Einführung
Die Parkinson-Krankheit ist eine fortschreitende neurologische Erkrankung, die durch den Verlust von Nervenzellen im Gehirn gekennzeichnet ist. Typische Symptome sind Zittern, Muskelsteifheit und verlangsamte Bewegungen. Die genauen Ursachen sind noch ungeklärt, und zumeist sind ältere Menschen ab dem 60. Lebensjahr betroffen, Männer häufiger als Frauen. In Deutschland leben etwa 400.000 Menschen mit der Erkrankung.Neueste Forschungsergebnisse deuten auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Hörverlust und der Entwicklung von Parkinson hin. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Erkenntnisse, mögliche Mechanismen und präventive Maßnahmen, die dazu beitragen könnten, das Risiko einer Parkinson-Erkrankung zu verringern.
Hörverlust als potenzieller Risikofaktor für Parkinson
Ein Forschungsteam aus den USA berichtet, dass von mehr als 3,5 Millionen Menschen diejenigen mit Hörverlust später häufiger an Parkinson erkrankten. Je schwerwiegender der Hörverlust war und je länger er bestand, desto wahrscheinlicher war eine entsprechende Diagnose. Diese Ergebnisse ergänzen die bereits bestehenden Hinweise darauf, dass Hörverlust mit einem Untergang von Nervenzellen verbunden ist und Hörgeräte eine kostengünstige und risikoarme Gegenmaßnahme sind, um das Gehirn im Alter gesund und fit zu halten.
Studienergebnisse im Detail
In einer umfassenden Kohortenstudie untersuchten Forschende um Dr. Lee Neilson von der Oregon Health & Science University in Portland, USA, den Zusammenhang zwischen Hörverlust und der Inzidenz von Parkinson sowie die potenzielle Rolle einer frühzeitigen Hörgeräteversorgung. Die Ergebnisse der Studie wurden in der Fachzeitschrift 'JAMA Neurology' veröffentlicht.
Die Studie analysierte elektronische Gesundheitsdaten von mehr als 3,5 Millionen US-Veteranen über 40 Jahren (96% männlich), die zwischen 1999 und 2022 eine Audiometrie erhielten und zu Studienbeginn keine Parkinson-Diagnose aufwiesen. Die Teilnehmenden wurden entsprechend ihres Hörvermögens in fünf Gruppen unterteilt: normal hörend sowie leicht, moderat, mäßig schwer und schwer bis hochgradig schwerhörig. Das Parkinson-Risiko wurde mithilfe einer auf konkurrierende Todesfallrisiken angepassten kumulativen Inzidenzanalyse berechnet.
Die Datenanalyse ergab, dass Veteranen mit Hörbeeinträchtigung ein höheres Risiko für Parkinson hatten als jene ohne Hörverlust. Dies zeigte sich in einer mit der Schwere des Hörverlusts korrelierenden Zunahme der Parkinson-Inzidenz im Verlauf von zehn Jahren:
Lesen Sie auch: Parkinson-Medikamente: Was Sie beachten müssen
- Bei leichtem Hörverlust wurden 6,1 zusätzliche Parkinson-Fälle pro 10.000 Personen beobachtet.
- Bei moderatem Hörverlust stieg dieser Wert auf 15,8 Fälle.
- Bei mittelgradig bis schwerem Hörverlust betrug die Rate 16,2 zusätzliche Fälle.
- Schwer bis hochgradig schwerhörige Veteranen zeigten eine Erhöhung von 12,1 zusätzlichen Fällen pro 10.000 Personen.
Langzeitanalysen der kumulativen Parkinson-Inzidenz über fünf, zehn und 20 Jahre verdeutlichten den Einfluss des Hörverlusts: So zeigte sich bei Menschen mit schwerer Hörminderung nach fünf Jahren ein zusätzliches Risiko von knapp 11 neuen Parkinsonfällen pro 10.000 Personen und nach 20 Jahren ein Risikoanstieg auf 21 Fälle. Besonders stark nahm die Inzidenz in den ersten zehn Jahren zu, danach flachte sie aufgrund der erhöhten Sterblichkeit mit zunehmendem Alter ab.
Der protektive Effekt von Hörgeräten
Ein wesentlicher Befund der Studie war, dass bei Veteranen, die frühzeitig Hörgeräte nutzten, das Parkinson-Risiko über einen Zeitraum von 15 Jahren deutlich abnahm: um etwa ein Drittel im Vergleich zu Betroffenen ohne Hörgerät (40 statt 60 Erkrankungen pro 10.000 Personen). Diese Ergebnisse sind bemerkenswert, da sie auf einen protektiven Effekt von Hörhilfen hindeuten könnten, vorausgesetzt, dass der beobachtete Zusammenhang kausal ist.
Die Forschenden berechneten zudem eine „Number Needed to Treat“ (NNT), um eine Parkinson-Erkrankung durch Hörgeräte zu vermeiden. Demnach müssten etwa 462 Personen mit Hörminderung eine Hörhilfe tragen, um eine Parkinsonerkrankung zu verhindern. Die Zahl fällt im Vergleich zu Alzheimer niedriger aus, was darauf hindeutet, dass Hörgeräte möglicherweise auch die Progression anderer neurodegenerativer Erkrankungen beeinflussen könnten. Diese Hypothese müsste jedoch durch weitere Studien untermauert werden.
Mögliche Mechanismen des Zusammenhangs
Obwohl die genauen Mechanismen noch nicht vollständig geklärt sind, gibt es mehrere Theorien, die den Zusammenhang zwischen Hörverlust und Parkinson erklären könnten:
- Neurodegeneration: Hörverlust könnte Teil eines Frühstadiums der Parkinson-Pathologie sein und eventuell eine extrastriatale Beteiligung des Nervensystems widerspiegeln. Ein Verlust sensorischer Funktionen könnte auf eine frühe Schädigung neuraler Netzwerke hindeuten, die für die Gesamterkrankung von Bedeutung sind.
- Kognitiver Abbau: Wie Demenz wird auch Parkinson mit kognitivem Abbau in Verbindung gebracht. Hörverlust zählt zu den wichtigsten veränderbaren Risiken für Demenz und könnte sich als derselbe für die Parkinson-Krankheit erweisen.
- Wiederherstellung von Nervenverbindungen: Es ist denkbar, dass Hörgeräte verlorene Nervenverbindungen wiederherstellen oder stärken - ähnlich wie regelmäßiger Sport Muskeln stärkt.
- Entlastung der Energiereserven des Gehirns: Es ist auch denkbar, dass Hörgeräte die Energiereserven des Gehirns entlasten und so dessen Funktionsfähigkeit verbessern.
Früherkennung und Prävention
Angesichts der Studienergebnisse empfehlen die Forschenden, Hörscreenings als einfache, kostengünstige und nebenwirkungsarme Maßnahme in die Primärversorgung zu integrieren - gerade zur Früherkennung möglicher Risiken für die Parkinson-Erkrankung.
Lesen Sie auch: Die Stadien der Parkinson-Krankheit erklärt
Bedeutung frühzeitiger audiometrischer Tests
Die Erkenntnisse aus dieser Studie unterstreichen die Wichtigkeit von frühzeitigen audiometrischen Tests und einer rechtzeitigen Versorgung mit Hörgeräten bei älteren Erwachsenen. Da Hörverlust ein beeinflussbarer Risikofaktor ist, könnte die frühzeitige Intervention einen bedeutenden Beitrag zur Prävention von Parkinson leisten und die Lebensqualität Betroffener verbessern.
Weitere präventive Maßnahmen
Neben der Behandlung von Hörverlust gibt es weitere Maßnahmen, die zur Prävention von Parkinson beitragen können:
- Gesunder Lebensstil: Ein gesunder Lebensstil, der die Vermeidung von Risikofaktoren einschließt, kann die allgemeine Gesundheit verbessern und das Risiko von Hörproblemen minimieren.
- Regelmäßige Bewegung: Regelmäßiger Sport könnte Muskeln stärken und möglicherweise auch Nervenverbindungen im Gehirn wiederherstellen.
- Vermeidung von Lärmbelastung: Der Schutz des Gehörs vor übermäßiger Lärmbelastung kann dazu beitragen, Hörverlust vorzubeugen.
Einschränkungen der Studie und Interpretation der Ergebnisse
Es ist wichtig zu beachten, dass die Ergebnisse der Studie weitgehend auf eine Population männlicher US-Veteranen bezogen sind, was die Übertragbarkeit auf die allgemeine Bevölkerung, insbesondere auf Frauen, einschränkt. Zudem bleibt die Kausalität des Zusammenhangs zwischen Hörminderung und Parkinson unklar: So ist noch nicht eindeutig zu klären, ob Hörverlust eine beginnende Neurodegeneration begünstigt oder eine Folge bereits bestehender neurodegenerativer Prozesse ist.
Weitere Forschung
Es sind weitere Studien nötig, um den Zusammenhang weiter zu untersuchen. Es ist beispielsweise nicht bekannt, ob Hörgeräte verlorene Nervenverbindungen wiederherstellen oder stärken - ähnlich wie regelmäßiger Sport Muskeln stärkt. Es ist auch denkbar, dass Hörgeräte die Energiereserven des Gehirns entlasten und so dessen Funktionsfähigkeit verbessern.
Eine Studie analysierte Daten von fast 160.000 Personen in der UK Biobank, die sich einem Hörtest unterzogen hatten. Bei diesem wurde die Fähigkeit untersucht, Sprache in lauten Umgebungen zu erkennen. Zum Zeitpunkt des Tests hatte keiner der Teilnehmer eine Parkinson-Erkrankung. Im Laufe des durchschnittlichen Beobachtungszeitraums von über 14 Jahren wurde bei 810 Teilnehmern Parkinson diagnostiziert.
Lesen Sie auch: Überblick zur Dopamin-Erhöhung bei Parkinson
Die Forscher kamen in der Analyse zu diesem Ergebnis: Bei jeder Hörminderung um zehn Dezibel erhöhte sich das Risiko für eine Parkinson-Erkrankung um 57 Prozent. Zum Vergleich: Zehn Dezibel entsprechen etwa dem Rascheln von Blättern oder den normalen Atemgeräuschen, ist also sehr leise. Schon ein so geringer Hörverlust kann offenbar fatale Folgen haben.
Dr. Megan Readman, Leiterin der Studie, sagte: "Diese Erkenntnisse sind unglaublich wichtig. Erstens handelt es sich hierbei um eine der ersten Studien, die sich mit der Frage beschäftigt, ob Hörschäden das Parkinson-Risiko erhöhen oder ein frühes Warnsignal für die Erkrankung sein können. Zweitens, wie unsere Erkenntnisse nahelegen, besteht ein enger Zusammenhang zwischen Hörverlust und Parkinson. Daher kann es von Vorteil sein, die Hörfunktion und die Behandlung der Hörbeeinträchtigung bereits bei der Diagnose und der Nachsorge zu berücksichtigen."
Sie räumte jedoch ein, dass noch nicht klar sei, ob Hörverlust Parkinson verursachen könne oder ob es eine gemeinsame Ursache für beide Erkrankungen gebe.