Morbus Parkinson ist eine fortschreitende neurologische Erkrankung, die vor allem die Beweglichkeit beeinträchtigt. Die Erkrankung entsteht durch den Verlust von Nervenzellen im Gehirn, was zu einem Dopaminmangel führt. Die Symptome des Parkinson-Syndroms umfassen unter anderem Zittern, Muskelsteifheit, verlangsamte Bewegungen (Bradykinese) und posturale Instabilität. Obwohl Morbus Parkinson nicht heilbar ist, können die Beschwerden durch verschiedene Therapieansätze gelindert und die Lebensqualität der Betroffenen deutlich verbessert werden. Ein besonders effektiver Ansatz ist die Parkinson-Komplextherapie, die eine Kombination aus verschiedenen Therapieformen beinhaltet.
Was ist eine Parkinson-Komplextherapie?
Die multimodale Parkinson-Komplextherapie verbindet verschiedene therapeutische Ansätze, um eine umfassende und individuell angepasste Behandlung zu gewährleisten. Sie kombiniert medikamentöse Therapie mit nicht-medikamentösen Elementen wie Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Neuropsychologie. Ziel ist es, die Symptome zu lindern, die Selbstständigkeit zu fördern und die Lebensqualität der Patienten zu verbessern.
Ziele der Komplextherapie
- Reduktion von Symptomen und Schwankungen: Ziel ist es, die motorischen und nicht-motorischen Symptome der Parkinson-Erkrankung zu reduzieren und Schwankungen im Tagesverlauf zu minimieren. Dies kann bis zu einer normalen Beweglichkeit führen.
- Verbesserung der Beweglichkeit und des Gleichgewichts: Durch gezielte Übungen und Therapien sollen die Beweglichkeit, das Gleichgewicht und das Gangbild verbessert werden, um Stürze zu vermeiden und die Mobilität zu erhalten.
- Förderung der Selbstständigkeit: Die Therapie zielt darauf ab, die Patienten in die Lage zu versetzen, ihren Alltag so selbstständig wie möglich zu gestalten und ihre privaten und beruflichen Rollen aufrechtzuerhalten.
- Verbesserung der Lebensqualität: Durch die Linderung der Symptome, die Förderung der Selbstständigkeit und die Verbesserung des psychischen Wohlbefindens soll die Lebensqualität der Patienten deutlich gesteigert werden.
Bestandteile der Parkinson-Komplextherapie
Die Parkinson-Komplextherapie umfasst verschiedene Bausteine, die individuell auf die Bedürfnisse und den Schweregrad der Erkrankung des einzelnen Patienten abgestimmt werden.
Medikamentöse Therapie
Die medikamentöse Therapie ist ein zentraler Bestandteil der Parkinson-Komplextherapie. Ziel ist es, den Dopaminmangel im Gehirn auszugleichen und die motorischen Symptome zu lindern. Hierzu werden verschiedene Medikamente eingesetzt, die entweder die Dopaminproduktion erhöhen, die Dopaminrezeptoren stimulieren oder den Dopaminabbau hemmen.
- Überprüfung und Anpassung der Medikation: Zu Beginn der Komplextherapie wird die aktuelle Medikation des Patienten durch einen Neurologen überprüft und gegebenenfalls angepasst. Dies erfolgt unter Berücksichtigung der individuellen Symptome, des Krankheitsstadiums und möglicher Nebenwirkungen.
- Dopamin-Ersatztherapie: Medikamente, die den Mangel an Dopamin in den betroffenen Nervenzellen ausgleichen, werden meist in Tablettenform verabreicht und im Körper durch ein bestimmtes Enzym in Dopamin umgewandelt.
- Pumpentherapie: Bei fortgeschrittenem Morbus Parkinson kann eine Pumpentherapie mit Apomorphin oder L-Dopa-Gel in Betracht gezogen werden. Dabei wird das Medikament kontinuierlich über eine Pumpe unter die Haut oder direkt in den Zwölffingerdarm verabreicht, um eine gleichmäßige Wirkung zu gewährleisten. Die Möglichkeit, ein Medikament über eine Pumpe unter die Haut zu verabreichen oder über ein dünnes Schlauchsystem direkt in den Zwölffingerdarm, sind die beiden zur Verfügung stehenden Therapieoptionen. Eine Kanüle wird im Bauchbereich unter die Haut ins Fettgewebe gegeben. Diese ist mit einer kleinen Medikamentenpumpe verbunden. Die Pumpe enthält die verordnete Medikation und gibt das Präparat dann automatisch kontinuierlich ab.
Physiotherapie
Die Physiotherapie spielt eine wichtige Rolle bei der Parkinson-Komplextherapie. Sie zielt darauf ab, die Beweglichkeit zu verbessern, das Gleichgewicht zu schulen und Stürze zu vermeiden.
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- Gangschule und Sturzprophylaxe: Durch gezielte Übungen und Techniken wird das Gangbild verbessert, die Schrittlänge erhöht und die Körperhaltung aufgerichtet. Zudem werden Strategien zur Sturzprophylaxe vermittelt.
- Training großer, ausladender Bewegungen: In der Physiotherapie werden neue wissenschaftliche Erkenntnisse in den Einzeltherapien berücksichtigt, unter anderem das Trainieren mit großen, ausladenden Bewegungen.
- Verbesserung von Gleichgewicht, Körpergefühl und Gangbild: Physiotherapie hilft bei der Verbesserung von Gleichgewicht, Körpergefühl, Beweglichkeit und Gangbild und dient der Sturzprophylaxe. Auch Wärmetherapie und Massagen kommen zum Einsatz.
- Hilfsmittel: Der Einsatz von verschiedenen Hilfsmitteln wie z. B.
Ergotherapie
Die Ergotherapie unterstützt die Patienten dabei, ihren Alltag so selbstständig wie möglich zu gestalten und ihre privaten und beruflichen Rollen aufrechtzuerhalten.
- Training der Feinmotorik: Durch gezielte Übungen wird die Feinmotorik verbessert, um Tätigkeiten wie Schreiben, Knöpfe schließen oder Essen zubereiten zu erleichtern.
- Verbesserung von Gedächtnisstörungen: Ergotherapie kann auch dazu beitragen, Gedächtnisstörungen zu verbessern und die kognitiven Fähigkeiten zu erhalten.
- Analyse von Aktivitäten des täglichen Lebens: Zusammen mit dem Patienten werden die Bereiche "Aktivitäten des täglichen Lebens" (Waschen, Anziehen, Transfer, Einkaufen u.v.m.), "Produktivität" (Arbeit, ehrenamtliche Tätigkeit, Essen zubereiten) und "Freizeit" (soziale Freizeit, Sport, Hobbys) analysiert. Der Patient formuliert, was er nicht mehr kann, z. B. Waschen/ Anziehen, Staubsaugen oder Schreiben. Anschließend bewertet er, wie wichtig es ihm ist, diese Tätigkeit wieder ausüben zu können.
- Anpassung von Techniken und Hilfsmitteln: So wird z. B. mit einem Patienten, der Probleme beim Anziehen hat, die Handlung "Anziehen" analysiert und Anpassungen (z. B. eine andere Technik zum Socken anziehen) erarbeitet. Wenn die Patienten z. B. Probleme im Bereich des Schreibens haben, wird der "Allensbacher Feinmotoriktest" durchgeführt. Die Art und Schwere der Beeinträchtigung kann hierdurch ermittelt werden. Die Ergotherapeuten passen daraufhin die Therapie so an, dass die beeinträchtigten Komponenten, die für eine korrekte Ausführung des Schreibens wichtig sind, gezielt geübt werden. Hierdurch wird der Patient befähigt, seine für ihn bedeutungsvolle Handlung wieder durchzuführen. Zusätzlich erhalten die Patienten ein feinmotorisches Eigentrainingsprogramm zur eigenständigen Durchführung.
Logopädie
Die Logopädie behandelt Sprach- und Schluckstörungen, die bei Parkinson-Patienten häufig auftreten.
- Sprachtraining: Durch gezielte Übungen werden die Lautstärke, die Artikulation und das Sprechtempo verbessert.
- Schlucktherapie: Bei Schluckstörungen werden spezielle Techniken und Übungen angewendet, um das Schlucken zu erleichtern und das Risiko von Aspiration (Verschlucken) zu verringern.
- Diagnostik von Schluckstörungen: Bildgebende Diagnostikverfahren wie Röntgen und endoskopische Untersuchungen ermöglichen individuelle Behandlungen im Rahmen einer funktionellen Dysphagie-Therapie, die speziell auf die Bedürfnisse von Parkinson-Patienten ausgerichtet ist.
Neuropsychologie
Die Neuropsychologie befasst sich mit den kognitiven und emotionalen Auswirkungen der Parkinson-Erkrankung.
- Diagnostik kognitiver Störungen: Durch neuropsychologische Untersuchungen werden kognitive Störungen wie Gedächtnisprobleme, Aufmerksamkeitsdefizite oder exekutive Funktionsstörungen identifiziert.
- Behandlung kognitiver Störungen: In Abhängigkeit von den Ergebnissen wird ggf. ein individueller Behandlungsplan zur Stabilisierung und Verbesserung der kognitiven Funktionen und / oder zur Unterstützung der Krankheitsverarbeitung erstellt. Die Behandlung erfolgt dann als Einzel- bzw.
- Unterstützung bei der Krankheitsverarbeitung: Die Neuropsychologie bietet auch Unterstützung bei der Krankheitsverarbeitung und hilft den Patienten, mit den emotionalen Belastungen der Erkrankung umzugehen.
Musiktherapie
Musiktherapie als nonverbales erlebnisorientiertes Verfahren wird in allen Phasen der neurologischen Rehabilitation eingesetzt.
- Verbesserung von Stimmung und Motivation: Je nach Phase wird die Musiktherapie differenziert gestaltet: Kontakt und Beziehung, vegetative/emotionale Regulation, Grob-Feinmotorik, Sprechen, Gedächtnis und Aufmerksamkeit, Verbesserung von Stimmung und Motivation, Aktivierung persönlicher Ressourcen. Bei der Parkinson-Erkrankung stellt sie eine wichtige begleitende Therapie dar.
- Rhythmisch akustische Stimulation (RAS): Insbesondere die standardisierte Methode „Rhythmisch akustische Stimulation“ (RAS) nach Michael Thaut (neurologische Musiktherapie, NMT) wird in rhythmisch-akustischen Übungen, dem rhythmisch-akustischen Gangtraining und im Rahmen einer Rhythmik-Gruppe geübt. RAS ist ein Bewegungstraining mit akustischer Stimulation mittels gehörter Musik, gespielter Musik an Trommeln und Bodypercussion oder dem Klicken eines Metronoms.
- Cueing-Strategien: Innerhalb der Musiktherapie werden verschiedene „Cueing“-Strategien zur Kompensation der Bewegungsstörung erlernt.
Ablauf einer Parkinson-Komplextherapie
Die Parkinson-Komplextherapie wird in der Regel stationär in einer spezialisierten Klinik durchgeführt. Die Dauer der Therapie beträgt meist zwei bis drei Wochen.
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- Aufnahme und Diagnostik: Zu Beginn der Therapie erfolgt eine umfassende neurologische Untersuchung und eine Erhebung der Krankengeschichte. Zudem werden neuropsychologische Tests durchgeführt, um den kognitiven Zustand des Patienten zu beurteilen. Wichtig ist eine umfassende neurologische Untersuchung. Nur so lässt sich der echte Morbus Parkinson von anderen Erkrankungen unterscheiden, die ähnliche Beschwerden verursachen.
- Individuelle Therapieplanung: Auf Grundlage der Ergebnisse der Diagnostik wird ein individueller Therapieplan erstellt, der auf die Bedürfnisse und den Schweregrad der Erkrankung des einzelnen Patienten abgestimmt ist. In einem multidisziplinären Team, bestehend aus Ärzten, spezialisiertem Pflegepersonal, Parkinson-Nurses und Therapeuten (Physiotherapie, Ergotherapie, Sprachtherapie, Neuropsychologie), erarbeiten wir gemeinsam mit unseren Patienten individuelle Therapieziele und einen Behandlungsplan, der zu einer Verbesserung von Lebensqualität und Eigenständigkeit führen soll. Das speziell geschulte Team passt die Behandlung speziell auf das Beschwerdebild der Erkrankten an, so dass sich unterschiedliche Schwerpunkte ergeben.
- Durchführung der Therapie: Die Therapie umfasst in der Regel mehrere Stunden täglich und beinhaltet Einzel- und Gruppentherapien. Das Training erfolgt in mehrfach täglichen spezialisierten Einzel- und Gruppentherapien. Die wöchentliche Therapiezeit während des Klinikaufenthalts beträgt in der Regel mindestens 7,5 Stunden. Unter fachärztlicher Behandlungsleitung erfolgt die Integration verschiedener therapeutischer Bereiche und führt so zu einer intensiven und ganzheitlichen Behandlung durch ein speziell geschultes Team. Im Einzelnen beinhaltet dies intensive logopädische, ergotherapeutische und physiotherapeutische Behandlungseinheiten. Je nach Ihrem individuellen Beschwerdebild wird vom Therapeutenteam eine auf Sie zugeschnittene Behandlung durchgeführt, so dass sich unterschiedliche Schwerpunkte ergeben können: logopädisches Sprachtraining und SchlucktherapieErgotherapie bei Störungen der Feinmotorik bzw.
- Anpassung der Medikation: Eine Überprüfung der Medikamente gehört auf jeden Fall dazu, mit dem Vorteil, dass eine Anpassung unter Beobachtung erfolgt.
- Entlassung und Nachsorge: Am Ende der Therapie werden Therapieempfehlungen für die ambulante Weiterbehandlung sowie Anleitungen zu einem Selbstübungsprogramm gegeben.
Wer profitiert von einer Parkinson-Komplextherapie?
Die Parkinson-Komplextherapie richtet sich an Patientinnen und Patienten mit einer diagnostizierten Parkinson-Erkrankung im fortgeschrittenen Stadium. Voraussetzung ist die Notwendigkeit eines stationären Krankenhausaufenthaltes mit der Notwendigkeit diagnostischer Maßnahmen, der stationären schrittweisen Optimierung der medikamentösen Therapie in Kombination mit intensiven therapeutischen Maßnahmen. Die Parkinson-Komplexbehandlung kann dann durchgeführt werden, wenn die Lebensqualität trotz umfassender ambulanter Maßnahmen eingeschränkt bleibt und wenn eine optimale Medikamenten-Einstellung ambulant nicht möglich war.
Vorteile der Parkinson-Komplextherapie
- Umfassende Behandlung: Die Komplextherapie berücksichtigt alle Aspekte der Parkinson-Erkrankung und bietet eine ganzheitliche Behandlung.
- Individuelle Anpassung: Der Therapieplan wird individuell auf die Bedürfnisse und den Schweregrad der Erkrankung des einzelnen Patienten abgestimmt.
- Intensive Betreuung: Während der stationären Therapie werden die Patienten intensiv von einem multidisziplinären Team betreut.
- Verbesserung der Lebensqualität: Studien haben gezeigt, dass Parkinson-Patienten von einer Komplexbehandlung profitieren. Nach der Intensivtherapie und Anpassung der Medikamente hatten sich die Sicherheit beim Gehen und vor allem die Stimmung der Patientin sichtbar verbessert. Die kognitiven Defizite und auch die zuvor starken Schwankungen ihres Zustands wurden gemildert.
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