Polychlorierte Biphenyle (PCB) gehören zu den persistenten organischen Schadstoffen (POP), die über viele Jahrzehnte in technischen und baulichen Anwendungen eingesetzt wurden. Lange Zeit war ihre Gefährlichkeit unbekannt. Dieser Artikel beleuchtet die Auswirkungen von PCB auf das zentrale Nervensystem, basierend auf Forschungsergebnissen, Fallbeispielen und behördlichen Maßnahmen.
Was sind PCB?
PCB sind fettlöslich, chemisch sehr stabil und können sich in biologischen Geweben anreichern. Sie gehören zum "dreckigen Dutzend" der giftigsten Stoffe, die die Menschheit kennt. Bereits im Nanogramm-Bereich sind sie mittel- und langfristig krebserregend und schädigen das zentrale Nervensystem. Sie können vom menschlichen Körper nicht abgebaut werden.
Aufnahme von PCB in den Körper
PCB werden durch Einatmen, Hautkontakt und Verschlucken in den Körper aufgenommen. Die gesundheitlichen Risiken hängen von Konzentration, Dauer der Exposition, individueller Empfindlichkeit und Art der PCB-Verbindungen ab.
Gesundheitliche Auswirkungen von PCB
PCB können Schäden der Haut (Chlorakne), der Leber und Nieren, des Zentralnervensystems und Verdauungsapparates hervorrufen. Eine krebserregende Wirkung beim Menschen ist wahrscheinlich, in Tierversuchen ist sie nachgewiesen. Langfristig kann schon die sehr geringe Menge von wenigen hundert Nanogramm PCB 300 Nanogramm entspricht 0,0000003 Gramm in einem Kubikmeter Raumluft gesundheitsschädliche PCB-Konzentrationen im Blut bewirken.
Auswirkungen auf das zentrale Nervensystem
PCB können das zentrale Nervensystem schädigen. Bei Personen mit einem gestörten Formaldehydstoffwechsel wurden Störungen des zentralen Nervensystems beobachtet: Konzentrationsstörungen, Wortfindungsstörungen, Übelkeit, Unruhe (häufig mit Diarrhöe), auch Erbrechen.
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Fallbeispiele und Studien
Envio in Dortmund
Die Dortmunder Giftfirma Envio hatte Arbeiter und Anwohner bis April 2010 mit PCB verseucht. Dabei gehören die Chlorverbindungen zu den zwölf gefährlichsten Giftstoffen überhaupt und sind seit 2001 verboten. Envio-Geschäftsführer Dirk Neupert ließ verseuchte Transformatoren sogar aus der Untertage-Giftmülldeponie Herfa-Neurode nach Dortmund schaffen - Neupert hatte in den Elektrobauteilen enthaltene Edelmetalle als Geldquelle entdeckt.
Georg-Ledebour-Schule in Nürnberg
Stark erhöhte PCB-Werte im Blut von Schülern der Nürnberger Georg-Ledebour-Schule haben in der Öffentlichkeit Angst und Wut über den Umgang der Verantwortlichen mit der PCB-Problematik ausgelöst. Nachdem bereits im Juni 2000 eine erhöhte PCB-Belastung der Schule bekannt war, wurden erst ein Jahr später im Mai und Juni 2001 Kontrolluntersuchungen durchgeführt, um mögliche Auswirkungen auf die Gesundheit der Schüler festzustellen. Die Spitzenwerte in der Georg-Ledebour-Schule lagen bei rund 20 000 Nanogramm.
Bergkamen
In den letzten Tagen kam an die Öffentlichkeit, dass im Industriegebiet nördlich der Erich-Ollenhauer-Straße in Bergkamen in Pflanzen erhöhte PCB-Werte gemessen wurden. Als mögliche PCB-Emittenten kommen vor allem die Fa. „M&R Recycling“, eine Tochter des weltweit tätigen Entsorgungsunternehmens Remondis aus Lünen/Selm, und das sogenannte „Biomassekraftwerk“ von innogy in Frage.
Studien zu Feinstaub und Gehirnleistung
Forscherteams der Universität Rostock (Benjamin Aretz und Prof. Gabriele Doblhammer) und Universität Groningen haben zusammen mit dem Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) eine Langzeitstudie in den Niederlanden zur Luftverschmutzung durch Feinstaub durchgeführt. Ein spezieller Schwerpunkt bei der Studie war die Fragestellung, ob bereits geringe Belastungen durch ultrafeine Partikel an Feinstaub die Gehirnleistungen beeinträchtigen können. Das Studienergebnis der gemeinsamen Forschung bestätigte die Annahme, dass Feinstaub nicht nur über die Lunge und den Geruchsnerv in den menschlichen Körper aufgenommen werden kann, sondern auch über den Blutkreislauf in das zentrale Nervensystem gelangen kann. Hierbei wird sogar die Blut-Hirn-Schranke, welche das Gehirn schützen sollte, überwunden, so dass der Feinstaub die geistige Leistungsfähigkeit stark mindern kann.
Maßnahmen zur Reduzierung der PCB-Belastung
Sanierung von Gebäuden
Die Raumluftbelastung durch PCB ist das zentrale Thema im Gebäudekontext. Bereits bei Raumluftkonzentrationen ab 300 ng/m³ wird aus Vorsorgegründen eine Sanierung empfohlen.
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Überwachung und Kontrolle von Industrieanlagen
Behörden müssen Industrieanlagen, die PCB emittieren könnten, regelmäßig kontrollieren. Im Fall von Envio in Dortmund wurden massive "Defizite der Anlagenüberwachung" bemängelt. "Unangekündigte Kontrollen und behördlich veranlasste Probenahmen und Analysen" seien nur unzureichend durchgeführt worden.
Verzehrempfehlungen
In Gebieten mit erhöhten PCB-Werten in Pflanzen sollten Anwohner kein selbstangebautes Blattgemüse essen. Das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) bringt in betroffenen Bereichen Grünkohlpflanzen aus, um erneut zu testen, wie stark die Luft mit PCB belastet ist.
PCB in Innenräumen
Während Behörden schon seit vielen Jahren mit der Prüfung öffentlicher Gebäude auf gesundheitsschädliche Baustoffe beschäftigt sind, denken viele private Hausbesitzer nicht daran, das dieses Problem auch sie betreffen könnte. Ob PCB, Formaldehyd, Asbest oder die Holzschutzmittel PCP und Lindan schadstoffhaltige Materialien wurden vor allem in den 60er und 70er Jahren genauso im Privatbereich verbaut. Hier liegt die Verantwortung für die Erkennung möglicher Gesundheitsgefahren und gegebenenfalls deren Beseitigung alleine bei den Besitzern und Bewohnern. Eine Prüfung der Raumluft oder bestimmter Materialien, wie z. B. Hausstaub oder Fugendichtmassen, auf ihren PCB-Gehalt bieten verschiedene Labors und Institutionen an.
Weitere Schadstoffe in Innenräumen
Neben PCB gibt es weitere Schadstoffe in Innenräumen, die das zentrale Nervensystem beeinträchtigen können:
- Leichtflüchtige organische Verbindungen (VOC): Diese kommen z. B. in Vinyl- oder Vliestapeten vor.
- Asbest: Beim Umgang mit Asbest und dem Bearbeiten asbesthaltiger Materialien werden Asbestfasern freigesetzt. Gelangen diese in die Lunge, können sie die sogenannte Asbestose auslösen.
- Formaldehyd: Chronische Belastung mit ständiger Reizung der Atmungsorgane lässt die Schleimhäute anfällig werden gegenüber Pollen, Schimmelpilzen und anderen Umweltgiften.
- Schimmelpilzgifte (Mykotoxine): Geschädigt werden vor allem Leber und Nieren, Haut- und Schleimhäute und das zentrale Nervensystem.
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