Einführung
Die komplexe Wechselwirkung zwischen Hormonen und dem Immunsystem ist seit langem bekannt, insbesondere im Zusammenhang mit Autoimmunerkrankungen wie Multipler Sklerose (MS). In den letzten Jahren hat die Forschung zunehmend die Rolle der Östrogendominanz bei der Entstehung und dem Verlauf von MS untersucht. Dieser Artikel beleuchtet den Zusammenhang zwischen Östrogendominanz und MS, die zugrunde liegenden Mechanismen, mögliche therapeutische Ansätze und die Bedeutung eines ganzheitlichen Verständnisses der hormonellen Balance.
Was ist Östrogendominanz?
Östrogendominanz ist ein Zustand, bei dem im Verhältnis zu anderen Hormonen, insbesondere Progesteron, ein Überschuss an Östrogen im Körper vorliegt. Dies bedeutet nicht zwangsläufig, dass der Östrogenspiegel zu hoch ist, sondern dass das Verhältnis zwischen Östrogen und Progesteron aus dem Gleichgewicht geraten ist. Dieses Ungleichgewicht kann eine Vielzahl von Symptomen und gesundheitlichen Problemen verursachen, darunter Zyklusstörungen, prämenstruelles Syndrom (PMS), Gewichtszunahme, Stimmungsschwankungen und Autoimmunerkrankungen.
Die Rolle von Östrogenen im Körper
Östrogene sind eine Gruppe von Sexualhormonen, die hauptsächlich in den Eierstöcken produziert werden. Die wichtigsten Östrogene sind Östron, Östradiol und Östriol. Sie spielen eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung und Aufrechterhaltung der weiblichen Geschlechtsmerkmale, der Regulierung des Menstruationszyklus und der Fruchtbarkeit. Darüber hinaus haben Östrogene einen direkten Einfluss auf verschiedene Organe und Gewebe im Körper, darunter das Gehirn, die Knochen, das Herz-Kreislauf-System und das Immunsystem.
Multiple Sklerose: Eine Autoimmunerkrankung des Nervensystems
Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung, die das zentrale Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) betrifft. Bei MS greift das Immunsystem fälschlicherweise die Myelinscheide an, eine Schutzschicht, die die Nervenfasern umgibt. Diese Schädigung der Myelinscheide beeinträchtigt die Signalübertragung zwischen Gehirn und Körper, was zu einer Vielzahl von neurologischen Symptomen führen kann, darunter Müdigkeit, Muskelschwäche, Koordinationsstörungen, Sehstörungen und kognitive Beeinträchtigungen.
Der Zusammenhang zwischen Östrogendominanz und MS
Geschlechtsspezifische Unterschiede bei MS
Ein auffälliges Merkmal von MS ist die höhere Prävalenz bei Frauen. Etwa drei Mal so viele Frauen erkranken an MS wie Männer. Dies deutet darauf hin, dass hormonelle Faktoren eine Rolle bei der Entstehung und dem Verlauf der Erkrankung spielen könnten.
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Östrogene und das Immunsystem
Östrogene haben komplexe Auswirkungen auf das Immunsystem. Einerseits können sie Entzündungen fördern, andererseits aber auch entzündungshemmende Eigenschaften haben. Bei MS scheint ein Ungleichgewicht in der Wirkung von Östrogenen vorzuliegen, das zu einer verstärkten Entzündungsreaktion im zentralen Nervensystem beiträgt.
Östrogenrezeptoren und ihre Bedeutung bei MS
Östrogene entfalten ihre Wirkung, indem sie an spezifische Rezeptoren in den Zellen binden. Es gibt zwei Haupttypen von Östrogenrezeptoren: ERα und ERβ. Diese Rezeptoren sind in verschiedenen Geweben im Körper vorhanden, darunter auch im Gehirn und im Immunsystem.
ERα: Dieser Rezeptor wird hauptsächlich mit den negativen Auswirkungen von Östrogen in Verbindung gebracht, wie z.B. der Förderung von Entzündungen und dem Wachstum von Brustkrebszellen.
ERβ: Dieser Rezeptor scheint eine schützende Rolle bei MS zu spielen. Er kommt in den Mikroglia und Astrozyten des Gehirns vor, also dort, wo Entzündungen entstehen. Studien haben gezeigt, dass die Aktivierung von ERβ entzündungshemmende Wirkungen hat und die Symptome von MS im Tiermodell lindern kann.
Die Rolle von ADIOL
ADIOL ist ein weiteres Hormon, das mit den Mikroglia zusammenhängt, den "alten Bekannten" im entzündlichen MS-Geschehen. Interessanterweise reagiert ERβ auch auf ADIOL. Wenn ERβ-Rezeptoren auf Estradiol und ADIOL stoßen (der verbreitetsten Form von Östrogen), beginnt eine Art Wettkampf, den in aller Regel das Estradiol gewinnt: Es kicke ADIOL raus, mache die Zellen damit umso anfälliger für Entzündungen.
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Schwangerschaft und MS
Es ist bekannt, dass Schwangerschaftshormone vor MS-Schüben schützen können. Dies wird auf die erhöhte Produktion von Östrogen und Progesteron während der Schwangerschaft zurückgeführt, die entzündungshemmende Wirkungen haben und das Immunsystem modulieren können.
Mögliche therapeutische Ansätze
Selektive Östrogenrezeptor-Modulatoren (SERMs)
SERMs sind Medikamente, die selektiv an Östrogenrezeptoren binden und entweder als Agonisten (Aktivatoren) oder Antagonisten (Blocker) wirken können. Die gezielte Aktivierung von ERβ mit SERMs könnte ein vielversprechender therapeutischer Ansatz zur Behandlung von MS sein, da dies entzündungshemmende Wirkungen hat und die Myelinscheide schützen könnte.
Bioidentische Hormontherapie
Die bioidentische Hormontherapie verwendet Hormone, die in ihrer chemischen Struktur identisch mit den körpereigenen Hormonen sind. Diese Therapie kann dazu beitragen, den Hormonhaushalt wiederherzustellen und die Symptome von Östrogendominanz zu lindern. Bei MS könnte die bioidentische Hormontherapie in Kombination mit anderen Behandlungen eingesetzt werden, um die Entzündung zu reduzieren und die neurologische Funktion zu verbessern.
Ernährung und Lebensstil
Eine ausgewogene Ernährung und ein gesunder Lebensstil können ebenfalls dazu beitragen, den Hormonhaushalt zu regulieren und die Symptome von MS zu lindern.
Gemüse: Gemüse versorgt den Körper mit allen wichtigen Nährstoffen, essentiellen Aminosäuren, Ballaststoffen und sekundären Pflanzenstoffen, die wichtig sind, um eine Störung im Hormonsystem entgegenzuwirken.
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Fettbewusste Ernährung: Achten Sie nicht nur auf die angemessene Menge an Fett, sondern auch auf die richtige Qualität der einzelnen Fette. Wichtig ist, dass der Anteil an einfach ungesättigten Fettsäuren und mehrfach ungesättigten Fettsäuren deutlich höher ist als der Anteil an gesättigten Fettsäuren.
Kreuzblütler-Gemüse: Kohlsorten, insbesondere Brokkoli, haben einen hohen Anteil an Sulfuraphanen. Damit kann Neuroinflamation, die eine zentrale Rolle bei neurologischen Erkrankungen wie z.B. Und beim Thema Hormone ist es besonders entscheidend, für eine gute Unterstützung des Hormonabbaus zu sorgen, damit nicht ungünstige Stoffwechselprodukte der Hormone entstehen.
Phytoöstrogene: Hormonelle Ungleichgewichte lassen sich durch pflanzliche Lebensmittel mildern und sogar beheben. Ursache hierfür sind Phytoöstrogene und Bioaktive Stoffe wie zum Beispiel Polyphenole, die eine ähnliche chemische Struktur haben wir unsere Östrogene. Sie beeinflussen den Hormonhaushalt positiv.
Stressmanagement: Chronischer Stress kann den Hormonhaushalt negativ beeinflussen und die Symptome von MS verschlimmern. Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation und Atemübungen können helfen, Stress abzubauen und das Wohlbefinden zu verbessern.
Östrogenmangel
Es ist wichtig zu beachten, dass sowohl Östrogendominanz als auch Östrogenmangel Probleme verursachen können. Die Gründe für einen Mangel an Östrogen können vielfältig sein und lassen sich im Prinzip auch auf alle anderen Hormone übertragen.
- Primäre Störung: Das hormonproduzierende Organ ist kaputt.
- Sekundäre Störung: Die Stimulation der Drüse über die Hypophyse funktioniert nicht vernünftig.
- Tertiäre Störung: Die zugrundeliegende Ursache liegt im Hypothalamus.
Symptome eines Östrogenmangels können sein:
- Haarverlust
- Trockenheit der Schleimhäute
- Libidoverlust
- Schlafstörungen
- Konzentrationsstörungen
- Depressionen
- Stimmungsschwankungen
- Hitzewallungen
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