Einführung
Oxytocin, oft als "Kuschelhormon" oder "Bindungshormon" bezeichnet, ist ein Neuropeptid, das eine entscheidende Rolle bei verschiedenen Aspekten der sozialen Interaktion und emotionalen Regulation spielt. Es wird hauptsächlich in den Neuronen des Nucleus paraventricularis und supraopticus des Hypothalamus gebildet und über die Hypophyse in den systemischen Kreislauf freigesetzt. Oxytocin beeinflusst nicht nur die Reproduktion, sondern auch soziale Kognitionen, Emotionen, Stress und motorische Prozesse. Dieses Artikels untersucht die vielfältigen Wirkungen von Oxytocin, insbesondere im Kontext des limbischen Systems, und beleuchtet seine Bedeutung für Paar- und Mutter-Kind-Bindungen, Angstregulation, soziale Furcht und potenziell für die Behandlung von psychischen Erkrankungen wie Autismus und Angststörungen.
Oxytocin und Bindung
Paar- und Mutter-Kind-Bindungen
Oxytocin spielt eine zentrale Rolle bei der Stärkung von Paar- und Mutter-Kind-Bindungen. Bei Säugetiermüttern wird während der Laktation vermehrt Oxytocin in Nervenzellen des Gehirns produziert. Die Freisetzung von Oxytocin aus der Hirnanhangsdrüse ins Blut fördert nicht nur die Milchabgabe, sondern wird auch vermehrt in Hirnregionen ausgeschüttet, die für mütterliches Verhalten und die Regulation von Stress- und Angstreaktionen wichtig sind. Zudem werden in bestimmten Gehirnarealen mehr Bindungsstellen für Oxytocin gebildet, was die Nervenzellen empfindlicher für Oxytocin macht. Das Stillen des Nachwuchses hat viele positive Auswirkungen, nicht nur für das Kind, da es die Bindung zwischen Mutter und Kind fördert.
Neurobiologische Mechanismen
Die positiven Auswirkungen von Oxytocin auf die Bindung sind auf seine Wirkung im limbischen System zurückzuführen. Studien haben gezeigt, dass Oxytocin die neuronale Aktivität in Regionen wie dem Septum pellucidum beeinflusst, einer Schnittstelle zwischen Hippocampus und Hypothalamus. In dieser Region wurde eine höhere Dichte von Oxytocin-Fasern und eine verstärkte Oxytocin-Ausschüttung in laktierenden Tieren nachgewiesen. Experimentelle Hochregulierung der Oxytocin-Rezeptoren im lateralen Septum von jungfräulichen Mäusen führte zu einer ähnlich geringen sozialen Angst wie bei laktierenden Tieren.
Oxytocin und Angstregulation
Angstlösende Wirkung
Oxytocin hat eine angstlösende Wirkung, die bereits vor fast zwanzig Jahren an Ratten nachgewiesen wurde. Ein aktiviertes körpereigenes Oxytocin-System, wie es während der Laktation vorkommt, ist für ein reduziertes Angstverhalten und eine verminderte Stressreaktion verantwortlich. Diese Effekte wurden zunächst in Bezug auf nicht-soziale Ängste untersucht, wie die vor hellen und ungeschützten Arealen.
Soziale Furcht
Neuere Forschungen haben gezeigt, dass Oxytocin auch bei sozialer Furchtkonditionierung eine entscheidende Rolle spielt. In Verhaltensversuchen wurde die soziale Furchtreaktion von laktierenden und nicht-laktierenden Mäusen verglichen, die zuvor auf Angst vor Artgenossen konditioniert worden waren. Die Ergebnisse zeigten, dass laktierende Mäuse eine deutlich geringere soziale Furcht zeigten als nicht-laktierende Tiere. Wurden im laktierenden Tier diejenigen Oxytocin-Neuronen gehemmt, die aus den hypothalamischen Kerngebieten Nucleus paraventricularis und Nucleus supraopticus zum lateralen Septum ziehen, dann zeigten diese Mütter ein hohes Maß an sozialer Furcht und überhaupt keine Angstauslöschung.
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Laterales Septum
Das laterale Septum, das an der Verarbeitung von Emotionen beteiligt ist, spielt eine wichtige Rolle sowohl für die Ausprägung als auch für die Auslöschung von sozialer Angst. Oxytocin hemmt lokal die neuronale Aktivität, indem es GABA-produzierende Neurone aktiviert. Ist das körpereigene Oxytocin-System aktiviert, wie im Falle der Laktation, dann geht dies mit dramatischen Verhaltensveränderungen einher, zum Beispiel verringerte Angst- und Furchtreaktionen.
Oxytocin und soziale Interaktion
Prosoziale Effekte
Oxytocin hat zahlreiche prosoziale Wirkungen und spielt möglicherweise sogar eine Rolle bei Autismus. Studien haben gezeigt, dass Oxytocin die Bindungsfähigkeit, das Vertrauen gegenüber Mitmenschen und die emotionale Kompetenz steigert. Es baut Stress ab und wirkt angstlösend. Ausgeschüttet wird es nicht nur beim Stillen, sondern auch bei Hautkontakt mit dem Partner und bei Geschlechtsverkehr.
Oxytocin und Aggression
Oxytocin kann auch Aggressionen verstärken. Während Oxytocin in einer Region des limbischen Systems, dem Septum, während aggressivem Verhalten freigesetzt wird und die Aggression in weiblichen Tieren erhöht, vermindert das verwandte Schwester-Peptid Vasopressin das aggressive Verhalten gegenüber einer Artgenossin. Auch in nicht-aggressiven Weibchen konnte durch Aktivierung des Oxytocin-Systems des Gehirns, z. B. durch optogenetische Methoden, die Aggression erhöht werden, während Hemmung der Oxytocin-Wirkung im Septum aggressive Weibchen „zähmte“.
Oxytocin und Empathie
Oxytocin wird vor allem durch zwischenmenschlichen Kontakt, körperliche Nähe, aber auch durch positive soziale Interaktionen freigesetzt. Es verstärkt das Gefühl von Zugehörigkeit, baut Vertrauen auf und reduziert Angst sowie Stress, weshalb es auch häufig als »Kuschelhormon« oder »Bindungshormon« bezeichnet wird. Empathie ist kein monolithisches Phänomen. Unser Gehirn hat mehrere unabhängige Wege entwickelt, um Empathie zu erzeugen: Spiegelneuronen, Dopamin, Serotonin und die sogenannte kognitive Empathie. Oxytocin ist eher ein »Verstärker« als ein »Ein-Aus-Schalter« für Empathie.
Oxytocin in der Therapie
Autismus
Untersuchungen bei Autismus-Patienten haben die eindrucksvollsten Ergebnisse geliefert. Autisten haben krankheitsbedingt Schwierigkeiten mit Bindungen, können kaum Kontakt zu Mitmenschen herstellen, erkennen deren Gefühle und Absichten schlecht und meiden Blickkontakt. Außerdem zeigen sie wiederholt stereotype Bewegungsmuster. Die Oxytocingabe führt bei diesen Patienten zu einer Verbesserung der sozialen Fähigkeiten und einer Reduktion der stereotypen Bewegungen.
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Angststörungen
Einige Studien zur Angst am Menschen, in denen Oxytocin über ein Nasenspray verabreicht wurde, zeigten speziell im sozialen Kontext positive Effekte. Eventuell könnten diese Erkenntnisse bei der Behandlung von Autismus und Angststörungen des Menschen hilfreich sein.
Alkoholabhängigkeit
Eine neuere Untersuchung an alkoholabhängigen Patienten zeigte, dass durch die Gabe von Oxytocin-Nasenspray während der Entgiftung eine Reduktion der körperlichen Entzugssymptome erreicht werden konnte. Infolge dessen benötigten die Patienten weniger Medikamente während der Entgiftung. Diese Ergebnisse legen nahe, dass Oxytocin auch Prozesse, die mit der Entstehung von einer Alkoholabhängigkeit in Verbindung stehen, beeinflusst.
Soziale Angststörungen
Menschen mit sozialer Phobie meiden gesellschaftliche Zusammenkünfte, da sie fürchten, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, auf Ablehnung zu stoßen oder sich zu blamieren. Die Angst vor alltäglichen sozialen Situationen kann von körperlichen Symptomen wie Zittern, Herzrasen, Atemnot oder Panikattacken begleitet sein. Die Patienten zeigen ein verhängnisvolles soziales Vermeidungsverhalten, was wiederum oft zur vollständigen sozialen Isolation führt. Häufig sind negative soziale Erfahrungen und soziale Traumatisierung an der Entwicklung sozialer Angststörungen beteiligt.
Neurodidaktische Aspekte
Lernen und Oxytocin
Oxytocin fördert Vertrauen und Verbundenheit im Team und dämpft Ängste. Eine vertrauensvolle Atmosphäre im Unternehmen - geprägt von Offenheit, gegenseitigem Respekt und psychologischer Sicherheit - sorgt neurochemisch dafür, dass weniger Stresshormone dominieren und Lernen frei von Angst stattfinden kann. Oxytocin wird insbesondere in sozialen Interaktionen ausgeschüttet. Das erklärt, warum gemeinsames Lernen in der Gruppe oft effektiver und motivierender ist als alleinige Lektüre: Im Team entsteht ein Gefühl von Geborgenheit und Zusammengehörigkeit, das das Gehirn für neues Wissen öffnet.
Live-Online-Seminare
Auch im digitalen Raum kann eine Oxytocin-Ausschüttung gefördert werden. Das geht aber nicht ohne Aufwand und entsprechende Vorüberlegungen. Unterstützen Sie die Oxytocin-Ausschüttung mit Live-Interaktionen statt Aufzeichnungen. Schaffen Sie intimere Gesprächssituationen in Breakout-Räumen, um persönliche Verbindungen zu fördern. Sorgen Sie für eine optimale Audio-Video-Qualität, um die Gesichtserkennung und die emotionale Verbindung zu stärken. Lassen Sie gezielten Raum für persönliche Geschichten, um das Empathie-Zentrum im Gehirn zu aktivieren und üben Sie gemeinsam, synchron, um Gefühle der Verbundenheit zu erzeugen.
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Berührungsmedizin
Die Aktivierung kutaner Afferenzen, ausgelöst durch sanftes Streicheln, führt zur Freisetzung von Oxytocin. In der Folge kommt es zu verschiedenen physiologischen Effekten wie Förderung von prosozialem Verhalten, Minderung von Angst, Reduzierung von Stress, Förderung von Ruhe und Wohlbefinden sowie zu analgetischen und anti-entzündlichen Effekten.
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