Ospolot, dessen Wirkstoff Sultiam ist, wird zur Behandlung der Rolando-Epilepsie (benigne Epilepsie des Kindesalters mit zentrotemporalen Spikes, SeLECTS) eingesetzt. Dieser Artikel beleuchtet die Anwendung, Wirkungsweise, Dosierung, Nebenwirkungen und weitere wichtige Aspekte von Ospolot im Kontext dieser speziellen Epilepsieform.
Was ist Rolando-Epilepsie?
Die Rolando-Epilepsie ist eine Form der selbstlimitierenden Epilepsie, die typischerweise im Kindes- und Jugendalter auftritt. Sie ist durch fokale Anfälle gekennzeichnet, die oft nachts auftreten und sich durch Zuckungen im Gesichtsbereich, insbesondere um den Mund, äußern können. Die Diagnose wird in der Regel durch ein EEG (Elektroenzephalogramm) bestätigt, das charakteristische zentrotemporale Spikes zeigt.
Indikation von Ospolot
Ospolot (Sultiam) wird primär zur Behandlung der selbstlimitierenden Epilepsie mit zentrotemporalen Spikes (SeLECTS) bei Kindern und Jugendlichen ab 3 Jahren eingesetzt. Es findet Anwendung, wenn andere Behandlungen nicht ausreichend wirksam sind oder nicht vertragen werden. Obwohl Ospolot hauptsächlich bei Rolando-Epilepsie eingesetzt wird, gibt es auch Hinweise auf seine Wirksamkeit bei anderen Epilepsieformen des Kindesalters mit ähnlichen EEG-Veränderungen, wie dem Pseudo-Lennox-Syndrom oder dem Landau-Kleffner-Syndrom. In einigen Fällen wurde es auch beim West-Syndrom und bei schwer zu behandelnden herdförmigen Epilepsien eingesetzt. Es ist wichtig zu betonen, dass in Deutschland Sultiam nur als alternative Behandlung der Rolando-Epilepsie zugelassen ist, wenn andere Antiepileptika keinen Erfolg zeigen.
Wirkungsweise von Sultiam
Sultiam ist ein Arzneistoff aus der Gruppe der Sulfonamide, der jedoch keine antibiotische Wirkung besitzt. Pharmakologisch gehört es zu den Carboanhydrasehemmern. Die Carboanhydrase ist ein Enzym, das eine Gewebsübersäuerung bewirkt, welche wiederum die Erregbarkeit von Nervenzellen vermindern kann. Durch die Hemmung dieses Enzyms kann Sultiam die Erregbarkeit der Nervenzellen reduzieren und so Anfälle unterdrücken. Der genaue Wirkmechanismus ist jedoch noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass Sultiam auch Wirkungen auf erregende und hemmende Botenstoffe im Nervensystem hat.
Dosierung und Anwendung
Die Dosierung von Ospolot ist individuell und wird vom behandelnden Arzt festgelegt. Die Erhaltungsdosis beträgt in der Regel 5-10 mg/kg Körpergewicht pro Tag. Die Aufdosierung sollte stufenweise über eine Woche erfolgen. Die Tagesdosis wird idealerweise auf drei Einzelgaben verteilt.
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Anwendungshinweise:
- Ospolot ist als Tabletten (50 mg und 200 mg) sowie als Suspension zum Einnehmen (20 mg/ml) erhältlich.
- Die Suspension ermöglicht eine exakte Dosierung nach Körpergewicht und eine kindgerechte Einnahme, unabhängig von den Mahlzeiten.
- Die Tabletten sollten mit ausreichend Flüssigkeit eingenommen werden.
- Die Anwendungsdauer richtet sich nach dem individuellen Ansprechen des Patienten auf die Behandlung.
Besondere Patientengruppen:
- Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion: Bei Patienten mit akutem Nierenversagen oder einem klinisch signifikanten Anstieg des Serumkreatinins muss die Anwendung beendet werden. Da keine ausreichenden Daten vorliegen, ist bei eingeschränkter Nierenfunktion Vorsicht geboten und eine langsamere Aufdosierung ratsam.
- Patienten mit eingeschränkter Leberfunktion: Bei schwerer Leberfunktionsstörung wird die Anwendung von Sultiam nicht empfohlen. Bei leichter bis mittelschwerer Leberfunktionsstörung ist Vorsicht geboten und eine langsamere Aufdosierung kann erforderlich sein.
Kontraindikationen
Ospolot darf nicht eingenommen werden bei:
- Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff, andere Sulfonamide oder einen der sonstigen Bestandteile.
- Hereditärer Fructose-Intoleranz (bei oraler und parenteraler Anwendung von Fructose ≥5 mg/kg/Tag).
- Bluthochdruck
- Schilddrüsenüberfunktion
- Porphyrie (Stoffwechselkrankheit)
Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen
- Bei Fieber, Halsschmerzen, allergischen Hautreaktionen mit Lymphknotenschwellungen und/oder grippeähnlichen Beschwerden sollte unverzüglich ein Arzt aufgesucht werden.
- Bei schweren allergischen Reaktionen ist Ospolot sofort abzusetzen.
- Ospolot kann das Reaktionsvermögen beeinträchtigen. Patienten sollten daher beim Bedienen von Maschinen oder im Straßenverkehr vorsichtig sein.
- Regelmäßige Blutbildkontrollen sowie die Überprüfung der Leberenzyme und Nierenfunktionsparameter sind erforderlich.
- Während der Behandlung mit Sultiam sollte auf den Genuss von Alkohol verzichtet werden.
- Vorsicht ist geboten bei Allergie gegen Sulfonamide und bei einer Unverträglichkeit gegenüber Lactose.
- Durch plötzliches Absetzen können Probleme oder Beschwerden auftreten. Deshalb sollte die Behandlung langsam, das heißt mit einem schrittweisen Ausschleichen der Dosis, beendet werden.
Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln
Sultiam kann Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln eingehen. Daher ist es wichtig, den behandelnden Arzt über alle eingenommenen Medikamente zu informieren.
- Primidon: Die Intensität der Sultiam-Nebenwirkungen kann zunehmen, insbesondere bei Kindern können Schwindel, Gangunsicherheit und Schläfrigkeit auftreten.
- Carbamazepin: Die Serumkonzentration von Sultiam kann vermindert werden.
- Phenytoin: Der Plasmaspiegel von Phenytoin kann bedeutend erhöht werden. Hansen et al. beschrieben 1968 erstmals, dass die Phenytoin-Blutspiegel bei einer kombinierten Behandlung mit Sultiam erheblich anstiegen.
- Lamotrigin: In Einzelfällen kann es zu einer Erhöhung des Lamotriginspiegels kommen.
- Carboanhydrase-Inhibitoren: Das Risiko von Nebenwirkungen durch Carboanhydrase-Hemmung kann verstärkt werden.
Schwangerschaft und Stillzeit
Die Anwendung von Ospolot während der Schwangerschaft und bei Frauen im gebärfähigen Alter, die nicht verhüten, wird nicht empfohlen. Bei Eintritt einer Schwangerschaft sollte Ospolot in der niedrigsten anfallskontrollierenden Dosis und wenn möglich als Monotherapie gegeben werden. Während der Stillzeit sollte Ospolot nicht angewendet werden, da davon auszugehen ist, dass Sultiam die Placentaschranke überschreiten und in die Muttermilch übergehen kann.
Nebenwirkungen
Wie alle Arzneimittel kann auch Ospolot Nebenwirkungen haben. Diese sind jedoch nicht bei jedem Patienten gleich stark ausgeprägt oder treten überhaupt auf.
Sehr häufig (≥ 10% der Patienten):
- Magenbeschwerden wie Übelkeit und Erbrechen.
Häufig (1-10% der Patienten):
- Gewichtsverlust, Appetitlosigkeit
- Parästhesien in den Extremitäten und im Gesicht
- Schwindel, Kopfschmerzen
- Doppelbilder
- Stenokardie, Tachykardie
- Tachypnoe, Hyperpnoe, Dyspnoe, Singultus
Gelegentlich (0,1-1% der Patienten):
- Halluzinationen, Angst, Antriebsarmut
- Myasthenische Erscheinungen, Grand-mal-Status, Anfallshäufung
- Gelenkschmerzen
Nicht bekannt:
- Depressive Verstimmung/Depression, Wesensänderungen und Verhaltensauffälligkeiten (z.B. Aggressivität, Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen), kognitive Beeinträchtigung
- Polyneuritis
- Verschlechterung des Sehens (möglicherweise signifikant)
- Diarrhoe
- Hepatotoxische Reaktionen, Erhöhung der Leberenzyme
- Stevens-Johnson-Syndrom, Toxische epidermale Nekrolyse (TEN)
- Akutes Nierenversagen
Es ist wichtig zu beachten, dass Nebenwirkungen der Carboanhydrase-Hemmung, wie Nierensteinbildung, metabolische Azidose, Ermüdung/Erschöpfung, Hämodilution oder Veränderung der Serumelektrolyte, unter Einnahme von Sultiam möglich sind.
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Überdosierung
Sultiam besitzt eine geringe Toxizität. Überdosierungen von 4-5 g Sultiam wurden überlebt, während die Einnahme von ca. 20 g Sultiam in suizidaler Absicht in einem Fall tödlich war.
Symptome einer Überdosierung:
- Kopfschmerzen
- Schwindel
- Ataxie
- Bewusstseinsstörung
- Katatonie
- Azidose
- Sultiamkristalle im Urin
Therapie bei Überdosierung:
Ein spezifisches Antidot ist nicht bekannt. Übliche Maßnahmen (Magenspülung und Aktivkohle) zur Minimierung der Resorption und zur Erhaltung der Vitalfunktionen sollten durchgeführt werden. Zur Behandlung der Azidose kann Natriumhydrogencarbonat infundiert werden.
Historischer Kontext und aktuelle Bedeutung
Sultiam wurde in den 1950er Jahren bei Bayer synthetisiert und 1960 als Ospolot® in Europa und einigen anderen Ländern in den Handel gebracht. Nach anfänglicher Nutzung als Mittel der zweiten Wahl zur Behandlung von Epilepsien mit Herdanfällen, erfuhr Sultiam einen Rückgang in der Anwendung, nachdem eine Studie seine Wirksamkeit in Frage stellte. Erst 1988 entdeckte der deutsche Kinderneurologe Hermann Doose die spezifische Wirkung des Arzneistoffs bei Kindern mit Rolando-Epilepsie, was zu einem erneuten Interesse an Sultiam führte.
Erfahrungen von Betroffenen
Die Erfahrungen von Betroffenen mit Ospolot sind vielfältig. Einige berichten von einer erfolgreichen Anfallskontrolle, während andere mit Nebenwirkungen zu kämpfen haben. Es ist wichtig, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen und sich von einem erfahrenen Arzt beraten zu lassen.
Einige Anwender berichten, dass Ospolot bei ihren Kindern zu Anfallsfreiheit geführt hat, manchmal sogar mit sofortiger Wirkung. Andere wiederum haben erlebt, dass die Anfälle nach anfänglicher Besserung zurückkehrten und eine Umstellung auf andere Medikamente erforderlich wurde.
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Zweitmeinung und Epilepsie-Zentren
Sollten Unsicherheiten bezüglich der Behandlung mit Ospolot bestehen, ist es ratsam, eine Zweitmeinung bei einem anderen Neurologen oder in einem Epilepsie-Zentrum einzuholen. Epilepsie-Zentren verfügen über spezialisierte Expertise und können eine umfassende Diagnostik und Therapie anbieten. Es sollte bei einer Anmeldung gleich gesagt werden, dass es schnell geht und sich nicht um einen neuen Patienten handelt.