen der Tumortherapiefelder (TTFields)
Die Therapie mit Tumortherapiefeldern (TTFields) ist eine nicht-invasive Methode, bei der elektrische Wechselfelder niedriger Intensität und intermediärer Frequenz (100-300 kHz) auf den Tumor einwirken. Diese Felder werden von einem tragbaren Generator erzeugt und über auf die Kopfhaut geklebte Elektroden, sogenannte Transducer Arrays, appliziert.
Wirkmechanismus der TTFields
Die TTFields wirken primär durch die Störung der Zellteilung von Tumorzellen. Die schnell wechselnden elektrischen Felder können die Orientierung von geladenen Proteinen und Molekülen innerhalb der Zelle beeinflussen und somit deren biologische Funktion beeinträchtigen. Besonders während der Mitose, der Zellteilungsphase, stören die TTFields die Ausbildung des Spindelapparates, der für die korrekte Aufteilung der Chromosomen verantwortlich ist. Dies führt zu einer fehlerhaften Zellteilung und letztendlich zum Zelltod der Tumorzelle.
Zusätzlich zu dieser primären Wirkung werden auch weitere Effekte diskutiert, die zur Wirksamkeit der TTFields beitragen könnten. Dazu gehören eine veränderte Zellpermeabilität, immunologische Prozesse, eine gestörte DNA-Reparatur und eine eingeschränkte Zellmigration. Der genaue Wirkmechanismus ist jedoch noch nicht vollständig aufgeklärt.
Anwendung der Optune Therapie
Die Optune Therapie ist für die Behandlung von erwachsenen Patienten mit neu diagnostiziertem oder rezidivierendem Glioblastom zugelassen. Beim neu diagnostizierten Glioblastom wird Optune in der Regel nach der Operation und Bestrahlung, in Kombination mit der Erhaltungschemotherapie mit Temozolomid, angewendet. Bei einem Rezidiv kann Optune ebenfalls eingesetzt werden, da in diesem Fall keine Standardtherapie definiert ist.
Lesen Sie auch: Rehabilitation bei Gesichtsfeldausfall
Die Behandlung erfolgt ambulant und kann in der Regel zu Hause durchgeführt werden. Die Patienten tragen die Transducer Arrays auf der rasierten Kopfhaut, wobei die Positionierung der Elektroden zuvor anhand von MRT-Aufnahmen des Tumors berechnet wird. Der Feldgenerator, der die elektrischen Wechselfelder erzeugt, wird in einer Tasche oder einem Rucksack mitgeführt, wodurch die Patienten mobil bleiben und ihren Alltagsaktivitäten nachgehen können.
Die Therapie soll kontinuierlich erfolgen, idealerweise mindestens 18 Stunden pro Tag. Die Arrays müssen zwei- bis dreimal wöchentlich gewechselt werden, und die nachwachsenden Haare müssen regelmäßig rasiert werden.
Klinische Evidenz für die Wirksamkeit von Optune
Studienergebnisse bei Glioblastom
Die Zulassung und Leitlinienempfehlung des Optune Systems für das Glioblastom basieren maßgeblich auf der Phase-III-Studie EF-14. In dieser Studie profitierten Patienten mit neu diagnostiziertem Glioblastom nach Biopsie/Resektion und Radiochemotherapie mit Temozolomid sowohl bezüglich des progressionsfreien Überlebens (PFS) als auch des Gesamtüberlebens (OS) von TTFields zusätzlich zu einer adjuvanten Temozolomid-Erhaltungstherapie. Das mediane OS wurde durch die Tumortherapiefelder um fast fünf Monate verlängert (medianes OS 16,0 vs. 20,9 Monate; Hazard Ratio [HR] 0,63; 95 %-Konfidenzintervall [95 %-KI] 0,53-0,76; p < 0,001).
Besonders hervorzuheben ist, dass sich durch die kombinierte Behandlung die Chance, nach drei bis fünf Jahren noch zu leben, mehr als verdoppelt hat. Die 5-Jahres-Überlebensrate betrug 13 % unter TTFields plus Temozolomid versus 5 % unter Temozolomid (p = 0,004). Patienten mit hoher Anwendungsdauer (≥ 75 %) und hoher Energiedichte im Tumorbett (≥ 1,15 mW/cm3) zeigten hierbei insgesamt das höchste OS.
Eine prospektive nichtinterventionelle Real-World-Studie TIGER an 80 deutschen Zentren bei 429 behandelten Patienten bestätigte die Wirksamkeit von TTFields im Praxisalltag. Nach einem Follow-up von 56,2 Monaten wurde ein medianes OS von 19,6 Monaten und ein PFS von 10,2 Monaten erreicht. Die 4-Jahres-Überlebensrate lag bei 27,7 %.
Lesen Sie auch: Parkinson und B1: Ein Erfahrungsbericht
Studienergebnisse bei anderen Tumorerkrankungen
Neben dem Glioblastom wird der Einsatz von TTFields auch bei anderen Tumorerkrankungen untersucht. So zeigte die Phase-III-Studie LUNAR einen Vorteil für Patienten mit inoperablem, metastasierendem nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom (NSCLC), das nach einer platinbasierten Therapie fortgeschritten war, durch TTFields zusätzlich zur Standardtherapie.
Die Phase-III-Studie METIS (EF-25) konnte ebenfalls einen Vorteil für die Behandlung von Hirnmetastasen beim NSCLC feststellen. Die Patienten hatten randomisiert nach einer stereotaktischen Radiochirurgie TTFields oder nur eine supportive Behandlung erhalten. Die Ergebnisse zeigten eine signifikant verlängerte Zeitspanne bis zu einer intrakraniellen Progression (median 21,9 vs. 11,3 Monate; HR 0,67; 95 %-KI 0,48-0,93; p = 0,02).
Vor- und Nachteile der Optune Therapie
Vorteile
- Nicht-invasive Behandlung: Die TTFields Therapie ist eine nicht-invasive Methode, die keine Operation oder Strahlentherapie erfordert.
- Ambulante Anwendung: Die Behandlung kann in der Regel zu Hause durchgeführt werden, wodurch die Patienten mobil bleiben und ihren Alltagsaktivitäten nachgehen können.
- Geringe Nebenwirkungen: Die häufigste Nebenwirkung sind leichte bis moderate Hautreizungen, die sich aber gut behandeln lassen.
- Verlängerung des Überlebens: Klinische Studien haben gezeigt, dass die TTFields Therapie in Kombination mit der Standardtherapie das Überleben von Glioblastompatienten verlängern kann.
- Erhalt der Lebensqualität: Studien haben gezeigt, dass die Lebensqualität der Patienten durch die TTFields Therapie nicht negativ beeinflusst wird.
Nachteile
- Dauertherapie: Die Therapie soll kontinuierlich erfolgen, idealerweise mindestens 18 Stunden pro Tag, was für die Patienten eine erhebliche Belastung darstellen kann.
- Regelmäßige Kopfrasur: Die nachwachsenden Haare müssen regelmäßig rasiert werden, um eine optimale Applikation der Elektroden zu gewährleisten.
- Hautreizungen: Die Klebeelektroden können Hautreizungen verursachen, die eine zusätzliche Behandlung erforderlich machen.
- Kosten: Die Kosten für die TTFields Therapie sind hoch, werden aber in Deutschland, Österreich und der Schweiz unter bestimmten Voraussetzungen von den Krankenkassen erstattet.
- Einschränkungen im Alltag: Das Tragen des Geräts und der Elektroden kann zu Einschränkungen im Alltag führen, insbesondere im Hinblick auf das Selbstbewusstsein und das soziale Leben.
- Widersprüchliche Diskussion in der Fachwelt: Der Nutzen der Behandlung wird von Fachärzten widersprüchlich diskutiert, und es gibt Kritik an der Konzeption der klinischen Studien.
Nebenwirkungen und Belastungen
Die häufigste Nebenwirkung der Optune Therapie sind lokale Hautreizungen durch das Kleben der Arrays. Diese können sich in Form von Juckreiz, Rötungen oder Entzündungen äußern und erfordern eine entsprechende Behandlung, beispielsweise mit Kortikosteroid-haltigen Cremes.
Trotz der relativ geringen Nebenwirkungen kann die TTFields Therapie aufgrund ihrer Dauer und der Begleitumstände die Patienten erheblich belasten. Die ständige Erinnerung an die Hirntumor-Erkrankung, die Abhängigkeit von einer zweiten Person als Assistenz zum Kleben, die Dauerbehandlung mit regelmäßiger Kopfrasur, die Wärmeentwicklung und Schweißbildung sowie die störenden Lüfter- bzw. Alarmgeräusche des Steuergerätes können die Lebensqualität der Patienten beeinträchtigen.
Eine von der Deutschen Hirntumorhilfe durchgeführte Erhebung zur Lebensqualität unter elektrischen Wechselfeldern ergab, dass mehr als 80% der Befragten die Einschränkungen der Lebensqualität durch die Behandlung mit elektrischen Wechselfeldern als sehr belastend empfanden.
Lesen Sie auch: Umfassende Informationen zu neurologischer Reha
Kostenübernahme und Zugang zur Therapie
Die Kosten für die TTFields Therapie werden bei Patienten mit neu diagnostiziertem Glioblastom in Deutschland, Österreich und der Schweiz unter bestimmten Voraussetzungen von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Zu den Voraussetzungen gehören unter anderem, dass der Tumor unter der postoperativen Standard-Radio-Chemotherapie nicht gewachsen sein darf und es eine entsprechende Therapieempfehlung einer interdisziplinären Tumorkonferenz vorliegt.
Die TTFields Therapie wird dann begleitend zur üblichen Erhaltungschemotherapie mit Temozolomid durchgeführt und kann bis zum zweiten Rezidiv angewendet werden.
Um die Therapie zu erhalten, müssen Patienten speziell qualifizierte Ärztinnen oder Ärzte aufsuchen, die für die Verordnung, das Anlegen und die Kontrolle der TTFields zertifiziert sind. Eine Übersicht über die deutschen Zentren mit zertifizierten Behandlern findet sich auf den Internetseiten der Herstellerfirma Novocure GmbH.
Kritische Auseinandersetzung und offene Fragen
Trotz der positiven Studienergebnisse und der Zulassung der Optune Therapie gibt es in der Fachwelt eine kritische Auseinandersetzung mit der Methode. Einige Experten bemängeln, dass die klinischen Studien zur Wirksamkeit der TTFields Therapie methodische Mängel aufweisen und die Ergebnisse möglicherweise durch andere Faktoren beeinflusst wurden.
So wird beispielsweise kritisiert, dass die Patienten in den Studien nicht verblindet waren, was zu einer Verzerrung der Ergebnisse geführt haben könnte. Zudem sei unklar, welchen Einfluss die intensive Betreuung der Patienten auf die Ergebnisse hatte. Es wird argumentiert, dass ein positiver Effekt gegebenenfalls auch ohne Elektrohaube, also für die Patienten wesentlich weniger belastend, durch eine entsprechende therapeutische, pflegerische, psychologische und soziale Betreuung hätte erreicht werden können.
Auch die Deutsche Hirntumorhilfe tritt für eine unabhängige klinische Prüfung der Methode ein, um die offenen Fragen zu klären und eine fundierte Entscheidungsgrundlage für die Patienten zu schaffen.
Entscheidungshilfe für Patienten
Die Entscheidung für oder gegen eine Behandlung mit Tumortherapiefeldern ist komplex und sollte aus Patientensicht in Bezug auf medizinische, ethische und persönliche Aspekte sorgfältig abgewogen werden. Folgende Fragen können bei der Entscheidungsfindung helfen:
- Ist die Behandlung in Abhängigkeit von der Lokalisation des Glioblastoms angezeigt?
- Welche Ansichten haben die behandelnden Ärzte zum Nutzen der Therapie?
- Welche Meinung haben ausgewiesene Neuroonkologen zum Nutzen der Behandlung?
- Werden die Kosten für die Behandlung von der Krankenkasse getragen?
- Wie lange ist die Anwendung vorgesehen und kann sie den Tumor stoppen?
- Verbessert die Behandlung meine Lebensqualität?
- Gibt es andere Therapieoptionen oder ergänzende Behandlungen?
- Mit welchen Nebenwirkungen und Einschränkungen muss gerechnet werden?
- Wie viel Zeit werde ich täglich für die TTF-Anwendung aufbringen?
- Kann ich die Behandlung problemlos in meinen Alltag integrieren?
- Welche Unterstützung benötige ich von Familie, Freunden oder Pflegepersonal?
- Wie aufwändig ist das Wechseln der Klebeelektroden?
- Fühle ich mich wohl damit, das Steuergerät und die sichtbaren Pflaster ständig zu tragen?
- Bin ich mental bereit, die Therapie langfristig durchzuführen?
- Wie könnte die Therapie das Selbstbewusstsein und das soziale Leben beeinflussen?
- Habe ich alle objektiven Informationen zu den Vor- und Nachteilen erhalten?
tags: #optune #therapie #bei #einem #glioblastom