Die Parkinson-Krankheit ist eine fortschreitende neurologische Erkrankung, die durch Zittern, Steifheit, verlangsamte Bewegungen und Gleichgewichtsprobleme gekennzeichnet ist. Obwohl es keine Heilung gibt, können verschiedene Behandlungen die Symptome lindern und die Lebensqualität verbessern. Eine dieser Behandlungen ist die Tiefe Hirnstimulation (THS), eine operative Technik, bei der Elektroden in bestimmte Bereiche des Gehirns implantiert werden, um elektrische Impulse abzugeben. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die THS als letzte Möglichkeit bei Parkinson, einschließlich der Voraussetzungen, des Verfahrens, der Vorteile, Risiken und des langfristigen Managements.
Einführung
Die Tiefe Hirnstimulation (THS) ist ein etabliertes Verfahren zur Behandlung von fortgeschrittenem Morbus Parkinson, insbesondere wenn Medikamente allein nicht mehr ausreichend helfen. Bei der THS werden dünne Elektroden in bestimmte Hirnregionen implantiert, um die Aktivität von Hirnregionen, die durch die Parkinson-Erkrankung fehlreguliert sind, zu beeinflussen und somit die Symptome zu lindern. Die THS ist keine Heilung, sondern eine symptomatische Behandlung, die die Lebensqualität der Betroffenen deutlich verbessern kann.
Henning Künne, ein Patient mit Parkinson, erfuhr am eigenen Leib, wie die THS sein Leben verändern konnte. Nachdem Medikamente nicht mehr ausreichend wirkten und er unterFreezing-Episoden litt, informierte er sich über neue Therapiemöglichkeiten und stieß auf die THS. Nach sorgfältiger Prüfung und Beratung entschied er sich für den Eingriff und berichtete von einer deutlichen Verbesserung seiner Symptome und Lebensqualität.
Voraussetzungen für die Tiefe Hirnstimulation
Die THS ist nicht für jeden Parkinson-Patienten geeignet. Es gibt bestimmte Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, um für die Therapie in Frage zu kommen. Dazu gehören:
- Fortgeschrittener Morbus Parkinson: Die THS wird in der Regel bei Patienten im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung eingesetzt, bei denen die medikamentöse Therapie nicht mehr ausreichend wirksam ist oder zu starken Nebenwirkungen führt.
- Ansprechen auf Parkinson-Medikamente: Grundsätzlich sollten die Symptome des Patienten auf Parkinson-Medikamente ansprechen. Als Faustregel gilt, dass alle Symptome, die auf Medikamente (Levodopa) ansprechen, auch auf die Tiefe Hirnstimulation ansprechen.
- Eingeschränkte Lebensqualität: Die THS sollte in Betracht gezogen werden, wenn die Lebensqualität des Patienten durch die Parkinson-Symptome deutlich beeinträchtigt ist und er an Alltagstätigkeiten nicht mehr teilnehmen kann.
- Kognitive Fähigkeiten: Das Gedächtnis und die Konzentration des Patienten sollten weitestgehend in Ordnung sein.
- Psychische Stabilität: Vor der Operation erfolgt eine ausführliche psychiatrische Untersuchung, um die Auswirkungen der THS auf das psychische Wohlbefinden des Patienten einschätzen zu können.
- Ausschluss von Kontraindikationen: Es gibt bestimmte medizinische und neurochirurgische Gegenanzeigen, die gegen eine THS sprechen können, wie z.B. Hirnatrophie oder Blutungsneigung.
Das Verfahren der Tiefen Hirnstimulation
Die THS ist ein komplexes Verfahren, das mehrere Schritte umfasst:
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- Voruntersuchungen: Vor der Operation werden umfassende Untersuchungen durchgeführt, um die Eignung des Patienten für die THS festzustellen. Dazu gehören eine ausführliche Anamnese, körperlich-neurologische Untersuchungen, Labortests, Medikamentenanpassungen, eine Kopf-Bildgebung (Kernspintomographie) sowie weiterführende Diagnostik (z.B. neuropsychologische Testungen).
- Planung der Operation: Anhand der Bildgebung und der individuellen Symptome des Patienten wird die genaue Position der Elektroden im Gehirn geplant. Die Zielposition liegt in der Regel in den Basalkernen, die großen Einfluss auf die Motorik haben.
- Implantation der Elektroden: Die Implantation der Elektroden erfolgt in der Regel unter örtlicher Betäubung oder leichter Narkose. Der Kopf des Patienten wird mit einem stereotaktischen Ring fixiert, um eine präzise Navigation zu ermöglichen. Durch kleine Bohrlöcher in der Schädeldecke werden die Elektroden millimetergenau in die zuvor geplante Hirnregion eingeführt. Während der Operation wird die Verbesserung der Beweglichkeit des Patienten getestet, um die optimale Position der Elektroden zu finden.
- Implantation des Neurostimulators: In einer zweiten Operation, die in der Regel unter Vollnarkose durchgeführt wird, wird der Neurostimulator (Hirnschrittmacher) unterhalb des Schlüsselbeins oder in der Bauchdecke implantiert. Der Neurostimulator ist über feine Kabel mit den Elektroden im Gehirn verbunden.
- Aktivierung und Programmierung des Neurostimulators: Einige Tage nach der Operation wird der Neurostimulator erstmals aktiviert. In den folgenden Wochen und Monaten werden die Impulsstärke und weitere Parameter des Neurostimulators solange angepasst, bis die Parkinson-Symptome möglichst effektiv gelindert werden und das bei möglichst geringen Nebenwirkungen.
Vorteile der Tiefen Hirnstimulation
Die THS kann eine Reihe von Vorteilen für Parkinson-Patienten bieten:
- Verbesserung der motorischen Symptome: Die THS kann Zittern, Steifheit, Bewegungsverlangsamung und unwillkürliche Körperbewegungen, die durch Schwankungen der Medikamentenwirkung ausgelöst werden, deutlich verbessern.
- Reduktion der Medikamenteneinnahme: Nach der THS kann die Medikamentendosis in der Regel um etwa 50% reduziert werden.
- Verringerung von Wirkungsschwankungen: Die THS kann die unkoordinierte Kommunikation im Gehirn direkter und gleichmäßiger beeinflussen als einzelne Tabletteneinnahmen, wodurch Wirkungsschwankungen reduziert werden.
- Verbesserung der Lebensqualität: Durch die Verbesserung der motorischen Symptome und die Reduktion der Medikamenteneinnahme kann die THS die Lebensqualität der Patienten deutlich verbessern und eine aktivere Alltagsgestaltung ermöglichen.
Risiken der Tiefen Hirnstimulation
Wie bei jeder Operation gibt es auch bei der THS Risiken:
- Blutungen: In seltenen Fällen (ca. 1%) kann es bei der Operation zu Verletzungen von Gehirngefäßen und hiermit einhergehenden Blutungen kommen.
- Infektionen: Ebenfalls in seltenen Fällen kann es zu einer Entzündung des Implantats kommen, die eine antibiotische Behandlung bis hin zu einer Entfernung des Implantats erforderlich machen kann.
- Nebenwirkungen der Stimulation: Durch die elektrische Stimulation selbst kann es zur Verschlechterung des Sprechens oder auch zu Kribbelempfindungen oder Verkrampfungen in Armen und Beinen kommen. Diese Nebenwirkungen sind jedoch meist nicht von Dauer, sondern von der genauen Anpassung der Stimulationseinstellung abhängig.
- Seelische Veränderungen: In einigen Fällen können nach der THS Stimmungsschwankungen, suizidale Gedanken oder Verwirrtheitszustände auftreten. Diese Nebenwirkungen sind durch Medikamentenanpassung und enge ärztliche Betreuung behandelbar und meist nicht dauerhaft.
Langfristiges Management nach der Tiefen Hirnstimulation
Nach der THS ist eine lebenslange Nachsorge erforderlich, um den Neurostimulator optimal einzustellen und mögliche Komplikationen zu behandeln:
- Regelmäßige Kontrollen: Die Patienten müssen regelmäßig zur Kontrolle in die Klinik kommen, um die Stimulationsparameter anzupassen und den Batteriestatus des Neurostimulators zu überprüfen.
- Anpassung der Medikamente: Die Medikamenteneinnahme muss nach der THS neu angepasst werden, um eine optimale Wirkung zu erzielen und Nebenwirkungen zu vermeiden.
- Rehabilitation: Nach der Operation ist eine Rehabilitation sinnvoll, um den Umgang mit dem Neurostimulator zu erlernen und die motorischen Fähigkeiten zu verbessern.
- Batteriewechsel: Nach einigen Jahren muss die Batterie des Neurostimulators gewechselt werden. Dies erfolgt über einen kleinen Schnitt am Hals, unter örtlicher Betäubung.
Technische Weiterentwicklungen
In den letzten Jahren gab es signifikante technische Fortschritte bei der THS:
- Direktionale Elektroden: Diese Elektroden ermöglichen eine gezieltere Stimulation in bestimmte Richtungen, wodurch Nebenwirkungen reduziert werden können.
- Brain-Sensing-Technologie: Mit dieser Technologie können die elektrischen Aktivitäten im Gehirn gemessen und die Stimulationseinstellung automatisch an die Symptome angepasst werden (adaptive oder Closed-Loop-Stimulation).
- Wiederaufladbare Neurostimulatoren: Diese Neurostimulatoren müssen nicht nach einigen Jahren ausgetauscht werden, sondern können einfach wiederaufgeladen werden.
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