Paraplegie Therapiekonzepte und Einrichtungen: Ein umfassender Überblick

Eine Querschnittlähmung ist eine der einschneidendsten Erfahrungen im Leben eines Menschen. Die daraus resultierenden Einschränkungen begleiten die Betroffenen dauerhaft. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über Therapiekonzepte und Einrichtungen für Menschen mit Paraplegie, um ihnen ein möglichst selbstständiges Leben und die Reintegration in das berufliche und soziale Umfeld zu ermöglichen.

Was ist Paraplegie?

Bei einer Querschnittlähmung kommt es, unabhängig von der Ursache, zu einer teilweisen oder kompletten Schädigung des Rückenmarks und/oder der Cauda equina. Dies führt zu Störungen der motorischen, sensiblen und vegetativen Funktionen. Die Ursachen können traumatisch (z.B. Unfälle) oder nicht-traumatisch (z.B. Erkrankungen) sein. Je nach Höhe der Schädigung kommt es zu unterschiedlichen Beeinträchtigungen. Bei einer Schädigung im Bereich der Halswirbelsäule resultiert eine Tetraplegie (Lähmung aller vier Extremitäten), während eine Schädigung im Bereich der Brust- oder Lendenwirbelsäule zu einer Paraplegie (Lähmung der Beine) führt.

Akutversorgung und Diagnostik

Das Auftreten motorischer, sensibler oder autonomer Ausfälle ist ein Notfall und erfordert eine sofortige diagnostische Abklärung und gezielte Therapie. Neben der klinischen Untersuchung kommen bildgebende Verfahren wie CT und MRT zum Einsatz. Bei Verdacht auf eine entzündliche Ursache ist eine Liquorpunktion indiziert. Unverzüglich nach der Diagnostik sollte eine spezifische Therapie eingeleitet werden.

Rehabilitation: Ziele und Konzepte

Spätestens nach der Akutversorgung sollte eine zeitnahe Verlegung in ein spezialisiertes Behandlungszentrum für Querschnittgelähmte erfolgen. Ziel der Rehabilitation ist die grösstmögliche Wiederherstellung der Selbstständigkeit bei den Tätigkeiten des täglichen Lebens sowie die Reintegration ins berufliche und soziale Umfeld. Dies hängt von der Schwere und Höhe der Läsion ab und kann vom Gehen mit oder ohne Hilfsmittel über den selbstständigen Transfer bis zur Steuerung eines Rollstuhls oder der Umwelt reichen.

Individuelle Therapieplanung

Bei Behandlungsbeginn erfolgt eine umfassende Befundaufnahme, auf deren Grundlage ein individueller Behandlungsplan erstellt wird. Dieser berücksichtigt das Ausmass der Lähmung, die Läsionshöhe, Begleiterkrankungen, Begleitverletzungen und die Ziele des Patienten. Der Behandlungsplan kann restaurative und kompensatorische Therapiestrategien enthalten und wird von einem interdisziplinären Team durchgeführt.

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Restaurative und kompensatorische Therapieansätze

Restaurative Therapiestrategien zielen auf die Wiederherstellung sensomotorischer Funktionen ab, die durch eine inkomplette Rückenmarkverletzung beeinträchtigt wurden. Für die untere Extremität bedeutet dies beispielsweise die Wiederherstellung des Gehens durch ein Training der erhaltenen Restfunktionen. Kompensatorische Massnahmen haben zum Ziel, fehlende Funktionen durch entsprechende Hilfsmittel zu ersetzen, wenn eine Wiederherstellung aufgrund des Schweregrades der Querschnittlähmung nicht möglich oder nicht absehbar ist.

Therapieangebote und Einrichtungen

Viele Einrichtungen bieten ein breites Spektrum an Therapieangeboten, um den individuellen Bedürfnissen der Patienten gerecht zu werden.

Physiotherapie

Physiotherapeuten unterstützen die Genesung durch individuell verordnete Therapien. Anhand der individuellen Ziele, wie beispielsweise die Verbesserung der Belastbarkeit, die Schmerzreduktion oder das Erlernen von Strategien für den Alltag, werden auf den Patienten abgestimmte Übungen vermittelt. Viele Therapieangebote finden in Gruppen statt, um den Austausch mit anderen Betroffenen zu fördern. Die Gruppen sind indikationsbezogen und differenziert nach Belastungsstufen sowohl im Trockenen als auch im Wasser.

Robotikgestütztes Gangtraining

Einige Kliniken verfügen über robotikgestütztes Gangtraining, wie beispielsweise den Thera-Trainer Lyra. Dieser ermöglicht Patienten jeden Alters und Gewichts ein physiologisches Laufmuster, welches das Muskelgedächtnis ansprechen soll. Die stufenlose verstellbare Gewichtsentlastung hilft Patienten, die ihr Körpergewicht noch nicht vollständig selber tragen können. Mobile Patienten können ohne Gewichtsentlastung auch freihändig gehen, um so ihre Balance zu schulen.

Ziele des Gangtrainings mit dem Lyra sind:

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  • Wiedererlangung der Gehfähigkeit
  • Verbesserung der Gangsicherheit und -qualität
  • Verbesserung der Muskelkraft und Kondition
  • Verbesserung der Haltung
  • Erhöhung der Gehgeschwindigkeit und Laufstrecke
  • Förderung von Zirkulation und Stoffwechsel

Medizinische Trainingstherapie (MTT)

In der medizinischen Trainingstherapie verbessern Patienten ihre Belastbarkeit und steigern ihre Kraft. Sie trainieren selbstständig nach individueller Einweisung mit einem Trainingsprotokoll unter therapeutischer Aufsicht. Nach ärztlicher Freigabe kann dieser Trainingsbereich auch in der Freizeit genutzt werden.

Aquatraining und Ergometertraining

Aquatraining und Ergometertraining fördern die Ausdauer. Für Herzpatienten erfolgt das Ergometertraining EKG-überwacht und computergesteuert. Bewegung und Koordination stehen für kardiologische Patienten in den Herz-Gymnastik-Gruppen auf dem Plan. Für orthopädische Patienten erfolgt die Mobilisation und die Förderung der Bewegungskoordination innerhalb der Rückenschule oder des Rücken Aktiv Trainings. Hier werden individuelle, rücken- und gelenkschonende Verhaltensweisen für den Alltag vermittelt.

Verhaltensmedizinisch orientierte Rehabilitation (VOR) und Medizinisch-beruflich orientierte Rehabilitation (MBOR)

Bei Therapieangeboten mit Bezug zur Arbeitswelt steht der Aspekt der Nachhaltigkeit im Vordergrund. Gemeinsam mit Therapeuten analysieren Patienten ihre körperlichen Einschränkungen in Bezug auf ihre berufliche Tätigkeit. Hierauf basierend führen sie Belastungstests in einem simulierten Arbeitsumfeld durch. Mit dem Ziel, Fehlhaltungen und -belastungen zu identifizieren, werden rücken- und gelenkschonende Arbeitsweisen vermittelt. Einen Schwerpunkt bildet die Vermittlung von Wissen über Ergonomie und Physiologie.

Ergotherapie

Die Ergotherapie bietet vielfältige Hilfestellungen im Umgang mit alltäglichen Aufgaben. Aus den Rubriken Alltagstraining, Hilfsmittelberatungen, Gelenkschulungen, Arbeitsplatzberatungen und Arbeitsplatztraining wird für jeden Patienten das passende Programm zusammengestellt. Beim Arbeitsplatztraining werden physiologische/ergonomische Bewegungsmuster vermittelt, mögliche Bewältigungsstrategien hinsichtlich der Belastungen erarbeitet und gezielte Haltungs- und Bewegungsanalysen durchgeführt.

Armlabor

Einige Einrichtungen nutzen das Konzept des Armlabors, um einzelne Hand- und Armfunktionen zu erarbeiten, die zunehmend komplexer gestaltet werden, um alltagsnahe Bewegungen zu ermöglichen. Das Konzept basiert auf der hohen Wiederholungszahl der Bewegungen, der Bewegungsvorstellung und -beobachtung, der Bewegungsimitation im bilateralen Training und dem distalen Ansatz (Schwerpunkt Handfunktion). So wird das motorische Lernen nachweislich angeregt.

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Weitere Therapieangebote

Je nach Indikation und ärztlicher Verordnung kommen weitere Therapieangebote in Frage:

  • Elektrotherapie (Ultraschall, Iontophorese, Interferenzstrom, Elektrogymnastik und Vierzellenbäder)
  • Hydrotherapie (Wechselbäder und Kneipp)
  • Thermotherapie (Fangopackung, Sandbad und Kryotherapie (Eisanwendung))
  • Verschiedene Arten von Massagen (klassisch, manipulativ oder mechanisch)
  • Manuelle Lymphdrainage

Psychologische Betreuung

Körperliche Einschränkungen, Beschwerden und Schmerzen können die Psyche stark belasten. Klinische Psychologen begleiten Patienten bei Bedarf mit Einzelgesprächen, Entspannungstechniken und Gruppentherapien. Der Austausch mit anderen Betroffenen erleichtert vielen Patienten den Umgang mit ihrer Erkrankung oder den psychischen Belastungen.

Neuropsychologie

Viele neurologische Erkrankungen führen neben den körperlichen auch zu psychischen und kognitiven Beeinträchtigungen. Die Neuropsychologie kümmert sich um Schwierigkeiten im Bereich des Gedächtnisses sowie der Aufmerksamkeits- und Planungsfähigkeit. Auch die emotionale Verfassung ist wichtig, und es werden Einzelgespräche und Gruppensettings in der Krankheits- und Stressbewältigung angeboten.

Logopädie

Im Rahmen der logopädischen Behandlung werden Patienten unterstützt, wenn Sprach-, Sprech-, Stimm- und Schluckstörungen vorliegen. Ziel ist es, die verbale und nonverbale Kommunikation individuell und bestmöglich zu fördern. Es werden evidenzbasierte Diagnostik- und Therapieverfahren bezüglich der Einschränkungen in Kommunikation und auch der oralen Nahrungsaufnahme angeboten.

Ernährungsberatung

Die Ernährungsberatung richtet sich an gesunde und kranke Menschen, die beispielsweise dem individuellen Risiko für Übergewicht, Osteoporose, Bluthochdruck oder Diabetes mellitus vorbeugen wollen.

Technische Hilfsmittel und Geräte

In der Rehabilitation von Querschnittgelähmten kommen verschiedene technische Geräte und Hilfsmittel zum Einsatz, um die Therapie zu unterstützen und die Selbstständigkeit der Patienten zu fördern.

Erigo®

Der Erigo® ermöglicht die Aufrichtung des Patienten aus der Rückenlage bis auf 80° in den Stand, auch bei Kreislaufproblemen zu Beginn der Behandlung.

Lokomat®

Der Lokomat® ist ein Stehbrett mit dynamischer Beinbewegung und einem motorgetriebenen Laufband. Ein Exoskelett an den Beinen unterstützt das Führen der Beine in einem dem Gehen ähnlichen Gangmuster.

Funktionelle Elektrostimulation (FES)

Mittels Klebeelektroden wird die Muskulatur durch elektrische Impulse stimuliert, hauptsächlich die willkürlich nur gering oder nicht ansteuerbare Muskulatur. Die Stimulation kann isoliert an einem Muskel oder in einer koordinierten Bewegung durch Stimulation mehrerer Muskeln angewandt werden, z. B. in Kombination mit Fußheber- oder Greiforthesen oder auf dem FES-Fahrrad.

Exoskelett (ReWalk)

Das ReWalk-Exoskelett ist ein akkubetriebenes, robotergestütztes Gehtraining für inkomplette und komplette Paraplegiker. Motoren an den Hüft- und Kniegelenken ermöglichen den Anwendern, an Stützen wieder aufrecht zu stehen, zu gehen und Treppen hinauf- und hinabzusteigen.

Spezialisierte Einrichtungen und Zentren

Für die fachgerechte Behandlung von Querschnittgelähmten ist die Versorgung in einem darauf spezialisierten Zentrum unerlässlich. Diese Zentren verfügen über ein interdisziplinäres Team und die notwendige Ausstattung, um die komplexen Bedürfnisse der Patienten zu erfüllen. Ein Beispiel ist die MEDIAN Klinik Bad Tennstedt, eines der bundesweit anerkannten Behandlungszentren für Querschnittgelähmte.

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