Einführung
Oxytocin, oft als "Kuschelhormon" bezeichnet, hat in den letzten Jahren zunehmend Aufmerksamkeit in der Forschung erlangt. Ursprünglich vor allem für seine Rolle bei der Geburt und Stillzeit bekannt, deuten Studien auf vielfältige Wirkungen auf soziales Verhalten, Emotionen und möglicherweise sogar neurologische Erkrankungen wie Epilepsie hin. Dieser Artikel beleuchtet die aktuelle Forschung zu Oxytocin, insbesondere im Hinblick auf psychische Erkrankungen und Epilepsie.
Oxytocin und psychische Erkrankungen
Die Rolle von Oxytocin im Sozialverhalten
Oxytocin spielt eine wichtige Rolle beim Sozialverhalten und stärkt beispielsweise die Bindung von Mutter und Kind. Aufgrund dieser vertrauensfördernden Wirkung spielt Oxytocin auch bei der Behandlung von psychischen Erkrankungen eine Rolle.
Therapeutisches Potenzial von Oxytocin
Prof. Dr. Dr. René Hurlemann, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Fakultät VI Medizin und Gesundheitswissenschaften und Direktor der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Karl-Jaspers-Klinik, betont die Bedeutung von Oxytocin für den menschlichen Körper. Hurlemanns klinischer Schwerpunkt liegt auf Erkrankungen des affektiven und schizophrenen Spektrums, dazu zählen neben Schizophrenie beispielsweise psychische Störungen, bei denen Betroffene unter anhaltend gedrückter Stimmung sowie Energie- und Interessenverlust leiden.
Oxytocin bei Autismus-Spektrum-Störungen
Eine Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig untersucht die Auswirkung von Oxytocin auf Prozesse der Stimmenerkennung, insbesondere bei Personen mit einer Diagnose aus dem Autismus-Spektrum (Asperger-Syndrom/„high-functioning“ Autismus). Verschiedene Studien zeigen, dass eine Gabe von künstlichem Oxytocin in Form eines Nasensprays das soziale Verhalten des Menschen verstärken kann. Ziel ist es, mehr über die Grundlagen der für das Autismus-Spektrum charakteristischen Kommunikations- und Interaktionsstile herauszufinden und diagnostische und therapeutische Möglichkeiten zu verbessern. Eine Studie untersucht, ob die Gabe von intranasalem Oxytocin bei männlichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit hochfunktionalen Autismus-Spektrum-Störungen Prozesse im Gehirn verändert, während man versucht, sich in verschiedene Situationen anderer Personen einzufühlen.
Oxytocin und Empathie
Werden Menschen mit einem Nasenspray Oxytocin verabreicht, nehme ihre kognitive Empathie zu. Es falle ihnen leichter, an der Augenpartie eines Gegenübers abzulesen, wie es diesem gehe. Eine andere Analyse habe gezeigt, dass sich die Amygdala-Aktivität bei Teilnehmern reduziert, die Oxytocin über die Nase erhielten. In der Folge reagierten sie weniger auf Angst auslösende Bilder. Gezeigt worden sei auch, dass sich die soziale Empathie mit dem Hormon verstärken lässt - etwa das Mitgefühl mit Menschen in einer schlimmen Lebenssituation. Gleiches gelte für das Lernen aus sozialem Feedback wie wohlwollenden oder bösen Blicken.
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Oxytocin und Paarbindung
Wird Männern via Nasenspray Oxytocin verabreicht, wird ihr Belohnungszentrum im Gehirn beim Anblick der eigenen Partnerin stärker aktiviert. Die Zweierbindung und monogames Verhalten würden dadurch gestärkt. In einer Analyse zuvor hatte das Team bereits gezeigt, dass in Partnerschaften gebundene Männer unter Oxytocin-Einfluss mehr Abstand zu attraktiven fremden Frauen wahren als Singles oder unbehandelte Männer. Offenbar verstärke das bei Umarmungen und beim Sex ausgeschüttete Hormon die Treue.
Kritische Betrachtung der Oxytocin-Forschung
Markus Heinrichs, ein Pionier der Oxytocin-Forschung am Menschen, betont, dass einige Studien methodisch fragwürdig sind und den Ergebnissen die wissenschaftliche Basis fehlt. Die Interpretationen seien mitunter schon fast esoterisch. Inzwischen habe die Forschung inflationäre Ausmaße erreicht. Es ist offenbar eine regelrechte Mode. Jeder möchte auch mal eine Oxytocin-Studie machen.
Die "dunkle Seite" von Oxytocin
In Gruppenspielen um Geld bevorzugten Menschen unter Oxytocin-Einfluss das eigene Team weit stärker. Wurde die unbewusste Haltung niederländischer Studenten gegenüber Arabern und Deutschen getestet, fiel diese mit intranasal verabreichtem Hormon weniger wohlwollend aus. Oxytocin schüre offenbar Vorurteile, Fremdenangst und Gewalt zwischen den Mitgliedern verschiedener Gruppen. Evolutionsbiologisch ist Oxytocin dafür verantwortlich, die eigene Gruppe, die eigenen Gene durchzubringen - das zeigt allein schon seine Bedeutung beim Gebären, Stillen und der Paarbildung. Soziale Bindungen schotten sich immer nach außen ab. Notfalls werden die eigenen, genetisch nahestehenden Leute auch verteidigt. Schutz nach innen bedeute automatisch auch Ablehnung nach außen.
Oxytocin und Angst
Bei der Paarung etwa wird Oxytocin im Gehirn aktiviert, fördert die Paarbindung und die Partnererkennung, vermindert gleichzeitig das generelle Angstverhalten, legt Stresssysteme ruhig und steigert das allgemeine Wohlbefinden. Und es kann negative Sozialerfahrungen löschen. Dies gelte etwa, wenn ein Tier für den Kontakt zu einem Artgenossen zunächst schmerzhaft „bestraft“ werde. In der Folge meide es Gesellschaft. Eine Oxytocin-Gabe könne diese Konditionierung wieder komplett aufheben.
Therapeutische Anwendung von Oxytocin
Defizite im sozialen Miteinander kennzeichnen psychiatrische Leiden wie Autismus, soziale Phobie, Borderline-Störung und Schizophrenie. Das Hormon sei aber kein Medikament, das man einfach dreimal täglich allein in der Küche einnehmen könne. Es gehört immer eine spezielle Kombinationstherapie dazu. Die Arbeit leistet der Psychotherapeut, das Hormon kann ihn nur unterstützen. Die bisherigen Anläufe zeigten keine Nebenwirkungen. Die klinischen Studien laufen aber alle noch. Sichere Ergebnisse zu Wirksamkeit und Verträglichkeit liegen noch nicht vor.
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Mögliche Risiken der dauerhaften Gabe von Oxytocin
Eine fortwährende Gabe kann zunehmend die Bindungsstellen für das Hormon im Gehirn inaktivieren. Ein solcher Gewöhnungseffekt könnte dazu führen, dass die erzielte Verbesserung bei gleichbleibender Dosis immer geringer ausfällt. Vor allem aber kann das körpereigene Oxytocin nicht mehr normal wirken - das hätte langfristig verheerende Auswirkungen. Problematisch sei zudem das geringe Grundlagenwissen. Wir wissen, dass es beim Menschen wirkt, aber wir wissen nicht, wie und wo genau. Oxytocin wirke auf viele und ganz verschiedene Signalkaskaden und Gene in den Nervenzellen. Ihr Zusammenspiel sei im Einzelnen meist ebenso unklar wie die genetischen Grundlagen.
Natürliche Wege zur Steigerung der Oxytocin-Freisetzung
Es gibt genügend natürliche Wege, die Oxytocin-Freisetzung zu steigern. Umarmungen oder andere zärtliche Berührungen zum Beispiel.
Oxytocin und Epilepsie
Auswirkungen von Epilepsie auf das Gedächtnis
Menschen mit Epilepsie haben oft Probleme mit dem Gedächtnis. Unter anderem fällt es ihnen schwer, Bekanntes von Unbekanntem zu unterscheiden.
Forschungsergebnisse im Mausmodell
Forscher haben aufgedeckt, welche Mechanismen möglicherweise hinter Gedächtnisproblemen bei Epilepsie stecken könnten. Demnach sind bei Epilepsie bestimmte Zellen im Gehirn zu leicht erregbar, sodass sie unspezifisch sowohl auf bekannte als auch auf unbekannte Reize reagieren. Im Mausmodell konnten die Forscher die Symptome bereits medikamentös lindern.
Die Rolle des Hippocampus
Ein Team um Nicola Masala von der Universität Bonn hat erforscht, wie die Verarbeitung von Reizen und Erinnerung im Gehirn von Mäusen funktioniert, bei denen das Team künstlich Epilepsie erzeugt hatte. Dabei fokussierten sie sich auf den Hippocampus, eine Region im Gehirn, die eine zentrale Rolle für das Gedächtnis spielt, darunter auch für die räumliche Erinnerung. „Es gibt im Hippocampus sogenannte Ortszellen“, erklärt Masala. „Diese helfen uns, uns an besuchte Orte zu erinnern.“ Diese Ortszellen speichern bestimmte Merkmale eines besuchten Ortes ab. Jede Ortszelle hat eine Vielzahl an langen Ausläufern, die Dendriten. Über zahlreiche Kontaktstellen, sogenannte Synapsen, an diesen Dendriten sammeln diese Gehirnzellen Informationen, die in Form von elektrischen Potenzialen weitergeleitet werden. Bei ausreichend starken Reizen werden Ionenkanäle geöffnet, durch die positiv geladene Natrium-Ionen in die Zelle einströmen können. Die Verrechnung der Informationen erfolgt durch einen Vorgang, der als dendritische Integration bezeichnet: Nur wenn ausreichend viele Signale gleichzeitig eingehen, kann sich im Dendrit ein starker Spannungsimpuls bilden - ein sogenannter dendritischer Spike.
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Dendritische Integration bei Epilepsie gestört
In Mäusen mit Epilepsie ist dieser Vorgang jedoch gestört. Bei ihnen entstehen die Spikes schon, wenn nur wenige Synapsen gereizt werden. Das zeigte sich unter anderem bei einem Experiment, bei dem die Tiere zunächst daran gewöhnt wurden, dass in einem Käfig zwei blaue Deckel lagen. Nach einigen Tagen wurde einer der Deckel gegen eine durchsichtige Petrischale der gleichen Größe ausgetauscht. Um herauszufinden, ob die Mäuse die Petrischale als neu erkannten, erhoben Masala und ihre Kollegen, wie lange die Mäuse jeweils den bekannten blauen Deckel und die unbekannte Petrischale beschnupperten. Das Ergebnis: Während Mäuse aus der Kontrollgruppe die Petrischale im Vergleich zum blauen Deckel länger erkundeten, machten die Epilepsie-Mäuse keinen Unterschied zwischen den beiden Gegenständen.
Erhöhte Anzahl von Natrium-Ionen-Kanälen
Mit Hilfe von Fluoreszenzmarkern beobachteten die Forscher die Aktivierung der Nervenzellen im Gehirn der Mäuse. Nach Abschluss der Experimente wurden die Tiere zudem enthauptet und ihre Gehirne untersucht. Dabei stellten Masala und ihre Kollegen fest, dass ein bestimmter Typ von Natrium-Ionen-Kanal im Gehirn der Epilepsie-Mäuse deutlich häufiger vorhanden war als normal.
Medikamentöse Behandlung von Gedächtnisproblemen bei Epilepsie
An einer Gruppe von Epilepsie-Mäusen erprobten die Forscher auch bereits, wie sich die Gedächtnisprobleme womöglich medikamentös behandeln lassen könnten. Dazu verabreichten sie den Tieren einen Hemmstoff, der gezielt den betroffenen Kanaltyp blockiert. „Dadurch normalisierte sich bei ihnen das Feuerverhalten der Dendriten. Außerdem konnten sie sich wieder besser an Orte erinnern, die sie besucht hatten“, berichtet Masala.
Direkte Verbindung von Oxytocin und Epilepsie
Es gibt keine eindeutigen Beweise dafür, dass Oxytocin Epilepsie direkt verursacht oder behandelt. Es gibt jedoch einige Studien, die darauf hindeuten, dass Oxytocin eine Rolle bei der Modulation der neuronalen Erregbarkeit spielen könnte, was für Menschen mit Epilepsie von Bedeutung sein könnte. Es sind jedoch weitere Forschungsarbeiten erforderlich, um diese potenziellen Zusammenhänge vollständig zu verstehen.
Weitere Forschung zu Epilepsie
Bei bestimmten Formen der Epilepsie sind inzwischen die ursächlichen Genmutationen bekannt, die Fehlfunktionen von Ionenkanälen in der Nervenzellmembran zur Folge haben. Bei manchen Formen der Epilepsie ist vermutlich die Funktion bestimmter „Brems-Zellen“ im Gehirn gestört. Als Reaktion auf epileptische Anfälle löst das Endoplasmatische Retikulum (ER) eine Stressreaktion aus, die die Gehirnaktivität und den Schweregrad von Anfällen reduziert. Bei Epilepsie können Elektroden in bestimmte Hirnbereiche eingesetzt werden, um den Anfallsherd genau zu lokalisieren.
Neurotechnologie bei neurologischen Erkrankungen
Neurotechnologien bieten neue Diagnosemöglichkeiten bei neurologischen Erkrankungen. Zu diesem Zweck wurden sogenannte „Elektrodengrids“ entwickelt, die wie ein kleines Netz direkt auf der Gehirnoberfläche platziert werden. Bei Epilepsie können Elektroden in bestimmte Hirnbereiche eingesetzt werden, um den Anfallsherd genau zu lokalisieren. Eine andere Einsatzmöglichkeit hat die Neurotechnologie bei Patienten mit Amyotropher Lateralsklerose (ALS), einer nicht heilbaren, neurodegenerativen Erkrankung der für die Muskelbewegung zuständigen Nervenzellen. Sie führt im Spätstadium zu einem Zustand kompletter Lähmung, so dass sich die Patienten oft nur noch ein Augenlid aktiv bewegen können. Einen Ausweg bietet hier das Auslesen ihrer Gehirnaktivität. Eine Elektrodenhaube wird auf die Kopfoberfläche aufgesetzt und registriert die elektrischen Gehirnströme des Patienten. Ein angeschlossener Computer wandelt diese in digitale Befehle um. Durch Training können die Patienten lernen, beispielsweise mit ihren Gedanken einen Cursor zu bewegen und mit Buchstabenprogrammen Sätze zu bilden.