Parkinson-Dysphagie: Ursachen, Husten und Behandlungen

James Parkinson erkannte bereits 1817 bei seinen Patienten in London Schluckstörungen als ein wesentliches Symptom der Parkinson-Krankheit. Heute wissen wir, dass fast 80 % aller Parkinson-Betroffenen im Krankheitsverlauf eine Schluckstörung (Dysphagie) entwickeln.

Einführung

Schluckstörungen sind ein häufiges und gefährliches Symptom der Parkinson-Krankheit. Sie können schwerwiegende Folgen haben, darunter eine erhebliche Beeinträchtigung der Lebensqualität, Schwierigkeiten bei der Tabletteneinnahme mit verringerter Wirkung der Parkinson-Medikamente, Mangelernährung, Gewichtsverlust, Austrocknung und Lungenentzündungen. Letztere stellen in fortgeschrittenen Krankheitsstadien eine häufige Todesursache dar. Parkinson-Betroffene nehmen Schluckstörungen krankheitsbedingt oft nicht adäquat wahr, weshalb sie häufig erst sehr spät diagnostiziert werden.

Der Schluckvorgang

Das Schlucken ist ein lebenswichtiger motorischer Vorgang, der dem Transport von Nahrung aus der Mundhöhle über den Rachen und die Speiseröhre in den Magen dient. Dabei müssen gleichzeitig die Atemwege geschützt werden. Der Schluckakt wird am Anfang willentlich eingeleitet, läuft dann aber überwiegend unbewusst in wenigen Sekunden ab. Im Wachzustand schluckt der gesunde Mensch außerhalb von Mahlzeiten etwa einmal pro Minute bzw. etwa 1000 bis 2000 Mal pro Tag spontan. Für eine kleine Mahlzeit werden etwa 30 Schlucke benötigt, für ein Abendessen etwa 300 Schlucke. Die täglichen Mahlzeiten dienen neben der Nahrungsaufnahme auch dem Informationsaustausch und der Unterhaltung mit anderen Menschen, wie z. B. den weiteren Familienmitgliedern. Essen hat häufig auch einen erheblichen Genussfaktor und trägt so zur Verbesserung der Lebensqualität bei.

Das Schlucken ist ein hochkomplexer Vorgang, der durch das Zusammenspiel von Großhirn, Hirnstamm, 5 Hirnnervenpaaren und 50 verschiedenen Muskeln gesteuert wird. Die Parkinson-Krankheit kann zu einer Beeinträchtigung des Schluckens in allen Phasen des Schluckaktes führen, d. h. es können Störungen in der Mundhöhle, im Rachen und in der Speiseröhre auftreten. Sehr schwere Schluckstörungen, die von Betroffenen selbst bemerkt werden, treten durchschnittlich nach etwa 11 Krankheitsjahren auf. Allerdings sind von den Betroffenen unbemerkte Schluckstörungen oft schon viel früher vorhanden. In Studien hat sich gezeigt, dass mehr als die Hälfte aller Parkinson-Betroffenen, die selbst nicht über eine Beeinträchtigung des Schluckens klagen, bei genauerer Untersuchung bereits Zeichen einer Schluckstörung aufweisen.

Ursachen von Schluckstörungen bei Parkinson

Die genaue Ursache von Schluckstörungen bei Parkinson ist noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass sowohl dopaminerge als auch nicht-dopaminerge Mechanismen eine Rolle spielen. Die Parkinson-Krankheit kann zu einer Beeinträchtigung des Schluckens in allen Phasen des Schluckaktes führen, d. h. es können Störungen in der Mundhöhle, im Rachen und in der Speiseröhre auftreten.

Lesen Sie auch: Parkinson-Medikamente: Was Sie beachten müssen

Oropharyngeale Dysphagie

Die oropharyngeale Dysphagie ist beim IPS gekennzeichnet durch verschiedene Befunde wie eine verzögerte Initiierung des Schluckaktes, häufige Aspiration, nasale Regurgitation und unvollständiges Schlucken mit dem Verbleiben von Speiseresten in der Mundhöhle oder im Pharynx, hier vor allem im Bereich der Valleculae. Bei der oropharyngealen Dysphagie spielt ausserdem eine reduzierte Sensibilität im Pharynx eine Rolle. Repetitive Pumpbewegungen der Zunge werden ferner als typischer Befund beim IPS angesehen.

Ösophageale Dysphagie

Der ösophagealen Dysphagie liegen eine Hypomobilität oder Kontraktionen des Ösophagus zugrunde. Sie wird von Patienten eher als eine Passagestörung des Bolus wahrgenommen.

Symptome und Risikofaktoren

Hinweise für das Vorhandensein einer Schluckstörung bei Parkinson-Betroffenen können sein:

  • Vermehrter Speichelfluss
  • Ungewollter Gewichtsverlust
  • Die Unfähigkeit, Nahrung im Mund zu halten
  • Verschlucken oder Husten beim Essen
  • Verminderte Nahrungs- oder Trinkmengen
  • Langsamereres Essen
  • Vermeidung bestimmter Speisen
  • Hängenbleiben von Nahrung im Rachen
  • Sodbrennen
  • Fieber
  • Das wiederholte Auftreten von Lungenentzündungen

Auch das Vorliegen einer Parkinson-bedingten Demenz, eines höheren Erkrankungsstadiums (Stadium IV und V nach Hoehn und Yahr) oder eine deutliche Gangunsicherheit mit Fallneigung gelten als Risikofaktoren.

Diagnostik

Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Schluckstörung vorliegt, kann mit speziellen Fragebögen, die extra für Parkinson-Betroffene konzipiert wurden, abgeschätzt werden (SDQ-PD-dV oder MDT-PD). Die Fragebögen umfassen 15 bzw. 26 Fragen zum Schlucken, aus den Antworten wird ein Punktwert ermittelt. Wenn ein bestimmter Grenzwert überschritten wird, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass eine Parkinson-bedingte Schluckstörung vorliegt.

Lesen Sie auch: Die Stadien der Parkinson-Krankheit erklärt

Die Diagnostik einer Parkinson-bedingt Schluckstörung erfolgt zunächst durch die neurologische Untersuchung des Arztes sowie eine detaillierte klinische Schluckuntersuchung durch einen Logopäden bzw. Sprachtherapeuten. Während dieser Untersuchungen ist jedoch keine direkte Beobachtung der Flüssigkeit und Nahrung auf ihrem Weg vom Mund in den Magen möglich. Deshalb ist oft eine apparative Zusatzdiagnostik erforderlich, um das genaue Störungsmuster des beeinträchtigten Schluckvorganges aufzudecken und geeignete therapeutische Maßnahmen einzuleiten.

Apparative Zusatzdiagnostik

  1. Schluckendoskopie (FEES): Bei dieser Untersuchungstechnik wird ein spezielles, sehr dünnes Endoskop über die Nase in den Rachen eingeführt. Daraufhin erhält der zu Untersuchende angefärbtes Wasser, Pudding, Brot und ggf. noch verschiedene andere Speisen oder Placebo-Tabletten zum Schlucken. Mit Hilfe des Endoskops kann dann die Flüssigkeit oder Speise auf ihrem Weg durch den Rachen während des Schluckens auf einem Monitor direkt beobachtet werden. Auch mögliche Schwierigkeiten beim Schlucken von Tabletten können so näher untersucht werden. Der Patient kann bei geeigneter Sitzposition die Untersuchung mit verfolgen und so ein besseres Verständnis für die Schluckstörung entwickeln. Während der Untersuchung können auch verschiedene therapeutische Maßnahmen direkt ausprobiert werden. Diese Untersuchung wird von den Patienten im Regelfall sehr gut vertragen, schwerwiegende Komplikationen treten nicht auf. Die Schluckendoskopie wird heute oft in Teams bestehend aus einem Neurologen und einem Logopäden/Sprachtherapeuten durchgeführt.
  2. Videofluoroskopie (VFSS): Diese Untersuchung wird von einem Radiologen gemeinsam mit einem Logopäden/Sprachtherapeuten durchgeführt. Der zu Untersuchende sitzt in einem Röntgengerät und muss Flüssigkeit und Speisen schlucken, die mit einem bestimmten Kontrastmittel vermengt wurden. Während der Patient schluckt, werden in schneller Abfolge Röntgenaufnahmen erstellt. Dadurch wird es möglich, das Schlucken im Mund, im Rachen und in der Speiseröhre als Film darzustellen und den gesamten Schluckakt im Zusammenhang zu betrachten.
  3. Manometrie des Schluckens: Eine neuere und bisher noch etwas seltener zum Einsatz kommende Technik ist die Manometrie des Schluckens. Dieses Verfahren wird von Gastroenterologen durchgeführt. Hierzu wird eine spezielle Sonde über die Nase bis in den unteren Bereich der Speiseröhre eingeführt. Der zu Untersuchende schluckt dann im Liegen kleine Wassermengen. Die Sonde misst während des Schluckens die Drücke im Rachen, in der Speiseröhre und am Mageneingang.

Die apparative Zusatzdiagnostik ist bei vielen Parkinson-Betroffenen erforderlich, um die Art der Schluckstörung möglichst detailliert zu analysieren und geeignete therapeutische Maßnahmen einzuleiten.

Phasen des Schluckens und ihre Störungen bei Parkinson

  1. Orale Vorbereitungsphase: In der Mundhöhle wird die Nahrung zunächst gekaut, mit Speichel vermischt und zu einem Bolus geformt, der abschließend in der Zungenmitte platziert wird. In dieser Phase finden sich bei der Parkinson-Krankheit oft vermehrte Pumpbewegungen der Zunge, bis der Schluckakt tatsächlich eingeleitet wird. Darüber hinaus verbleiben häufig Nahrungsreste im Mund oder die Nahrung entgleitet vorzeitig und unkontrolliert in den Rachen.
  2. Orale Transportphase: Dann wird der Bolus aus der Mundhöhle mit Zungenbewegungen in den Rachen transportiert. In dieser Phase finden sich bei der Parkinson-Krankheit oft vermehrte Pumpbewegungen der Zunge, bis der Schluckakt tatsächlich eingeleitet wird. Darüber hinaus verbleiben häufig Nahrungsreste im Mund oder die Nahrung entgleitet vorzeitig und unkontrolliert in den Rachen.
  3. Pharyngeale Phase: Wenn die Speise in den Rachen gelangt ist, wird der Schluckreflex ausgelöst. Der Kehldeckel verschließt dann die Luftröhre und die Nahrung gleitet in die geöffnete Speiseröhre. In dieser Schluckphase können die gefährlichen Aspirationen auftreten, d. h. Material gelangt nicht nur in die Speiseröhre, sondern auch in die Lunge. Dies kommt bei der Hälfte aller schluckgestörten Parkinson-Betroffenen vor. Oft wird dabei kein Hustenreflex ausgelöst, so dass das Ereignis unbemerkt bleibt (= stille Aspirationen). Sehr häufig bleiben bei Parkinson-Betroffenen auch unbemerkt Nahrungsreste und sogar Tabletten im Rachen hängen. Die spontane Schluckfrequenz ist bei Parkinson-Betroffenen vermindert, während Gesunde pro Stunde etwa 71 Mal spontan schlucken, ist die spontane Schluckfrequenz bei Parkinson-Betroffenen auf 48 pro Stunde herabgesetzt. Diese verringerte Schluckfrequenz ist auch der Grund für den vermehrten Speichelfluss bei Parkinson-Betroffenen.
  4. Ösophageale Phase: Zuletzt wird der Speisebolus mit Hilfe spezieller Muskeln durch die Speiseröhre in den Magen befördert. Auch in dieser Phase werden bei Parkinson-Betroffenen oft Störungen festgestellt, die schon im Frühstadium der Erkrankung vorhanden sein können. Die häufigsten Befunde sind eine fehlende Speisenröhrenbewegung oder unregelmäßige zeitgleiche Bewegungen in verschiedenen Abschnitten der Speiseröhre.

Behandlung

Parkinson-Betroffene mit einer Schluckstörung sollten immer eine logopädische Schlucktherapie erhalten. Dabei richten sich die für die Therapie ausgewählten Verfahren ganz nach dem individuellen Störungsmuster beim jeweiligen Patienten. Deshalb ist es wichtig, dass vor Therapiebeginn eine detaillierte Analyse der Schluckstörung erfolgt, um das richtige therapeutische Verfahren auswählen zu können. Die zum Einsatz kommenden Methoden der logopädischen Schlucktherapie sind sehr vielfältig und können hier nicht im Einzelnen vorgestellt werden. Wichtig ist, dass die logopädische Schlucktherapie ausreichend lange erfolgt und in regelmäßigen Zeitabständen Kontrolluntersuchungen, ggf. mit apparativen Verfahren, erfolgen, um den Therapieerfolg zu bestimmen. Auch durch das Lee-Silverman-Voice-Treatment (LSVT®-LOUD), das zur Behandlung Parkinson-bedingter Sprechstörung entwickelt wurde, kann einer Verbesserung der Schluckfunktion erzielt werden. Ein vielsprechendes neues Verfahren, das in den USA erprobt wurde, stellt ein Heimtraining mit einem speziellen Ausatemtrainer (EMST, Expiratory Muscle Strength Training) dar, den auch Patienten mit Lungenerkrankungen verwenden. Durch ein regelmäßiges vierwöchiges Training der Ausatemmuskulatur mit dem Atemtrainer konnte in einer Studie eine Verbesserung der Schluckfunktion bei Parkinson-Betroffenen erzielt und sogar die Häufigkeit von Aspirationsereignissen verringert werden.

Bei einem Teil der Parkinson-Betroffenen kann zusätzlich durch eine Optimierung der Parkinson-Medikation eine Verbesserung der Schluckfunktion erzielt werden. Dies sollte individuell von dem behandelnden Arzt geprüft werden, ggf. kann eine endoskopische Schluckuntersuchung im Off- und im On-Zustand durchgeführt werden, um zu beurteilen, ob die Parkinson Medikamente einen Einfluss auf die Schluckstörung besitzen.

Wenn es aufgrund einer schweren, durch die Behandlung nicht verbesserbaren Schluckstörung für den Parkinson-Betroffenen nicht mehr möglich ist, mit der Nahrung die täglich notwendige Kalorien zu zuführen und/oder eine ausreichende Flüssigkeitsmenge zu sich zu nehmen, sollte die Anlage einer PEG-Sonde erwogen werden. Die PEG-Sonde wird durch die Bauchdecke hindurch direkt im Magen platziert und ermöglicht die Ernährung des Patienten mit Sondenkost.

Lesen Sie auch: Überblick zur Dopamin-Erhöhung bei Parkinson

Bei vermehrtem Speichelfluss kann das Kauen von Kaugummi oder das Lutschen von Salbeibonbons zu einer Linderung führen. Sinnvoll kann auch ein Training mit einem Schluckwecker sein. Hierbei trainieren Betroffene 2x15 Minuten pro Tag das Schlucken in einer Frequenz von 1x pro Minute, indem sie von dem Schluckwecker (alternativ auch Verwendung von Küchenuhr oder Smartphone möglich) 1x pro Minute an das Schlucken erinnert werden. Auch hier führt ein regelmäßiges Training insgesamt zu einer Reduktion des Speichelflusses.

Therapieoptionen bei Schluckstörungen (Auswahl)

  • Schlucktherapie: Die Schlucktherapie beinhaltet medizinische, logopädische, sprachtherapeutische und physiotherapeutische Maßnahmen. Im Idealfall kann sich der Patient oder die Patientin danach wieder vollständig auf normale Art und Weise ernähren. Mindestziel ist es, die Schluckfunktion zu verbessern und ein Verschlucken zu vermeiden.
  • Ernährungsmaßnahmen: Hier geht es darum, die Konsistenz der Nahrung an die individuellen Schluckfähigkeiten anzupassen. So lassen sich beispielsweise Flüssigkeiten andicken oder feste Speisen pürieren. Ist das Schlucken stark beeinträchtigt und besteht das Risiko, dass beim Essen oder Trinken etwas in die Luftröhre gelangt - also aspiriert wird - kommt eine künstliche Ernährung infrage. Dafür legen Ärztinnen und Ärzte häufig eine PEG-Sonde. Das ist ein elastischer Schlauch, der über die Bauchdecke in den Magen eingeführt wird.
  • Atemhilfen: Werden neben Nahrung und Flüssigkeit auch große Mengen Speichel aspiriert, genügt eine Sonde nicht mehr, um eine Lungenentzündung zu vermeiden. Dann ist ein Luftröhrenschnitt unterhalb des Kehlkopfs nötig, um den Schluckweg vollständig vom Atemweg zu trennen.
  • Mundhygiene: Eine gute Mundhygiene ist wichtig, da sie das Risiko für Lungenentzündungen durch Aspiration von Bakterien deutlich reduzieren kann.
  • Medikamente: Bei bestimmten Formen der Dysphagie können Medikamente die Schluckfunktion verbessern, zum Beispiel indem sie den Speichelfluss verringern.
  • Operation: Ein chirurgischer Eingriff kommt beispielsweise infrage, wenn Tumoren oder Divertikel das Schlucken beeinträchtigen.
  • Neurostimulation
  • Pharyngeale Elektrostimulation (PES): Dabei wird eine spezielle Ernährungssonde verwendet, die gleichzeitig elektrische Stimulationskontakte im Rachenraum enthält. Über einen externen Stimulator kann dann patientenindividuell eine zehnminütige Stimulationsphase über mehrere Tage hinweg durchgeführt werden, die eine hohe Anzahl von unwillkürlichen Schluckakten auslöst. Dadurch werden die relevanten Schluckzentren im Gehirn und die damit verbundenen Reflexbahnen angeregt und regeneriert.

Behandlungsziele nach Parkinson-Stadium

Die abschließende Tabelle nennt abhängig vom Parkinson-Stadium die wichtigsten Ziele einer Behandlung von Schluckstörungen.

Hoehn & Yahr - StadiumBehandlungsziele
I+II- Wahrnehmung beginnender Schluckstörungen- Erhalt eines normalen Schluckmusters
III-IV- Aufrechterhaltung einer Normalkost- Erlernen kompensatorischer Schlucktechniken- Vermeidung von Mangelernährung
V- Aufrechterhaltung einer Ernährung über den Mund durch adaptierte Kost- Vermeidung von Gewichtsverlust- Vermeidung von Lungenentzündungen

tags: #parkinson #dysphagie #husten