Die Mikrostromtherapie, auch bekannt als Feinstromtherapie oder craniale Elektrostimulation, ist eine sanfte und innovative Behandlungsform, die das Ziel verfolgt, die natürlichen Heilungsprozesse des Körpers zu unterstützen und das allgemeine Wohlbefinden zu verbessern. Ihre Anwendungsbereiche sind vielfältig und reichen von der Schmerzlinderung über die Förderung der Wundheilung und die Reduzierung von Entzündungen bis hin zur Behandlung neurologischer Erkrankungen wie Parkinson.
Grundlagen der Mikrostromtherapie
Die Elektrotherapie ist ein Verfahren aus dem Bereich der physikalischen Therapie, das elektrischen Strom zu therapeutischen Zwecken einsetzt. Dabei werden Elektroden auf die Haut geklebt, die die Stromimpulse weiterleiten. In der Elektrotherapie kommen verschiedenste Stromformen zur Anwendung, darunter Gleichstrom, niederfrequente Reizströme, mittelfrequente Ströme und Hochfrequenztherapie. Die Ströme unterscheiden sich durch Impulsform, Impulsdauer und Frequenz, was ihr unterschiedliches Wirkungsspektrum bedingt. Je nach Gewichtung wirken sie schmerzlindernd, durchblutungsfördernd, abschwellend und/oder zellstoffwechselanregend.
Bei der Mikrostromtherapie werden, ähnlich wie bei anderen Formen der Elektrotherapie, kleine Elektroden an spezifischen Körperstellen oder direkt am Kopf angebracht, um die Mikroströme gezielt einzusetzen. Einer der Schlüsselvorteile der Feinstromtherapie ist ihre Fähigkeit, die körpereigene Produktion von ATP (Adenosintriphosphat) zu steigern, einer wichtigen Energiequelle für Zellen. Die Ströme können bei der Elektrotherapie in Abhängigkeit der gewünschten Wirkung unterschiedlich platziert werden. Bei der Querdurchflutung liegen sich die Wirkelektrode und die Bezugselektrode gegenüber, sodass der Strom durch den Körper hindurchfließen kann. Das Gegenteil der Querdurchflutung ist die Längsdurchflutung, bei der die Elektroden nebeneinander auf die Haut geklebt werden.
Anwendungsgebiete und Vorteile der Mikrostromtherapie
Die Feinstromtherapie bietet eine Reihe von Indikationen und Vorteilen, die sie zu einer attraktiven Behandlungsoption für verschiedene gesundheitliche Probleme machen. Sie kann bei Muskel-, Gelenk-, Sehnen- und Bänderverletzungen, verspannter, verkrampfter oder schwacher Muskulatur sowie bei verklebten Faszien und Bewegungseinschränkungen eingesetzt werden. Auch zur Regeneration nach sportlicher Anstrengung, bei akuten und chronischen Entzündungen, Fibromyalgie, Autoimmunerkrankungen, Entgiftung, Ausleitung, Problemen bei Durchblutung, Venen und Verdauung kann die Mikrostromtherapie unterstützend wirken.
Darüber hinaus wird sie zur Wundheilung und Regeneration von Zellen, zur Stärkung des Immunsystems, bei Stress und Stressbewältigung, Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Schlafproblemen sowie bei neurologischen Erkrankungen wie Parkinson, Schlaganfall, MS und Polyneuropathie eingesetzt. Auch bei degenerativen Erkrankungen kann die Mikrostromtherapie eine sinnvolle Ergänzung darstellen.
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Mikrostromtherapie bei Parkinson
Im speziellen Kontext von Parkinson hat sich die Mikrostromtherapie als vielversprechender Ansatz erwiesen, um verschiedene Symptome der Erkrankung zu lindern.
Patientenbeobachtungsstudie
Von 2008 bis 2010 wurde von der Physiotherapie des Städtischen Krankenhauses Kiel eine Patientenbeobachtungsstudie durchgeführt. Zwischen August 2008 und April 2010 wurden 99 Patienten mit Diagnosen wie Parkinson, Multiple Sklerose, Amyotrophe Lateralsklerose und Restless-Legs-Syndrom speziell mit dem CLINIC-master/VITAL-master behandelt. Die Wahl dieser Behandlung basierte auf guten Ergebnissen bei ähnlichen Beschwerden und der flexiblen Programmvielfalt der Geräte. Alle 99 Patienten konnten auf konventionelle Elektrotherapie verzichten und stattdessen die Clinic/Vital-master-Therapie nutzen, die sich individuell an die jeweilige Symptomatik anpassen ließ.
In der Studie wurden 99 Patienten mit unterschiedlichen neurologischen Erkrankungen (77 mit Parkinson, 12 mit MS, 2 mit ALS und 8 mit Restless-Legs-Syndrom) behandelt. Das Durchschnittsalter lag bei 67,3 Jahren. Ein Drittel der Patienten war berufstätig, und 50% konnten ihren Alltag ohne Hilfe gestalten. Die Patienten hatten bereits Erfahrungen mit verschiedenen Formen der Physikalischen Therapie, bevor sie mit dem Clinic-master/Vital-master behandelt wurden. 34 Patienten befanden sich in stationärer geriatrischer Klinikbetreuung, 22 in tagesklinischer geriatrischer Betreuung und 21 in ambulanter physikalisch-therapeutischer Behandlung. Die Clinic-master/Vital-master Therapie wurde ohne vorherige aktive oder passive Einzelmaßnahmen über einen Zeitraum von 12 Wochen angewandt. Die Studie zeigt, dass die Clinic-master/Vital-master Therapie gut in das bestehende Therapiespektrum integriert werden konnte und als wirksame Behandlung für die betrachteten Erkrankungen diente.
Individualisierte Therapieansätze
In der Studie zur Behandlung von Parkinson-, MS- und ALS-Patienten wurde bewusst keine strikte Festlegung auf ein einzelnes Therapieprogramm oder eine bestimmte Elektrodenanlage vorgenommen. Dies berücksichtigte die variablen Symptome und Intensitäten dieser Erkrankungen. Die Behandlung wurde täglich an die jeweilige Situation der Patienten angepasst, was durch die Vielfalt der verfügbaren Programme ermöglicht wurde. Für stationäre Patienten war eine tägliche Anwendung über zwei Wochen (insgesamt 10 Anwendungen) geplant. Ambulante Patienten erhielten 10 Anwendungen, verteilt auf zwei Sitzungen pro Woche über einen Zeitraum von fünf Wochen.
Die klinische Studie zeigte deutliche Behandlungserfolge bei Patienten mit langjährigen chronischen Erkrankungen wie Parkinson, MS und ALS, die bislang mit traditionellen Therapiemethoden nicht erreicht werden konnten. Bei Parkinson-Patienten zeigte das „Regeneration“-Programm Wirksamkeit bei der Reduzierung von Rigidität, während das „Neuralgie“-Programm Intensions- und Ruhetremor effektiv abschwächte. Stand- und Gangunsicherheiten wurden ebenfalls reduziert. Die Wahl der Programme war flexibel und basierte auf der aktuellen Symptomatik sowie Gesprächen zwischen Behandler und Patient.
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Praktische Erfahrungen und Indikatoren
Die Grundlage für eine erfolgreiche Mikrostromtherapie bei Parkinson ist die Zusammenarbeit mit den behandelnden Ärzten, da Parkinson ein vielschichtiges Erscheinungsbild hat. Es ist wichtig, die Hauptprobleme des Patienten und seine Erwartungshaltung an die Behandlung zu berücksichtigen.
Ohne sich über neurologische Programme Gedanken zu machen, kann man zunächst mit Regeneration oder sehr ausleitenden Programmen beginnen, um alles, was unter Spannung und Verkürzung an Muskulatur steht, zu beeinflussen und die Gelenkbeweglichkeit zu verbessern. Ziel ist es, die Bewegungen wieder sicherer und mit weiterer Amplitude und auch mit mehr Körperferne gestalten zu können. Dabei können auch Arthrose-Programme oder Maßnahmen, die muskulär den Tonus herauf- oder heruntersetzen sollen, einbezogen werden.
Elektrodenanlage und Programmwahl
Bei der Elektroden-Anlage und Programmwahl ist es wichtig, das Hauptproblem des Patienten zu berücksichtigen. Ruhe-Tremor lässt sich in der Regel nicht beeinflussen, Intentions-Tremor gelegentlich, aber die Wirkung hält nicht lange an. Als Einstieg eignet sich für den stationären Bereich eine Behandlung über zwei, drei Wochen. Dazu kommt dann noch die individuelle lokale Anlage.
Weitere neurologische Erkrankungen
Die klinische Studie untersuchte auch die Wirkung der individualisierten Elektrotherapie bei MS- und ALS-Patienten. Auf Anfrage eines Neurologen wurde das Programm „Muskeldetonisierung“ bei MS-Patienten mit Spastik angewendet. Verschiedene Programme wie „Regeneration“, „Vegetativer Ausgleich“ und „Entzündung“ wurden flexibel eingesetzt, je nach Symptomen und vermuteten aktiven Erkrankungsherden. Die Programme „Muskeltonisierung“ und „Regeneration“ führten zu einer spürbaren Verbesserung der Kraft und Mobilität der Patienten. Die Studie führte zu einstimmigen Aussagen über erhebliche Verbesserungen in Lebensqualität, Teil-Selbstständigkeit und Alltagsfähigkeit der MS- und ALS-Patienten.
Restless-Legs-Syndrom
In der klinischen Studie wurde die Elektrotherapie-Methode auch bei 8 Patienten mit Restless-Legs-Syndrom angewendet. Die Patienten, die bisher nur unbefriedigende Therapieerfolge erzielt hatten, waren von Anfang an aufgeschlossen für neue Behandlungsansätze. Schon die erste Anwendung des Programms „Vegetativer Ausgleich“ führte zu deutlich spürbaren Erfolgen, einschließlich Berichten von erstmals ungestörter Nachtruhe. Obwohl einige Patienten die Behandlungsserie nach 5 bis 6 Anwendungen beenden wollten, wurden die ursprünglich vereinbarten Behandlungspläne beibehalten.
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Diskussion der Ergebnisse
Die Diskussion der Ergebnisse der klinischen Studie legt nahe, dass die Anwendung des Clinic-masters/Vital-masters vielversprechende Ergebnisse zeigt. Die Geräte bieten eine Vielzahl von Programmen, die es den Anwendern ermöglichen, ihre Therapie individuell auf die jeweilige Symptomatik abzustimmen. Die Studie hatte eine relativ kurze Beobachtungszeit, was es schwierig macht, langfristige Aussagen zu treffen. Familienmitglieder von Patienten, die durch die Therapie teilweise selbständiger wurden, äußerten Bedenken hinsichtlich der Sicherheit und der Veränderung der Routine. Um die Therapie nachhaltig und langfristig erfolgreich zu machen, ist die Übernahme der Therapie in die Hände der Betroffenen oder ihrer Angehörigen entscheidend. Die Studie schließt mit der Feststellung, dass die Methode besonders geeignet ist, um konventionelle elektrotherapeutische Behandlungsansätze zu ergänzen oder sogar zu ersetzen.
Langfristige Anwendung
Da es sich bei Parkinson um eine Systemerkrankung handelt, bei der man nie von Heilung sprechen kann, muss die einmal begonnene Behandlung fortgesetzt werden. Es ist wichtig, den Patienten relativ frühzeitig zu signalisieren, dass es sich um eine Daueranwendung handelt. Man kann von anfänglich kürzeren Abständen zwei- bis dreimal in der Woche gut und gerne in den meisten Fällen auf die Erhaltungsdosis mit „einmal in der Woche“ gehen.
Weitere Anwendungsbereiche der Elektrotherapie
Neben der Mikrostromtherapie gibt es auch andere Formen der Elektrotherapie, die bei verschiedenen neurologischen Erkrankungen eingesetzt werden.
Tiefe Hirnstimulation
Die tiefe Hirnstimulation ist ein invasives Verfahren, bei dem elektrische Impulse durch winzige Öffnungen in der Schädeldecke direkt in das Gehirn geschossen werden. Es handelt sich um eine etablierte therapeutische Technik, die bereits Tausenden von Parkinson-Patienten auf der ganzen Welt geholfen hat. Neuere Entdeckungen haben gezeigt, dass diese Technik auch das Potenzial hat, Emotionen zu beeinflussen. Mediziner arbeiten daran, das Anwendungsspektrum zu erweitern und die Methode bei verschiedenen psychischen Erkrankungen zu testen. Einige Teams untersuchen den Nutzen der tiefen Hirnstimulation bei Suchterkrankungen, posttraumatischen Belastungsstörungen und Demenz.
Transkranielle Hirnstimulation
Durch die Hirnstimulation mit Strom werden Schlaganfallpatienten, die an Bewegungs- oder Sprachstörungen leiden, behandelt. Das menschliche Gehirn besteht aus vielen Milliarden Nervenzellen, die miteinander vernetzt sind. Die Übertragung von Informationen innerhalb dieses Netzes erfolgt über elektrische Impulse. Dieses Prinzip macht sich die transkranielle Hirnstimulation zunutze. Durch die Stimulation verändert sich die elektrische Ladung in der Hülle (Membran) der Nervenzellen. Forschungen haben gezeigt, dass das Gehirn bis ins hohe Alter in der Lage ist, sich zu verändern, anzupassen und Funktionen geschädigter Areale in anderen Bereichen zu übernehmen. Zwar lassen sich fehlende oder zerstörte Nerven und Nervenverbindungen nicht ersetzen, dafür sollen bestehende Verbindungen gestärkt werden. Gerade im Bereich der Therapie von Muskellähmungen - infolge von Schlaganfällen - versprechen sich die Wissenschaftler in der Kombination mit der herkömmlichen Physiotherapie gute Erfolge. Viele der Schlaganfallpatienten leiden an bleibenden Bewegungsstörungen oder Lähmungen. Im Vordergrund stehen hier oft Störungen der Handfunktion, die den Alltag nicht selten erheblich beeinflussen. Die motorischen Fähigkeiten müssen erst wieder erlernt werden.
Ist das Sprachzentrum durch einen Schlaganfall oder einen Unfall so geschädigt, dass die klassische Logopädie keinen Vorteil mehr bringt, könnte eine transkranielle Hirnstimulation ein intensives Sprechtraining unterstützen. Dafür wird Gleichstrom durch Sprachareale geleitet, um eine Voraktivierung der Sprachnetze zu erreichen. So soll das Training besser funktionieren, Worte sollen besser und nachhaltiger gelernt werden können. Drei Wochen lang müssen die Patienten dafür mehrere Stunden vor dem Computer Worte finden, die sie anschließend in Alltagssituationen anwenden. Der Gleichstrom, der zwischen Anode und Kathode fließt, führt dazu, dass in den Sprachnetzwerken mehr aktivierende Botenstoffe ausgeschüttet werden. Die Behandlung ist schmerzfrei. Außer einem leichten Kribbeln auf der Kopfhaut spürt der Patient nichts von der Gleichstromstimulation. Auch gesundheitliche Risiken und Nebenwirkungen sind nicht zu befürchten.
Transkranielle Magnetstimulation
Bei der Magnetstimulation wirken keine elektrischen Impulse auf die Gehirne der Patienten ein, sondern Magnetfelder. Dieses Verfahren kann zum Beispiel bei der Behandlung von Menschen mit Depressionen eingesetzt werden. Bei der transkraniellen Magnetstimulation wird ein starkes Magnetfeld punktgenau auf einen bestimmten Nervenknoten ausgerichtet. Das Gehirn ist in Netzwerke aufgeteilt. Bestimmte Bereiche werden für bewusste Entscheidungen genutzt, andere sind für Gefühle zuständig oder fürs Nachdenken. Das Netzwerk, das unsere Aufmerksamkeit leitet, ist bei Menschen mit Depression häufig überaktiv, andere Bereiche dagegen scheinen blockiert. Ziel der Stimulation ist, die Netzwerke wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Die transkranielle Magnetstimulation funktioniert bei Depression so gut, dass die Krankenkassen die Behandlung im stationären Bereich mittlerweile bezahlen.
Risiken und Nebenwirkungen
Bei der Elektrotherapie kann es - meist durch falsche Anwendung oder zu hohe Stromstärke - zu Nebenwirkungen oder unerwünschten Wirkungen kommen. Dazu zählen Hautschäden, Verbrennungen, Herzrhythmusstörungen und ein verändertes Berührungsempfinden. Auch bei Menschen mit Metallimplantaten (z. B. Endoprothesen) darf nicht jede Form der Elektrotherapie angewendet werden. Weitere Kontraindikationen sind Durchblutungsstörungen, offene Hautwunden, Fieber, bösartige Tumorerkrankungen, Thrombose oder akute Entzündungen.
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