Persönliche Orientierung bei Demenz: Definition, Auswirkungen und Hilfestellungen

Wenn von Desorientierung bei Demenz die Rede ist, geht es um weit mehr als nur das Finden des Badezimmers oder den Weg nach Hause. Es handelt sich um eine komplexe neurokognitive Beeinträchtigung, die das Erleben der Welt, der Menschen, der Situation und des eigenen Körpers verändert. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Facetten der Desorientierung bei Demenz und zeigt Möglichkeiten auf, wie Betroffene unterstützt werden können.

Was bedeutet Orientierung eigentlich?

Orientierung ist eine grundlegende Fähigkeit, die es uns ermöglicht, uns in der Welt und in uns selbst zu verorten. Dazu gehören folgende Aspekte:

  • Örtliche Orientierung: Wissen, wo man sich befindet.
  • Zeitliche Orientierung: Wissen, wann es ist (Tag, Datum, Jahreszeit).
  • Situative Orientierung: Verstehen, was gerade passiert.
  • Personelle Orientierung: Wissen, wer man selbst ist und wer die Personen um einen herum sind.

Bei Demenz können diese Orientierungsqualitäten einzeln oder gemeinsam beeinträchtigt sein. Je genauer Pflegefachleute und Angehörige verstehen, welche Orientierungsqualität eingeschränkt ist, desto zielgerichteter können sie reagieren.

Formen der Demenz und ihre Auswirkungen auf die Orientierung

Demenz ist ein Oberbegriff für verschiedene Erkrankungen, die mit einem Nachlassen der geistigen Leistungsfähigkeit einhergehen. Die häufigste Form ist die Alzheimer-Demenz, aber es gibt auch andere Formen, bei denen andere Symptome im Vordergrund stehen können.

  • Alzheimer-Demenz: Hier steht primär das Gedächtnis im Vordergrund. Betroffene vergessen zunehmend Informationen und haben Schwierigkeiten, sich neue Dinge zu merken. Die räumliche Orientierung und das Zeitgefühl sind oft schon früh beeinträchtigt.
  • Frontotemporale Demenz: Bei dieser Form stehen Verhaltensstörungen und Persönlichkeitsveränderungen im Vordergrund. Betroffene vernachlässigen sich selbst, sind unordentlich oder zeigen unangemessenes Verhalten.
  • Vaskuläre Demenz: Diese Form wird durch Durchblutungsstörungen im Gehirn verursacht. Im Vordergrund steht meistens die Verlangsamung.
  • Lewy-Körperchen Demenz: Diese Form geht häufig mit optischen Halluzinationen und Parkinson-ähnlichen Symptomen einher.

Symptome der Desorientierung bei Demenz

Die Symptome der Desorientierung können je nach Form und Stadium der Demenz variieren. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

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  • Örtliche Desorientierung: Sich in vertrauter Umgebung verirren, den Weg nach Hause nicht mehr finden, Gegenstände an falschen Orten suchen, ständig fragen, wo man sich befindet.
  • Zeitliche Desorientierung: Keine Angaben über die aktuelle Tageszeit, den Tag, den Monat oder das Jahr machen können, Termine vergessen, nicht wissen, wie lange man sich in einer Situation befindet.
  • Situative Desorientierung: Schwierigkeiten, die aktuelle Situation zu verstehen und sich entsprechend zu verhalten, z.B. die Gründe für einen Aufenthalt nicht benennen können, Situationen falsch deuten, Gefühle von Unsicherheit und Angst entwickeln.
  • Personelle Desorientierung: Menschen nicht wiedererkennen, keine treffenden Aussagen über die eigene Biografie machen können, den eigenen Namen oder den Familienstand vergessen, Angehörige nicht mehr erkennen, das eigene Spiegelbild nicht erkennen.

Ursachen der Desorientierung

Die genauen Ursachen der Desorientierung bei Demenz sind noch nicht abschließend geklärt. Es wird jedoch angenommen, dass Schädigungen bestimmter Hirnregionen eine wichtige Rolle spielen.

  • Hippocampus: Diese Hirnregion ist für die Speicherung und den Abruf von Informationen zuständig, die für die räumliche Orientierung wichtig sind. Schädigungen des Hippocampus führen zu Problemen mit dem räumlichen Gedächtnis und dem Zeitgefühl.
  • Parietaler Kortex (Scheitellappen): Diese Hirnregion verarbeitet Sinneseindrücke und ermöglicht es uns, Räume und Objekte darin zu erfassen. Schäden in diesem Bereich erschweren die räumliche Orientierung.

Umgang mit Desorientierung: Hilfestellungen und Strategien

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Menschen mit Demenz bei Orientierungsproblemen zu unterstützen und ihnen den Alltag zu erleichtern.

Realitätsorientierungstraining (ROT)

Das Realitätsorientierungstraining (ROT) ist eine anerkannte Therapiemethode, die darauf abzielt, verwirrten Menschen mit Demenz wieder Informationen zu Zeit, Person und Raum zu vermitteln. Ziel ist es, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern und ihnen ein Gefühl von Sicherheit zu geben.

Methoden des ROT:

  • 24-Stunden-Programm: Hier werden kontinuierlich Orientierungshilfen angeboten, z.B. durch Symbole, Abbildungen von Alltagsgegenständen, verbale Informationen über Ort, Zeit und Person und eine klare Struktur des Tages.
  • Gruppensitzungen: In kleinen Gruppen werden zeitliche, räumliche und situative Orientierung geübt, z.B. mit Hilfe einer Realitätsorientierungstafel. Es können auch spielerische Elemente, Singen und Basteln eingesetzt werden.
  • Tagesbegleitende Therapie: Im Alltag werden immer wieder Gespräche über Tageszeit, Datum und Jahreszeit geführt.

Kritik am ROT:

Es gibt auch Kritik am ROT, da es bei manchen Betroffenen Ängste und Depressionen auslösen kann, wenn ihnen ihr gesundheitlicher Zustand ständig vor Augen geführt wird. Daher ist ein gewissenhaftes Personaltraining und eine individuelle Anpassung der Therapie wichtig.

Milieutherapie

Die Milieutherapie ist ein wichtiger Bestandteil des 24-Stunden-Programms im ROT. Hierbei wird die Umgebung so gestaltet, dass sie den Bedürfnissen der Betroffenen entspricht und ihnen Sicherheit und Orientierung bietet.

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Gestaltung der Wohnumgebung

Eine übersichtliche und aufgeräumte Wohnumgebung hilft Demenzerkrankten, sich besser zu orientieren und reduziert das Risiko von Verwirrung oder Stress. Folgende Maßnahmen können hilfreich sein:

  • Klare Strukturierung: Farblich Markierungen oder Schilder können helfen, sich in der Wohnung zurechtzufinden.
  • Vertraute Erinnerungsgegenstände: Diese vermitteln ein Gefühl von Sicherheit.
  • Vermeidung von Veränderungen: Veränderungen in der Wohnung sollten möglichst vermieden oder nur schrittweise eingeführt werden.
  • Gute Beleuchtung: Helle Räume erleichtern die Orientierung.
  • Reduzierung von Ablenkungen: Überladene Dekorationen sollten vermieden werden.

Hilfsmittel und Alltagshilfen

Es gibt eine Vielzahl von Hilfsmitteln und Alltagshilfen, die Menschen mit Demenz im Alltag unterstützen können:

  • Erinnerungshilfen: Sprechende Zeitplaner, Kalender, Uhren mit klaren Ziffern und Zeigern helfen bei der zeitlichen Orientierung.
  • Technische Hilfsmittel: Schlüsselfinder, Ortungssysteme, spezielle Telefone, Herdsicherungen erhöhen die Sicherheit im Alltag.
  • Ess- und Trinkhilfen: Demenz-Geschirr in klaren Formen und leuchtenden Farben erleichtert das Essen und Trinken.
  • Wochenplan: Ein großer, leicht verständlicher Wochenplan mit Terminen und Mahlzeiten gibt eine klare Übersicht über den Tagesablauf.

Kommunikation und emotionale Unterstützung

Eine wertschätzende und einfühlsame Kommunikation ist für Menschen mit Demenz besonders wichtig. Folgende Tipps können helfen:

  • Klare und einfache Sprache: Vermeiden Sie komplizierte Sätze und Fachbegriffe.
  • Langsam und deutlich sprechen: Geben Sie dem Betroffenen Zeit, das Gesagte zu verarbeiten.
  • Blickkontakt halten: Zeigen Sie Ihre Aufmerksamkeit und Wertschätzung.
  • Geduldig sein: Wiederholen Sie Informationen bei Bedarf.
  • Emotionale Verbindungen nutzen: Abstrakte Begriffe werden oft schlechter verstanden als emotionale Verbindungen.
  • Feste Routinen: Regelmäßige Tagesabläufe bieten Halt und geben Orientierung.

Umgang mit Hinlauftendenz

Manche Menschen mit Demenz entwickeln im Verlauf der Krankheit eine sogenannte Hinlauftendenz. Dabei verspüren sie den Drang, einen bestimmten Ort aufzusuchen, oft ohne Rücksicht auf die Sicherheit. Folgende Maßnahmen können helfen:

  • Sicherheitsvorkehrungen: Kontaktmatten, Lichtschranken oder ein Haustüralarm können helfen, ein unbemerktes Verlassen der Wohnung zu verhindern.
  • Ortungssysteme: GPS-Tracker können helfen, den Standort des Betroffenen im Notfall nachzuverfolgen.
  • Verständniskärtchen: Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. bietet das kostenlose Verständniskärtchen "Ich habe Demenz" an, das Betroffenen helfen soll, bei Bedarf Unterstützung zu bekommen.

Die Bedeutung der Würde und Selbstbestimmung

Bei allen Maßnahmen zur Unterstützung von Menschen mit Demenz ist es wichtig, ihre Würde und Selbstbestimmung zu wahren. Der berechtigte Wunsch, die erkrankte Person zu schützen, sollte nicht in Überwachung und Überbehütung umschlagen, was ihr die letzte Eigenständigkeit nimmt. Es gilt, ein Gleichgewicht zu finden zwischen Sicherheit und Selbstbestimmung.

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Finanzielle Unterstützung

Viele Hilfsmittel und Alltagshilfen für Demenzerkrankte können von der Pflegekasse bezuschusst werden. Es lohnt sich, sich bei der Pflegekasse über die Möglichkeiten der finanziellen Unterstützung zu informieren.

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