Die Parkinson-Krankheit ist eine neurodegenerative Erkrankung, die nicht nur die dopaminergen Neuronen betrifft, sondern auch Astrozyten in ihrer Funktion beeinträchtigt. Neben den motorischen Symptomen leiden viele Parkinson-Patienten unter nicht-motorischen Symptomen wie Fatigue, die bereits im Frühstadium der Erkrankung auftreten kann. Die transkutane aurikuläre Vagusnervstimulation (taVNS) rückt als vielversprechende Therapieoption zur Linderung von Fatigue bei chronischen Erkrankungen, einschließlich Parkinson, in den Fokus.
Fatigue bei Parkinson: Ein belastendes Symptom
Fatigue ist ein häufiges und stark belastendes Symptom bei Parkinson-Patienten, das bei 33 % bis 58 % aller Betroffenen auftritt. Sie äußert sich als tiefgreifendes Erschöpfungserleben, das sich von normaler Müdigkeit unterscheidet. Betroffene erleben eine anhaltende, lähmende Müdigkeit, die durch Schlaf oder Ruhe nicht verbessert wird und die körperliche, kognitive und emotionale Leistungsfähigkeit erheblich beeinträchtigt. Fatigue kann das schlimmste Begleitsymptom für Parkinson-Patienten sein und ihre Lebensqualität erheblich mindern. Bislang gibt es jedoch keine allgemein wirksame Behandlung gegen Fatigue.
Vagusnerv: Die Datenautobahn des Körpers
Der Vagusnerv, auch bekannt als der zehnte Hirnnerv, ist ein zentraler Bestandteil des parasympathischen Nervensystems. Er ist ein weitverzweigtes Netzwerk von Nervenfasern, das den Verdauungstrakt, die Lunge und das Herz mit dem Gehirn verbindet. Der Vagusnerv leitet wichtige Informationen von Organen und Systemen an das Gehirn und den Hirnstamm weiter und spielt eine entscheidende Rolle bei der Regulation von Stress, Entzündungen, Erholung und verschiedenen Körperfunktionen wie Verdauung und Schlaf.
Der Vagusnerv besteht hauptsächlich aus Nervenfasern, die Signale von den Organen zum Gehirn senden. Nur ein kleiner Teil der Fasern leitet Signale vom Gehirn zu den Organen. Er hilft uns, schnell das passende Verhalten auszuwählen, z. B. zu essen, wenn wir Hunger haben, oder das Immunsystem hochzufahren, wenn wir krank sind.
Vagusnerv und die Darm-Hirn-Achse
Der Vagusnerv ist die wichtigste Nervenbahn der sogenannten Darm-Hirn-Achse. Er steht in direkter Verbindung zum Darm und beeinflusst die Darmgesundheit. Stress im Gehirn kann den Darm und die Verdauung beeinflussen, was die Bedeutung eines gut funktionierenden Vagusnervs für die allgemeine Gesundheit unterstreicht.
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Vagusnerv und Stress
Im sympathischen Nervensystem werden Körperfunktionen mobilisiert, die Aktivität ermöglichen - im Alltag und beim Sport. Bei Stress macht uns der Sympathikus fit für Kampf oder Flucht. In einer akuten Stressreaktion übernimmt der Sympathikus das Zepter. Der Parasympathikus (und mit ihm der Vagusnerv) zieht sich zurück. Der vagale Einfluss wird heruntergeregelt. Denn der Körper kann jetzt Entspannung nicht gebrauchen. Ist alles überstanden, kommt der Parasympathikus - und damit der Vagusnerv - wieder ins Spiel. Wenn jemand im Dauerstress ist, dann dominiert das sympathische System pausenlos. Es kommt zu einer Art „Dauerdrosselung“ der Vagustätigkeit. Der Vagus ist zwar nicht komplett „ausgeschaltet“. Seine beruhigende Wirkung kommt aber nicht richtig durch, weil der Stressmotor ständig auf Vollgas läuft. Die Bremse funktioniert kaum mehr.
Vagusnerv und Fatigue
Stressintoleranz und Erschöpfung sind häufige Folgen eines wenig aktiven Vagusnervs. Man erträgt Stress nur schlecht. Es fehlt an Resilienz (psychischer Abwehrkraft). Entsprechend schlecht und wenig erholsam ist der Schlaf. Schlafstörungen und infolgedessen Tagesmüdigkeit sind keine Seltenheit. Stimmungsschwankungen treten auf - bis hin zu Antriebslosigkeit und allgemeiner psychischer Labilität. Verdauungsprobleme bis hin zum Reizdarm sind ein sehr häufiges Symptom für einen schwachen Vagusnerv. Ist der Vagus nur schwach, dann kann sich eine verstärkte Schmerzempfindlichkeit einstellen. Dadurch verschlimmern sich Krankheiten, die mit chronischen Schmerzen einhergehen. Er wirkt entzündungshemmend, bremst die Stressreaktion des Körpers und verändert die Art und Weise, wie Schmerzsignale im Gehirn verarbeitet werden. Dadurch können vor allem entzündlich bedingte Schmerzen gelindert werden. Auch hormonelle Dysbalancen treten bei geringer vagaler Aktivität auf. Denn Stresshormone beeinflussen andere Hormonkreisläufe. Im Sport sinken Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit. Langfristig können sich schwere Krankheiten, wie Herzrhythmusstörungen und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen entwickeln.
Vagusnerv und Herzfrequenzvariabilität
Die Herzfrequenzvariabilität (HRV) ist ein Maß für die Schwankung der Zeitintervalle zwischen den Herzschlägen. Eine hohe HRV deutet auf eine gute Aktivität des Vagusnervs und ein flexibles autonomes Nervensystem hin. Bei Dauerstress kommt es oft zu einer dauerhaft niedrigen HRV - ein Zeichen für ein überlastetes, „unflexibles“ autonomes Nervensystem.
Methoden zur Aktivierung des Vagusnervs
Methoden zur Aktivierung des Vagusnervs helfen, den Parasympathikus bewusst zu reaktivieren und das Gleichgewicht zwischen Stress- und Erholungsmodus wiederherzustellen.
- Atemübungen: Kontrollierte Atemübungen wie tiefes Atmen oder progressive Muskelentspannung wirken nachweislich entspannend. Die Boxatmung, bei der man auf vier Zählzeiten einatmet, vier Zählzeiten die Atmung hält, auf vier ausatmet und wieder vier Zählzeiten hält oder eine verlängerte Ausatmung können die Entspannung fördern.
- Summen: Da der Vagusnerv auch die Kehlkopfmuskulatur innerviert, wirken Schwingungen durch einfaches Summen stimulierend auf ihn.
- Rotlicht: Rotlicht aktivierte den Vagus, während blaues Licht den Sympathikus (Stressmodus) aktivierte. Rotlicht mit einer Wellenlänge von 630 bis 660 nm erhöhte die vmHRV - das Herz entspannte sich, Erholung setzte ein.
- Meditation: Meditation und achtsame Selbstwahrnehmung gehören zu den am besten untersuchten Methoden, um das autonome Nervensystem in Balance zu bringen.
- Kältereiz: Dazu taucht man einfach für 15 bis 30 Sekunden das Gesicht in eine Schüssel mit kaltem Wasser. Dabei wird automatisch die Luft angehalten. Genau diese Kombination aus Kältereiz und Atemstillstand löst den sogenannten Tauchreflex aus.
- Massagen: Über die Haut und die darunterliegenden Mechanorezeptoren werden Reize an das Rückenmark und den Hirnstamm weitergeleitet. Auch eine Bauchmassage, die man sich selbst gibt, ist sehr wirkungsvoll. Natürlich können Sie sich auch eine Nacken- oder Fußreflexzonenmassage verabreichen lassen. Auch hier erhöht sich die HRV und der Vagus wird gestärkt.
- Ernährung: Achten Sie darauf, dass Sie gut mit Vitamin D, Vitamin C und den Vitaminen des B-Komplexes versorgt sind. Omega-3-Fettsäuren hemmen die Bildung entzündungsfördernder Zytokine. Probiotika (lebende Darmbakterien) verbessern die Darmgesundheit und helfen bei der Sanierung der Darmflora.
- Sport: Besonders Ausdauertraining (z. B. Joggen, Radfahren, Schwimmen) ist ideal, um das autonome Nervensystem zu trainieren und die HRV zu erhöhen.
Transkutane aurikuläre Vagusnervstimulation (taVNS): Ein neuer Therapieansatz bei Fatigue?
Die transkutane aurikuläre Vagusnervstimulation (taVNS) ist eine nicht-invasive Methode zur Stimulation des Vagusnervs, bei der spezielle Ohrelektroden eingesetzt werden, die schwache elektrische Impulse an den Vagusnerv senden. Die taVNS zielt darauf ab, den Vagusnerv am Ohr zu stimulieren und dadurch zentrale und periphere Prozesse zu beeinflussen, einschließlich autonomer Regulation und immunologischer Aktivität.
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Ein Forschungsteam der Medizinischen Fakultät der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg untersucht nun, ob eine sanfte elektrische Stimulation am Ohr, die sogenannte transkutane aurikuläre Vagusnervstimulation (taVNS), helfen kann, diese Beschwerden zu lindern. Für die Studie mit dem Titel „ReVita“ werden ab sofort Teilnehmende gesucht, die an chronischer Fatigue, zum Beispiel bei Multipler Sklerose, Morbus Parkinson, ME/CFS oder Long-COVID leiden.
Die ReVita-Studie in Magdeburg
Das Magdeburger Forschungsteam der ReVita-Studie untersucht die Wirksamkeit, Machbarkeit und Alltagstauglichkeit einer vierwöchigen, selbstständig zu Hause durchgeführten taVNS-Anwendung bei Personen mit klinisch relevanter Fatigue im Rahmen der oben genannten Grunderkrankungen. Die Teilnehmenden führen die Stimulation über vier Wochen hinweg zweimal täglich selbst durch und werden per Zufall einer von zwei Gruppen zugeteilt: einer Gruppe mit aktiver Stimulation oder einer Gruppe mit Schein-Stimulation. Zusätzlich werden mit einem Fitnesstracker und einer Smartphone-App Daten zu Schlaf, Aktivität und Befinden erhoben.
Die Studie möchte herausfinden, ob diese Form der Stimulation die subjektive Erschöpfung messbar verringern und die Lebensqualität verbessern kann. Sekundäre Endpunkte umfassen die Veränderung der Lebensqualität, depressive Symptome, Tagesmüdigkeit, kognitive Leistungsfähigkeit sowie Veränderungen neurophysiologischer Parameter. Explorativ werden zusätzlich wearable-basierte Parameter wie Herzratenvariabilität und Aktivitätsdaten analysiert. Zudem werden mögliche Unterschiede zwischen den zugrunde liegenden Krankheitsgruppen (neurologisch, postinfektiös) untersucht.
Potenzial der taVNS
Erste Studien deuten auf eine potenzielle Reduktion von Fatigue-Symptomen und eine Modulation entzündungsbezogener Parameter durch taVNS hin. Prof. Dr. Tino Zähle, Leiter der Abteilung Neuropsychologie und Institutsleiter der Medizinischen Psychologie, erklärt: „Wenn sich zeigt, dass diese Methode wirksam ist, könnten viele Patientinnen und Patienten künftig selbst aktiv etwas gegen ihre Fatigue tun, ganz ohne Medikamente und mit geringem Aufwand. Das wäre ein wichtiger Schritt hin zu einer patientennahen, alltagstauglichen Therapie.“
Weitere Verfahren zur Neurostimulation
Neben der taVNS gibt es weitere Verfahren zur Neurostimulation, die bei verschiedenen neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen eingesetzt werden:
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- Transkranielle Magnetstimulation (TMS): Ein nicht-invasives Verfahren, bei dem ein pulsierendes Magnetfeld elektrische Ströme im Hirngewebe induziert. TMS wird u.a. bei Depressionen, Angststörungen, Brain Fog, Erschöpfung, Fibromyalgie, Long Covid-Syndrom, Posttraumatische Belastungsstörung, Schizophrenie, Tinnitus oder Zwangsstörungen eingesetzt.
- Transkranielle Pulsstimulation (TPS): Ein neues, nicht-invasives Verfahren zur Hirnstimulation mit fokussierten Stoßwellen. TPS wird u.a. bei Demenzen, Erschöpfung, Long Covid-Syndrom und Morbus Parkinson eingesetzt.
- Transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS): Ein nicht-invasives Verfahren, bei dem schwache kontinuierliche elektrische Ströme transkraniell in das Gehirn geleitet werden. tDCS wird u.a. bei Depressionen, Fibromyalgie und chronischen Schmerzen eingesetzt.
- Nicht-invasive Vagusnervstimulation (nNVS): Ein nicht-invasives Verfahren, bei dem elektrische Impulse durch die Haut am Hals abgegeben werden, um den Vagusnerv zu stimulieren. nNVS hat sich als wirksam bei der Behandlung verschiedener Kopfschmerzerkrankungen erwiesen, darunter Migräne und Cluster-Kopfschmerzen.
- Tiefe Hirnstimulation (DBS): Ein invasives Verfahren, bei dem Elektroden in bestimmte Hirnbereiche implantiert werden, um elektrische Impulse abzugeben. DBS ist eine etablierte Methode zur Behandlung von Morbus Parkinson und anderen Bewegungsstörungen.
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