Parkinson, Selbstbefriedigung und Sexualität: Ein umfassender Überblick

Neurologische Erkrankungen wie Parkinson können vielfältige Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen haben, darunter auch sexuelle Funktionsstörungen. Da diese Probleme oft nicht von selbst angesprochen werden, ist es wichtig, dass Ärzte gezielt danach fragen. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte von Sexualität und Parkinson, um Betroffenen und ihren Partnern ein besseres Verständnis und Lösungsansätze zu bieten.

Einführung

Parkinson hat Auswirkungen auf viele Bereiche - auch auf das Sexualleben. Während die Auswirkungen der Krankheit auf den Alltag oft thematisiert werden, bleibt der Einfluss auf Intimität und Sexualität häufig unerwähnt. Viele Betroffene und Partner schweigen aus Scham - dabei ist es ganz normal, dass sich Sexualität bei Parkinson verändert.

Die Bedeutung der Anamnese

Die Beurteilung sexueller Probleme bei neurologischen Patienten beginnt mit der Anamnese. Hierbei sollten vier Bereiche abgefragt werden:

  1. Libido und sexuelles Begehren: Sind Interesse und Motivation für sexuelle Aktivitäten reduziert oder fehlen sie? In seltenen Fällen kann es auch zu Hypersexualität kommen (z.B. bei M. Parkinson).
  2. Genitale Erregung: Bei Männern sollte nach erektiler Dysfunktion, bei Frauen nach vaginaler Trockenheit gefragt werden.
  3. Orgasmus: Ist der Orgasmus reduziert, verspätet oder fehlt er ganz? Bei Männern kann die Ejakulation zu spät oder zu früh erfolgen oder auch ausbleiben.
  4. Ausgangspunkt: Als Ausgangspunkt sollte immer die sexuelle Funktion und Aktivität vor Beginn der neurologischen Erkrankung genommen werden.

Dimensionen sexueller Dysfunktion bei Parkinson

Die sexuelle Dysfunktion bei einer neurologischen Erkrankung kann mehrere Dimensionen aufweisen. So finden sich z.B. bei Multipler Sklerose drei Ebenen:

  • Primäre Ebene: Neurologische Läsionen können zu Gefühls-, Erregungs- und Ejakulationsstörungen führen.
  • Sekundäre Ebene: Faktoren wie Müdigkeit, Spastizität, Schwäche, Koordinationsstörungen und Tremor spielen eine Rolle, aber auch Störungen der Konzentration bzw. Aufmerksamkeit, Schmerzen und Parästhesien sowie Harn- bzw. Stuhlinkontinenz. Diese Faktoren stören die Sexualität nicht unmittelbar, aber sehr wohl über ihre Auswirkungen.
  • Psychische Komponente: Depression, Angst, Ärger und Schuldgefühle, aber auch ein niedriges Selbstwertgefühl sind zu berücksichtigen.

Körperliche Untersuchung

Eine zielgerichtete physikalische Untersuchung umfasst:

Lesen Sie auch: Parkinson-Medikamente: Was Sie beachten müssen

  • Vitalfunktionen: Blutdruck und Herzfrequenz, Gewicht und Grösse.
  • Neurologische Untersuchung: Kognitive, motorische und sensorische Funktionen, weil auf all diesen Ebenen Störungen vorliegen können, die sich auf Intimität und sexuelle Vollzugsfähigkeit auswirken.
  • Medikation: Evaluierung der aktuellen Medikation und ihrer möglichen Auswirkungen auf die Sexualfunktion.

Auswirkungen von Parkinson auf die Sexualität

Parkinson ist mit einer Vielzahl von Symptomen verbunden, die sich direkt oder indirekt auf die Sexualität auswirken. Sexuelle Probleme treten bei Menschen mit Parkinson etwa doppelt so häufig auf und das Risiko dafür ist sogar um das 3,5-Fache erhöht.

Motorische Symptome

Typische motorische Symptome wie Zittern, Muskelsteifheit und verlangsamte Bewegungen erschweren oft die körperliche Intimität. Simple Gesten wie Umarmen oder Streicheln kosten mehr Kraft und können sich auch ungewohnt anfühlen.

Nicht-motorische Symptome

Nicht-motorische Symptome spielen eine ebenso wichtige Rolle. Bei vielen Menschen, die an Parkinson erkrankt sind, treten Depressionen und Angstzustände auf - beides kann das sexuelle Verlangen erheblich verringern. Darüber hinaus kann chronische Erschöpfung, die etwa die Hälfte der Parkinson-Patient:innen betrifft, die für intime Momente benötigte Energie reduzieren.

Dopaminmangel

Der zentrale Mechanismus hinter diesen Problemen ist der Dopaminmangel, der durch das Absterben bestimmter Nervenzellen im Gehirn entsteht. Dopamin spielt eine Schlüsselrolle in der Regulierung von Sexualfunktionen wie Libido und Erektion.

Medikamente

Medikamente zur Behandlung von Parkinson können die Sexualität ebenfalls beeinflussen - positiv wie negativ. Während Dopaminagonisten in manchen Fällen die Libido steigern, führen sie in anderen zu sexuellen Problemen, indem sie etwa Nebenwirkungen wie Hypersexualität oder Schwierigkeiten beim Orgasmus mit sich bringen.

Lesen Sie auch: Die Stadien der Parkinson-Krankheit erklärt

Häufige sexuelle Veränderungen bei Parkinson

Jede Person erlebt Parkinson anders. Dennoch treten bestimmte Veränderungen gehäuft auf. Neben den genannten Problemen zeigen sich vor allem:

  • Erektionsprobleme
  • Trockenheit und Scheidenkrämpfe
  • Orgasmusschwierigkeiten
  • Veränderungen in der Libido
  • Sexuelle Unzufriedenheit

Bis zu 80 % der Männer mit Parkinson haben Schwierigkeiten, eine Erektion zu bekommen oder zu halten. Diese Probleme sind durch gestörte neurologische Signale, Gefäßveränderungen oder Medikamente bedingt.

Ursachen für sexuelle Probleme bei Frauen mit Parkinson

  • Hormonelle Faktoren: Insbesondere bei älteren Patientinnen, bei denen zusätzlich die natürliche Östrogenproduktion sinkt.
  • Autonomes Nervensystem: Parkinson stört auch das autonome Nervensystem, das für die Regulation der Scheidendurchblutung und Feuchtigkeitsbildung mitverantwortlich ist.
  • Muskelsteifheit: Die Muskelsteifheit kann auch den Beckenboden betreffen.
  • Veränderte Nervenreize: Veränderte Nervenreize oder eine verminderte Wahrnehmung führen zu einer erhöhten Anspannung im Intimbereich.

Hypersexualität

Während viele Betroffene die Lust verlieren, kann eine dopaminerge Therapie in einigen Fällen auch zu zwanghaftem Sexualverhalten führen. Diese unerwünschte Nebenwirkung tritt häufiger bei Männern auf und kann unter allen Dopaminagonisten auftreten.

Orgasmusschwierigkeiten

Verlangsamte Nervenreaktionen und unerwünschte Nebenwirkungen von Medikamenten können das Erreichen eines Höhepunkts erschweren.

Auswirkungen auf Partnerschaften

Die Kombination aus körperlichen Einschränkungen und emotionalen Belastungen führt oft dazu, dass Betroffene und ihre Partner:innen weniger Freude an Intimität empfinden. All diese Veränderungen beeinflussen auch die Dynamik in der Partnerschaft. Partner:innen fühlen sich manchmal überfordert oder unsicher, wie sie mit der Situation umgehen sollen.

Lesen Sie auch: Überblick zur Dopamin-Erhöhung bei Parkinson

Lösungsansätze und Therapieoptionen

Frühzeitiges Ansprechen sexueller Veränderungen

Besonders wichtig ist es, sexuelle Veränderungen frühzeitig anzusprechen.

  • Medikamentenanpassung: Wenn Erektionsprobleme oder Libidoverlust mit Parkinson-Medikamenten zusammenhängen, sollte die Dosierung oder der Medikamententyp überprüft werden. Zudem sind für Männer oft PDE-5-Hemmer hilfreich, für Frauen können sich Gleitmittel oder Hormonbehandlungen eignen.
  • Nebenbeschwerden behandeln: Depressionen, Angst oder Müdigkeit lassen sich mit Psychotherapie und/oder Medikamenten lindern, was das Sexualleben indirekt verbessern kann.
  • Physiotherapie: Gezielte Übungen verbessern die Beweglichkeit und erleichtern körperliche Intimität. Physiotherapeut:innen können Tipps zu geeigneten Stellungen geben. Spezialisierte Sexualtherapie bietet zudem individuelle Lösungen.
  • Timing nutzen: In „On-Phasen“, wenn Medikamente optimal wirken und Symptome geringer sind, fällt Sexualität oft leichter.
  • Offene Gespräche: Offene Gespräche sind essenziell, um Bedürfnisse, Ängste und Wünsche zu teilen. Partner:innen können nur ermutigt werden, viel nachzufragen.

Flexibilität und Kommunikation

Die Symptome von Parkinson verändern sich im Krankheitsverlauf und somit auch die sexuellen Bedürfnisse. Daher sind Flexibilität und laufende Kommunikation besonders gefragt.

Positive Aspekte in Partnerschaften

Die Beeinträchtigung der Sexualität kann Partnerschaften belasten, doch Studien zeigen, dass positive Aspekte wie Kommunikation, Zärtlichkeit und gemeinsame Aktivitäten nach der Diagnose an Bedeutung gewinnen - besonders bei Frauen. Manche Paare entdecken neue Formen der Intimität wie Kuscheln oder Massagen, die weniger von körperlicher Leistung abhängen.

Weitere Tipps und Strategien

  • Sexualität als Teil des Lebens: Viele Betroffene wünschen sich dennoch weiterhin eine erfüllte Sexualität. Sie sind nicht allein!
  • Häufigkeit sexueller Probleme: Männer mit Parkinson leiden häufiger unter sexuellen Problemen als Frauen (36 Prozent).
  • Ursachenforschung: Sexuelle Probleme können verschiedene Ursachen haben, die nicht immer direkt mit der Parkinson-Erkrankung oder der Lebenssituation zu tun haben. Es gibt keinen Grund für Scham oder Schuld.
  • Körperliche Einschränkungen: Motorische Einschränkungen (z.B. Zittern, Steifheit im Bett) das Sexualleben erheblich beeinträchtigen können.
  • Phantasie: Die Phantasie kann genutzt werden, um Erregung auszulösen.
  • Ekelgefühle: Medikamente können Ekelgefühle auslösen und fehlende Lust hervorrufen.
  • Intime Begegnungen: Dies verringert dann die Wahrscheinlichkeit intimer Begegnungen!
  • Der Kopf als wichtigstes Sexualorgan: Man geht davon aus, „dass der Kopf das wichtigste Sexualorgan ist“.
  • Versagensängste: Offene Gespräche mit dem Partner können überflüssige Versagensängste reduzieren.
  • Genuss: Ein entspanntes Umfeld ist wichtig, da sich Stress und Anspannung mit einem genussvollen Sexualleben nicht verträgt.
  • Offene Kommunikation: Das offene Gespräch mit dem Partner eröffnet den besten Ausweg aus dem beschriebenen Dilemma. Bedürfnisse sollten offen mitgeteilt bzw. erfragt werden.
  • Befriedigendes Sexualleben: Durch offene Kommunikation kann den Beteiligten ein befriedigendes Sexualleben ermöglichen werden.
  • Angst vor Verschlechterung: Viele Betroffene befürchten, dass sexuelle Aktivität ihr Grundleiden verschlechtern könnte.
  • Normalität: Es ist wichtig zu wissen, dass sexuelle Probleme nicht unnormal sind. Das Gegenteil trifft in beiden Fällen zu.
  • Bewältigung der Erkrankung: Eine erfüllte Sexualität kann helfen, eine Erkrankung wie den Morbus Parkinson besser zu bewältigen.
  • Professionelle Hilfe: Bei Bedarf sollte ein Arzt oder Therapeut konsultiert werden.
  • Verändertes sexuelles Verlangen: Es ist normal, dass sich das sexuelle Verlangen verändert.
  • Tabus: Früher galt es als „unanständig“ oder „verboten“, über sexuelle Themen zu sprechen.
  • Entspannung: Raumdüfte entspannen Gesunde wie Kranke gleichermaßen.
  • Rollenverteilung: Man sollte nicht aus Bequemlichkeit auf solche Elemente verzichten! Es kann sinnvoll sein, eine solche Rollenverteilung zu ändern.
  • Erlahmen der Sexualität: Es kann passieren, dass es zu wenig Kontakten kommt oder das Sexualleben völlig erlahmt.
  • Sicherheit: Es ist wichtig, dass sexuelle Aktivität weitgehend sicher ist.
  • Zeit: Man sollte sich Zeit zu lassen.
  • Zärtlichkeiten: Zärtlichkeiten sind wichtig!
  • Beginn der Parkinson-Krankheit: Das sexuelle Verlangen nimmt mit Beginn der Parkinson-Krankheit leider oft ab.
  • Libido: Es kann zu einem gesteigerten sexuellen Verlangen („Libido“) kommen (auch wenn dieses zuvor eher gering war).
  • Scham und Depression: Mit sexuellen Problemen können Scham, erhebliche Selbstzweifel und eine Depression die Folge sein.
  • Trockenheit der Scheide: Bei Frauen geht die verminderte Erregbarkeit häufig mit Trockenheit der Scheide einher.
  • Umdenken und Neuorientierung: Parkinson erfordert Umdenken und Neuorientierung. Sexualität unterliegt keinem starren und lebenslang gültigen Schema.
  • Sexualität erleben: Sexualität kann alleine oder mit einem Partner erlebt werden.
  • Zärtlichkeit: Zärtlichkeit ist im Alter ebenso wichtig wie in der Jugend oder im mittleren Erwachsenenalter.

Selbstbefriedigung als Option

Auch Solosex (Masturbation) kann für Entspannung sorgen und die Lebensqualität verbessern.

Medizinisches Cannabis

Medizinalcannabis kann in bestimmten Fällen eine unterstützende Rolle spielen - vor allem durch seine schmerzstillenden, entspannenden und angstlösenden Eigenschaften. Die Datenlage ist ermutigend, aber nicht ausreichend, um Cannabis als Standardtherapie bei sexuellen Dysfunktionen zu empfehlen. Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Schwindel, Mundtrockenheit oder kognitive Einschränkungen sind möglich. In höheren Dosierungen kann THC Ängste verstärken. Zudem besteht bei unsachgemäßer Anwendung ein Risiko für Abhängigkeit.

Kommunikation in der Partnerschaft

Wenn Parkinson die Lust oder die körperliche Sexualität beeinflusst, beschäftigt das beide Partner: Sich durch die Erkrankung eingeschränkt fühlen, weniger Attraktivität oder ein gesteigertes sexuelles Begehren erleben, unerfüllte Bedürfnisse oder ein Gefühl von Überforderung sind mögliche Veränderungen. All das ist verständlich und nicht verwerflich. Allerdings sollte es niemand in sich hineinfressen.

Tipps für offene Gespräche

  • Angenehmen Gesprächsraum schaffen: Wenn etwas gerade nicht gut gelaufen ist, jemand sich zum Beispiel zurückgewiesen fühlt, macht ein Gespräch wenig Sinn. Besser kündigt man seinen Bedarf an: ‚Ich möchte gern am Wochenende einmal mit dir darüber reden, wie wir mit Zärtlichkeit umgehen können. Denn für mich ist da etwas gerade nicht in Ordnung.‘ So kann der andere sich vorbereiten.
  • "Ich"-Botschaften verwenden: Für das Gespräch selbst rät Dr. Braukhaus zu „Ich“-Botschaften wie „Ich wünsche mir …“ oder „Mir fehlt etwas.“. Mit ihnen ließen sich die eigenen Gefühle gut beschreiben. Verzichten sollte man auf schnell vorwurfsvoll klingende Sätze wie „Du bist so …“ oder „Du machst nie …“.
  • Raum für die Sicht des Partners geben: Natürlich sollte man im Gespräch dem anderen auch Raum für seine Sicht geben.
  • Offenheit wagen: Jeder sollte sich daher ein Herz fassen und offen ansprechen: „Ich habe ein Problem. Ich weiß, es ist nicht leicht, es zu lösen. Aber es tut mir gut, wenn wir darüber reden.

tags: #parkinson #und #selbstbefridigug