Parkinson-Früherkennung durch Schlafstörungen: Ein umfassender Überblick

Die Parkinson-Krankheit ist nach Alzheimer die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung. Typische Symptome sind Zittern (Tremor), verlangsamte Bewegungen und Haltungsinstabilität. Schlafstörungen, Verstopfung und Geruchsstörungen können jedoch frühe Anzeichen sein. Dieser Artikel beleuchtet die Bedeutung von Schlafstörungen als Frühindikator für Parkinson und gibt Einblicke in Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten.

Schlafstörungen als frühes Warnsignal

Parkinson entwickelt sich oft über 10 bis 30 Jahre, bevor motorische Symptome auftreten. In dieser frühen Phase, auch Prodromalphase genannt, können Veränderungen im Nervensystem unbemerkt bleiben. Einer der wichtigsten Marker für eine beginnende Parkinson-Erkrankung ist die REM-Schlaf-Verhaltensstörung (RBD).

REM-Schlaf-Verhaltensstörung (RBD)

Im REM-Schlaf (Rapid Eye Movement) ist unsere Muskulatur normalerweise gelähmt. Bei RBD ist dieser Schutzmechanismus gestört. Betroffene schlagen oder treten im Schlaf und berichten von intensiven, oft aggressiven Träumen.

Dr. Schäffer erklärt: „Im REM-Schlaf (REM für Rapid Eye Movement, schnelle Augenbewegungen) träumen wir. Die Muskulatur ist in dieser Schlafphase normalerweise vollkommen schlaff. Bei einer REM-Schlaf-Verhaltensstörung hingegen ist sie aktiv und Träume werden körperlich ausgelebt. Noch dazu sind die Träume oft aktionsgeladen und beängstigend. Die Betroffenen wollen sich zum Beispiel gegen einen Angriff verteidigen und schlagen im Schlaf mit Armen und Beinen um sich. Dabei können sie sich und/oder ihren Bettnachbarn verletzen."

Weitere frühe Anzeichen

Neben RBD können auch Riechstörungen, Verstopfung und Depressionen frühe Vorboten von Parkinson sein.

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Die Verbindung zwischen Schlafstörungen und Parkinson

Neuere Studien zeigen, dass Menschen mit REM-Schlafstörungen bereits Alpha-Synuklein-Ablagerungen in den Nervenzellen aufweisen, ohne dass bei ihnen Parkinson diagnostiziert wurde. Rund 80 Prozent dieser Personen entwickeln im Laufe einiger Jahre dann tatsächlich ein Parkinson-Syndrom.

Herr Ebersbach, Neurologe, erklärt: „Besonders REM-Schlafstörungen gelten als ein deutliches Frühwarnzeichen. Betroffene „leben“ ihre Träume aus - das heißt, sie schlagen im Schlaf um sich oder schreien, oft begleitet von lebhaften Albträumen mit Verfolgungsszenarien. Auch der Verlust des Geruchssinns, Verstopfungen im Darmtrakt oder Depressionen können erste Vorboten sein."

Ursachen für Schlafstörungen bei Parkinson

Dr. Schäffer: „Es gibt viele verschiedene Ursachen für Schlafstörungen bei Parkinson, wobei wir noch nicht alle ganz verstanden haben. Manchmal führt eine Unterbeweglichkeit in der Nacht dazu, dass Patienten sich im Schlaf nicht bewegen und aufgrund dieser Steifigkeit nicht schlafen können. In anderen Fällen kann die Parkinson-Medikation zu nächtlichen Halluzinationen oder Alpträumen führen. Ein Beispiel sind Dopamin-Agonisten."

Häufige Schlafstörungen bei Parkinson

  • Erhöhte Tagesschläfrigkeit: Kann zu Beginn der Erkrankung auftreten und im Verlauf zu Einschränkungen im Alltag führen.
  • Verkürzte Schlafdauer: Betroffene schlafen weniger Stunden pro Nacht.
  • Unwillkürliche Bewegungen und Unruhe der Gliedmaßen: Oft verbunden mit Schmerzen.
  • Vermehrte Steifigkeit oder Zittern: Verschlechterung der Parkinson-Symptome in der Nacht.
  • Verhaltensstörungen im Schlaf (REM-Schlaf-Verhaltensstörungen): Ausleben von Träumen mit Bewegungen, Sprechen oder Schreien.
  • Schlafbezogene Atmungsstörungen (SBAS): Atempausen während des Schlafs, die zu Tagesmüdigkeit führen.
  • Störungen des autonomen Nervensystems: Nächtliches Wasserlassen, Verdauungsstörungen, Schwindel oder vermehrtes Schwitzen.
  • Ein- und Durchschlafstörungen: Schwierigkeiten beim Einschlafen oder Durchschlafen.
  • Früherwachen: Aufwachen in den frühen Morgenstunden und Unfähigkeit, wieder einzuschlafen.

Weitere mögliche Ursachen

  • Nächtliche Unbeweglichkeit: Schwierigkeiten, sich im Bett zu drehen, führen zum Erwachen.
  • Fuß- und Wadenkrämpfe: Stören das Durchschlafen und führen zu Früherwachen.
  • Vermehrter nächtlicher Harndrang: Kann durch Parkinson selbst oder andere Erkrankungen verursacht sein.
  • Periodische Beinbewegungen im Schlaf und Restless-Legs-Syndrom (RLS): Stören das Einschlafen und die Schlafkontinuität.
  • Depressionen: Können Schlafstörungen verursachen.
  • Medikation: Dopaminagonisten, Anticholinergika, Amantadin oder MAO-B-Hemmer können die Schlafqualität beeinträchtigen.

Diagnose von Schlafstörungen bei Parkinson

Dr. Schäffer: „Das Wichtigste ist die Befragung der Patienten und auch der Angehörigen. Manchmal klärt sich bereits durch ein gründliches Gespräch, woher die Probleme rühren. Teilweise arbeiten wir auch mit Fragebögen, die von den Betroffenen ausgefüllt werden. Die Auswertung liefert uns wichtige Anhaltspunkte für die Diagnose. In manchen Fällen, etwa bei Verdacht auf eine REM-Schlaf-Verhaltensstörung, kann auch eine Untersuchung im Schlaflabor notwendig sein."

Diagnosemethoden

  • Anamnese: Gespräch mit dem Patienten und den Angehörigen über die Schlafprobleme.
  • Fragebögen: Auswertung liefert Anhaltspunkte für die Diagnose.
  • Schlaflabor: Untersuchung bei Verdacht auf REM-Schlaf-Verhaltensstörung oder andere Schlafstörungen.
  • Polygrafie: Überprüfung der Atmung mit einem kleinen Messgerät, ambulant über Nacht, zur Abklärung schlafbezogener Atmungsstörungen.
  • Diagnostik des autonomen Nervensystems: Überprüfung bei Verdacht auf Störungen des autonomen Nervensystems.
  • Videogestützte Polysomnographie: Untersuchung im Schlaflabor zur Abgrenzung von Traumschlafverhaltensstörung und nächtlicher psychotischer Symptomatik.
  • Apnoe-Screening: Ambulante Untersuchung bei Verdacht auf Schlaf-Apnoe-Syndrom.

Behandlung von Schlafstörungen bei Parkinson

Dr. Schäffer: „Das ist von der individuellen Diagnose abhängig. Kann jemand nicht schlafen, weil er nachts steif und unbeweglich ist, würde man versuchen, den Dopaminhaushalt zu verbessern, und tendenziell die Parkinson-Medikation steigern. Denn der Grund für die Unbeweglichkeit ist ein Mangel an Dopamin. Wer Halluzinationen oder Alpträume hat, benötigt vielleicht eine geringere Dosis oder eine andere Medikation. Bei einer REM-Schlaf-Verhaltensstörung oder bei unruhigen Beinen gibt es weitere Medikamente. Treten Atemaussetzer auf, muss man prüfen, ob jemand eine Schlafmaske benötigt. Je nach Diagnose können gegebenenfalls auch schlafanstoßende Mittel in Betracht kommen."

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Behandlungsansätze

  • Anpassung der Parkinson-Medikation: Verbesserung des Dopaminhaushalts, Reduzierung von Halluzinationen und Alpträumen.
  • Dopaminerge Medikation: Aufdosierung der nächtlichen Medikation bei Unbeweglichkeit. Einsatz von L-Dopa als lösliche Tablette oder Rotigotinpflastern bei Fuß- und Wadenkrämpfen.
  • Behandlung von Begleiterkrankungen: Ärztliche Abklärung und Behandlung von internistischen oder urologischen Erkrankungen bei vermehrtem Harndrang.
  • Medikamente gegen nächtlichen Harndrang: Nur unter ärztlicher Kontrolle und Beachtung möglicher Nebenwirkungen.
  • Behandlung von Restless-Legs-Syndrom (RLS): Anpassung der nächtlichen dopaminergen Medikation.
  • Behandlung der Traumschlafverhaltensstörung (RBD): Niedrig dosiertes Clonazepam.
  • Schlafmaske: Bei Atemaussetzern.
  • Schlafanstoßende Mittel: In bestimmten Fällen.
  • Antidepressiva: Bei Depressionen.
  • Umstellung auf Pumpentherapie oder Tiefe Hirnstimulation: Bei Wirkschwankungen der Parkinson-Tabletten.

Weitere Therapieansätze

  • Infusionstherapien: Kontinuierliche Zufuhr von Medikamenten über eine Pumpe, um Wirkschwankungen zu vermindern.
  • Tiefe Hirnstimulation: Abgabe elektrischer Impulse zur Verbesserung des gestörten Gleichgewichts der Nervensignale.
  • Adaptive Hirnstimulation: Analyse der Nervenzellaktivität in Echtzeit und Abgabe von Impulsen nur bei Bedarf.

Früherkennung und Prävention

Die frühe Diagnose des M. Parkinson ist schwierig, da die typischen motorischen Störungen erst auftreten, wenn bereits ein erheblicher Teil der Nervenzellen geschädigt ist. Daher wird intensiv nach Biomarkern gesucht.

Biomarker

  • Ablagerungen des phosphorylierten Ser129-α-Synuklein (p-α-Syn): Nachweis in der Substantia nigra (post mortem) oder in Hautbiopsien.
  • Neurofilament-Leichtketten (NfL): Erhöhte Konzentrationen im Blut oder Liquor können auf einen schwereren Krankheitsverlauf hindeuten.

Präventive Maßnahmen

  • Gesunder Lebensstil: Bildung, Schlaf, Ernährung, soziale Kontakte, Bewegung und gute Kontrolle von Begleiterkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck.
  • Körperliche Aktivität: Regelmäßige Bewegung kann das Risiko für die Entstehung und das Fortschreiten von Parkinson senken.
  • Mediterrane Ernährung: Viele Ballaststoffe und Polyphenole.
  • Regelmäßiger Kaffeekonsum: Kann das Risiko für Parkinson senken.
  • Vermeidung von Umweltgiften: Pestizide, Schwermetalle, Lösungsmittel und Feinstaub.

Aktuelle Forschung und Ausblick

Die Parkinsonforschung entwickelt sich rasant weiter. Neue technologische Ansätze, wie tragbare Geräte zur Analyse des Schlafs oder zur Stimulation bestimmter Hirnareale, sind in Entwicklung.

Herr Ebersbach: „Wenn man künftig die krankhaften Eiweißablagerungen im Blut messen könnte, würde das die Parkinson-Diagnostik auf ein völlig neues Niveau heben."

Forschungsprojekte

  • Entwicklung eines Systems zur Erfassung motorischer Auffälligkeiten in der Hausarztpraxis: Durch das Universitätsklinikum Bonn (UKB).
  • Kognitive Trainingsprogramme für Betroffene mit REM-Schlaf-Verhaltensstörung: Durch das Universitätsklinikum Bonn (UKB).

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