Die Neurologie, ein sich ständig weiterentwickelndes medizinisches Fachgebiet, profitiert enorm von den rasanten Fortschritten in den Neurowissenschaften. Diese Fortschritte erstrecken sich über verschiedene Bereiche, von der Aufklärung genetischer Ursachen neurologischer Erkrankungen bis hin zur Entwicklung innovativer diagnostischer und therapeutischer Strategien. Das Evangelische Krankenhaus, mit seiner Universitätsklinik für Neurologie, spielt eine zentrale Rolle bei der Umsetzung dieser Fortschritte in eine verbesserte Patientenversorgung.
Die Bedeutung der Genetik in der Neurologie
Genetische Faktoren spielen eine zunehmend wichtige Rolle im Verständnis und der Behandlung neurologischer Erkrankungen. Die Humangenetik, die sich in Molekularbiologie, Zytogenetik und medizinische Genetik unterteilen lässt, liefert wertvolle Einblicke in die Ursachen und Mechanismen dieser Erkrankungen.
Molekulargenetische Diagnostik
Die molekulargenetische Diagnostik hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht. Dank des Humangenomprojekts ist es heute möglich, Gensequenzen zu definieren und krankheitsrelevante Mutationen zu identifizieren. Dies hat die Neurologie revolutioniert, da immer mehr monogen vererbte Erkrankungen mit hoher Sicherheit diagnostiziert werden können.
Die Aussagekraft der Diagnostik führt in Kombination mit neuropathologischen Erkenntnissen teilweise sogar zur Neueinteilung der Krankheitsentitäten. Andererseits steht die Aufklärung der pathogenetischen Zusammenhänge für die meisten der bisher identifizierten krankheitsassoziierten Mutationen noch am Anfang. Die zellulären Funktionen der beteiligten Gene und Genprodukte sowie die Mechanismen der Krankheitsentstehung sind oft weitgehend unbekannt.
Mikrosatelliten-Expansionserkrankungen
Eine besondere Gruppe genetischer Erkrankungen sind die Mikrosatelliten-Expansionserkrankungen. Bei diesen Erkrankungen kommt es zu Verlängerungen von repetitiven Sequenzblöcken im Bereich der zugrunde liegenden Gene. Diese Verlängerungen können zu spezifischen Krankheitsprozessen führen.
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Beispiele für Mikrosatelliten-Expansionserkrankungen sind die Huntington-Krankheit, spinozerebelläre Ataxien, spinobulbäre Muskelatrophie, myotone Dystrophie und Friedreich-Ataxie. Diese Erkrankungen weisen einige Gemeinsamkeiten auf, darunter die Beteiligung einzelner oder mehrerer ZNS-Regionen und das Vorliegen progredienter neurodegenerativer Prozesse.
Next-Generation-Sequencing (NGS)
Die Next-Generation-Sequencing (NGS) hat die molekulargenetische Diagnostik revolutioniert. NGS-Methoden ermöglichen die simultane Untersuchung einer großen Anzahl von Genen, Exonen oder sogar des gesamten Genoms. Dies ist besonders vorteilhaft bei heterogenen Erkrankungen wie hereditären Polyneuropathien oder spastischen Paraplegien.
Allerdings stellt die Auswertung der großen Datenmengen eine große Herausforderung an Genetiker und Kliniker dar. Zudem erhöht die umfangreiche Sequenzierdiagnostik die Wahrscheinlichkeit, dass Sequenzvariationen gefunden werden, deren pathogenetische Bedeutung auf dem derzeitigen Kenntnisstand nicht sicher beurteilt werden kann.
Genetische Beratung
Jede molekulargenetische Labordiagnostik im Rahmen medizinisch-genetischer Fragestellungen muss mit dem Angebot einer humangenetischen Fachberatung des Patienten (und ggf. seiner Angehörigen) verbunden sein. Diese Beratung findet in enger Interaktion und Koordination mit der Klinik statt, da die exakte klinische Diagnosestellung die wesentliche Voraussetzung für den medizinischen Genetiker ist.
Die genetische Beratung soll dem Einzelnen bzw. der Familie helfen, die medizinisch-genetischen Fakten zu verstehen, Entscheidungsalternativen zu erwägen und letztlich für sich angemessene Verhaltensweisen zu wählen. Sie ist ein wichtiger Bestandteil der Betreuung von Patienten mit neurologischen Erkrankungen und deren Angehörigen.
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Diagnostische Verfahren in der Neurologie
Neben der Genetik spielen auch andere diagnostische Verfahren eine wichtige Rolle in der Neurologie. Die Universitätsklinik für Neurologie des Evangelischen Krankenhauses bietet ein breites Spektrum an Untersuchungsmöglichkeiten, um neurologische Erkrankungen zu diagnostizieren und zu behandeln.
Ultraschall
Der Ultraschall ist ein vielseitiges diagnostisches Verfahren, das in der Neurologie vielfältig eingesetzt wird.
- Ultraschall der hirnversorgenden Gefäße: Mit dieser Methode können Gefäßverengungen (Stenosen) und Gefäßverschlüsse diagnostiziert werden, die eine wichtige Rolle bei der Behandlung von Schlaganfallpatienten spielen. Auch funktionelle Ultraschall-Untersuchungen, wie z.B. die Funktionsreserve der cerebralen Gefäßautoregulation oder ein kardio-pulmonaler Rechts-Links-Shunt, können durchgeführt werden.
- Mikroemboliedetektion: Mit dieser Methode können kleine Blutgerinnsel erkannt werden, die mit einem deutlich erhöhten Risiko für einen Schlaganfall verbunden sind.
- Ultraschall von Nerven und Muskeln: Moderne hochauflösende Ultraschallgeräte ermöglichen die Untersuchung von Nerven und Muskeln an Rumpf und Extremitäten. Dies ist besonders wichtig bei Patienten mit Nerven-Engpass-Syndromen (z.B. Karpaltunnelsyndrom und Ulnaris-Neuropathie am Ellenbogen) sowie bei der Diagnostik von erblichen oder immun-vermittelten Polyneuropathien und Muskelkrankheiten.
- Transkranielle Sonographie: Diese Untersuchung ermöglicht die Aufdeckung von krankhaften Befunden im System der Dopamin-Zellen (Substantia nigra), der Basalganglien sowie der Liquorräume (Ventrikel) des Gehirns.
- Ultraschall der Augenhöhle (Orbita) und des Sehnerven (N. opticus): Bei chronischen Kopfschmerzen und Sehstörungen kann diese Untersuchung Aufschluss über mögliche Ursachen geben (intrakranielle Hypertension, Stauungspapille).
Schwindel-Diagnostik
Bei vielen Schwindelformen liegt eine Funktionsstörung des Gleichgewichtsorgans im Innenohr vor. Die Schwindel-Diagnostik umfasst verschiedene Tests, um die Ursache des Schwindels zu identifizieren.
Neurophysiologie
Das Labor für klinische Neurophysiologie bietet folgende Untersuchungen an:
- Elektroencephalographie (EEG): Das EEG ist die traditionelle Methode zur Untersuchung der elektrischen Funktionsfähigkeit des Gehirns. Sie ergänzt die radiologischen Strukturuntersuchungen (CT, MRT) um den Aspekt der Hirnfunktion. Bei der Diagnostik und Therapie von Bewusstseinsstörungen und epileptischen Anfällen ist das EEG unverzichtbar.
- Elektroneurographie (ENG): Die Funktion der peripheren Nerven (z.B. Nervenleitgeschwindigkeit, NLG) wird mittels ENG geprüft.
- Evozierte Potentiale (EP): Die EP prüfen die Funktionsfähigkeit wichtiger Leitungsbahnen des Nervensystems. Dazu gehört die Messung von Sinnesreizen wie Berührung (SSEP), Sehen (VEP) oder Hören (FAEP).
- Autonome Funktionsdiagnostik: Diese ist ein wichtiger Bestandteil der diagnostischen Abklärung von nicht-epileptischen Bewußtseinsstörungen (u.a. Synkopen). Dabei wird die Blutdruckregulation unter Stehbelastung geprüft, deren Störung nicht selten Ursache einer Kreislauf-bedingten Synkope ist (orthostatische Dysregulation, neurokardiogene Synkope).
- Langzeit-Blutdruckmessung: Das mobile Monitoring des Blutdrucks über eine am Oberarm getragene Druckmanschette zeichnet ein Tages- und Nachtprofil dieser wichtigen Vitalfunktion auf. Hauptanwendungsgebiet ist die Diagnose einer arteriellen Hypertonie als Hauptrisikofaktor für einen Schlaganfall.
Liquor-Diagnostik
Die Untersuchung des Nervenwassers (Liquor cerebrospinalis) gibt bei vielen neurologischen Krankheiten entscheidende Hinweise auf die Ursache der Beschwerden. Für die Diagnose von akuten und chronischen Entzündungen (z.B. Meningitis, Encephalitis, Polyneuritis) ist sie unerlässlich.
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Logopädie
Die logopädische Abteilung führt qualifizierte klinische Untersuchungen zum Vorliegen einer relevanten Störung der Sprache, des Sprechens sowie der Schluckfunktion durch. Diese können bei einer Vielzahl von akut oder chronisch verlaufenden neurologischen Erkrankungen auftreten.
Neuropsychologie
Die neuropsychologische Funktionsdiagnostik umfasst eine standardisierte Befunderhebung, oft in Verbindung mit der Anwendung validierter kognitiver Leistungstestungen. Hauptanwendungsgebiet ist die Diagnose einer Störung von z.B.
Schlaganfallversorgung im Evangelischen Krankenhaus Oldenburg
Der Schlaganfall ist eine der häufigsten Todesursachen in Deutschland. Im Evangelischen Krankenhaus Oldenburg wird eine umfassende Schlaganfallversorgung angeboten, um die Überlebenschancen und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
Stroke Unit
Die Universitätsklinik für Neurologie umfasst 85 stationäre Betten, 14 davon sind zu einer Schlaganfalleinheit zusammengefasst. Auf der Stroke Unit erfolgen das weitere Monitoring und die Behandlung von Patienten mit einer Schlaganfallsymptomatik mit oder ohne Lysetherapie.
Die Stroke Unit verfügt über eine Ausstattung aller neurosonologischen Diagnoseverfahren vor Ort und eine enge Anbindung an die Klinik für Innere Medizin im Hause. Jedes der 14 Betten hat eine aufwändige Monitoring-Einheit, die zentral überwacht wird.
Akuttherapie und Sekundärprophylaxe
Bei einem Schlaganfall zählt jede Minute. Es erfolgt eine rasche Klärung der Schlaganfallursache - dies ist wesentlich, um eine gezielte Prophylaxe anzugehen. Zudem nimmt auf der spezialisierten Schlaganfalleinheit neben der Akuttherapie, der Sekundärprophylaxe und dem Risikofaktormanagement auch die Frührehabilitation einen zentralen Platz ein.
Frührehabilitation
Die Frührehabilitation ist ein wichtiger Bestandteil der Schlaganfallversorgung. Sie zielt darauf ab, die motorischen, kognitiven und sprachlichen Fähigkeiten der Patienten so früh wie möglich wiederherzustellen.
Neuromuskuläres Zentrum Nordwest
Das Neuromuskuläre Zentrum Nordwest besteht aus Kliniken der Orte Bremen, Oldenburg, Rotenburg-Wümme, Sande, Westerstede und Leer. In Oldenburg werden Patienten mit Symptomen einer neuromuskulären Erkrankung wie z.B. Schwäche, Muskelschwund, Gefühlsstörungen und Schmerzen im Bereich der Extremitäten mittels spezieller Untersuchungsverfahren untersucht.
Das Spektrum der Störungsbilder ist sehr unterschiedlich und reicht von milden Missempfindungen bis hin zu Lähmungserscheinungen von Atemmuskulatur und einer Beatmungspflicht. Die Universitätsklinik für Neurologie ist zertifiziertes Neuromuskuläres Zentrum der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke e.V. (DGM).
Ambulante Versorgung
Für die ambulante Behandlung stehen mehrere spezialisierte Ambulanzen zur Verfügung:
- Hochschulambulanz für Bewegungsstörungen: Diese Ambulanz richtet sich an Patientinnen und Patienten mit Bewegungsstörungen.
- Neuromuskuläre Hochschulambulanz: Diese Ambulanz richtet sich schwerpunktmäßig an Patientinnen und Patienten, mit Erkrankungen der Muskulatur und der neuromuskulären Übertragung.
- Hochschulambulanz für Kopfschmerzen: In dieser Ambulanz werden Patientinnen und Patienten mit Kopfschmerzen behandelt. Für die Behandlung ist es hilfreich, wenn Sie ein Kopfschmerztagebuch führen, z. B. über die DMKG (www.dmkg.de), in dem Sie Häufigkeit und Dauer des Kopfschmerzes sowie begleitende Symptome und eingenommene Medikamente notieren.
- Schlaganfall-Ambulanz: Hier können Patientinnen und Patienten eine Zweitmeinung bei einem Schlaganfall seltener Ursache einholen.
- Medizinisches Versorgungszentrum (MEVO): Im MEVO werden alle Patientinnen und Patienten mit neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen versorgt - dazu gehören auch Infusionstherapien, z.B. bei Multipler Sklerose.
Das Evangelische Krankenhaus Oldenburg: Mehr als nur Medizin
Das Evangelische Krankenhaus Oldenburg ist mehr als nur ein Ort medizinischer Versorgung. Es ist ein Ort der Begegnung, des Austauschs und der Information.
Veranstaltungen und Seminare
Immer wieder bietet das Haus Veranstaltungen mit medizinischem Hintergrund an. Jeden Donnerstagmittag wird ein Neurologisches Seminar mit wechselnden Themen angeboten.
Bibliothek
Die umfangreich ausgestattete Bibliothek bietet Lesestoff für jeden Geschmack.
Besucherinformationen
Besucher sind im Evangelischen Krankenhaus gerne gesehen. Das Krankenhaus befindet sich in zentraler Lage unweit der Oldenburger Innenstadt und ist sowohl zu Fuß, mit dem Rad als auch mit öffentlichen Verkehrsmittel erreichbar.
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