Die Behandlung von übermäßigem Speichelfluss (Sialorrhö) bei Parkinson-Patienten stellt eine Herausforderung dar. Eine wirksame Methode zur Linderung dieses Symptoms ist die Injektion von Botulinumtoxin in die Speicheldrüsen. Dieser Artikel beleuchtet die Anwendung von Botulinumtoxin bei der Behandlung von Sialorrhö im Zusammenhang mit Parkinson, die verschiedenen Aspekte der Therapie und ihre potenziellen Vorteile.
Was ist Botulinumtoxin?
Botulinumtoxine (BTX) sind Proteine, die die Übertragung von Nervenimpulsen auf die Muskulatur blockieren. Sie werden in der Medizin zur Behandlung verschiedener Erkrankungen eingesetzt, darunter Dystonien, Spastik, übermäßiges Schwitzen und chronische Migräne. Die Wirkung von BTX beruht auf der Hemmung der Signalübertragung vom Nerv auf den Muskel, was zu einer Lähmung des injizierten Muskels führt. Diese Wirkung ist in der Regel lokal begrenzt, sodass eine gezielte Behandlung ohne größere systemische Nebenwirkungen möglich ist.
Anwendungsgebiete von Botulinumtoxin
Botulinumtoxin wird in der Neurologie zur Behandlung einer Vielzahl von Indikationen eingesetzt, darunter:
- Dystonien: Torticollis spasmodicus (Schiefhals), Blepharospasmus (Lidkrampf), Oromandibuläre Dystonie, Schreibkrampf
- Spastik: Spastik nach Schlaganfall, Multiple Sklerose, Zerebralparese
- Vegetative Störungen: Hyperhidrose (übermäßiges Schwitzen), Sialorrhö (vermehrter Speichelfluss)
- Chronische Migräne
- Schmerzsyndrome: Narbenschmerzen, Stumpfschmerzen
- Urogenitale Syndrome: Vulvodynie, Vaginismus, Anismus, Priapismus
- Engpasssyndrome: Piriformis-Syndrom, Karpaltunnelsyndrom, Thoracic-outlet-Syndrom
Botulinumtoxin zur Behandlung von Sialorrhö bei Parkinson
Bei Parkinson-Patienten kann es aufgrund von Schluckstörungen zu vermehrtem Speichelfluss kommen. Die Sialorrhö kann die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen, da sie zu Problemen beim Sprechen, ungewolltem Speichelverlust und einem erhöhten Risiko für Atemwegsinfektionen führen kann.
Die Injektion von Botulinumtoxin in die Speicheldrüsen kann die Speichelproduktion reduzieren und somit die Symptome der Sialorrhö lindern. Dabei werden in der Regel die Glandula submandibularis (Unterkieferspeicheldrüse) und die Glandula parotis (Ohrspeicheldrüse) behandelt. Die Therapie mit Botulinumtoxin gilt bei Parkinson-Syndromen aufgrund der oft ausgeprägten Nebenwirkungen anderer medikamentöser Behandlungen (z. B. Scopolamin-Pflaster) als Therapie der ersten Wahl.
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Studienlage zur Wirksamkeit von Botulinumtoxin bei Sialorrhö
Mehrere Studien haben die Wirksamkeit von Botulinumtoxin bei der Behandlung von Sialorrhö im Zusammenhang mit Parkinson untersucht. Eine Untersuchung unter der Leitung von Professor Wolfgang Jost zeigte, dass bei vier von fünf Patienten mit je zehn Einheiten Botox® pro Drüse ein gutes Ergebnis erzielt werden konnte, das vier bis sieben Monate anhielt. Eine andere Studie mit neun Parkinson-Patienten ergab bei einem Drittel einen sehr guten Erfolg, bei einem weiteren Drittel eine partielle Besserung. Eine doppelblinde randomisierte Studie mit 32 Probanden, die an Hypersalivation aufgrund von Morbus Parkinson oder amyotropher Lateralsklerose litten, belegte eine statistisch signifikante Linderung der Beschwerden von Patienten der Verum-Gruppe im Vergleich zu Probanden im Placebo-Arm bis zu 180 Tagen.
Ablauf der Behandlung
Vor der Behandlung erfolgt eine umfassende neurologische Untersuchung und eine indikationsspezifische Beratung. Die Injektion von Botulinumtoxin erfolgt mit einer dünnen Nadel direkt in die betroffenen Speicheldrüsen. Die Injektionen werden in der Regel EMG- (Elektromyographie) und Ultraschall-gesteuert durchgeführt, um die korrekte Platzierung des Medikaments sicherzustellen. Der Effekt der Behandlung setzt nach etwa einer Woche ein und ist nach zwei bis drei Wochen am stärksten zu spüren. Da die Wirkung mit der Zeit nachlässt, wird die Therapie in der Regel alle drei Monate wiederholt.
Mögliche Nebenwirkungen
Die Botulinumtoxin-Therapie wird in der Regel gut vertragen. In seltenen Fällen können Nebenwirkungen im Injektionsbereich wie etwa blaue Flecke auftreten, vor allem bei Einnahme gerinnungshemmender Medikamente. Zudem kann eine übermäßige Schwäche der Muskulatur auftreten, die jedoch nicht von Dauer ist. Gefäß- und Nervenverletzungen sind äußerst selten. Bei einer zu hohen Dosierung können Schluckstörungen, Mundtrockenheit, Kopfschmerzen, Übelkeit oder eine Einschränkung der Mimik auftreten.
Weitere Therapieoptionen bei Sialorrhö
Neben der Botulinumtoxin-Therapie gibt es weitere Optionen zur Behandlung von Sialorrhö:
- Logopädische Therapie: Schlucktechniken können erlernt und im Alltag gefestigt werden. Auch eine Ergotherapie im Gesichtsbereich, bei der die Funktion des Kiefers normalisiert wird, stellt eine Behandlungsmöglichkeit dar.
- Medikamentöse Therapie: Anticholinergika wie Glycopyrronium können die Speichelproduktion reduzieren, sind aber mit vielfältigen Nebenwirkungen verbunden.
- Chirurgischer Eingriff: In seltenen Fällen kann eine Verödung der Speicheldrüsen oder ein Umlegen und Verschließen der Speichelausführungsgänge in Betracht gezogen werden.
Spezialisten für die Behandlung von Sialorrhö
Eine gezielte und stets individuelle Behandlung der Sialorrhö erfordert die Zusammenarbeit verschiedener Ärzte, da eine Vielzahl an Erkrankungen die Ursache einer Sialorrhö sein kann. Dazu zählen beispielsweise:
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- Neurologen
- Neuropädiater im Kindes- oder Jugendalter
- Hals-Nasen-Ohrenärzte, darunter auch Spezialisten für Phoniatrie
- Spezielle Schluck-Ambulanzen an größeren Kliniken
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